Persönliches Lernmaterial: Diese Zusammenfassung dient der Prüfungsvorbereitung und ersetzt weder offizielle Vorgaben noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Klinische Untersuchung der Wirbelsäule

Praxisorientierter Leitfaden für die klinische Untersuchung der gesamten Wirbelsäule – Inspektion, Palpation, Perkussion und Funktionsprüfung

HWS | BWS | LWS

1. Allgemeine Grundlagen der Wirbelsäulenuntersuchung

Die klinische Untersuchung der Wirbelsäule folgt stets dem gleichen systematischen Vier-Säulen-Schema:

1. Inspektion
2. Palpation
3. Perkussion
4. Funktionsprüfung

Untersuchungsregionen

  • HWS – Halswirbelsäule (Cervicalwirbelsäule)
  • BWS – Brustwirbelsäule (Thoraxwirbelsäule)
  • LWS – Lendenwirbelsäule (Lumbalwirbelsäule)

Reihenfolge der Untersuchung

Die Untersuchung beginnt stets mit der Halswirbelsäule (HWS), gefolgt von der Brustwirbelsäule (BWS) und endet mit der Lendenwirbelsäule (LWS). Dies gilt sowohl für die Inspektion als auch für alle weiteren Untersuchungsschritte.

Untersuchungstechnik – aktiv vs. passiv:

  • Aktiv: Der Patient führt die Bewegung selbst aus (z. B. „Heben Sie bitte den Arm"). Der Patient ist aktiv beteiligt.
  • Passiv: Der Untersucher führt die Bewegung am Patienten durch, während dieser entspannt ist.
  • Beide Varianten sind zulässig. Der Dozent empfiehlt: aktiv ist oft einfacher und wird in der Praxis bevorzugt.

Wichtige anatomische Orientierungspunkte

Ventrale und dorsale Orientierungspunkte

  • Processus spinosus – tastbarer Dornfortsatz (dorsal)
  • Processus transversus – Querfortsatz
  • Processus costarius – Kostenfortsatz (bei HWS)
  • Processus mastoideus – Warzenfortsatz (Schläfe)
  • Clavicula (Klavikula) – Schlüsselbein (ventral)
  • C7 – Vertebra prominens – 7. Halswirbel, prominentester Dornfortsatz
  • Scapula (Schulterblatt) – dorsale Orientierung
  • Spina iliaca posterior superior (SIPS) – hinterer oberer Darmbeinstachel

Wichtige Muskelgruppen (bei der Palpation relevant)

  • M. trapezius – Kapuzenmuskel (Trapezmuskel)
  • M. sternocleidomastoideus (SCM) – Kopfnicker
  • M. erector spinae – Rückenstrecker
  • M. latissimus dorsi – breiter Rückenmuskel
  • Mm. rhomboidei – Rautenmuskeln
  • M. quadratus lumborum – quadratischer Lendenmuskel
  • M. iliopsoas – Darm-Lenden-Muskel

Dozenten-Tipp: Es genügt, die großen und wichtigen Muskeln zu kennen. Man muss nicht in jede Detailmuskulatur einsteigen. Bei der Inspektion reicht es, die großen Muskelgruppen zu benennen und auf Asymmetrien zu achten.


2. Inspektion (Betrachtung)

Die Inspektion ist der erste und wichtigste Schritt der klinischen Untersuchung. Sie erfolgt am entkleideten Patienten im Stehen aus verschiedenen Blickwinkeln:

  • Ventral (von vorne)
  • Dorsal (von hinten)
  • Lateral (von der Seite)

Was wird bei der Inspektion beurteilt?

Allgemeine Haltung und Form der Wirbelsäule

  • Verlauf der Wirbelsäule – Die Processus spinosi sollten in einer geraden Linie verlaufen. Abweichungen deuten auf Skoliose hin.
  • Konfiguration des Rückens – Die natürliche Brustkyphose und Lendenlordose werden beurteilt.
  • Konfiguration der Corpora vertebrae – Form der Wirbelkörper

Dorsale Inspektion

  • Verlauf der Processus spinosi – gerade oder deviiert?
  • Symmetrie des Schultergürtels (Scapulae)
  • Symmetrie des Beckens (SIPS beidseits)
  • Muskelatrophie oder -hypertrophie
  • Hautveränderungen (Naevi, Pigmentierungen)
  • Asymmetrien des Rückens (Rippenbuckel)
  • Tannenbaumphänomen – bei Vornüberbeugen
  • Schürzen- bzw. Taillenzeichnung (Taillendreieck)

Ventrale Inspektion

  • Schlüsselbeine (Claviculae) – Symmetrie
  • Schulterstand – gleich hoch?
  • Muskelkonturen (M. sternocleidomastoideus)
  • Atemexkursionen des Thorax

Typische Befunde bei der Inspektion:

  • Schürzenzeichnung (Taillendreieck) – Asymmetrie weist auf Skoliose hin
  • Rippenbuckel (Costal hump) – prominente Rippe(n) bei Skoliose auf der konvexen Seite
  • Tannenbaumphänomen – seitliche Verschiebung der Rückenmuskulatur bei Vornüberbeugen (Adams-Test), typisch für Skoliose
  • Asymmetrie der Skapula – Elevation oder Protraktion einer Scapula
  • Muskelatrophie – Hinweis auf chronische Erkrankung oder neurologische Probleme

Typische pathologische Befunde

BefundBedeutung
Schulter-/BeckenhochstandBeinlängendifferenz, Skoliose
Rippenbuckel (Costal hump)Skoliose, thorakale Deformität
TannenbaumphänomenSkoliose (Rotationsdeformität)
Asymmetrie der Taillen-/SchürzenzeichnungSkoliose
Kyphose-/LordoseverstärkungMorbus Scheuermann, degenerative Veränderungen
Skoliose (C-förmig, S-förmig)Idiopathisch, kongenital, neuromuskulär

Dozenten-Tipp – Skoliose-Anamnese: Wenn der Patient gefragt wird, ob er Skoliose hat (z. B. aus einer früheren Diagnose), muss man dies in der Anamnese erfragen. Wenn ein Patient bereits eine Skoliose-Diagnose hat, wird man im weiteren Untersuchungsverlauf besonders auf die skoliotische Fehlhaltung achten.


3. Palpation (Tastuntersuchung)

Die Palpation erfolgt am stehenden oder sitzenden Patienten mit den Fingerspitzen. Der Patient sollte entspannt sein.

Ablauf der Palpation

Processus spinosi
Processus costarius
Processus mastoideus
Paravertebrale Muskulatur
Beckenkämme (SIPS)

Was wird palpiert?

Processus spinosi (Dornfortsätze)

Jeder Dornfortsatz wird systematisch von HWS → BWS → LWS abgetastet. Dabei achtet man auf:

  • Schmerzen bei Palpation (Klopfschmerz = Hinweis auf Fraktur, Entzündung)
  • Stufenbildung (z. B. Spondylolisthesis)
  • Fehlstellung (Deviation)

Processus costarius (Kostenfortsätze – HWS)

Die transversalen Fortsätze der HWS tragen Rippenrudimente. Sie sind wichtig für die Beurteilung der oberen HWS.

Processus transversi und Processus mastoideus

Der Processus mastoideus (Warzenfortsatz) ist ein wichtiger Orientierungspunkt für die obere HWS und die Insertion des M. sternocleidomastoideus.

Paravertebrale Muskulatur

  • M. trapezius – beidseits symmetrisch?
  • M. erector spinae – Tonus, Druckschmerz
  • Hartspann (Myogelosen) – knotige Verhärtungen
  • Muskelatrophie – bei chronischen Erkrankungen

Typische schmerzhafte Palpationsbefunde:

  • Klopfschmerz über den Processus spinosi → Fraktur, Infektion, Morbus Bechterew
  • Druckschmerz paravertebral → Muskelverspannung, Entzündung
  • Hartspann der paravertebralen Muskulatur → Myogelosen, chronische Fehlhaltung
  • Stufenbildung → Spondylolisthesis (Verschiebung eines Wirbelkörpers)

Bei der Palpation nicht vergessen: Man muss auch den Namen der großen, wichtigen Muskeln kennen. Es reicht nicht, nur die knöchernen Strukturen zu tasten – die Muskulatur gibt ebenfalls wichtige diagnostische Hinweise (Atrophie, Hypertonie, Triggerpunkte).


4. Perkussion (Klopfuntersuchung)

Die Perkussion wird als direkte Perkussion mit der Faust oder den Fingern über der Wirbelsäule durchgeführt.

Was wird perkutiert?

  • Processus spinosi – Wirbeldornfortsätze entlang der gesamten WS (HWS → BWS → LWS)
  • Paravertebrale Region – Weichteile neben der WS
  • Sakrum – Beckenregion

Befunde bei der Perkussion

BefundKlinische Bedeutung
Klopfschmerz über DSFFraktur, Infektion, Osteoporose, Morbus Bechterew
StauchungsschmerzFraktur, metastatische Absiedlung
Kein SchmerzNormalbefund

Was man bei der Perkussion beachten muss:

  • Die Perkussion wird oft am Ende der Untersuchung durchgeführt, da sie für den Patienten unangenehm sein kann.
  • Klopfschmerz über den Processus spinosi ist der klassische Befund bei Morbus Bechterew, Wirbelkörperfrakturen und Spondylodiszitis.
  • Der Dozent betont: Perkussion nicht vergessen – sie liefert entscheidende Hinweise auf Frakturen und Entzündungen!

5. Funktionsprüfung (Beweglichkeitsprüfung)

Die Funktionsprüfung untersucht die aktive und passive Beweglichkeit der Wirbelsäule in allen Regionen. Sie erfolgt am stehenden oder sitzenden Patienten.

Die sechs Hauptbewegungen der Wirbelsäule

BewegungDeutsche BezeichnungNormales Ausmaß
InklinationBeugen nach vorne (Anteflexion)ca. 90° (LWS: Schober-Test)
ReklinationStrecken nach hinten (Retroflexion)ca. 30°
RotationDrehung links/rechtsca. 45–60° (v. a. BWS + HWS)
LateralflexionSeitneigung links/rechtsca. 30–45°
ZirkumduktionKreisbewegungKombination aller Bewegungen

Halswirbelsäule (HWS) – Spezielle Tests

Neutral-Null-Methode (NNM)

Alle Bewegungen werden aus der Neutralstellung (0°) gemessen. Das ist das Standard-Messverfahren in der deutschen Orthopädie.

Beispiel: Inklination 0°–90°, Reklination 0°–30°, Lateralflexion 0°–45° (bds.), Rotation 0°–60° (bds.)

Wichtige spezifische Tests

  • Head/neck retraction test – Retraktion des Kopfes (Extension + Inklination)
  • Chin retraction test – Kinn zurückziehen (v. a. HWS-Probleme)
  • Foramen intervertebrale-Test – Kompression der Nervenwurzeln bei Lateralflexion

Neutral-Null-Methode – ein Muss für die Prüfung:

Die Neutral-Null-Methode ist das Standard-Messverfahren in der klinischen Untersuchung der Wirbelsäule. Jeder Studierende muss die Normalwerte kennen und anwenden können. In der Prüfung wird häufig gefragt: „Führen Sie die Funktionsprüfung der HWS nach der Neutral-Null-Methode durch."

Lendenwirbelsäule (LWS) – Spezielle Tests

Foramen-intervertebrale-Kompressionstest (Bragard-Zeichen)

Der Patient streckt das Bein in Knieextension bei gleichzeitig gebeugter Hüfte und Sprunggelenk. Verstärkter Schmerz bei radikulärer Symptomatik = positiv.

Lasègue-Test

Das gestreckte Bein wird bei gestrecktem Knie angehoben. Positives Zeichen bei Ischialgie / Bandscheibenvorfall (Schmerz unter 60–70°).

Dozenten-Tipp – Aktive vs. Passive Untersuchung: Man kann die Funktionsprüfung aktiv (Patient bewegt sich selbst) oder passiv (Untersucher führt die Bewegung durch) durchführen. Der Dozent bevorzugt die aktive Untersuchung, weil sie auch die Koordination und Schmerzreaktion des Patienten zeigt.


6. Skoliose – Klinische Untersuchung

Definition

Die Skoliose ist eine seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule mit Rotation der Wirbelkörper. Sie wird in drei Ebenen beschrieben: frontal, sagittal und transversal.

Formen der Skoliose

FormBeschreibung
C-förmige SkolioseEine konkave Seite, ein Krümmungsbogen
S-förmige SkolioseZwei Krümmungsbögen (häufig lumbal + thorakal)
Thorakale SkolioseKrümmung im Brustwirbelsäulenbereich
Lumbale SkolioseKrümmung im Lendenwirbelbereich

Klinische Befunde bei der Skoliose

Inspektion

  • Rippenbuckel (Costal hump) – prominente Rippen auf der konvexen Seite bei Vornüberbeugen
  • Tannenbaumphänomen – seitliche Verschiebung der Rückenmuskulatur (paravertebrale Muskeln)
  • Asymmetrie der Schulterhöhe – eine Schulter höher als die andere
  • Asymmetrie des Beckens – Beckenhochstand
  • Schürzen-/Taillenzeichnung asymmetrisch – pathologisch
  • Scapula-Protraktion – ein Schulterblatt tritt stärker hervor

Typische Konvex-Konkav-Regel

  • Konvexe Seite: Schulterhochstand, Rippenbuckel, Schürzenzeichnung verstrichen
  • Konkave Seite: Schultertiefstand, Schürzenzeichnung vertieft

Funktionelle vs. strukturelle Skoliose

  • Funktionell: Korrigierbar durch aktive Bewegung, keine Rotation der Wirbelkörper
  • Strukturell: Nicht vollständig korrigierbar, mit Rotation der Wirbelkörper, progressiver Verlauf

Adams-Test (Vornüberbeuge-Test) – der wichtigste Skoliose-Test:

  • Patient beugt sich mit gestreckten Knien nach vorne
  • Untersucher betrachtet den Rücken von dorsal und lateral
  • Positiv: Rippenbuckel und/oder Tannenbaumphänomen sichtbar
  • Der Test ist spezifisch für Skoliose und wird in jeder Routineuntersuchung gefordert

Methoden zur Quantifizierung der Skoliose

  • Röntgen: Cobb-Winkel-Messung (Goldstandard) – Winkel > 10° = Skoliose
  • Klinische Messung: Skoliometer nach Bunnell
  • Inklinationswinkel: Messung der Rumpfrotation mit dem Inklinometer

Dozenten-Tipp – Skoliose in der Prüfung: Die Skoliose ist einer der häufigsten Prüfungsschwerpunkte. Man muss in der Lage sein, die klinischen Zeichen zu erkennen und zu benennen. Insbesondere: Rippenbuckel, Tannenbaumphänomen, Schulter-/Beckenhochstand und die Konvex-Konkav-Regel.


7. Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans)

Definition

Morbus Bechterew ist eine chronisch-entzündliche rheumatische Erkrankung, die vorwiegend die Wirbelsäule und die Iliosakralgelenke (ISG) betrifft. Es handelt sich um eine Spondylarthropathie mit Versteifung (Ankylosierung) der WS.

Klinische Schlüsselbefunde für die Diagnose

1. Anamnese

  • Morgensteifigkeit der WS (besser bei Bewegung)
  • Entzündungsschmerz im Bereich der LWS und des ISG
  • Besserung bei Bewegung, Verschlimmerung in Ruhe
  • Typischer Beginn: junges Alter (15–35 Jahre), häufig Männer
  • Haltung: „Krankenblatt" – der Patient liegt typischerweise flach

2. Inspektion

  • Verlust der Lendenlordose → „Flatrückigkeit"
  • Kyphose der BWS → zunehmende Rundrückenbildung
  • Verminderte thorakale Exkursion → eingeschränkte Atmung
  • Hüftbeugekontraktur → kompensatorische Beugestellung der Hüften

3. Palpation

  • Schmerzen über dem ISG (Iliosakralgelenk)
  • Klopfschmerz über den Processus spinosi
  • Druckschmerz paravertebral

4. Perkussion

Klopfschmerz über den Processus spinosi ist ein klassischer Befund bei Morbus Bechterew.

5. Funktionsprüfung – Spezielle Tests

  • Schober-Test: Verminderte Lendenflexion (normal: ≥ 5 cm Zunahme, bei M. Bechterew: deutlich reduziert)
  • Ott-Test: Verminderte thorakale Exkursion (normal: ≥ 3 cm, bei M. Bechterew: reduziert)
  • Inklination/Reklination der HWS: deutlich eingeschränkt
  • Rotation der BWS: eingeschränkt

Das Wichtigste für die Prüfung zu Morbus Bechterew:

Wenn der Prüfer direkt fragt: „Wie untersuchen Sie einen Patienten mit Morbus Bechterew?" – dann muss man in der richtigen Reihenfolge antworten:

  • 1. Inspektion: Flatrückigkeit, Kyphose, eingeschränkte thorakale Exkursion
  • 2. Palpation: ISG-Schmerz, paravertebraler Schmerz, Klopfschmerz
  • 3. Perkussion: Klopfschmerz über den DSF
  • 4. Funktionsprüfung: Schober-Test, Ott-Test, Inklination/Reklination

Dies ist eine Standard-Prüfungsfrage – die Antwort muss sitzen!

Klassische extravertebrale Manifestationen

  • Iritis / Uveitis – Augenbeteiligung (häufig!)
  • Aortitis – Beteiligung der Aorta
  • Periphere Arthritis – besonders Hüft- und Schultergelenke
  • Enthesitis – Entzündung der Sehnenansätze
  • Amyloidose – bei chronischem Verlauf

8. Messverfahren – Schober- und Ott-Maß

Die Messverfahren dienen der objektiven Quantifizierung der Wirbelsäulenbeweglichkeit und sind fester Bestandteil der klinischen Untersuchung, insbesondere bei entzündlichen Wirbelsäulenerkrankungen (z. B. Morbus Bechterew).

Schober-Maß (Lendenflexion)

Definition

Das Schober-Maß misst die Zunahme der Distanz zwischen zwei Hautmarkierungen über der Lendenwirbelsäule bei maximaler Vornüberbeugung.

Durchführung

  1. Patient steht aufrecht
  2. Man markiert den Lendenwirbel L5 (ca. Spina iliaca posterior superior – SIPS – Linie)
  3. Man markiert einen Punkt 10 cm cranial (oberhalb) dieser Linie
  4. Patient beugt sich maximal nach vorne (Inklination)
  5. Man misst erneut den Abstand zwischen den beiden Markierungen

Auswertung des Schober-Tests:

BefundNormalwertPathologisch
Zunahme bei Flexion≥ 5 cm< 5 cm (verdächtig auf M. Bechterew)

Wichtig für die Prüfung: Normalwert = mindestens 5 cm Zunahme. Bei M. Bechterew ist der Wert deutlich reduziert (oft < 3 cm).

Anatomische Orientierung

Der Schober-Punkt wird wie folgt anatomisch markiert:

  • SIPS (Spina iliaca posterior superior) = hinterer oberer Darmbeinstachel
  • Ca. 10 cm cranial (oberhalb) davon auf der Mittellinie
  • Der Abstand zwischen SIPS und dem 10-cm-Markierungspunkt wird bei Flexion gemessen

Dozenten-Tipp: In der Prüfung wird oft gefragt: „Wo genau wird der Schober-Test angelegt?" Man muss die anatomischen Orientierungspunkte kennen: SIPS → 10 cm cranial → auf der Mittellinie (Linea mediana posterior). Alternativ kann man den Test auch am Steißbein (Os sacrum) beginnen und 10 cm nach kranial markieren.

Ott-Maß (Thorakale Exkursion)

Durchführung

  1. Patient steht aufrecht
  2. Man markiert den 7. Brustwirbel (D7) (durch Zählen: C7 = Vertebra prominens, dann 7 Wirbel nach kaudal)
  3. Man markiert einen Punkt 30 cm caudal (unterhalb) davon
  4. Patient atmet maximal ein und aus
  5. Man misst die Differenz der Markierungen bei maximaler Ein- und Ausatmung

Auswertung des Ott-Tests:

BefundNormalwertPathologisch
Thorakale Exkursion≥ 3 cm< 3 cm (verdächtig auf M. Bechterew, Pleuraerguss, Thoraxerkrankung)

Vergleich: Schober vs. Ott

Schober-MaßOtt-Maß
RegionLendenwirbelsäuleBrustwirbelsäule
BewegungFlexion (Vornüberbeugen)Atmung (Inspiration/Expiration)
Markierungsabstand10 cm30 cm
Normalwert≥ 5 cm Zunahme≥ 3 cm Differenz
Pathologisch< 5 cm → M. Bechterew< 3 cm → M. Bechterew, Pleuraerguss

Weitere Messverfahren

  • Finger-Boden-Abstand (Bodenabstand): Patient beugt sich nach vorne – Abstand der Fingerspitzen vom Boden. Normal: 0 cm. Bei M. Bechterew: deutlich erhöht.
  • Okziput-Wand-Abstand: Patient steht mit Rücken und Hinterkopf zur Wand – Abstand zwischen Okziput und Wand. Normal: 0 cm. Bei Kyphose: erhöht.
  • Inklinometer: Instrument zur Messung der Rumpfrotation bei Skoliose

9. Prüfungstipps und häufige Prüfungsfragen

Die häufigsten Prüfungsfragen zur Wirbelsäulenuntersuchung:

Frage 1: „Untersuchen Sie die Wirbelsäule klinisch!"

  • Antwort: Systematisch nach dem Vier-Säulen-Schema vorgehen
  • Inspektion (ventral, dorsal, lateral) → PalpationPerkussionFunktionsprüfung
  • Immer von HWS → BWS → LWS

Frage 2: „Wie untersuchen Sie einen Patienten mit Verdacht auf Morbus Bechterew?"

  • Antwort: Systematisch mit den klinischen Schlüsselbefunden
  • → Inspektion (Flatrückigkeit, Kyphose) → Palpation (ISG-Schmerz) → Perkussion (Klopfschmerz) → Schober-Test + Ott-Test

Frage 3: „Wie untersuchen Sie einen Patienten mit Skoliose?"

  • Antwort: Adams-Test (Vornüberbeugen) → Rippenbuckel + Tannenbaumphänomen suchen
  • → Konvex-Konkav-Regel anwenden → Schulter-/Beckensymmetrie prüfen

Frage 4: „Was ist der Schober-Test und wie wird er durchgeführt?"

  • Antwort: Messung der Lendenflexion → SIPS-Marke → 10 cm cranial → Flexion → Normalwert ≥ 5 cm

Frage 5: „Was versteht man unter dem Tannenbaumphänomen?"

  • Antwort: Muskelwulstung auf einer Seite bei Vornüberbeugen → Zeichen einer Skoliose mit Rotation

Do's und Don'ts in der Prüfung

Do'sDon'ts
Immer die vollständige Reihenfolge einhalten (Inspektion → Palpation → Perkussion → Funktionsprüfung)Nicht nur einen Abschnitt untersuchen
Patienten immer entkleiden (Rücken freimachen)Nicht im Stehen untersuchen, ohne den Patienten freizumachen
Die Neutral-Null-Methode verwendenKeine Schätzwerte ohne Bezug auf die Neutralstellung
Alle anatomischen Orientierungspunkte benennenKeine Struktur auslassen
Schulter-/Beckensymmetrie, Processus spinosi und Muskulatur erwähnenDen vierten Schritt (Perkussion) nicht vergessen
Bei Skoliose immer Adams-Test erwähnenDie Konvex-Konkav-Regel nicht vergessen

Zusammenfassung der wichtigsten Normalwerte

TestNormalwertPathologisch
Schober-Maß (LWS-Flexion)≥ 5 cm Zunahme< 5 cm
Ott-Maß (BWS-Exkursion)≥ 3 cm< 3 cm
HWS-Inklination0°–90°Eingeschränkt
HWS-Reklination0°–30°Eingeschränkt
HWS-Rotation (bds.)0°–60°Asymmetrisch
HWS-Lateralflexion (bds.)0°–45°Asymmetrisch
Cobb-Winkel (Skoliose)< 10°> 10° = Skoliose

Abschließender Dozenten-Tipp: „Wenn der Prüfer sieht, dass Sie die gesamte Untersuchung von Anfang bis Ende systematisch durchführen und alle vier Schritte (Inspektion, Palpation, Perkussion, Funktionsprüfung) beherrschen, dann weiß er, dass Sie den Stoff verstanden haben. Es geht nicht darum, alles perfekt zu können – sondern darum, strukturiert und logisch zu denken."

Klinische Untersuchung der Wirbelsäule – Vorlesungszusammenfassung | Alle Inhalte basieren auf dem Transkript der Vorlesung HWS_BWS_LWS