Klinische Untersuchung des Sprunggelenks (OSG/USG)
Strukturierte Zusammenfassung – Inspektion · Palpation · Funktionsprüfung · Kenntnisprüfung
1. Einstieg und Grundprinzipien
Die Untersuchung des Sprunggelenks folgt dem orthopädischen Standardvorgehen in drei aufeinander aufbauenden Säulen:
- Inspektion – Sehen und Beobachten, bevor der Patient berührt wird.
- Palpation – Tasten der knöchernen und weichteiligen Strukturen, immer seitenvergleichend.
- Funktionsprüfung – Bewegungsumfang, Stabilität, spezifische Tests.
2. Inspektion
Die Inspektion beginnt bereits beim Betreten des Raums – der Dozent betont, dass mehrere Befunde oft „mit einem Blick" erfasst werden.
2.1 Gangbild
- Bereits beim Eintritt das Gangbild beurteilen (Schmerz, Schonhaltung, Hinken).
- Patient fragen, ob er gehen kann.
2.2 Hämatome und Hautveränderungen
- Hämatome dokumentieren – Lokalisation und Ausdehnung geben Hinweise auf den Verletzungsmechanismus (Supinationstrauma → Hämatom typischerweise lateral).
- Läsionen / Hautdefekte beachten – insbesondere beim diabetischen Fußsyndrom.
- Expositionszeichen / Frakturzeichen sichten.
2.3 Deformitäten / Fußfehlstellungen
Folgende Fußfehlstellungen werden bei der Inspektion gezielt gesucht:
- Knickfuß (Pes valgus)
- Plattfuß (Pes planus)
- Ballenhohlfuß – wird im Transkript als „Ballenfuß" erwähnt
- Hohlfuß (Pes cavus)
- Hohlsenkfuß – kombinierte Fehlstellung
- Klumpfuß (Pes equinovarus)
- Hackenfuß (Pes calcaneus)
- Spitzfuß (Pes equinus)
2.4 Diabetisches Fußsyndrom
- Malum perforans – neuropathisches Ulkus an druckbelasteten Stellen (typisch plantar).
- Fußulkus – offene Hautläsion, oft schmerzlos (Neuropathie).
- Bei fortgeschrittener Neuropathie kann sich ein Charcot-Fuß (diabetische Neuroosteoarthropathie, „Charcot-Syndrom") entwickeln – mit Destruktion des Fußskeletts und Deformierung.
- Fußdeformitäten (Plattfuß, Knickfuß, Hohlfuß, Klumpfuß, Hackenfuß, Spitzfuß) werden in der Kenntnisprüfung regelmäßig abgefragt – Lateinische Bezeichnungen beherrschen.
- Malum perforans, Charcot-Fuß und das diabetische Fußsyndrom sind eigenständige Themen – kurzer Stehsatz reicht meistens.
3. Palpation
Die Palpation erfolgt immer seitenvergleichend (rechts gegen links) und beginnt mit den tastbaren Knochenpunkten, gefolgt von Sehnen und Bandstrukturen.
3.1 Grundregeln der Palpation
- Vergleich beider Seiten gleichzeitig – beide Malleolen mit Daumen und Zeigefinger umfassen.
- Patient in entspannter, bequemer Position untersuchen.
- Auf Druckschmerz, Schwellung, Defekte und Veränderungen der Konsistenz achten.
- Bei jeder Struktur sofort an die typischen pathologischen Befunde denken.
3.2 Tastbare Strukturen
- Malleolus medialis – Innenknöchel.
- Malleolus lateralis – Außenknöchel.
- Beide Malleolen gleichzeitig palpieren (Zeigefinger + Daumen).
- Sehnen: Peroneus brevis (hinter dem Außenknöchel), Tibialis posterior (hinter dem Innenknöchel), Achillessehne.
- Mittel- und Vorfuß: 5. Mittelfußknochen (Jones-Fraktur).
- Proximale Fibula – bei jedem Sprunggelenks-Trauma palpieren → Maisonneuve-Verdacht.
3.3 Jones-Fraktur (Fraktur des 5. Mittelfußknochens)
- Druckschmerz an der Basis des 5. Mittelfußknochens.
- Tritt gehäuft nach Supinationstrauma auf.
- Wird in der Vorlesung als „häufig" und in der Prüfung als „eine der häufigsten Fragen" bezeichnet.
3.4 Peroneus-brevis-Sehne
- Sehne hinter dem Außenknöchel tasten.
- Auf Druckschmerz und Funktion achten.
- Versorgungsgebiet: Nervus peroneus – bei Läsion Ausfall der Dorsalextension (Kapitel später).
- Jones-Fraktur → Supinationstrauma → 5. Strahl / Basis Metatarsale V.
- Immer beide Seiten vergleichen und die proximale Fibula mitpalpieren, um eine Maisonneuve-Fraktur nicht zu übersehen.
4. Syndesmose und proximale Fibula (Maisonneuve-Fraktur)
4.1 Was ist die Syndesmose?
4.2 Klinische Untersuchung der Syndesmose
- Palpationsort: ca. 1 cm oberhalb des oberen Sprunggelenks – ventral über der Syndesmose.
- Bei Druckschmerz in dieser Region → Verdacht auf Syndesmoseruptur / Syndesmoseverletzung.
- Schmerzangaben oberhalb des oberen Sprunggelenks („oberhalb der Knöchel") lenken den Verdacht auf eine hohe Fibulaverletzung (Maisonneuve).
4.3 Spezifische Tests
| Test | Durchführung | Bedeutung |
|---|---|---|
| Squeeze-Test | Kompression der Fibula gegen die Tibia im mittleren Unterschenkeldrittel. | Schmerz im Sprunggelenk → Syndesmoseverletzung. |
| Cotton-Test | Seitliches Verschieben des Talus in der Malleolengabel (translatorischer Test). | Vermehrtes Spiel → Syndesmoseinstabilität. |
| External-Rotation-Test (Kleiger-Test) | Passive Außenrotation des Fußes bei fixiertem Unterschenkel. | Schmerz im Bereich der Syndesmose → positive Syndesmoseläsion. |
| Frick-Test | Ähnlich dem Squeeze-Test – Fibula-Tibia-Kompression. | Schmerz im distalen Tibiofibulargelenk. |
4.4 Maisonneuve-Fraktur
- Wichtigster klinischer Hinweis: Druckschmerz an der proximalen Fibula bei Vorliegen eines „normalen" Sprunggelenks-Traumas.
- Bei Syndesmoseverletzung → immer die proximale Fibula palpieren, um eine Maisonneuve-Fraktur nicht zu übersehen.
- Palpationspunkt: ca. 1 cm proximal des oberen Sprunggelenks (Syndesmose) und am Fibulaköpfchen / proximaler Fibula.
- Maisonneuve-Fraktur ist eine häufige Prüfungsfrage: Bei OSG-Trauma mit Schmerz am proximalen Unterschenkel/Fibulaköpfchen → immer an Maisonneuve denken.
- Syndesmosetests (Squeeze, Cotton, External Rotation) sicher benennen und pathologische Befunde erklären können.
- Untersuchung erfolgt „während der Palpation" – nicht vergessen, im klinischen Ablauf mit einzubauen.
5. Achillessehnenruptur
Die Achillessehnenruptur ist eines der wichtigsten Themen dieser Vorlesung – sie wird ausführlich besprochen und explizit als Prüfungsschwerpunkt markiert.
5.1 Inspektion der Achillessehne
- Inspektion: Hämatom, Schwellung und sichtbare Delle beachten.
- Im Seitenvergleich betrachten.
5.2 Palpation – der entscheidende Befund
- Die Achillessehne vom Ansatz am Kalkaneus bis zum Muskelbauch durchgehend palpieren.
- Tastbarer Defekt (Dehiszenz) in der Sehne → pathognomonisch für eine Ruptur.
- Druckschmerz an der Rupturstelle.
5.3 Thompson-Test (Simmonds-Test)
- Positiv bei Ruptur: keine Plantarflexion beim Zusammendrücken der Wade.
- Pseudodorsalextension durch intakte Pronatoren (z. B. Tibialis anterior, Extensor digitorum longus).
5.4 Klinische Symptomatik
- Patient kann nicht mehr auf den Zehenspitzen stehen.
- Patient kann nicht mehr kraftvoll plantar flektieren.
- Fehlende Dorsalextension (deshalb nicht mit einer echten Dorsalextension verwechseln!) – bei erhaltenen Pronatoren wird der Fuß scheinbar dorsalextendiert, was auf den ersten Blick wie eine aktive Dorsalextension wirkt, aber tatsächlich nur Ausdruck der unverletzten Pronatoren ist.
5.5 Nervale Versorgung – Cave
Die Achillessehne wird über den Nervus tibialis versorgt. Bei einer Verletzung des Nervus tibialis kann eine ähnliche Symptomatik auftreten – differentialdiagnostisch beachten.
Do
- Achillessehne bei jedem Sprunggelenks-Trauma aktiv mit untersuchen.
- Immer Thompson-Test durchführen.
- Seitenvergleich: Dehiszenz tasten.
- Patient auffordern, aktiv zu plantar flektieren und Zehenstand zu versuchen.
Don't
- Pseudodorsalextension durch Pronatoren nicht als intakte Dorsalextension fehlinterpretieren.
- N. tibialis-Läsion nicht mit einer Achillessehnenruptur verwechseln.
- Die Achillessehnenuntersuchung nicht „überspringen" – sie wird im Examen aktiv gefragt.
- Achillessehnenruptur erkennen = Thompson-Test + tastbarer Defekt + fehlende Plantarflexion.
- Die Pseudodorsalextension (Pronatoren) ist ein typischer Stolperstein – Erklärung parat haben.
- Versorgung: N. tibialis.
6. Stabilitätsprüfungen
Nach Inspektion und Palpation folgt die Überprüfung der Bandstabilität des Sprunggelenks.
6.1 Schubladentest (vorderer Schubladentest)
- Prüft die Stabilität des lateralen Bandapparats, insbesondere des Ligamentum fibulotalare anterius.
- Eine vermehrte vordere Translation des Talus gegenüber der Tibia → positiver Schubladentest → laterale Bandinstabilität.
6.2 Talar-Tilt-Test
- Prüft das Ligamentum calcaneofibulare.
- Erhöhte Aufklappbarkeit des lateralen Gelenkspalts → laterale Bandinstabilität.
6.3 Supinationstrauma – Konsequenzen
6.4 Test der Syndesmose
Siehe Squeeze-, Cotton-, External-Rotation- und Frick-Test (Kapitel 4).
- Schubladentest + Talar-Tilt sicher benennen und welcher Bandstruktur sie zugeordnet sind.
- Supination → laterale Bänder in Reihenfolge AF – CF – PF.
- Stabilitätsprüfung immer mit Bewegungsumfang kombinieren.
7. Bewegungsumfang (Range of Motion / Neutral-Null-Methode)
Das obere Sprunggelenk (Articulatio talocruralis) ist ein Scharniergelenk mit Bewegungen in der Sagittalebene. Das untere Sprunggelenk (Articulatio talocalcanea / subtalaris) erlaubt zusätzliche Bewegungen in der Frontalebene.
7.1 Bewegungsebenen
| Ebene | Bewegung Sprunggelenk | Bezeichnung |
|---|---|---|
| Sagittalebene | Fußspitze nach oben / unten | Dorsalextension / Plantarflexion |
| Frontalebene (USG) | Fußsohle nach innen / außen | Supination (Inversion) / Pronation (Eversion) |
7.2 Neutral-Null-Methode
- Befund nach Neutral-Null-Methode angeben, z. B.:
- Dorsalextension / Plantarflexion: ca. 20°–30° / 0° / 40°–50° (Richtwerte).
- Pronation / Supination im USG dokumentieren.
- Immer aktiv und passiv prüfen und endgradig den Bewegungsumfang erfassen.
- Unterscheidung Dorsalextension/Plantarflexion (Sagittalebene, OSG) und Supination/Pronation (Frontalebene, USG) sicher beherrschen.
- Befund immer in Neutral-Null-Notation angeben können.
- Endgradige Bewegung prüfen – der Patient nennt sie, wenn der Untersucher fragt.
8. Bandapparat – lateinische Nomenklatur
Für die Kenntnisprüfung ist die sichere Beherrschung der lateinischen Fachbegriffe der Sprunggelenksbänder erforderlich.
| Lateinisch | Deutsch | Bedeutung |
|---|---|---|
| Ligamentum fibulotalare anterius | Vorderes Außenband | Am häufigsten verletzt beim Supinationstrauma; vorderer Schubladentest. |
| Ligamentum fibulocalcaneare | Fersenbein-Wadenbein-Band | Talar-Tilt-Test. |
| Ligamentum fibulotalare posterius | Hinteres Außenband | Selten isoliert verletzt. |
| Ligamentum deltoideum | Innenband (dreieckig) | Komplexes Band an der Medialseite; selten primär betroffen. |
| Ligamentum tibiofibulare anterius / posterius | Vorderes / hinteres Syndesmosenband | Syndesmosenverletzung; Squeeze-, Cotton-, External-Rotation-Test. |
8.1 Klinische Bedeutung
- Lateraler Bandapparat (AF – CF – PF) ist beim Supinationstrauma betroffen.
- Syndesmosebänder sind beim Außenrotationstrauma betroffen → oft in Kombination mit Maisonneuve-Fraktur.
- Ligamentum deltoideum: Innenband – bei Eversionstrauma.
- Lateinische Bandnamen auswendig beherrschen (AF = anterius, CF = calcaneare, PF = posterius).
- Reihenfolge beim Supinationstrauma kennen: AF → CF → PF.
9. Fußfehlstellungen (Deformitäten)
Fußdeformitäten sind ein eigenständiges, häufig geprüftes Thema. Im Transkript werden sie mehrfach erwähnt und als wichtig markiert.
| Bezeichnung | Lateinisch | Charakteristik |
|---|---|---|
| Knickfuß | Pes valgus | Ferse kippt nach außen (Valgusstellung der Ferse). |
| Plattfuß | Pes planus | Längsgewölbe abgeflacht. |
| Hohlfuß | Pes cavus | Längsgewölbe überhöht. |
| Ballenhohlfuß | Pes cavus / Ballenfuß | Hohlfuß mit Ballenbildung am Vorfuß. |
| Hohlsenkfuß | Pes planovalgus | Kombination aus Senk- und Hohlfuß. |
| Klumpfuß | Pes equinovarus | Spitzfuß + Varus + Supination + Adduktion. |
| Hackenfuß | Pes calcaneus | Ferse steht tief, Vorfuß wird belastet. |
| Spitzfuß | Pes equinus | Fixierte Plantarflexion. |
9.1 Assoziierte Befunde
- Bei Diabetes mellitus: Malum perforans, Fußulkus, Charcot-Syndrom.
- Bei Polyneuropathie: schmerzlose Ulzera, Deformierungen.
- Lateinische und deutsche Bezeichnungen parallel lernen.
- Diabetisches Fußsyndrom (Malum perforans, Charcot-Fuß) immer als Sonderfall erwähnen.
10. Kenntnisprüfung – Prüfungsschwerpunkte auf einen Blick
10.1 Häufig gefragte Themen
- Achillessehnenruptur – Thompson-Test, Dehiszenz, Pseudodorsalextension, N. tibialis.
- Maisonneuve-Fraktur – proximale Fibula, Syndesmose, Verletzungsmechanismus.
- Jones-Fraktur – 5. Mittelfußknochen, Supinationstrauma.
- Syndesmosetests – Squeeze-Test, Cotton-Test, External-Rotation-Test, Frick-Test.
- Fußfehlstellungen – Knick-, Platt-, Hohl-, Klump-, Hacken-, Spitzfuß.
- Bandapparat – lateinische Bezeichnungen, Verletzungsmechanismen.
- Bewegungsumfang – Dorsalextension/Plantarflexion, Supination/Pronation.
- Diabetisches Fußsyndrom – Malum perforans, Charcot-Fuß.
10.2 Typische Prüfungsfragen (laut Vorlesung)
- „Welche Strukturen müssen bei Sprunggelenks-Trauma immer mit untersucht werden?" → proximale Fibula (Maisonneuve), 5. Strahl (Jones), Achillessehne, Peroneus-brevis-Sehne, Bandstabilität.
- „Welche Tests gibt es bei Verdacht auf Syndesmosenverletzung?" → Squeeze, Cotton, External Rotation, Frick.
- „Wie untersuchen Sie die Achillessehne?" → Inspektion, Palpation (Dehiszenz), Thompson-Test, aktive Plantarflexion.
- „Wie ist die Reihenfolge der lateralen Bandverletzung beim Supinationstrauma?" → AF → CF → PF.
- „Welche Fußfehlstellungen kennen Sie?" → vollständige Aufzählung mit lateinischen Bezeichnungen.
10.3 Merksätze für den Prüfungstag
- Sehen: Gang, Hämatom, Deformität, Fußulkus.
- Tasten: beide Malleolen, proximale Fibula, 5. Strahl, Achillessehne, Peroneus brevis.
- Bewegen: Dorsalextension/Plantarflexion, Supination/Pronation, Neutral-Null-Methode.
- Stabilisieren: Schubladentest, Talar-Tilt, Syndesmosetests.
10.4 Schritt-für-Schritt-Ablauf der Untersuchung
- Anamnese – Beschwerden, Trauma-Mechanismus, Vorerkrankungen (Diabetes).
- Inspektion – Gang, Haut, Hämatom, Deformität.
- Palpation – Malleolen, proximale Fibula, Sehnen, 5. Strahl.
- Spezifische Tests – Thompson, Syndesmosetests, Schubladentest, Talar-Tilt.
- Bewegungsumfang – aktiv/passiv, in Neutral-Null-Methode dokumentieren.
- Dokumentation – Befunde strukturiert festhalten.
- Achillessehne → Thompson-Test + Dehiszenz.
- Maisonneuve → proximale Fibula immer mitpalpieren.
- Syndesmose → Squeeze, Cotton, External Rotation, Frick.
- Jones-Fraktur → 5. Mittelfußknochen bei Supinationstrauma.
- Fußdeformitäten → deutsche und lateinische Namen.
- Bewegungsumfang → Neutral-Null-Methode.
- Diabetisches Fußsyndrom → Malum perforans, Charcot.