Persönliches Lernmaterial: Diese Zusammenfassung dient der Prüfungsvorbereitung und ersetzt weder offizielle Vorgaben noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Reflexe, Pyramidenbahnzeichen & Meningismus

Klinisch-neurologische Untersuchung — Vollständig überarbeitete Fassung der Transkripte 1–5.
Schwerpunkte: Eigenreflexe, Pyramidenbahnzeichen, Meningismus, Koordination, Sprachstörungen.

1. Grundlagen der Reflexprüfung

Definition: Ein Reflex ist eine unwillkürliche, stereotype motorische Antwort auf einen spezifischen sensorischen Reiz. Der Reflexbogen besteht aus: Rezeptor → afferenter Nervenfaser → synaptische Umschaltung im Rückenmark/Gehirn → efferente Nervenfaser → Effektor (Muskel).

Einteilung der Reflexe

Eigenreflexe (Muskeldehnungsreflexe):

  • Monosynaptisch (ein Interneuron)
  • Rezeptor = Muskelspindel
  • Beispiel: Patellarsehnenreflex
  • Bei Ausfall = peripherer Schaden
  • Bei Steigerung = zentraler Schaden

Fremdreflexe (schützende Reflexe):

  • Polysynaptisch (mehrere Interneurone)
  • Rezeptor = Hautrezeptoren
  • Beispiel: Bauchhautreflex
  • Abhängig von kortikalen Einflüssen
  • Bei Pyramidenbahnläsion vermindert/erloschen

Allgemeine Prüfungsregeln

  • Der Patient soll entspannt sein — Angst und Anspannung können Reflexe abschwächen oder aufheben!
  • Vergleich links und rechts — Asymmetrie ist pathologisch!
  • Normalbefund: Eigenreflexe sind auslösbar, seitengleich, physiologisch kräftig
  • Pathologisch: Reflexe fehlen, gesteigert, oder neu aufgetreten (z. B. Babinski)

Wichtig für die Prüfung

  • Immer 3 Eigenreflexe der oberen Extremität kennen: Bizepsreflex, Trizepsreflex, Radiusperiostreflex — diese werden in jeder neurologischen Prüfung gefordert.
  • Immer 3 Eigenreflexe der unteren Extremität kennen: Patellarsehnenreflex, Tibialis-posterior-Reflex, Achillessehnenreflex.
  • Pathologisch = Babinski-positiv — das ist das Paradebeispiel für Pyramidenbahnzeichen in der Prüfung.

2. Eigenreflexe der oberen Extremität

Bizepsreflex (Bizepssehnenreflex, BSR)
Muskel: M. biceps brachii Nerv: N. musculocutaneus Segment: C5–C6

Ausführung: Ellenbogen leicht gebeugt, Daumen des Untersuchers auf die Bizepssehne, Schlag mit dem Reflexhammer auf den eigenen Daumen.

Trizepsreflex (Trizepssehnenreflex, TSR)
Muskel: M. triceps brachii Nerv: N. radialis Segment: C6–C7

Ausführung: Ellenbogen im 90°-Winkel gebeugt, Schlag auf die Trizepssehne.

Radiusperiostreflex (RPR)
Muskel: M. brachioradialis Nerv: N. radialis Segment: C5–C6

Ausführung: Unterarm in Mittelstellung, Schlag auf die distale Radiuskante (etwa 3 cm proximal des Processus styloideus radii).

Weitere Eigenreflexe der oberen Extremität:
  • Trömner-Reflex: Schlag auf die Fingerspitze (bei extendiertem Mittel-/Ringfinger) → Flexion der Fingerspitzen. Pathologisch bei Pyramidenbahnläsion (gesteigert).
  • Hoffmann-Zeichen (Hoffmann-Reflex): Schnelles Überstrecken des DIP-Gelenks des Mittelfingers → Flexion der Fingerspitzen. Positiv = Hinweis auf Pyramidenbahnläsion.

Wichtig für die Prüfung

  • Die drei Standardreflexe der oberen Extremität (Bizeps, Trizeps, Radiusperiost) müssen Sie beidhändig demonstrieren können.
  • Die Zuordnung Nerv → Segment ist eine Standardfrage: „Welches Rückenmarksegment innerviert den Bizepsreflex?" → Antwort: C5–C6.
  • Der Trömner-Reflex ist immer pathologisch, wenn er auslösbar ist — er ist ein klassisches Pyramidenbahnzeichen der oberen Extremität.
  • Der Hoffmann-Reflex kann auch bei Gesunden vorkommen — entscheidend ist die Seitenasymmetrie.

3. Eigenreflexe der unteren Extremität

Patellarsehnenreflex (Quadrizepsreflex, PSR)
Muskel: M. quadriceps femoris Nerv: N. femoralis Segment: L3–L4

Ausführung: Knie leicht gebeugt, Patellarsehne unter der Patella mit dem Hammer anschlagen.

Tibialis-posterior-Reflex (TPR)
Muskel: M. tibialis posterior Nerv: N. tibialis Segment: L5–S1

Ausführung: Patient sitzt mit überkreuzten Beinen; Schlag auf die Sehne hinter dem Malleolus medialis.

Achillessehnenreflex (ASR, Knöchelreflex)
Muskel: M. gastrocnemius / M. soleus Nerv: N. tibialis Segment: S1–S2

Ausführung: Patient kniet auf einer Liege (Fuß frei), leichte Dorsalextension des Fußes, Schlag auf die Achillessehne. Alternativ: Patient liegt auf dem Rücken mit leicht abgespreizter Hüfte und gebeugtem Knie.

Klinischer Merksatz: Der Achillessehnenreflex ist S1–S2. Sein Fehlen kann auf eine Peronaeus-Parese, Bandscheibenvorfall L5/S1 oder eine Polyneuropathie hinweisen. Der Patellarsehnenreflex ist L3–L4 — Fehlen deutet auf Läsion des N. femoralis oder Bandscheibenvorfall L3/L4 hin.

Wichtig für die Prüfung

  • ASR (Achillessehnenreflex): Segment S1–S2„S1 = Sprunggelenk"
  • PSR (Patellarsehnenreflex): Segment L3–L4„L3–L4 = Knie"
  • TPR (Tibialis-posterior-Reflex): Segment L5–S1
  • Bei Diabetes mellitus und Adipositas sind die ASR häufig abgeschwächt oder nicht auslösbar — das ist physiologisch und nicht pathologisch!
  • Immer seitengleich prüfen — Asymmetrie ist der Schlüssel!

4. Fremdreflexe (Physiologische Oberflächenreflexe)

Bauchhautreflexe (BHR)
  • Epigastrisch: Hautreizung paravertebral thorakal → epigastrische Zone (Th5–Th6)
  • Mid-abdominal: paravertebral thorakal → Nabelregion (Th9–Th10)
  • Hypogastrisch: paravertebral lumbal → suprapubisch (Th12–L1)

Fehlen einseitig = Pyramidenbahnläsion kontralateral; Fehlen beidseits = Querschnitt oder Bewusstseinsstörung.

Weitere Fremdreflexe
  • Kremasterreflex: Bei Männern: Innenseite Oberschenkel → Hodenheber (L1–L2)
  • Plantarreflex: Laterale Fußsohle → Flexion der Zehen (normal), Extension (Babinski = pathologisch)
  • Fremdreflexe sind polysynaptisch und unterliegen kortikaler Hemmung!

5. Kraniale Reflexe

Masseterreflex (Kaumuskelreflex)
Nerv: N. trigeminus (V3) Segment: Hirnstamm (Pons)

Ausführung: Mund leicht geöffnet, ein Finger des Untersuchers liegt auf dem Kinn des Patienten, Schlag auf den Finger von unten → reflektorischer Mundschluss. Der Masseterreflex ist der einzige Eigenreflex des Kopfes.

Weitere kraniale Reflexe:
  • Cornealreflex: Berührung der Kornea → Lidschluss über N. facialis (VII) — sensible Afferenz: N. trigeminus (V1)
  • Pharyngealreflex (Würgreflex): Berührung des Rachens → Schlucken/Heben des Gaumensegels über N. glossopharyngeus (IX) und N. vagus (X)

Wichtig für die Prüfung

  • Der Masseterreflex wird oft vergessen — er ist aber ein wichtiger Orientierungspunkt bei Hirnstammläsionen.
  • Kraniale Reflexe prüfen bei V. a. Hirnstamm- oder Hirnnervenausfall.

6. Jendrassik-Handgriff — Verstärkung schwacher Reflexe

Indikation: Wenn ein Eigenreflex trotz guter Technik schwer oder nicht auslösbar ist, kann der Jendrassik-Handgriff den Reflex verstärken. Dies geschieht durch Ablenkung und willentliche Muskelanspannung in einer anderen Körperregion.

Durchführung

  • Der Patient verschränkt seine Finger (wie beim Gebet) und zieht beide Hände kräftig auseinander (isometrische Anspannung).
  • Alternativ: Patient beißt auf die Zahnreihe oder ballt die Faust.
  • Während der Patient diese Anspannung hält, wird der Eigenreflex ausgelöst.
Mechanismus: Die willentliche Muskelaktivierung in einer Körperregion führt zu einer kurzzeitigen Disinhibition der spinalen Reflexbögen — die Reflexantwort auf der kontralateralen Seite fällt stärker aus.
Klinische Bedeutung:
  • Ein Reflex, der nur mit Jendrassik auslösbar ist, gilt als vermindert (nicht normal).
  • Ein Reflex, der auch mit Jendrassik nicht auslösbar ist, gilt als erloschen — Hinweis auf periphere Nervenschädigung.
  • Der Jendrassik-Handgriff ist besonders wichtig bei der Prüfung des Patellarsehnenreflexes und Achillessehnenreflexes.

7. Zentrale vs. periphere Lähmung

Eine der wichtigsten differenzialdiagnostischen Fragen in der Neurologie: Handelt es sich um eine zentrale (spastische) oder periphere (schlaffe) Lähmung?

Kriterium Zentrale Lähmung
(Pyramidenbahnläsion)
Periphere Lähmung
(Vorderhorn / Nerv)
Muskeltonus Erhöht (Spastik) Erniedrigt (Schlaffheit)
Eigenreflexe Gesteigert Abgeschwächt / erloschen
Pathologische Reflexe Babinski +++ Nicht vorhanden
Muskelatrophie Minimal (Inaktivitätsatrophie) Ausgeprägt
Fasciculationen Keine Ja (bei Vorderhornschäden)
Motorische Endplatte Nicht betroffen Betroffen
Lokalisation Gehirn / Rückenmark Nervenwurzel, Plexus, peripherer Nerv
Merkregel: Drei Merkmale sprechen für eine zentrale Lähmung: Spastik + gesteigerte Reflexe + Babinski-Zeichen. Drei Merkmale sprechen für eine periphere Lähmung: Schlaffheit + abgeschwächte/fehlende Reflexe + Muskelatrophie.

8. Pathologische Pyramidenbahnzeichen

Definition: Pathologische Pyramidenbahnzeichen sind Reaktionen, die bei Gesunden nicht auslösbar sind und auf eine Schädigung der Pyramidenbahn hinweisen. Sie werden durch Kratzen oder Beklopfen der Haut oder durch Dehnung ausgelöst.

Die 5 klassischen Pyramidenbahnzeichen

1. Babinski-Zeichen (Großzehenzeichen)

Durchführung: Kratzen am lateralen Fußrand (von der Ferse über den Außenrand zur kleinen Zehe und dann bogenförmig zum medialen Vorfuß).

Normalbefund: Plantarflexion der großen Zehe.

Pathologisch (Babinski-positiv): Dorsalextension (Streckung) der großen Zehe + oft auch Spreizen der kleinen Zehen. Dies ist das Parade-Pyramidenbahnzeichen.

Untere Extremität Immer pathologisch!

2. Oppenheim-Zeichen

Durchführung: Kräftiges Streichen mit dem Daumen über die Tibiavorderfläche von proximal nach distal.

Pathologisch: Dorsalextension der großen Zehe.

Untere Extremität Pathologisch

3. Gordon-Zeichen

Durchführung: Kräftiges Zusammendrücken der Wadenmuskulatur.

Pathologisch: Dorsalextension der großen Zehe.

Untere Extremität

4. Trömner-Zeichen

Durchführung: Schlag auf die Fingerspitze (bei extendiertem Mittel- und Ringfinger) → Flexion der Fingerspitzen.

Pathologisch: Hyperexcitabilität — auch bei leichter Reizung starke Flexion, oder Ausbreitung auf andere Finger.

Obere Extremität Pathologisch

5. Knipsreflex (Gordon-Reflex der oberen Extremität)

Durchführung: Beklopfen der Fingerspitze, der Finger ist leicht gebeugt.

Pathologisch: Unwillkürliche Flexion der Fingerspitze.

Obere Extremität

Weitere kraniale Pyramidenbahnzeichen

  • Hoffmann-Zeichen: Schnelles Überstrecken des DIP-Gelenks des Mittelfingers → Flexion der Fingerspitzen (pathologisch bei Asymmetrie oder stark positiver Reaktion).
  • Froment-Zeichen: Greiftest mit Papier — bei Ulnarisparese: Beugung des Daumen-IP-Gelenks (macht das Papier zwischen Daumen und Zeigefinger fest).

Wichtig für die Prüfung

  • Das Babinski-Zeichen ist das wichtigste und am häufigsten geprüfte Pyramidenbahnzeichen — es muss bei jedem neurologischen Untersuchungsgang geprüft werden!
  • Fünf Pyramidenbahnzeichen der unteren Extremität: Babinski, Oppenheim, Gordon, Mendel-Bechterew, Chaddock
  • Drei Pyramidenbahnzeichen der oberen Extremität: Trömner, Knipsreflex, Hoffmann-Zeichen
  • Immer beidseits prüfen — ein einseitiger Babinski zeigt die Seite der zentralen Läsion.
  • Bei einer frischen Schädigung kann der Babinski zunächst negativ sein!

9. Achillessehnenruptur & Thompson-Test

Ätiologie: Die Achillessehnenruptur entsteht typischerweise bei plötzlicher Belastung des Fußes (z. B. Sprint, Sprung). Risikofaktoren: Kortikoidinjektionen in die Sehne, Fluorchinolone, Alter, Adipositas.

Inspektion

  • Tendovaginopathie? — Sehnenscheide gerötet, geschwollen
  • Dellenziehen: Bei frischer Ruptur: tastbare Delle im Sehnenverlauf (besonders bei Spontanruptur)
  • Fußfehlstellungen? — Plattfuß, Hohlfuß
  • Umfangsvermehrung? — Schwellung um den Knöchel
  • Farbveränderungen? — Hämatom (bläulich)

Thompson-Test

Thompson-Test (Wadenkompressionstest)

Durchführung: Patient liegt bäuchlings mit frei überhängendem Fuß oder kniet auf einer Liege. Der Untersucher komprimiert die Wade mit beiden Händen kräftig.

Normalbefund: Plantarflexion des Fußes (durch Kontraktion des M. gastrocnemius/soleus).

Positiv (Ruptur): Keine Plantarflexion! — Die Sehne ist rupturiert; der Muskel kontrahiert, aber die Kraft wird nicht auf den Fuß übertragen.

Achillessehnenreflex bei Nervenläsionen

  • N. tibialis — Läsion: ASR fehlt auf der betroffenen Seite
  • N. peronaeus communis — Läsion: ASR oft erhalten, aber Dorsalextension geschwächt
  • Polyradikulopathien (z. B. bei Diabetes): ASR häufig beidseits abgeschwächt
  • Adipositas: ASR oft erschwert auslösbar — bei adipösen Patienten nicht sofort als pathologisch werten!

Wichtig für die Prüfung

  • Bei V. a. Achillessehnenruptur: Thompson-Test zuerst — schnell, einfach, diagnostisch!
  • Immer beidseitig vergleichen.
  • Thompson-Test positiv + tastbare Delle = diagnostisch sicher.

10. Koordinationsprüfung

Indikation: Bei V. a. Störungen des Kleinhirns (Zerebellum) oder des dorsalen Rückenmarks (Hinterstrang). Klinisch äußert sich dies als Ataxie — Gangunsicherheit, Fehlgreifen, Sprachstörungen.

Die 4 Standard-Koordinationstests

Finger-Nase-Versuch (FNV)

Durchführung: Patient berührt mit ausgestrecktem Zeigefinger abwechselnd seine Nasenspitze und den Finger des Untersuchers (aus 50–80 cm Entfernung). Test bei geschlossenen Augen und bei offenen Augen.

Pathologisch: Tremor, Hypometrie (zu wenig Bewegung), Hypermetrie (zu viel Bewegung), Dyssynergie.

Knie-Hacken-Versuch (KHV)

Durchführung: Patient liegt auf dem Rücken; Ferse des einen Beins auf das Knie des anderen Beins, dann kontrolliert nach unten zum Knöchel gleiten lassen.

Pathologisch: Ataktisches Vorbeigehen — das Bein weicht ab, zittert oder trifft nicht.

Romberg-Stehversuch

Durchführung: Patient steht mit geschlossenen Füßen und geschlossenen Augen (Arme seitlich). Beobachtet wird das Schwanken.

Positiv: Patient schwankt oder fällt bei geschlossenen Augen — Hinweis auf Hinterstrangstörung (Propriozeptionsverlust) oder Kleinhirnataxie.

Unterscheidung: Bei Hinterstrangschaden: Schwanken in jede Richtung; bei Kleinhirnschaden: Fallneigung zur Seite der Läsion.

Unterschenkel-Knie-Versuch (Diadochokinese)

Durchführung: Patient tippt schnell mit der Ferse abwechselnd auf das Knie und den Unterschenkel des anderen Beins.

Pathologisch: Verlangsamung, Unregelmäßigkeit, wiederholte Fehler.

Frenzel-Brille: Bei der Prüfung der Koordination und des Nystagmus wird häufig eine Frenzel-Brille verwendet. Sie verhindert die visuelle Fixation und ermöglicht es, Nystagmus und feinste Koordinationsstörungen besser zu erkennen.

Wichtig für die Prüfung

  • Der Romberg-Test ist positiv bei Hinterstrangschäden — der Patient kann sich nicht ohne visuelle Kontrolle aufrecht halten.
  • Der Finger-Nase-Versuch mit geschlossenen Augen ist empfindlicher als mit offenen Augen.
  • Zerebelläre Ataxie: Gangataxie, Dysmetrie, Intentionstremor, Nystagmus, Dysarthrie.
  • Hinterstrangataxie: Sensible Ataxie — Patient geht unsicher, verschlechtert sich bei geschlossenen Augen (Romberg-positiv).

11. Sprachstörungen — Aphasie & Dysarthrie

Definition: Störungen der Sprachproduktion und Sprachverständnisses entstehen durch Läsionen in den Spracharealen des Zentralnervensystems. Wichtig: Störungen der Sprechmotorik (Dysarthrie) sind davon abzugrenzen.
Broca-Aphasie (Motorische Aphasie)
  • Läsion: Frontallappen, Broca-Areal (Konvexität, linke Hemisphäre)
  • Spontansprache: Nicht-flüssig, telegrammstilartig, Suchen nach Worten
  • Verständnis: Erhalten! — Patient versteht gut
  • Wiederholung: Gestört
  • Benennen: Gestört
  • Patient weiß, was er sagen will, kann es aber nicht formulieren.
Wernicke-Aphasie (Sensorische Aphasie)
  • Läsion: Temporallappen, Wernicke-Areal (posteriorer superiorer Temporallappen)
  • Spontansprache: Flüssig, aber sinnlos, Paraphrasien, Neologismen
  • Verständnis: Gestört! — Patient versteht nicht
  • Wiederholung: Gestört
  • Benennen: Gestört
  • Patient spricht viel, versteht aber nichts — schwere Kommunikationsstörung.

Globale Aphasie

  • Läsion: Ausgedehnte Läsion der linken Hemisphäre (MCA-Versorgungsgebiet)
  • Sowohl Sprachproduktion als auch Sprachverständnis sind schwer gestört
  • Häufigste Form nach ausgedehntem Schlaganfall

Dysarthrie vs. Aphasie

MerkmalDysarthrieAphasie
UrsacheMotorische Störung der SprechmuskulaturZentrale Sprachverarbeitung gestört
SprachproduktionVerwaschen, undeutlichJe nach Aphasie-Typ
SprachverständnisNormalGestört (bes. Wernicke)
Schreiben/LesenNormalGestört
Typische LäsionKleinhirn, Hirnstamm, periphere NervenLinker Frontotemporalhirn

Wichtig für die Prüfung

  • Broca vs. Wernicke: Broca = nicht-flüssig + gutes Verständnis; Wernicke = flüssig + schlechtes Verständnis.
  • Prüfungsfrage: „Ein Patient spricht fließend, versteht aber nicht, was man ihm sagt — was vermuten Sie?" → Antwort: Wernicke-Aphasie.
  • Dysarthrie ist keine Aphasie — der Patient hat eine Störung der Sprechmotorik, nicht der Sprachverarbeitung!
  • Jeder Patient mit Schlaganfall muss auf Aphasie untersucht werden.

12. Meningismuszeichen

Definition: Meningismus = Nackensteife, Rückenschmerzen und positiver Lasègue als Zeichen einer Meningitis oder Subarachnoidalblutung. Meningismus entsteht durch Reizung der Meningen und der Nervenwurzeln.

Brudzinski-Zeichen

Durchführung: Patient liegt auf dem Rücken; passives Vorbeugen des Kopfes durch den Untersucher.

Positiv: Beidseitige Beugung der Hüft- und Kniegelenke als Reaktion auf die Kopfbeugung.

Ursache: Dehnung der meningealen Nervenwurzeln bei Kopfbewegung.

Kernig-Zeichen

Durchführung: Patient liegt auf dem Rücken; Hüfte wird um 90° gebeugt, dann versucht der Patient das Knie zu strecken.

Positiv: Unfähigkeit, das Knie über ca. 135° zu strecken (schmerzhafte Spannung der Hamstrings/Meningen).

Alternative: Patient sitzt aufrecht und streckt die Beine — positives Zeichen = schmerzhafte Einschränkung.

Weitere Meningismuszeichen

  • Dreifach-Zeichen nach Binda: Kopfrotation führt zu反抗 (Widerstand) — unzuverlässig
  • Lasègue-Zeichen: Schmerzhaftes Anheben des Beins bei liegendem Patienten — auch bei Ischialgie, daher weniger spezifisch
  • Amoss-Zeichen: Patient kann aus liegender Position nicht ohne Hilfe aufsetzen (Hände helfen hinter dem Rücken)
Wichtige Differenzialdiagnosen des Meningismus:
  • Meningitis (bakteriell, viral, tuberkulös, Pilz)
  • Subarachnoidalblutung (SAB) — plötzlicher Beginn, „worst headache of my life"
  • Meningeosis neoplastica — Carcinomatosen, Lymphome
  • Meningitis serosa — Virale Meningitis, Sonnenstich

Wichtig für die Prüfung

  • Beide Zeichen (Brudzinski und Kernig) sollten bei jedem Patienten mit Kopfschmerzen oder Fieber geprüft werden.
  • Brudzinski ist sensitiver, Kernig ist spezifischer für Meningitis.
  • Bei SAB fehlt Meningismus in den ersten Stunden manchmal — daher: Jede plötzliche Kopfschmerzattacke mit Meningismus = SAB bis zum Beweis des Gegenteils!
  • Negatives Kernig-/Brudzinski-Zeichen schließt Meningitis nicht aus — bei klinischem Verdacht: LP durchführen!

13. Dermatome & klinische Bedeutung

Definition: Ein Dermatom ist das Hautareal, das von einem einzelnen Spinalnerv (bzw. einer einzelnen Nervenwurzel) sensibel versorgt wird. Die Kenntnis der Dermatome ist entscheidend für die Lokalisation einer Nervenwurzelläsion.
Dermatome / SegmentKlinische ZeichenBandscheibenvorfall
C4Schlüsselbeinregion, Schultern
C5Lateraler Oberarm (Bizepsreflex!)C4–C5
C6Lateraler Unterarm, Daumen, ZeigefingerC5–C6 (häufig!)
C7Mittelfinger, dorsale HandmitteC6–C7
C8Kleiner Finger, ulnare HandC7–Th1
L3Vorderer Oberschenkel (PSR!)L3–L4
L4Innenseite Unterschenkel, KnöchelL4–L5
L5Dorsaler Fuß, GroßzeheL5–S1
S1Lateraler Fußrand, kleine Zehe, Achillessehne (ASR!)L5–S1
S2–S4Perianalregion, Genitalien (Sattel)Cauda equina
Klinische Bedeutung: Bei einem Bandscheibenvorfall (z. B. L4–L5) treten Schmerzen, Parästhesien und Sensibilitätsstörungen im entsprechenden Dermatom auf. Der ASR (S1–S2) ist häufig abgeschwächt bei S1-Wurzelkompression.

Wichtig für die Prüfung

  • Prüfungsfrage: „Patient mit Schmerzausstrahlung über die Außenseite des Unterschenkels bis zur Großzehe — welches Segment?" → Antwort: L5.
  • „Schmerzen über der Wade bis zur Kleinzehe — welches Segment?" → Antwort: S1.
  • Die Dermatome L5 und S1 sind die klinisch wichtigsten — sie werden bei jedem Bandscheibenvorfall der Lendenwirbelsäule geprüft.

14. Sensibilitätsprüfung — Klinische Relevanz

Bei Diabetes mellitus: Die diabetische Polyneuropathie betrifft bevorzugt die langen Nerven (strumpf- und handschuhförmig = distal betont). Die Untersuchung der Sensibilität ist ein wichtiger Teil der Routineuntersuchung bei Diabetikern.

Untersuchungsgang

  • Berührungssinn (Leichte Berührung): Wattebausch auf die Haut — Patient soll Augen geschlossen halten und „Ja" sagen, wenn er etwas spürt.
  • Schmerzsinn (Nadelstich): Einmal-Nadel oder Neurotip — alternativ Spitz/Stumpf unterscheiden.
  • Temperatursinn: Reagenzglas mit warmem/kaltem Wasser — wird bei Polyneuropathie oft als erstes gestört.
  • Vibrationssinn: 128-Hz-Stimmgabel über den Knochen (Malleolus medialis, Tibiaknie) — bei Hinterstrangschaden und diabetischer Neuropathie früh gestört.
  • Propriozeption (Lagesinn): Kleinzehe auf/ab — Patient soll bei geschlossenen Augen die Richtung angeben.
Stufen der Sensibilitätsstörung bei diabetischer Neuropathie:
  1. Zuerst: Vibrationssinn und Temperatursinn vermindert
  2. Dann: Berührungs-/Schmerzsinn
  3. Schließlich: Propriozeption (Lagesinn) — dies führt zur sensorischen Ataxie und zum pathologischen Romberg-Test

Wichtig für die Prüfung

  • Bei Diabetikern: Jährliche Sensibilitätsprüfung der Füße — besonders auf Druckulzera und Verletzungen achten.
  • Monofilament-Test (10-g-Filament): Patient muss 4 von 5 Punkten am Fuß richtig spüren — ein Punkt gilt als Test für das Risiko eines diabetischen Fußulkus.
  • Der Verlust des Vibrationssinns ist ein Frühzeichen der diabetischen Neuropathie!

15. Prüfungstipps & Klinische Merkhilfen

Reflexbögen — Must-Knows für die Prüfung

ReflexNervSegment
BizepsreflexN. musculocutaneusC5–C6
TrizepsreflexN. radialisC6–C7
RadiusperiostreflexN. radialisC5–C6
PatellarsehnenreflexN. femoralisL3–L4
Tibialis-posterior-ReflexN. tibialisL5–S1
AchillessehnenreflexN. tibialisS1–S2
MasseterreflexN. trigeminus (V3)Hirnstamm

Merkregeln

  • „Bizeps, Trizeps, Radius" = obere Extremität; „Patella, Tibialis posterior, Achillessehne" = untere Extremität.
  • „S1 = Sprunggelenk" → ASR = S1–S2. Bei Bandscheibenvorfall L5/S1: ASR abgeschwächt, Parästhesien an der Kleinzehe.
  • „L5 = Großzehe" → L5-Segment: Großzehe heben, Fuß-Dorsalextension.
  • „Babinski nach oben = Pyramide kaputt" → Dorsalextension der Großzehe bei Babinski = pathologisch.
  • „Broca = Brodeln" (nicht-flüssig), „Wernicke = Wuscheln" (flüssig aber sinnlos).
  • „Zentral = gesteigert, spastisch, Babinski; Peripher = schlaff, Reflexe weg, Atrophie."
  • Thompson-Test positiv: Keine Plantarflexion bei Wadenkompression = Achillessehnenruptur.

Typische Prüfungsfragen

Frage 1: „Ein Patient hat einen positiven Babinski und gesteigerte Eigenreflexe rechts — was vermuten Sie?"

Antwort: Zentrale Lähmung rechts (Pyramidenbahnläsion) — wahrscheinlich Schlaganfall oder Rückenmarksläsion links (kontralateral durch Kreuzung der Pyramidenbahn auf Höhe des Hirnstamms).

Frage 2: „Ein Patient mit Diabetes hat beidseits keinen ASR — ist das pathologisch?"

Antwort: Nicht unbedingt! Bei Diabetikern und adipösen Patienten ist der ASR häufig physiologisch abgeschwächt. Prüfen Sie mit Jendrassik-Handgriff. Nur wenn der ASR auch dann nicht auslösbar ist, liegt ein pathologischer Befund vor.

Frage 3: „Ein Patient mit Fieber und Nackensteife — was prüfen Sie?"

Antwort: Brudzinski-Zeichen und Kernig-Zeichen. Bei positivem Befund: V. a. Meningitis → dringende Lumbalpunktion erforderlich!

Frage 4: „Unterscheiden Sie Broca- von Wernicke-Aphasie!"

Antwort: Broca = nicht-flüssig, gutes Verständnis; Wernicke = flüssig, schlechtes Verständnis. Die Läsion liegt bei Broca im Frontallappen und bei Wernicke im Temporallappen.

Untersuchungsablauf am Beispiel einer OSCE-Station

  1. Patient begrüßen, erklären was Sie tun — Einwilligung einholen!
  2. Inspektion: Haltung, Muskulatur, Atrophien, Fasciculationen
  3. Tonus: Passive Bewegungen — spastisch (zentral) vs. schlaff (peripher)
  4. Eigenreflexe: Bizeps, Trizeps, Radiusperiost (obere), PSR, ASR (untere) — beidseits!
  5. Jendrassik bei abgeschwächten Reflexen
  6. Pathologische Reflexe: Babinski, Oppenheim, Gordon (untere), Trömner, Knipsreflex, Hoffmann (obere)
  7. Fremdreflexe: Bauchhautreflexe, Kremasterreflex
  8. Koordination: FNV, KHV, Romberg
  9. Sensibilität: Berührung, Schmerz, Vibration, Propriozeption
  10. Sprachprüfung: Spontansprache, Benennen, Sprachverständnis, Wiederholung