Reflexe, Pyramidenbahnzeichen & Meningismus
Klinisch-neurologische Untersuchung — Vollständig überarbeitete Fassung der Transkripte 1–5.
Schwerpunkte: Eigenreflexe, Pyramidenbahnzeichen, Meningismus, Koordination, Sprachstörungen.
Inhaltsverzeichnis
- Grundlagen der Reflexprüfung
- Eigenreflexe der oberen Extremität
- Eigenreflexe der unteren Extremität
- Fremdreflexe
- Kraniale Reflexe
- Jendrassik-Handgriff
- Zentrale vs. periphere Lähmung
- Pathologische Pyramidenbahnzeichen
- Achillessehnenruptur & Thompson-Test
- Koordinationsprüfung
- Sprachstörungen (Aphasie & Dysarthrie)
- Meningismuszeichen
- Dermatome
- Sensibilitätsprüfung bei Diabetikern
- Prüfungstipps
1. Grundlagen der Reflexprüfung
Einteilung der Reflexe
Eigenreflexe (Muskeldehnungsreflexe):
- Monosynaptisch (ein Interneuron)
- Rezeptor = Muskelspindel
- Beispiel: Patellarsehnenreflex
- Bei Ausfall = peripherer Schaden
- Bei Steigerung = zentraler Schaden
Fremdreflexe (schützende Reflexe):
- Polysynaptisch (mehrere Interneurone)
- Rezeptor = Hautrezeptoren
- Beispiel: Bauchhautreflex
- Abhängig von kortikalen Einflüssen
- Bei Pyramidenbahnläsion vermindert/erloschen
Allgemeine Prüfungsregeln
- Der Patient soll entspannt sein — Angst und Anspannung können Reflexe abschwächen oder aufheben!
- Vergleich links und rechts — Asymmetrie ist pathologisch!
- Normalbefund: Eigenreflexe sind auslösbar, seitengleich, physiologisch kräftig
- Pathologisch: Reflexe fehlen, gesteigert, oder neu aufgetreten (z. B. Babinski)
Wichtig für die Prüfung
- Immer 3 Eigenreflexe der oberen Extremität kennen: Bizepsreflex, Trizepsreflex, Radiusperiostreflex — diese werden in jeder neurologischen Prüfung gefordert.
- Immer 3 Eigenreflexe der unteren Extremität kennen: Patellarsehnenreflex, Tibialis-posterior-Reflex, Achillessehnenreflex.
- Pathologisch = Babinski-positiv — das ist das Paradebeispiel für Pyramidenbahnzeichen in der Prüfung.
2. Eigenreflexe der oberen Extremität
Ausführung: Ellenbogen leicht gebeugt, Daumen des Untersuchers auf die Bizepssehne, Schlag mit dem Reflexhammer auf den eigenen Daumen.
Ausführung: Ellenbogen im 90°-Winkel gebeugt, Schlag auf die Trizepssehne.
Ausführung: Unterarm in Mittelstellung, Schlag auf die distale Radiuskante (etwa 3 cm proximal des Processus styloideus radii).
- Trömner-Reflex: Schlag auf die Fingerspitze (bei extendiertem Mittel-/Ringfinger) → Flexion der Fingerspitzen. Pathologisch bei Pyramidenbahnläsion (gesteigert).
- Hoffmann-Zeichen (Hoffmann-Reflex): Schnelles Überstrecken des DIP-Gelenks des Mittelfingers → Flexion der Fingerspitzen. Positiv = Hinweis auf Pyramidenbahnläsion.
Wichtig für die Prüfung
- Die drei Standardreflexe der oberen Extremität (Bizeps, Trizeps, Radiusperiost) müssen Sie beidhändig demonstrieren können.
- Die Zuordnung Nerv → Segment ist eine Standardfrage: „Welches Rückenmarksegment innerviert den Bizepsreflex?" → Antwort: C5–C6.
- Der Trömner-Reflex ist immer pathologisch, wenn er auslösbar ist — er ist ein klassisches Pyramidenbahnzeichen der oberen Extremität.
- Der Hoffmann-Reflex kann auch bei Gesunden vorkommen — entscheidend ist die Seitenasymmetrie.
3. Eigenreflexe der unteren Extremität
Ausführung: Knie leicht gebeugt, Patellarsehne unter der Patella mit dem Hammer anschlagen.
Ausführung: Patient sitzt mit überkreuzten Beinen; Schlag auf die Sehne hinter dem Malleolus medialis.
Ausführung: Patient kniet auf einer Liege (Fuß frei), leichte Dorsalextension des Fußes, Schlag auf die Achillessehne. Alternativ: Patient liegt auf dem Rücken mit leicht abgespreizter Hüfte und gebeugtem Knie.
Wichtig für die Prüfung
- ASR (Achillessehnenreflex): Segment S1–S2 — „S1 = Sprunggelenk"
- PSR (Patellarsehnenreflex): Segment L3–L4 — „L3–L4 = Knie"
- TPR (Tibialis-posterior-Reflex): Segment L5–S1
- Bei Diabetes mellitus und Adipositas sind die ASR häufig abgeschwächt oder nicht auslösbar — das ist physiologisch und nicht pathologisch!
- Immer seitengleich prüfen — Asymmetrie ist der Schlüssel!
4. Fremdreflexe (Physiologische Oberflächenreflexe)
- Epigastrisch: Hautreizung paravertebral thorakal → epigastrische Zone (Th5–Th6)
- Mid-abdominal: paravertebral thorakal → Nabelregion (Th9–Th10)
- Hypogastrisch: paravertebral lumbal → suprapubisch (Th12–L1)
Fehlen einseitig = Pyramidenbahnläsion kontralateral; Fehlen beidseits = Querschnitt oder Bewusstseinsstörung.
- Kremasterreflex: Bei Männern: Innenseite Oberschenkel → Hodenheber (L1–L2)
- Plantarreflex: Laterale Fußsohle → Flexion der Zehen (normal), Extension (Babinski = pathologisch)
- Fremdreflexe sind polysynaptisch und unterliegen kortikaler Hemmung!
5. Kraniale Reflexe
Ausführung: Mund leicht geöffnet, ein Finger des Untersuchers liegt auf dem Kinn des Patienten, Schlag auf den Finger von unten → reflektorischer Mundschluss. Der Masseterreflex ist der einzige Eigenreflex des Kopfes.
- Cornealreflex: Berührung der Kornea → Lidschluss über N. facialis (VII) — sensible Afferenz: N. trigeminus (V1)
- Pharyngealreflex (Würgreflex): Berührung des Rachens → Schlucken/Heben des Gaumensegels über N. glossopharyngeus (IX) und N. vagus (X)
Wichtig für die Prüfung
- Der Masseterreflex wird oft vergessen — er ist aber ein wichtiger Orientierungspunkt bei Hirnstammläsionen.
- Kraniale Reflexe prüfen bei V. a. Hirnstamm- oder Hirnnervenausfall.
6. Jendrassik-Handgriff — Verstärkung schwacher Reflexe
Durchführung
- Der Patient verschränkt seine Finger (wie beim Gebet) und zieht beide Hände kräftig auseinander (isometrische Anspannung).
- Alternativ: Patient beißt auf die Zahnreihe oder ballt die Faust.
- Während der Patient diese Anspannung hält, wird der Eigenreflex ausgelöst.
- Ein Reflex, der nur mit Jendrassik auslösbar ist, gilt als vermindert (nicht normal).
- Ein Reflex, der auch mit Jendrassik nicht auslösbar ist, gilt als erloschen — Hinweis auf periphere Nervenschädigung.
- Der Jendrassik-Handgriff ist besonders wichtig bei der Prüfung des Patellarsehnenreflexes und Achillessehnenreflexes.
7. Zentrale vs. periphere Lähmung
Eine der wichtigsten differenzialdiagnostischen Fragen in der Neurologie: Handelt es sich um eine zentrale (spastische) oder periphere (schlaffe) Lähmung?
| Kriterium | Zentrale Lähmung (Pyramidenbahnläsion) |
Periphere Lähmung (Vorderhorn / Nerv) |
|---|---|---|
| Muskeltonus | Erhöht (Spastik) | Erniedrigt (Schlaffheit) |
| Eigenreflexe | Gesteigert | Abgeschwächt / erloschen |
| Pathologische Reflexe | Babinski +++ | Nicht vorhanden |
| Muskelatrophie | Minimal (Inaktivitätsatrophie) | Ausgeprägt |
| Fasciculationen | Keine | Ja (bei Vorderhornschäden) |
| Motorische Endplatte | Nicht betroffen | Betroffen |
| Lokalisation | Gehirn / Rückenmark | Nervenwurzel, Plexus, peripherer Nerv |
8. Pathologische Pyramidenbahnzeichen
Die 5 klassischen Pyramidenbahnzeichen
1. Babinski-Zeichen (Großzehenzeichen)
Durchführung: Kratzen am lateralen Fußrand (von der Ferse über den Außenrand zur kleinen Zehe und dann bogenförmig zum medialen Vorfuß).
Normalbefund: Plantarflexion der großen Zehe.
Pathologisch (Babinski-positiv): Dorsalextension (Streckung) der großen Zehe + oft auch Spreizen der kleinen Zehen. Dies ist das Parade-Pyramidenbahnzeichen.
Untere Extremität Immer pathologisch!
2. Oppenheim-Zeichen
Durchführung: Kräftiges Streichen mit dem Daumen über die Tibiavorderfläche von proximal nach distal.
Pathologisch: Dorsalextension der großen Zehe.
Untere Extremität Pathologisch
3. Gordon-Zeichen
Durchführung: Kräftiges Zusammendrücken der Wadenmuskulatur.
Pathologisch: Dorsalextension der großen Zehe.
Untere Extremität
4. Trömner-Zeichen
Durchführung: Schlag auf die Fingerspitze (bei extendiertem Mittel- und Ringfinger) → Flexion der Fingerspitzen.
Pathologisch: Hyperexcitabilität — auch bei leichter Reizung starke Flexion, oder Ausbreitung auf andere Finger.
Obere Extremität Pathologisch
5. Knipsreflex (Gordon-Reflex der oberen Extremität)
Durchführung: Beklopfen der Fingerspitze, der Finger ist leicht gebeugt.
Pathologisch: Unwillkürliche Flexion der Fingerspitze.
Obere Extremität
Weitere kraniale Pyramidenbahnzeichen
- Hoffmann-Zeichen: Schnelles Überstrecken des DIP-Gelenks des Mittelfingers → Flexion der Fingerspitzen (pathologisch bei Asymmetrie oder stark positiver Reaktion).
- Froment-Zeichen: Greiftest mit Papier — bei Ulnarisparese: Beugung des Daumen-IP-Gelenks (macht das Papier zwischen Daumen und Zeigefinger fest).
Wichtig für die Prüfung
- Das Babinski-Zeichen ist das wichtigste und am häufigsten geprüfte Pyramidenbahnzeichen — es muss bei jedem neurologischen Untersuchungsgang geprüft werden!
- Fünf Pyramidenbahnzeichen der unteren Extremität: Babinski, Oppenheim, Gordon, Mendel-Bechterew, Chaddock
- Drei Pyramidenbahnzeichen der oberen Extremität: Trömner, Knipsreflex, Hoffmann-Zeichen
- Immer beidseits prüfen — ein einseitiger Babinski zeigt die Seite der zentralen Läsion.
- Bei einer frischen Schädigung kann der Babinski zunächst negativ sein!
9. Achillessehnenruptur & Thompson-Test
Inspektion
- Tendovaginopathie? — Sehnenscheide gerötet, geschwollen
- Dellenziehen: Bei frischer Ruptur: tastbare Delle im Sehnenverlauf (besonders bei Spontanruptur)
- Fußfehlstellungen? — Plattfuß, Hohlfuß
- Umfangsvermehrung? — Schwellung um den Knöchel
- Farbveränderungen? — Hämatom (bläulich)
Thompson-Test
Durchführung: Patient liegt bäuchlings mit frei überhängendem Fuß oder kniet auf einer Liege. Der Untersucher komprimiert die Wade mit beiden Händen kräftig.
Normalbefund: Plantarflexion des Fußes (durch Kontraktion des M. gastrocnemius/soleus).
Positiv (Ruptur): Keine Plantarflexion! — Die Sehne ist rupturiert; der Muskel kontrahiert, aber die Kraft wird nicht auf den Fuß übertragen.
Achillessehnenreflex bei Nervenläsionen
- N. tibialis — Läsion: ASR fehlt auf der betroffenen Seite
- N. peronaeus communis — Läsion: ASR oft erhalten, aber Dorsalextension geschwächt
- Polyradikulopathien (z. B. bei Diabetes): ASR häufig beidseits abgeschwächt
- Adipositas: ASR oft erschwert auslösbar — bei adipösen Patienten nicht sofort als pathologisch werten!
Wichtig für die Prüfung
- Bei V. a. Achillessehnenruptur: Thompson-Test zuerst — schnell, einfach, diagnostisch!
- Immer beidseitig vergleichen.
- Thompson-Test positiv + tastbare Delle = diagnostisch sicher.
10. Koordinationsprüfung
Die 4 Standard-Koordinationstests
Durchführung: Patient berührt mit ausgestrecktem Zeigefinger abwechselnd seine Nasenspitze und den Finger des Untersuchers (aus 50–80 cm Entfernung). Test bei geschlossenen Augen und bei offenen Augen.
Pathologisch: Tremor, Hypometrie (zu wenig Bewegung), Hypermetrie (zu viel Bewegung), Dyssynergie.
Durchführung: Patient liegt auf dem Rücken; Ferse des einen Beins auf das Knie des anderen Beins, dann kontrolliert nach unten zum Knöchel gleiten lassen.
Pathologisch: Ataktisches Vorbeigehen — das Bein weicht ab, zittert oder trifft nicht.
Durchführung: Patient steht mit geschlossenen Füßen und geschlossenen Augen (Arme seitlich). Beobachtet wird das Schwanken.
Positiv: Patient schwankt oder fällt bei geschlossenen Augen — Hinweis auf Hinterstrangstörung (Propriozeptionsverlust) oder Kleinhirnataxie.
Unterscheidung: Bei Hinterstrangschaden: Schwanken in jede Richtung; bei Kleinhirnschaden: Fallneigung zur Seite der Läsion.
Durchführung: Patient tippt schnell mit der Ferse abwechselnd auf das Knie und den Unterschenkel des anderen Beins.
Pathologisch: Verlangsamung, Unregelmäßigkeit, wiederholte Fehler.
Wichtig für die Prüfung
- Der Romberg-Test ist positiv bei Hinterstrangschäden — der Patient kann sich nicht ohne visuelle Kontrolle aufrecht halten.
- Der Finger-Nase-Versuch mit geschlossenen Augen ist empfindlicher als mit offenen Augen.
- Zerebelläre Ataxie: Gangataxie, Dysmetrie, Intentionstremor, Nystagmus, Dysarthrie.
- Hinterstrangataxie: Sensible Ataxie — Patient geht unsicher, verschlechtert sich bei geschlossenen Augen (Romberg-positiv).
11. Sprachstörungen — Aphasie & Dysarthrie
- Läsion: Frontallappen, Broca-Areal (Konvexität, linke Hemisphäre)
- Spontansprache: Nicht-flüssig, telegrammstilartig, Suchen nach Worten
- Verständnis: Erhalten! — Patient versteht gut
- Wiederholung: Gestört
- Benennen: Gestört
- Patient weiß, was er sagen will, kann es aber nicht formulieren.
- Läsion: Temporallappen, Wernicke-Areal (posteriorer superiorer Temporallappen)
- Spontansprache: Flüssig, aber sinnlos, Paraphrasien, Neologismen
- Verständnis: Gestört! — Patient versteht nicht
- Wiederholung: Gestört
- Benennen: Gestört
- Patient spricht viel, versteht aber nichts — schwere Kommunikationsstörung.
Globale Aphasie
- Läsion: Ausgedehnte Läsion der linken Hemisphäre (MCA-Versorgungsgebiet)
- Sowohl Sprachproduktion als auch Sprachverständnis sind schwer gestört
- Häufigste Form nach ausgedehntem Schlaganfall
Dysarthrie vs. Aphasie
| Merkmal | Dysarthrie | Aphasie |
|---|---|---|
| Ursache | Motorische Störung der Sprechmuskulatur | Zentrale Sprachverarbeitung gestört |
| Sprachproduktion | Verwaschen, undeutlich | Je nach Aphasie-Typ |
| Sprachverständnis | Normal | Gestört (bes. Wernicke) |
| Schreiben/Lesen | Normal | Gestört |
| Typische Läsion | Kleinhirn, Hirnstamm, periphere Nerven | Linker Frontotemporalhirn |
Wichtig für die Prüfung
- Broca vs. Wernicke: Broca = nicht-flüssig + gutes Verständnis; Wernicke = flüssig + schlechtes Verständnis.
- Prüfungsfrage: „Ein Patient spricht fließend, versteht aber nicht, was man ihm sagt — was vermuten Sie?" → Antwort: Wernicke-Aphasie.
- Dysarthrie ist keine Aphasie — der Patient hat eine Störung der Sprechmotorik, nicht der Sprachverarbeitung!
- Jeder Patient mit Schlaganfall muss auf Aphasie untersucht werden.
12. Meningismuszeichen
Brudzinski-Zeichen
Durchführung: Patient liegt auf dem Rücken; passives Vorbeugen des Kopfes durch den Untersucher.
Positiv: Beidseitige Beugung der Hüft- und Kniegelenke als Reaktion auf die Kopfbeugung.
Ursache: Dehnung der meningealen Nervenwurzeln bei Kopfbewegung.
Kernig-Zeichen
Durchführung: Patient liegt auf dem Rücken; Hüfte wird um 90° gebeugt, dann versucht der Patient das Knie zu strecken.
Positiv: Unfähigkeit, das Knie über ca. 135° zu strecken (schmerzhafte Spannung der Hamstrings/Meningen).
Alternative: Patient sitzt aufrecht und streckt die Beine — positives Zeichen = schmerzhafte Einschränkung.
Weitere Meningismuszeichen
- Dreifach-Zeichen nach Binda: Kopfrotation führt zu反抗 (Widerstand) — unzuverlässig
- Lasègue-Zeichen: Schmerzhaftes Anheben des Beins bei liegendem Patienten — auch bei Ischialgie, daher weniger spezifisch
- Amoss-Zeichen: Patient kann aus liegender Position nicht ohne Hilfe aufsetzen (Hände helfen hinter dem Rücken)
- Meningitis (bakteriell, viral, tuberkulös, Pilz)
- Subarachnoidalblutung (SAB) — plötzlicher Beginn, „worst headache of my life"
- Meningeosis neoplastica — Carcinomatosen, Lymphome
- Meningitis serosa — Virale Meningitis, Sonnenstich
Wichtig für die Prüfung
- Beide Zeichen (Brudzinski und Kernig) sollten bei jedem Patienten mit Kopfschmerzen oder Fieber geprüft werden.
- Brudzinski ist sensitiver, Kernig ist spezifischer für Meningitis.
- Bei SAB fehlt Meningismus in den ersten Stunden manchmal — daher: Jede plötzliche Kopfschmerzattacke mit Meningismus = SAB bis zum Beweis des Gegenteils!
- Negatives Kernig-/Brudzinski-Zeichen schließt Meningitis nicht aus — bei klinischem Verdacht: LP durchführen!
13. Dermatome & klinische Bedeutung
| Dermatome / Segment | Klinische Zeichen | Bandscheibenvorfall |
|---|---|---|
| C4 | Schlüsselbeinregion, Schultern | — |
| C5 | Lateraler Oberarm (Bizepsreflex!) | C4–C5 |
| C6 | Lateraler Unterarm, Daumen, Zeigefinger | C5–C6 (häufig!) |
| C7 | Mittelfinger, dorsale Handmitte | C6–C7 |
| C8 | Kleiner Finger, ulnare Hand | C7–Th1 |
| L3 | Vorderer Oberschenkel (PSR!) | L3–L4 |
| L4 | Innenseite Unterschenkel, Knöchel | L4–L5 |
| L5 | Dorsaler Fuß, Großzehe | L5–S1 |
| S1 | Lateraler Fußrand, kleine Zehe, Achillessehne (ASR!) | L5–S1 |
| S2–S4 | Perianalregion, Genitalien (Sattel) | Cauda equina |
Wichtig für die Prüfung
- Prüfungsfrage: „Patient mit Schmerzausstrahlung über die Außenseite des Unterschenkels bis zur Großzehe — welches Segment?" → Antwort: L5.
- „Schmerzen über der Wade bis zur Kleinzehe — welches Segment?" → Antwort: S1.
- Die Dermatome L5 und S1 sind die klinisch wichtigsten — sie werden bei jedem Bandscheibenvorfall der Lendenwirbelsäule geprüft.
14. Sensibilitätsprüfung — Klinische Relevanz
Untersuchungsgang
- Berührungssinn (Leichte Berührung): Wattebausch auf die Haut — Patient soll Augen geschlossen halten und „Ja" sagen, wenn er etwas spürt.
- Schmerzsinn (Nadelstich): Einmal-Nadel oder Neurotip — alternativ Spitz/Stumpf unterscheiden.
- Temperatursinn: Reagenzglas mit warmem/kaltem Wasser — wird bei Polyneuropathie oft als erstes gestört.
- Vibrationssinn: 128-Hz-Stimmgabel über den Knochen (Malleolus medialis, Tibiaknie) — bei Hinterstrangschaden und diabetischer Neuropathie früh gestört.
- Propriozeption (Lagesinn): Kleinzehe auf/ab — Patient soll bei geschlossenen Augen die Richtung angeben.
- Zuerst: Vibrationssinn und Temperatursinn vermindert
- Dann: Berührungs-/Schmerzsinn
- Schließlich: Propriozeption (Lagesinn) — dies führt zur sensorischen Ataxie und zum pathologischen Romberg-Test
Wichtig für die Prüfung
- Bei Diabetikern: Jährliche Sensibilitätsprüfung der Füße — besonders auf Druckulzera und Verletzungen achten.
- Monofilament-Test (10-g-Filament): Patient muss 4 von 5 Punkten am Fuß richtig spüren — ein Punkt gilt als Test für das Risiko eines diabetischen Fußulkus.
- Der Verlust des Vibrationssinns ist ein Frühzeichen der diabetischen Neuropathie!
15. Prüfungstipps & Klinische Merkhilfen
Reflexbögen — Must-Knows für die Prüfung
| Reflex | Nerv | Segment |
|---|---|---|
| Bizepsreflex | N. musculocutaneus | C5–C6 |
| Trizepsreflex | N. radialis | C6–C7 |
| Radiusperiostreflex | N. radialis | C5–C6 |
| Patellarsehnenreflex | N. femoralis | L3–L4 |
| Tibialis-posterior-Reflex | N. tibialis | L5–S1 |
| Achillessehnenreflex | N. tibialis | S1–S2 |
| Masseterreflex | N. trigeminus (V3) | Hirnstamm |
Merkregeln
- „Bizeps, Trizeps, Radius" = obere Extremität; „Patella, Tibialis posterior, Achillessehne" = untere Extremität.
- „S1 = Sprunggelenk" → ASR = S1–S2. Bei Bandscheibenvorfall L5/S1: ASR abgeschwächt, Parästhesien an der Kleinzehe.
- „L5 = Großzehe" → L5-Segment: Großzehe heben, Fuß-Dorsalextension.
- „Babinski nach oben = Pyramide kaputt" → Dorsalextension der Großzehe bei Babinski = pathologisch.
- „Broca = Brodeln" (nicht-flüssig), „Wernicke = Wuscheln" (flüssig aber sinnlos).
- „Zentral = gesteigert, spastisch, Babinski; Peripher = schlaff, Reflexe weg, Atrophie."
- Thompson-Test positiv: Keine Plantarflexion bei Wadenkompression = Achillessehnenruptur.
Typische Prüfungsfragen
Frage 1: „Ein Patient hat einen positiven Babinski und gesteigerte Eigenreflexe rechts — was vermuten Sie?"
Antwort: Zentrale Lähmung rechts (Pyramidenbahnläsion) — wahrscheinlich Schlaganfall oder Rückenmarksläsion links (kontralateral durch Kreuzung der Pyramidenbahn auf Höhe des Hirnstamms).
Frage 2: „Ein Patient mit Diabetes hat beidseits keinen ASR — ist das pathologisch?"
Antwort: Nicht unbedingt! Bei Diabetikern und adipösen Patienten ist der ASR häufig physiologisch abgeschwächt. Prüfen Sie mit Jendrassik-Handgriff. Nur wenn der ASR auch dann nicht auslösbar ist, liegt ein pathologischer Befund vor.
Frage 3: „Ein Patient mit Fieber und Nackensteife — was prüfen Sie?"
Antwort: Brudzinski-Zeichen und Kernig-Zeichen. Bei positivem Befund: V. a. Meningitis → dringende Lumbalpunktion erforderlich!
Frage 4: „Unterscheiden Sie Broca- von Wernicke-Aphasie!"
Antwort: Broca = nicht-flüssig, gutes Verständnis; Wernicke = flüssig, schlechtes Verständnis. Die Läsion liegt bei Broca im Frontallappen und bei Wernicke im Temporallappen.
Untersuchungsablauf am Beispiel einer OSCE-Station
- Patient begrüßen, erklären was Sie tun — Einwilligung einholen!
- Inspektion: Haltung, Muskulatur, Atrophien, Fasciculationen
- Tonus: Passive Bewegungen — spastisch (zentral) vs. schlaff (peripher)
- Eigenreflexe: Bizeps, Trizeps, Radiusperiost (obere), PSR, ASR (untere) — beidseits!
- Jendrassik bei abgeschwächten Reflexen
- Pathologische Reflexe: Babinski, Oppenheim, Gordon (untere), Trömner, Knipsreflex, Hoffmann (obere)
- Fremdreflexe: Bauchhautreflexe, Kremasterreflex
- Koordination: FNV, KHV, Romberg
- Sensibilität: Berührung, Schmerz, Vibration, Propriozeption
- Sprachprüfung: Spontansprache, Benennen, Sprachverständnis, Wiederholung