Persönliches Lernmaterial: Diese Zusammenfassung dient der Prüfungsvorbereitung und ersetzt weder offizielle Vorgaben noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Klinische Lungen- und Thoraxuntersuchung

Systematische Lungenuntersuchung — Inspektion, Palpation, Perkussion und Auskultation
Schwerpunkt: Kenntnisprüfung (Innere Medizin & Chirurgie)

1. Die vier Säulen der Lungenuntersuchung

I
Inspektion
Sehen & Beobachten
II
Palpation
Tasten & Fühlen
III
Perkussion
Klopfen & Resonanz
IV
Auskultation
Hören & Lauschen

Die korrekte Reihenfolge ist entscheidend: Inspektion → Palpation → Perkussion → Auskultation. Diese Reihenfolge ist bei der Lungenuntersuchung streng einzuhalten (anders als beim Abdomen, wo die Auskultation vor der Perkussion und Palpation kommt).

Wichtig für die Prüfung: Die Lungenuntersuchung folgt der Reihenfolge IPA (Inspektion → Palpation → Perkussion → Auskultation). Bei der Abdominaluntersuchung gilt hingegen: Inspektion → Auskultation → Perkussion → Palpation. Verwechslung dieser Reihenfolge ist ein häufiger Prüfungsfehler!

2. Inspektion (Betrachtung)

Die Inspektion ist der erste und einer der wichtigsten Schritte. Folgende Punkte müssen systematisch beurteilt werden:

2.1 Atemfrequenz (Atemzugsfrequenz)

Normalwerte:
  • Erwachsene: 12–20 Atemzüge/min (je nach Lehrbuch 14–18 oder 14–20)
  • Kinder: 16–25 Atemzüge/min (altersabhängig, höhere Frequenz als bei Erwachsenen)
  • Säuglinge: 30–60/min
BegriffDefinitionKlinische Bedeutung
TachypnoeAtemfrequenz > 20/min (Erw.)Pneumonie, Lungenembolie, azidose, Angst, Schmerz, Fieber
BradypnoeAtemfrequenz < 12/minZNS-Depression (Opioide, Sedativa), erhöhter ICP, metabolische Alkalose
OrthopnoeAtemnot in flacher LagerungLinksherzinsuffizienz, Asthma, COPD, Pleuraerguss
ApnoeAtemstillstandAtemstillstand,需要在 weitere Abklärung
Wichtig für die Prüfung: Atemfrequenz zählen: Mindestens 30 Sekunden, besser 60 Sekunden, um Schwankungen auszugleichen. Nie den Patienten beobachten lassen, dass man die Atmung zählt — dies kann die Atmung verändern!

2.2 Atemtyp und Atemform

1
Eupnoe — normaler, ruhiger Atemtyp (normal)
2
Hyperventilation — vertiefte und beschleunigte Atmung (z. B. bei metabolischer Azidose, Angst)
3
Kussmaul-Atmung — tiefe, regelmäßige, seufzende Atmung bei metabolischer Azidose (diabetische Ketoazidose, Urämie)
4
Cheyne-Stokes-Atmung — periodisches An- und Abschwellen der Atmung mit Apnoe-Phasen (bei schwerer Herzinsuffizienz, erhöhtem ICP, Urämie)
5
Biot-Atmung — unregelmäßige Atmung mit unregelmäßigen Pausen (typisch bei Meningitis, Hirnstammläsionen)

2.3 Atemexkursion (Thoraxbewegung)

Die Atemexkursion beschreibt die symmetrische Hebung und Senkung des Thorax während der Inspiration und Exspiration.

Was wird geprüft? Der Patient atmet normal ein und aus. Der Untersucher beobachtet die symmetrische Thoraxbewegung:
  • Beide Thoraxhälften sollen sich gleichmäßig heben und senken
  • Die Atemexkursion soll 5–6 cm betragen
  • Asymmetrien deuten auf pathologische Prozesse hin

2.4 Atemhilfsmuskulatur

Bei verstärktem Atemantrieb oder Obstruktion werden die Atemhilfsmuskulatur eingesetzt:

  • M. sternocleidomastoideus (Kopfnicker)
  • M. trapezius (Trapezmuskel)
  • M. scaleni (Treppenmuskeln)
  • M. pectoralis major/minor (Brustmuskeln)
  • Interkostalmuskulatur
  • MM. serratus anterior/posterior
Paradoxe Atmung (Flail Chest): Bei Rippenserienfraktur bewegen sich Teile des Thorax paradox — sie werden während der Inspiration eingezogen und während der Exspiration ausgepresst. Dies ist lebensbedrohlich und muss sofort erkannt werden!

2.5 Trachea (Luftröhre)

Untersuchung der Trachea: Der Untersucher tastet die Trachea mit dem Daumen und Zeigefinger und prüft, ob sie in der Mittellinie liegt oder zur Seite deviirt.
  • Mediastinalverschiebung zur Gegenseite → Spannungspneumothorax, großer Pleuraerguss, ausgedehnte Tumoren
  • Mediastinalverschiebung zur betroffenen Seite → Atelektase, Lungenfibrose, Lobärpneumonie (Zug nach oben)

2.6 Thoraxform (Thoraxdeformitäten)

DeformitätBeschreibungBei Erkrankungen
Fassthorax (Faßthorax)Horizontale Rippenstellung, verbreiterter Thorax, verminderte ExkursionCOPD, Emphysem (Lungenüberblähung)
Trichterbrust
(Pectus excavatum)
Einbuchtung des Sternums nach innenMeist kongenital, kosmetisch
Kielbrust
(Pectus carinatum)
Vorwölbung des Sternums nach außenMeist kongenital
Harrison-FurcheHorizontale Impression am Ansatz des ZwerchfellsChronische Asthma bronchiale, Rachitis bei Kindern
Skoliose / KyphoseWirbelsäulenverkrümmungSellink-Symptom, thorakale Deformität
SchwanenhalsÜberstreckter Hals, eingezogene SupraklavikularregionSchwere COPD / Asthma
Wichtig für die Prüfung: Der Fassthorax ist ein Schlüsselbefund bei COPD/Emphysem und wird wie folgt beschrieben: «Der Thorax ist fasförmig aufgetrieben, die Rippen verlaufen nahezu horizontal, die Atemexkursion ist vermindert.» Auch auf Zyanose und periphere Ödeme als Zeichen der Rechtsherzinsuffizienz achten!

2.7 Weitere Inspektionsbefunde

  • Zyanose — zentral (Lippen, Zunge) = Hypoxämie; peripher (Akren) = periphere Durchblutungsstörung
  • Jugularvenenstauung (JVD) — erhöhter zentralvenöser Druck (Rechtsherzinsuffizienz, Perikarderguss)
  • Narben — frühere Thorakotomien, Resektionen (z. B. Lobektomie, Pneumektomie)
  • Asymmetrien — Vorwölbung einer Thoraxhälfte (Pleuraerguss, Spannungspneumothorax, Tumoren)
  • Einziehungen — interkostale oder suprasternale Einziehungen (schwere Atemnot, Asthma, COPD)
  • Clubbing (Trommelschlegelfinger) — bei Bronchialkarzinom, chronischen Lungenerkrankungen, Bronchiektasen
  • Lippenzittern — bei Hyperkapnie (COPD)

3. Palpation (Tastuntersuchung)

Die Palpation des Thorax umfasst drei Hauptuntersuchungen:

3.1 Thoraxkompression (Schmerzprovokation)

Do's:
  • Kompression von ventral und dorsal gleichzeitig
  • Fester, aber nicht brutaler Druck
  • Zum Schluss: Thorax vorsichtig komprimieren
Don'ts:
  • Nicht die Handfläche komplett auflegen — dies kann das Atemgeräusch verfälschen
  • Nicht schmerzhaft stark drücken

Die Thoraxkompression dient der Schmerzprovokation bei:

  • Rippenserienfraktur
  • Rippenfraktur
  • Thoraxtrauma
  • Pleuritis (schmerzhafte Atmung)

Der Patient wird von ventral und dorsal gleichzeitig komprimiert. Schmerzhaftigkeit weist auf eine Fraktur oder Pleuritis hin.

3.2 Stimmfremitus (Tastbare Schallübertragung)

Untersuchungstechnik — korrekte Durchführung:
  1. Patient bittet den Patienten, «66» oder «99» oder «einen langen Ton» zu sagen
  2. Der Untersucher legt die Innenfläche der Finger (nicht die ganze Handfläche!) auf den Thorax des Patienten
  3. Die Mittel- und Zeigefinger (der Mittelhand) liegen flach auf der Haut
  4. Die restlichen Finger und die Handfläche sollen leicht angehoben sein und den Patienten nicht berühren
  5. Vergleich symmetrischer Punkte links und rechts

Der Stimmfremitus (auch: tastbare Stimmübertragung, fühlbare Resonanz) wird durch die Vibration der Stimmlippen erzeugt und über das Bronchialsystem an die Thoraxwand übertragen:

StimmfremitusBefundBedeutung
NormalSymmetrische Vibration links = rechtsNormale Lungenbelüftung
VerstärktStärker tastbar als üblichKonsolidierung / Infiltration (Pneumonie) — der Schall wird besser übertragen
AbgeschwächtKaum oder nicht tastbarPleuraerguss, Pneumothorax, Asthma, COPD, Bronchialobstruktion, Pleuraverdickung
Wichtig: Bei Pleuraerguss ist der Stimmfremitus abgeschwächt, aber bei einer Pneumonie verstärkt (bronchiale Übertragung durch Konsolidierung). Dies ist ein klassischer Prüfungsunterschied!

3.3 Atemexkursion palpatorisch

Die palpatorische Prüfung der Atemexkursion ergänzt die Inspektion:

  • Der Untersucher legt beide Hände mit den Daumen auf den Rücken des Patienten (Thoraxmitte)
  • Die Daumen liegen symmetrisch und werden während der Atmung beobachtet
  • Bei asymmetrischer Bewegung: Hinweis auf einseitige Lungenerkrankung (Pleuraerguss, Pneumothorax, Atelektase)
  • Die Exkursionsdistanz beträgt normalerweise 5–6 cm

4. Perkussion (Klopfuntersuchung)

Untersuchungstechnik — korrekte Durchführung:
  1. Mittel Finger (Mittelphalanx) des linken Mittelfingers auf den Thorax legen
  2. Mit dem rechten Mittelfinger (am besten Zeigefinger) kräftig auf das Mittelgelenk des linken Fingers schlagen
  3. Der Schlag soll kurz und präzise sein
  4. Perkussion von oben nach unten, immer im Seitenvergleich
  5. Bei der Leberperkussion: rechts beginnen (volle Lunge), dann nach links wandern (Grenze am linken Sternalrand)

4.1 Perkussionsklänge — Normalbefund

BereichPerkussionsschallErklärung
Über der LungeSonorer Klopfschall (voller, tiefer Ton)Luftgefülltes Lungengewebe
Über der LeberGedämpfter KlopfschallParenchymorgan unter der Lunge
Über dem HerzenGedämpfter KlopfschallHerz als solides Organ
Über Magen/DarmTympanitischer KlopfschallLuft im Magen-Darm-Trakt

4.2 Pathologische Perkussionsbefunde

BefundKlangBedeutung
PleuraergussAbgeschwächt bis gedämpft (stumpf)Flüssigkeit in der Pleurahöhle verdrängt Luft
PneumothoraxTympanitisch (hypersonor, laut)Luft in der Pleurahöhle — verstärkte Schwingung
SpannungspneumothoraxHypersonorer, tympanitischer KlopfschallErhöhter intrapleuraler Druck, Mediastinalshift
Pneumonie (Konsolidierung)Gedämpfter KlopfschallAlveolen gefüllt mit Exsudat statt Luft
LungenfibroseLeicht gedämpfter KlopfschallVerhärtetes Lungengewebe
AtelektaseStumpfer, gedämpfter KlopfschallKollabierte oder luftleere Lunge
BronchialkarzinomJe nach Lage: gedämpft oder tympanitischTumorbedingt
Lungenüberblähung (COPD)Hypersonorer KlopfschallÜberblähte Alveolen
Wichtig für die Prüfung: Der Unterschied zwischen Pneumothorax (hypersonor/tympanitisch) und Pleuraerguss (gedämpft/stumpf) ist einer der häufigsten Prüfungsfragen. Bei Unsicherheit: Luft = hell/hypersonor, Flüssigkeit = gedämpft/stumpf!

4.3 Lungengrenzen (Perkussion der Lungengrenzen)

Die Lungengrenzen werden perkutorisch bestimmt. Normalerweise liegt die Lungenbasis in der Midklavikularlinie in Höhe des 6. Interkostalraums und in der Medianaxillarlinie in Höhe des 8. Interkostalraums.

Technik:
  1. Patient atmet normal weiter (normale Atmung)
  2. Beginn der Perkussion: Von der Lunge nach kaudal
  3. Der Übergang von sonorem zu gedämpftem Schall markiert die Lungengrenze
  4. Inspiration und Exspiration: Die Lungengrenze verschiebt sich normalerweise um 3–6 cm (Zwerchfellexkursion)
  5. Patient macht dann maximale Inspiration und Exspiration — Zwerchfellexkursion messen
Wichtig für die Prüfung: Die Lungengrenzen werden sowohl ventral als auch dorsal perkutiert. Außerdem kann die Lungengrenze bei verschiedenen Erkrankungen verschoben sein:
  • Nach kranial verschoben (hoch): Pleuraerguss, Spannungspneumothorax (auf der betroffenen Seite), Zwerchfellhochstand
  • Nach kaudal verschoben (tief): Lungenemphysem, Asthma bronchiale

5. Auskultation (Abhorchen)

Untersuchungstechnik — korrekte Durchführung:
  1. Patient aufrecht setzen (oder im Bett aufrecht lagern)
  2. Arme verschränken oder Hände auf die Schultern legen → Schulterblätter werden gespreizt, bessere Belüftung der Lungenfelder
  3. Stethoskop mit der Membran auflegen (nicht mit der whole Hand!)
  4. Symmetrisch hören: links und rechts im Vergleich, von oben nach unten
  5. Patient tief durch den Mund atmen lassen (nicht durch die Nase)
  6. Sowohl ventral (vorne) als auch dorsal (hinten) auskultieren
  7. Mindestens einen full Atemzug pro Punkt anhören
Do's & Don'ts:
  • ✅ Immer symmetrisch vergleichen (links vs. rechts)
  • Membran des Stethoskops verwenden (für hohe Frequenzen)
  • ✅ Nur die Fingerkuppen (Zeige- und Mittelfinger) auf den Patienten legen — nicht die ganze Handfläche
  • ❌ Nicht die ganze Handfläche auflegen — dies stört das Atemgeräusch und verfälscht die Wahrnehmung
  • ❌ Nicht bei kaltem Stethoskop abhören — dies verursacht Muskelzittern

5.1 Normale Atemgeräusche

GeräuschCharakteristikNormalbefund über
VesikuläratmenWeich, blasend, leise; during inspiration zunehmend, during expiration endet früh; kein Intervall zwischen in- und exspirationNormale Lungenperipherie
BronchialatmenRauh, röhrenförmig; mit Intervall zwischen Inspiration und Exspiration; hörbar über dem SternumNormalerweise über der Trachea und großen Bronchien (vom Patienten nicht wahrnehmbar)
BronchovesikuläratmenMischform zwischen Vesikulär- und BronchialatmenInterskapulär, über dem Manubrium sterni
Wichtig für die Prüfung: Das Vesikuläratmen hat kein Intervall zwischen Inspiration und Exspiration. Das Bronchialatmen hat ein Intervall (Pause) zwischen den beiden Atemphasen. Bei Pneumonie hört man Bronchialatmen über dem betroffenen Areal, weil der Schall über die konsolidierte Lunge besser übertragen wird!

5.2 Pathologische Atemgeräusche und zusätzliche Geräusche

5.2.1 Bronchialatmen (pathologisch)

Bronchialatmen über der Lunge ist immer pathologisch und zeigt eine Konsolidierung:

  • Pneumonie (häufigste Ursache) — Bronchialatmen über dem Infiltrat
  • Atelektase (Lungenkollaps)
  • Großer Pleuraerguss (oberhalb des Ergusses)
  • Lungenfibrose

5.2.2 Rasselgeräusche (Krepitieren / Ronchi)

TypCharakteristikBedeutung
Feinblasiges Rasseln
(Feinronchi, Krepitation)
Fein, knisternd, wie Haare reiben; bei Inspiration zunehmend; nicht weghustbarPneumonie (Alveolen gefüllt), Lungenödem, Alveolitis, beginnende Herzinsuffizienz
Grobblasiges Rasseln
(Grobronchi)
Blubbernde Geräusche; tief; bei In- und Exspiration; weghustbarBronchiektasen, Bronchitis, Lungenedem (spätes Stadium)
Giemen (Sibilantes)Hochfrequent, pfeifend, summend; besonders bei ExspirationBronchospasmus: Asthma bronchiale, COPD, Bronchitis
Brummen (Sonores)Tief, bassartig, brummend; besonders bei ExspirationGroße Atemwege betroffen: Bronchitis, COPD
Wichtig für die Prüfung: Feinblasiges Rasseln (Krepitation) bei Pneumonie ist nicht weghustbar, grobblasiges Rasseln bei Bronchiektasen ist weghustbar. Dies ist ein häufiger Unterschied in der Prüfung!

5.2.3 Metallische Atemgeräusche

  • Metallisches Bronchialatmen — sehr lautes, raues Bronchialatmen; typisch bei Lungenabszess, Kavernen (z. B. Tuberkulose), großen Pneumonieherden
  • Metallische Rasselgeräusche — bei Lungenabszess, Bronchiektasen

5.2.4 Pleurales Reibegeräusch (Pleuralreiben)

Pleuralreiben (Pleurales Reibegeräusch):
  • Klingt wie Leder reiben oder Knarren
  • Entsteht durch Reibung der entzündeten Pleura (Pleuritis sicca / Fibrinosa)
  • Bei In- und Exspiration hörbar
  • Nicht weghustbar
  • Typisch bei: Pleuritis, Perikarditis (perikardiales Reiben), Peritonitis
Unterschied Pleuritis sicca vs. Pleuritis exsudativa:
  • Pleuritis sicca (fibrinöse Pleuritis): Harter, schmerzhafter Reibungsgeräusch; zu Beginn der Pleuritis
  • Pleuritis exsudativa: Reibegeräusch verschwindet, wenn sich Flüssigkeit zwischen den Pleurablättern ansammelt (Flüssigkeit dämpft das Geräusch)

5.2.5 Stridor

Ein Stridor ist ein inspiratorisches (oder exspiratorisches) Atemgeräusch, das auf eine Obstruktion der oberen Atemwege hinweist:

  • Inspiratorischer Stridor — Obstruktion auf Höhe Larynx/Trachea (Fremdkörperaspiration, Larynxödem, Epiglottitis, Krupp)
  • Exspiratorischer Stridor — Obstruktion der unteren Trachea oder Bronchien
Wichtig für die Prüfung: Der Stridor ist immer ein Notfall und weist auf eine Verlegung der oberen Atemwege hin. Im Unterschied dazu ist Giemen/Sibilantes ein Bronchospasmus der unteren Atemwege (Asthma, COPD).

5.2.6 Abgeschwächtes oder fehlendes Atemgeräusch

  • Pleuraerguss — Atemgeräusch abgeschwächt oder fehlend über dem Erguss
  • Pneumothorax — Atemgeräusch abgeschwächt oder fehlend auf der betroffenen Seite
  • 重度 Asthma / COPD — abgeschwächtes Vesikuläratmen durch Air trapping
  • Bronchialobstruktion (Tumor, Fremdkörper) — fehlendes Atemgeräusch distal der Obstruktion
  • Pleuradickung — durch Narbengewebe

5.3 Stimmübertragung (Auskultatorisch)

Neben dem tastbaren Stimmfremitus gibt es die auskultatorische Stimmübertragung:

  • Bronchophonie — verstärkte Stimmübertragung (Patient sagt «66» laut, und der Untersucher hört es verstärkt über einem konsolidierten Bereich)
  • Ägophonie — hohe, piepsige Stimmübertragung (bei Pleuraerguss — die Stimme klingt wie ein «Mekkern» einer Ziege)
  • Pektrolalie — ungewöhnlich laute, nasal klingende Stimmübertragung
Wichtig für die Prüfung: Bei einer Pneumonie: Bronchialatmen + verstärkter Stimmfremitus + Bronchophonie (alle drei zeigen Konsolidierung). Bei einem Pleuraerguss: Abgeschwächtes Atemgeräusch + abgeschwächter Stimmfremitus + Ägophonie (typisch Ziegenmelker-Phänomen).

6. Sonderthemen und spezielle Untersuchungssituationen

6.1 Phrenikusparese (Zwerchfelllähmung)

Pathophysiologie:
  • Der Nervus phrenicus (C3–C5) innerviert das Zwerchfell motorisch
  • Bei Parese: ipsilaterale Zwerchfellparalyse → Zwerchfellhochstand
  • Ursachen: OP (Herzchirurgie), Tumoren, Trauma, idiopathisch
  • Klinisch: Paradoxe Zwerchfellbewegung — bei Inspiration steigt das gelähmte Zwerchfell (statt zu sinken)

6.2 Spannungspneumothorax

Der Spannungspneumothorax ist ein klinischer Notfall:

BefundErklärung
Hypersonorer KlopfschallLuft in der Pleurahöhle
Abgeschwächtes AtemgeräuschKollabierte Lunge
Trachea-Deviation zur GegenseiteMediastinalshift durch Überdruck
JugularvenenstauungBehinderter venöser Rückfluss
Hypotonie, TachykardieObere Einflussstauung, reduziertes Herzzeitvolumen
Notfall-Management: Spannungspneumothorax erfordert sofortige Entlastung (Nadeldekompression, Thoraxdrainage) — noch vor Röntgen-Diagnostik! Bei der klinischen Untersuchung fallen die typischen Befunde auf: einseitige Verminderung des Atemgeräusches, Mediastinalshift und Krepitieren subkutan.

6.3 Bronchialkarzinom — typische Untersuchungsbefunde

  • Inspektion: Facies hectica, Gewichtsverlust, Clubbing, zentrale Zyanose
  • Stimmfremitus: Abgeschwächt bei zentralem Tumor (Obstruktion)
  • Perkussion: Gedämpfter Klopfschall über dem Tumor
  • Auskultation: Bronchialatmen, abgeschwächtes Atemgeräusch, ggf. Stridor (bei Trachealobstruktion)
  • Trachea: Bei Pancoast-Tumor: Trachealdeviation, Horner-Syndrom (Ptosis, Miosis, Anhidrose)

6.4 Pneumonie — typische Untersuchungsbefunde

  • Inspektion: Tachypnoe, Fieber, Schüttelfrost, produktiver Husten, eitriges Sputum
  • Stimmfremitus: Verstärkt über dem Infiltrat
  • Perkussion: Gedämpfter Klopfschall über dem Infiltrat
  • Auskultation: Bronchialatmen + feinblasiges Rasseln (Krepitation) + Bronchophonie
Merksatz Pneumonie: Bei Lobärpneumonie zeigt sich klassischerweise: Gedämpfter Klopfschall + verstärkter Stimmfremitus + Bronchialatmen + Bronchophonie + feinblasige Rasselgeräusche — alle über dem betroffenen Segment.

6.5 COPD / Emphysem — typische Untersuchungsbefunde

  • Inspektion: Fassthorax, Atemhilfsmuskulatur aktiv, Lippenzittern, Flachexhaling, barrel chest
  • Atemfrequenz: Tachypnoe oder Bradypnoe bei fortgeschrittener Erkrankung
  • Stimmfremitus: Abgeschwächt (durch Air trapping und verminderte Schallübertragung)
  • Perkussion: Hypersonorer Klopfschall (Lungenüberblähung)
  • Auskultation: Abgeschwächtes Vesikuläratmen, verlängertes Exspirium, Giemen und Brummen (exspiratorisch)

7. Prüfungstipps und häufige Fragen

Die häufigsten Prüfungsfragen im Überblick:
  1. Was ist der Unterschied zwischen Pneumothorax und Pleuraerguss perkutorisch?
    → Pneumothorax = hypersonor/tympanitisch; Pleuraerguss = gedämpft/stumpf
  2. Was ist der Unterschied im Stimmfremitus bei Pneumonie vs. Pleuraerguss?
    → Pneumonie: verstärkt; Pleuraerguss: abgeschwächt
  3. Was ist Vesikuläratmen vs. Bronchialatmen und wie unterscheidet man sie?
    → Bronchialatmen hat ein Intervall, Vesikuläratmen nicht
  4. Was ist der Stimmfremitus und wie führt man ihn korrekt durch?
    → Nur Fingerkuppen auflegen, nicht die ganze Hand
  5. Was sind die Zeichen eines Spannungspneumothorax?
    → Hypersonorer Klopfschall + abgeschwächtes Atemgeräusch + Tracheadeviation + JVD
  6. Was ist Cheyne-Stokes vs. Kussmaul vs. Biot?
    → Cheyne-Stokes: wellenförmig; Kussmaul: tief und regelmäßig; Biot: unregelmäßig mit Pausen
  7. Was ist die korrekte Reihenfolge der Lungenuntersuchung?
    → IPA: Inspektion → Palpation → Perkussion → Auskultation
  8. Was ist der Unterschied zwischen Pleuritis sicca und exsudativa?
    → Sicca: Reibegeräusch vorhanden; Exsudativa: Reibegeräusch verschwindet (durch Flüssigkeit)
  9. Wie perkutiert man die Lungengrenzen korrekt?
    → Von lufthaltigem zu gedämpftem Schall, bei normaler Atmung beginnen, dann bei tiefer Inspiration/Exspiration
  10. Welche Atemhilfsmuskulatur kennen Sie?
    → M. sternocleidomastoideus, M. trapezius, M. scaleni, Mm. pectorales, Interkostalmuskulatur
Allgemeine Prüfungstipps:
  • Immer symmetrisch untersuchen und vergleichen
  • Die Reihenfolge IPA unbedingt einhalten (nicht wie beim Abdomen!)
  • Bei der Palpation nur die Fingerkuppen auflegen, nicht die Handfläche
  • Immer zuerst den Normalbefund beschreiben, dann den pathologischen Befund
  • Die Atemfrequenz immer objektiv zählen (nicht schätzen)
  • Bei der Perkussion immer von oben nach unten und im Seitenvergleich vorgehen
  • Die Zwerchfell-Exkursion bei maximaler In- und Exspiration messen
  • Bei der Auskultation den Patienten tief durch den Mund atmen lassen

7.1 Häufige Fehlerquellen

FehlerWas stattdessen tun
Handfläche bei Stimmfremitus auflegenNur Mittel- und Zeigefinger auflegen
Auskultation mit kalten StethoskopStethoskop vorwärmen in der Hand
Nicht symmetrisch vergleichenImmer links und rechts im Vergleich abhören
Falsche Reihenfolge (Auskultation vor Perkussion)Reihenfolge IPA einhalten
Zu schnelles AbhörenMindestens einen vollständigen Atemzug pro Punkt anhören
Nur von ventral abhörenAuch dorsal abhören (besonders wichtig: über der Lungenspitze, hinten)

8. Zusammenfassung — Systematischer Untersuchungsablauf

Vollständiger Untersuchungsalgorithmus:
  1. Inspektion: Atemfrequenz, Atemtyp, Atemexkursion, Thoraxform, Trachea, Zyanose, Atemhilfsmuskulatur, Narben
  2. Palpation: Thoraxkompression (Schmerzprovokation), Atemexkursion, Stimmfremitus
  3. Perkussion: Sonorer Klopfschall über Lunge, Lungengrenzen, Zwerchfellexkursion, pathologische Klänge
  4. Auskultation: Vesikuläratmen, Bronchialatmen, Rasselgeräusche, Pleuralreiben, Stridor, Stimmübertragung (Bronchophonie, Ägophonie)

Lungenuntersuchung — Klinische Zusammenfassung
Schwerpunkt: Kenntnisprüfung Innere Medizin & Chirurgie
Erstellt auf Basis des Vorlesungstranskripts