Klinische Kopf- & Mundhöhlenuntersuchung
1. Untersuchungsstrategie & Prüfungstipps
Die Untersuchung des Kopfes und der Mundhöhle folgt einem klar strukturierten Ablauf. In der mündlichen Prüfung ist es entscheidend, die Reihenfolge Inspektion → Perkussion → Palpation konsequent einzuhalten und zu jedem Schritt das passende Krankheitsbild parat zu haben.
- 1. Inspektion — Inspektion des Kopfes, Gesichts, der Augen, Lippen und Mundhöhle
- 2. Perkussion — Perkussion der Schädelkalotte
- 3. Palpation der Nervenaustrittspunkte — Druck auf die Trigeminusdruckpunkte
- 4. Beurteilung der Mundhöhle — Zahnstatus, Zahnfleisch, Schleimhaut, Tonsillen, Zunge
2. Inspektion des Kopfes und Gesichts
2.1 Inspektion des Kopfes
Bei der Inspektion wird zunächst die Hautfarbe beurteilt (Gesichtsfarbe, Ikterus, Blässe, Zyanose), danach folgen Kopfform und Gesichtszüge.
2.2 Beurteilung der Gesichtszüge (Facies)
Folgende pathognomonische Veränderungen der Mimik und der Gesichtszüge werden geprüft:
- Vergröberung der Gesichtszüge (Facies) — Hinweis auf Akromegalie (Vergrößerung der Gesichtsknochen und Weichteile durch Wachstumshormonüberschuss)
- Eingeschränkte Mimik / Hypomimie (Hypomimie) — Hinweis auf Morbus Parkinson oder Depression
- Mikrostomie — krankhaft kleiner Mund, Vorkommen bei systemischer Sklerose (Sklerodermie) und bei fazialem Pseudobulbärparese (Bulbärparese)
2.3 Beurteilung der Zyanose
Bei der Inspektion der Lippen und des Gesichts wird die Zyanose (Blauverfärbung) beurteilt. Drei Formen werden unterschieden:
- Periphere Zyanose (Akrozyanose) — Blauverfärbung der Akren (Finger, Zehen, Lippen) durch verlangsamte Blutströmung
- Zentrale Zyanose — Blauverfärbung von Zunge, Lippen und Haut, Hinweis auf schwere Oxygenierungsstörung (kardial oder pulmonal)
- Test zur Differenzierung: Low-Test und Recap-Test (Rekapillarisierungstest) — bei peripherer Zyanose bleibt die Farbe auch nach Druck und Rekapillarisierung verzögert
2.4 Kopfhaltung und Kopfbewegung
Bereits bei der Inspektion wird auf Schiefhals (Torticollis) geachtet — eine schiefe Kopfhaltung als Hinweis auf einen Torticollis spasmodicus (spastischer Schiefhals, zervikale Dystonie).
3. Perkussion der Schädelkalotte
3.1 Durchführung
Die Perkussion der Schädelkalotte wird mit beiden Fingern (Fingerperkussion) durchgeführt — von vorn nach hinten und von hinten nach vorn über den gesamten Schädel.
3.2 Klopfschmerz der Kalotte
Der Klopfschmerz der Kalotte ist ein wichtiger klinischer Hinweis. Lokalisierter Klopfschmerz kann auf folgende Pathologien hindeuten:
- Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündung) — Klopfschmerz über den betroffenen Nebenhöhlen (Sinus frontalis, Sinus maxillaris)
- Mastoiditis — Klopfschmerz über dem Warzenfortsatz (Processus mastoideus)
- Traumatische Läsionen — Schädelprellung, Fraktur
4. Palpation der Trigeminusdruckpunkte
4.1 Anatomie der drei Trigeminusdruckpunkte
Die Palpation der Austrittspunkte des Nervus trigeminus (V. Hirnnerv) erfolgt an drei klassischen Druckpunkten. Diese werden mit zwei Fingern palpiert:
- 1. Druckpunkt — Stirn:
Foramen supraorbitale— Austritt des Nervus supraorbitalis (Ast V1, Ramus frontalis), am Oberrand der Orbita in der Mitte - 2. Druckpunkt — unterhalb der Orbita:
Foramen infraorbitale— Austritt des Nervus infraorbitalis (Ast V2, Ramus maxillaris), ca. 1 cm unterhalb des Unterrands der Orbita - 3. Druckpunkt — Kinn:
Foramen mentale— Austritt des Nervus mentalis (Ast V3, Ramus mandibularis), am Kinn
- Foramen supraorbitale — Nervus supraorbitalis
- Foramen infraorbitale — Nervus infraorbitalis
- Foramen mentale — Nervus mentalis
4.2 Klinische Bedeutung der Druckschmerzhaftigkeit
Eine Druckschmerzhaftigkeit an den Trigeminusdruckpunkten ist pathologisch und kann folgende Ursachen haben:
- Trigeminusneuralgie (Neuralgia nervi trigemini) — attackenartige, einseitige, blitzartige Schmerzen im Versorgungsgebiet des N. trigeminus, auslösbar durch Druck auf die Austrittspunkte
- Sinusitis — entzündliche Schwellung im Bereich der Nebenhöhlen, Schmerz über den Austrittspunkten, besonders V2 (Sinus maxillaris) und V1 (Sinus frontalis)
5. Inspektion der Mundhöhle und der Lippen
5.1 Beurteilung der Lippen
Bei der Inspektion der Lippen werden Farbe, Form und Veränderungen beurteilt:
- Zyanose der Lippen — Hinweis auf zentrale oder periphere Zyanose
- Herpes labialis — Herpes-simplex-Infektion mit Bläschenbildung an den Lippen
- Mikrostomie — verkleinerte Mundöffnung, z. B. bei systemischer Sklerose
- Schleimhautveränderungen im Bereich der Lippeninnenseite
5.2 Inspektion der Mundschleimhaut
Bei der Inspektion der Mundhöhle werden die Lippen, die Wangenschleimhaut, der Mundboden, der Gaumen (harter und weicher Gaumen), die Tonsillen sowie die Zunge systematisch untersucht.
5.3 Lateinische Fachbegriffe der Mundhöhle
- Labium / Labia — Lippe / Lippen
- Mundboden — Diaphragma oris
- Zahnfleisch — Gingiva
- Zungenrücken — Dorsum linguae
- Zungenunterfläche — Facies inferior linguae / Ventralfläche der Zunge
- Mandel / Gaumenmandel — Tonsilla palatina
- Wange / Backe — Bucca
- Zapfchen / Uvula — Uvula palatina
- Gaumenzäpfchen — Uvula
- Zunge — Lingua
6. Zahnstatus & Zahnfleisch (Gingiva)
6.1 Beurteilung des Zahnstatus
Zunächst wird der Patient aufgefordert, den Mund zu öffnen. Dann wird beurteilt:
- Vorhandensein und Zustand der Zähne (Karies, Füllungen, Prothesen, Zahnverlust)
- Verfärbungen der Zähne
- Lockerung der Zähne (Wackelzähne)
6.2 Zahnfleischbluten (Blutung der Gingiva)
Zahnfleischbluten ist ein häufiger pathologischer Befund mit wichtigen Differenzialdiagnosen:
- Vitamin-C-Mangel (Skorbut) — klassische Ursache, das Zahnfleisch ist geschwollen, dunkelrot und blutet leicht
- Leukämie — Blutungen der Schleimhaut und des Zahnfleischs durch Thrombozytopenie
- Medikamenteneinnahme — z. B. Antikoagulanzien (Marcumar), Thrombozytenaggregationshemmer (ASS)
- Leukämie — weitere Differenzialdiagnose, petechiale Blutungen, Schleimhautblutungen
6.3 Zahnfleischveränderungen
- Gingivahyperplasie — z. B. medikamenteninduziert (Phenytoin, Kalziumkanalblocker, Ciclosporin)
- Gingivitis — Zahnfleischentzündung, gerötet, geschwollen, blutend
- Parodontitis — Entzündung des Zahnhalteapparats mit Zahnlockerung
7. Schleimhaut & Beläge der Mundhöhle
7.1 Beurteilung der Schleimhaut
Die gesamte Mundschleimhaut wird auf Farbe, Feuchtigkeit (Austrocknung? Dehydratation?), Beläge und Verletzungen inspiziert.
7.2 Weißliche Beläge — Differenzialdiagnose
Eine sehr häufige Prüfungsfrage betrifft die Differenzierung weißlicher Beläge in der Mundhöhle:
| Befund | Charakteristika | Diagnose |
|---|---|---|
| Abwischbarer, weißer Belag | Abwischbar — Belag lässt sich mit dem Spatel entfernen | Soor (orale Candidose / Mundsoor) — Infektion mit Candida albicans |
| Nicht abwischbarer, festsitzender Belag | Nicht abwischbar — Belag bleibt auch nach Reiben mit dem Spatel auf der Schleimhaut | Leukoplakie — Präkanzerose! Obligate Abklärung erforderlich |
| Aphthen | Schmerzhafte, flache Ulzerationen mit erythematösem Hof | Aphthen — oft habituell, bei Morbus Crohn, Morbus Behçet, Zöliakie |
Antwort: Soor ist abwischbar (Belag lässt sich mit dem Spatel abstreifen), Leukoplakie ist nicht abwischbar (festsitzend). Probe: Mit Holzspatel über die Schleimhaut reiben — bei Soor geht der Belag weg, bei Leukoplakie bleibt er.
7.3 Soor (orale Candidose)
Der Soor (orale Candidose) ist eine Infektion mit Candida albicans. Er ist typischerweise abwischbar und kann an Wangenschleimhaut, Zunge, Gaumen und Tonsillen auftreten.
7.4 Mundsoor & Mundbodeninspektion
Eine besonders wichtige Aufgabe ist die Inspektion des Mundbodens (Diaphragma oris) und der Zungenunterseite, weil dort Karzinome entstehen können, die vom Patienten häufig nicht bemerkt werden.
8. Zungenuntersuchung
8.1 Inspektion der Zunge
Die Zunge wird auf Farbe, Oberfläche, Beläge, Beweglichkeit und Verletzungen beurteilt:
- Zungenbelag (weiß, gelb, braun) — Hinweis auf Soor, Tabakkonsum, Mundhygiene, Magen-Darm-Erkrankungen
- Zungenverfärbung — Himbeerzunge bei Scharlach, Lackzunge bei Vitamin-B12-Mangel, glatte Zunge bei Eisenmangel
- Atrophie der Zungenpapillen (Atrophie) — bei Vitaminmangel (B12, Folsäure, Eisen)
- Rhagaden (Fissuren, Risse) der Zungenoberfläche
- Beweglichkeit der Zunge — Hinweis auf Funktion des Nervus hypoglossus (XII. Hirnnerv)
8.2 Beurteilung des Zungenbändchens (Frenulum linguae)
Das Zungenbändchen (Frenulum linguae) wird beurteilt auf:
- Verkürzung (Ankyloglossum) — eingeschränkte Zungenbeweglichkeit
- Ulzerationen und Verletzungen
- Farbe und Spannung
8.3 Hypoglossusprüfung — Zungenabweichung
Zur Prüfung des Nervus hypoglossus (XII. Hirnnerv) wird der Patient aufgefordert, die Zunge herauszustrecken.
- Die Zunge weicht zur erkrankten (gelähmten) Seite ab — die gesunde Seite schiebt die Zunge zur kranken Seite
- Bei einseitiger Läsion: Abweichung zur erkrankten Seite
- Bei beidseitiger Läsion: Zunge kann nicht oder kaum herausgestreckt werden
Antwort: Zur erkrankten / gelähmten Seite (die gesunde Hälfte schiebt die Zunge zur kranken Seite).
9. Inspektion der Tonsillen
9.1 Beurteilung der Gaumenmandeln (Tonsillae palatinae)
Bei der Inspektion der Tonsillen wird geachtet auf:
- Größe — vergrößert bei chronischer Tonsillitis, akuter Tonsillitis, Mononukleose
- Rötung — Hinweis auf Entzündung (Tonsillitis / Angina tonsillaris)
- Beläge / Eiterstippchen (Eiter / Pus) — eitrige Tonsillitis, Streptokokken-Angina, Diphtherie (Pseudomembranen), Mononukleose (grau-weiße Beläge)
- Symmetrie — einseitige Schwellung kann auf einen Peritonsillarabszess hinweisen
9.2 Warnhinweis: Eiter in den Tonsillen
9.3 Differenzialdiagnose von Tonsillenbelägen
| Befund | Wahrscheinliche Diagnose |
|---|---|
| Eiterstippchen auf geröteten Tonsillen | Streptokokken-Angina / akute eitrige Tonsillitis |
| Grau-weiße, abwischbare Pseudomembranen, die beim Ablösen bluten | Diphtherie (Verdacht — sofortige Isolation und Therapie) |
| Grau-weiße, schmierige Beläge, beidseits vergrößerte Tonsillen, Lymphknoten | Mononukleose (Pfeiffer-Drüsenfieber, EBV) |
| Einseitige, hochrote Schwellung mit Vorwölbung des Gaumensegels | Peritonsillarabszess |
10. Präkanzerosen & Karzinome der Mundhöhle
Die Identifikation von Präkanzerosen und Frühstadien maligner Tumoren ist eine der wichtigsten Aufgaben der Mundhöhleninspektion.
10.1 Leukoplakie (Leukoplakia)
- Definition: Weißer, nicht abwischbarer Belag der Mundschleimhaut, der histologisch einer Präkanzerose entspricht
- Lokalisation: typisch an Wangenschleimhaut (Planum buccale), Mundboden, Zungenrand und Gaumen
- Bedeutung: fakultative Präkanzerose (Präkanzerosis) — kann in ein Plattenepithelkarzinom übergehen
10.2 Karzinome der Mundhöhle
Bei der Inspektion der Mundhöhle müssen insbesondere folgende Karzinome erkannt werden:
- Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle — häufigstes Karzinom der Mundhöhle, vor allem an Zungenrand, Mundboden und Tonsillen
- Zungenkarzinom (Karzinom der Zunge) — oft am Zungenrand, leicht zu übersehen
- Mundbodenkarzinom (Karzinom des Mundbodens) — am Mundboden, häufig erst spät erkannt
- Lippenkarzinom — an der Unterlippe, oft bei chronischer UV-Exposition und Tabakkonsum
10.3 Morbus Crohn — Mundhöhlenmanifestation
Eine seltene, aber prüfungsrelevante Manifestation des Morbus Crohn sind Veränderungen der Mundhöhle. Dazu zählen:
- Zahnlockerung und Zahnausfall — durch entzündliche Destruktion des Zahnhalteapparats
- Chronische Verletzungen der Mundschleimhaut — Aphten, Ulzerationen, schlecht heilende Wunden
- Pflastersteinrelief der Mundschleimhaut — pflastersteinartige Schleimhautveränderungen (analog zum typischen Befall des Darms)
10.4 Differentialdiagnose weiße Beläge — Zusammenfassung
- Soor (orale Candidose) — abwischbar, Belag lässt sich mit Spatel entfernen
- Leukoplakie — nicht abwischbar, fakultative Präkanzerose
- Aphten — schmerzhafte Ulzerationen mit erythematösem Hof
11. Kulissenphänomen & weitere Prüfungsfragen
11.1 Kulissenphänomen (Gaumensegelparese)
Das Kulissenphänomen (Kulissenphänomen) ist ein wichtiger Befund bei der Beurteilung des weichen Gaumens (Velum palatinum, Gaumensegel).
- Definition: Bei einseitiger Lähmung des weichen Gaumens weicht das Gaumensegel beim Phonation (Phonation, „Aaaa sagen") zur gesunden Seite ab
- Ursache: Die gesunde Seite hebt das Gaumensegel an, die gelähmte Seite bleibt unten — es entsteht der Eindruck einer „verschobenen Kulisse" wie im Theater
- Zuständige Nerven: Nervus glossopharyngeus (IX. Hirnnerv) — sensible Versorgung; Nervus vagus (X. Hirnnerv) — motorische Versorgung über den Plexus pharyngeus
Antwort: Einseitige Lähmung des weichen Gaumens → Abweichung zur gesunden Seite beim Phonieren. Beteiligt: N. glossopharyngeus (IX) und N. vagus (X). Wichtig: Manche Lehrbücher führen nur den N. vagus an, da er die motorische Versorgung des Gaumensegels übernimmt.
11.2 Häufige Prüfungsfragen — Übersicht
- Trigeminusdruckpunkte: Welche Foramina kennen Sie? Welche Nerven treten dort aus? (Foramen supraorbitale / infraorbitale / mentale)
- Zyanose: Welche Formen kennen Sie? Wie differenzieren Sie diese? (peripher / zentral, Low-Test, Recap-Test)
- Akromegalie: Welche charakteristischen Gesichtszüge sehen Sie? (Vergröberung, Kuhle an der Stirn)
- Parkinson: Welche Veränderungen der Mimik sehen Sie? (Hypomimie, Maskengesicht)
- Zahnfleischbluten: Welche Differenzialdiagnosen haben Sie? (Vitamin-C-Mangel, Leukämie, Antikoagulanzien)
- Weiße Beläge: Wie unterscheiden Sie Soor von einer Leukoplakie? (abwischbar vs. nicht abwischbar)
- Präkanzerosen: Nennen Sie Beispiele aus der Mundhöhle! (Leukoplakie)
- Zungenabweichung: Wohin weicht die Zunge bei einer Hypoglossusläsion? (zur erkrankten Seite)
- Kulissenphänomen: Was ist das, welche Hirnnerven sind beteiligt?
- Morbus Crohn: Welche Veränderungen finden sich in der Mundhöhle? (Zahnausfall, chronische Verletzungen, Pflastersteinrelief, Aphten)