Klinische Knieuntersuchung
1. Einstieg in die Knieuntersuchung — D-Arzt-Frage
Die Knieuntersuchung ist ein sehr prüfungsrelevantes Thema. Häufig wird in der Prüfung ein Fall beschrieben, in dem der Patient auf das Knie gefallen ist — zum Beispiel: „Ein Patient war auf der Arbeit und ist auf das Knie gefallen, dann ging er zum D-Arzt." Hierzu kommen typische Fragen:
- Was ist ein D-Arzt?
- Was ist seine Aufgabe?
- Wer trägt die Kosten (= Berufsgenossenschaft, BG)?
2. Inspektion
Die Inspektion umfasst laut IMPP:
- Gender-Patient (Geschlecht des Patienten)
- Standing-Patient (Patient im Stehen)
3. Beinachsenfehlstellungen (Genu valgum / Genu varum)
Bei der Inspektion werden die Beinachsen beurteilt. Wichtige Achsenfehlstellungen:
| Bezeichnung | Beschreibung | Umgangssprachlich |
|---|---|---|
| Genu varum | O-Bein (nach medial konvex) | „O-Bein" |
| Genu valgum | X-Bein (nach lateral konvex) | „X-Bein" |
| Genu recurvatum | Überstreckung des Kniegelenks | — |
4. Muskulatur — M. quadriceps femoris
Bei der Inspektion wird besonders auf den M. quadriceps femoris (vierköpfiger Oberschenkelmuskel) geachtet. Beurteilt werden:
- Atrophie (Muskelverschmächtigung)
- Hypertrophie (Muskelvergrößerung)
Vier Teile des M. quadriceps femoris:
- M. rectus femoris
- M. vastus medialis
- M. vastus lateralis
- M. vastus intermedius
5. Schwellung — Inspektion auf Schwellung
Bei der Inspektion wird auf Folgendes geachtet:
- Schwellung
- Hämatom (Bluterguss)
- Erguss (Flüssigkeitsansammlung im Gelenk)
6. Tanzende Patella — Nachweis eines Gelenkergusses
Die tanzende Patella (auch „Patella-Tanz" oder „ballottement") ist ein einfacher, aber sehr wichtiger Test zum Nachweis eines Kniegelenksergusses.
6.1 Durchführung — „Ausräumungs-Manöver"
- Mit der linken Hand wird von oben (Oberschenkel) nach unten (Richtung Knie) gestrichen (Ausräumung).
→ Dadurch wird die Flüssigkeit im Recessus suprapatellaris in Richtung Kniegelenk gestrichen / ausgeräumt. - Mit dem Zeigefinger der rechten Hand wird von unten auf die Patella geklopft (Perkussion).
- Wenn ein Erguss vorhanden ist, „tanzt" die Patella — sie bewegt sich federnd gegen den Finger.
- Linke Hand streicht von proximal nach distal (Oberschenkel → Knie)
- Rechte Hand perkutiert die Patella von unten
- Positives Zeichen = „tanzende" Patella = Erguss
6.2 Thrust-Test (Talatschiance-Test)
Alternative Methode:
- Zeigefinger und Daumen umgreifen die Patella wie einen „Gänseschnabel" (oder „Zange").
- Der Patient wird aufgefordert, den M. quadriceps anzuspannen.
- Wird der Muskel angespannt, fixiert sich die Patella und ist nicht mehr ballotierbar.
- Pathologisch: Schmerzen beim Anspannen → Hinweis auf retropatellare Arthrose oder Synovialitis.
7. Palpation
Bei der Palpation werden systematisch untersucht:
- Patella (Verschieblichkeit, Druckschmerz)
- Gelenkspalt (medial und lateral)
- Kollateralbänder
- Sehnenansätze
- Muskulatur (Vastus medialis bei chronischer Läsion!)
- Lokale Schwellungen / Hämatome
8. Bewegungsumfang — Neutral-Null-Methode
Die Beweglichkeit des Kniegelenks wird nach der Neutral-Null-Methode dokumentiert:
- Extension / Streckung = 0° (normal)
- Flexion / Beugung = ca. 130–150° (normal)
Beispiele für die Notation:
- Normalbefund: Extension/Flexion = 0°–0°–130°
- Streckhemmung: z. B. 0°–10°–90° (10° Streckdefizit, 90° Beugung)
- Beugehemmung: z. B. 0°–0°–90° (nur bis 90° beugbar)
9. Funktionstests
Die spezifischen Funktionstests des Kniegelenks umfassen:
- Stabilitätstests der Bänder (Schublade, Lachman, Pivot-Shift, Gravitiy Sign)
- Meniskustests (Steinmann I + II, Böhler, Apley, Payr, McMurray)
- Kollateralbandtests (Valgus-/Varus-Stresstest)
10. Schubladentest (vorderer / hinterer)
Der Schubladentest prüft die Stabilität der Kreuzbänder.
10.1 Durchführung
- Der Untersucher sitzt auf dem Untersuchungstisch und fixiert den Fuß des Patienten zwischen den eigenen Beinen.
- Hygiene-Hinweis (Robert-Koch-Institut): Das Sitzen auf der Untersuchungsliege ist hygienisch nicht einwandfrei, hinterlässt aber einen sehr guten Eindruck beim Prüfer — vermittelt Souveränität und Routine.
- Das Knie wird in 90°-Beugung positioniert.
- Mit beiden Hände wird der Oberrand der Tibia gefasst.
- Es wird nach vorne (vordere Schublade) und nach hinten (hintere Schublade) gezogen / geschoben.
10.2 Beurteilung
| Befund | Bedeutung |
|---|---|
| Vordere Schublade positiv | Vorderes Kreuzband (VKB) gerissen |
| Hintere Schublade positiv | Hinteres Kreuzband (HKB) gerissen |
| Schublade negativ | Beide Kreuzbänder intakt |
- Ligamentum cruciatum anterius (vorderes Kreuzband)
- Ligamentum cruciatum posterius (hinteres Kreuzband)
11. Lachman-Test
Der Lachman-Test ist der empfindlichste Test für eine Ruptur des vorderen Kreuzbandes.
11.1 Durchführung
- Das Knie wird in leichte Beugung (ca. 20–30°) gebracht — nicht in 90°!
- Eine Hand fixiert den Oberschenkel distal.
- Die andere Hand greift den Oberrand der Tibia und zieht diese nach vorne.
11.2 Beurteilung
- Positiv: Deutliches Vorwärtsgleiten der Tibia → VKB-Ruptur
- Negativ: Kein / kaum Gleiten → VKB intakt
12. Pivot-Shift-Test
Der Pivot-Shift-Test (auch: Jakob-Test) prüft die anterolaterale Rotationsinstabilität bei VKB-Ruptur.
12.1 Durchführung
- Das Knie wird in Extension gehalten.
- Auf das Fibulaköpfchen wird ein valgusgerichteter Druck ausgeübt.
- Gleichzeitig wird der Unterschenkel innenrotiert.
- Anschließend wird das Knie langsam gebeugt.
12.2 Beurteilung
- Positiv: Bei ca. 30° Beugung „springt" der laterale Femurkondylus mit einem spür- oder sichtbaren Ruck wieder in seine normale Position → VKB-Ruptur mit anterolateraler Instabilität
13. Gravitiy Sign (Schwerkraft-Zeichen)
Das Gravity Sign (auch: Godfrey-Test / hintere Schublade in 90°) prüft das hintere Kreuzband (HKB).
13.1 Durchführung
- Der Patient liegt auf dem Rücken.
- Hüfte und Knie werden in 90° gebeugt, die Füße zeigen nach oben.
- Untersucher stützt die Füße / lässt den Unterschenkel in dieser Position.
13.2 Beurteilung
- Positiv: Die Tibia „fällt" der Schwerkraft folgend nach hinten (sichtbares Zurücksinken gegenüber dem gesunden Bein) → HKB-Ruptur
- Das unverletzte Bein dient als Vergleich.
14. Meniskusuntersuchung — Übersicht
Zur Meniskusdiagnostik stehen mehrere spezifische Tests zur Verfügung:
| Test | Prüft |
|---|---|
| Steinmann I | Schmerz am Gelenkspalt bei Drehbewegung |
| Steinmann II | Wandernder Druckschmerz am Gelenkspalt |
| Böhler-Test | Schmerz bei Varus- / Valgusstress |
| Apley-Grinding-Test | Meniskus unter Druck (Bauchlage) |
| Payr-Test | Schmerz im Schneidersitz (medialer Meniskus) |
| McMurray-Test | Schnappen bei Rotation/Flexion |
15. Steinmann I und Steinmann II
15.1 Steinmann I
- Das Knie wird in 90°-Beugung gehalten.
- Der Untersucher führt passive Rotationsbewegungen (Innen- und Außenrotation) des Unterschenkels durch.
- Schmerz am medialen Gelenkspalt bei Außenrotation → Medialer Meniskus verletzt.
- Schmerz am lateralen Gelenkspalt bei Innenrotation → Lateraler Meniskus verletzt.
15.2 Steinmann II
- Bei zunehmender Beugung wandert der Druckschmerz am Gelenkspalt nach dorsal.
- Bei zunehmender Streckung wandert er nach ventral.
- Dieses „Wandern" ist pathognomonisch für eine Meniskusläsion.
16. Böhler-Test
Der Böhler-Test prüft die Kollateralbänder und die Menisken indirekt mit.
16.1 Durchführung
- Das Knie wird in leichte Beugung (ca. 20–30°) gebracht — nicht in voller Streckung!
- Begründung: In voller Streckung sind die hinteren Kapselanteile angespannt und maskieren eine Bandinstabilität.
- Es wird ein Varusstress (= Kraft nach medial) und Valgusstress (= Kraft nach lateral) ausgeübt.
16.2 Beurteilung
| Befund | Bedeutung |
|---|---|
| Aufklappbarkeit medial bei Valgusstress | Innenband (Lig. collaterale mediale / tibiale) verletzt |
| Aufklappbarkeit lateral bei Varusstress | Außenband (Lig. collaterale laterale / fibulare) verletzt |
| Schmerz am Gelenkspalt ohne Aufklappbarkeit | Meniskusläsion (Kompression) |
17. Apley-Grinding-Test
Der Apley-Grinding-Test (auch: Apley-Compression-Test) prüft den Meniskus unter Kompression.
17.1 Durchführung
- Bauchlage des Patienten.
- Das Knie wird in 90°-Beugung gebracht.
- Der Untersucher drückt den Unterschenkel nach unten (= Kompression des Kniegelenks) und rotiert gleichzeitig.
- Schmerz bei Kompression + Rotation → Meniskusläsion.
18. Payr-Test und Zohlen-Zeichen
18.1 Payr-Test
- Der Patient sitzt im Schneidersitz.
- Dadurch wird der mediale Gelenkspalt unter Druck / Zug belastet.
- Schmerz am medialen Gelenkspalt → Hinweis auf Schaden am medialen Meniskus (insbesondere Hinterhorn).
18.2 Zohlen-Zeichen
- Patient liegt auf dem Rücken, Knie gestreckt.
- Der Untersucher schiebt die Patella nach distal (fußwärts) und fordert den Patienten auf, den M. quadriceps anzuspannen.
- Schmerz unter der Patella → Hinweis auf retropatellare Arthrose oder Chondromalazie der Patella.
19. Kollateralbänder — Valgus- und Varusstresstest
Die Seitenbänder werden durch Valgus- und Varusstresstest geprüft.
| Stress | Geprüftes Band | Lateinisch |
|---|---|---|
| Valgusstress (Kraft nach lateral) | Innenband (= mediales Kollateralband) | Lig. collaterale mediale (tibiale) |
| Varusstresstest (Kraft nach medial) | Außenband (= laterales Kollateralband) | Lig. collaterale laterale (fibulare) |
19.1 Untersuchung in Streckung und in 30°-Beugung
- In Streckung (0°): Aufklappbarkeit spricht für schwere Verletzung mit Beteiligung der Kapsel und/oder der Kreuzbänder.
- In 30°-Beugung: Isolierte Prüfung der Seitenbänder (Kapsel und Kreuzbänder entspannt).
20. Atrophie und Hypertrophie der Muskulatur
Die Beurteilung der Oberschenkelmuskulatur ist ein wichtiger Bestandteil der Inspektion.
20.1 Atrophie (Muskelverschmächtigung)
- Eine Atrophie des M. vastus medialis deutet auf eine ältere / chronische Verletzung hin (z. B. lange bestehender Meniskusschaden).
- Akute Verletzungen zeigen in der Regel noch keine Atrophie.
20.2 Hypertrophie (Muskelvergrößerung)
- Kann physiologisch sein (Sport, Training) oder kompensatorisch bei Überlastung der Gegenseite.
21. Gangbild und Trendelenburg-Zeichen
Die Inspektion umfasst auch die Gangbeobachtung:
21.1 Trendelenburg-Zeichen
Das Trendelenburg-Zeichen ist ein Stand auf einem Bein. Es testet die Glutealmuskulatur.
- Normal: Becken bleibt horizontal beim Einbeinstand → Glutealmuskulatur intakt.
- Pathologisch: Becken kippt zur gesunden Seite ab → Schwäche der Glutealmuskulatur auf der Standbeinseite (= Trendelenburg-Hinken).
21.2 Glutealmuskulatur — Übersicht
| Muskel | Bedeutung |
|---|---|
| M. gluteus maximus | Strecker im Hüftgelenk |
| M. gluteus medius | Abduktor, Beckenstabilisator im Stand → Trendelenburg! |
| M. gluteus minimus | Tiefer Abduktor |
22. Lateinische Fachbegriffe — prüfungsrelevante Anatomie
| Deutsch | Lateinisch |
|---|---|
| Vorderes Kreuzband | Ligamentum cruciatum anterius |
| Hinteres Kreuzband | Ligamentum cruciatum posterius |
| Innenband / mediales Kollateralband | Ligamentum collaterale mediale (tibiale) |
| Außenband / laterales Kollateralband | Ligamentum collaterale laterale (fibulare) |
| Innenmeniskus / medialer Meniskus | Meniscus medialis |
| Außenmeniskus / lateraler Meniskus | Meniscus lateralis |
| Vierköpfiger Oberschenkelmuskel | Musculus quadriceps femoris |
| Kniescheibe | Patella |
| O-Bein | Genu varum |
| X-Bein | Genu valgum |
| Schienbein | Tibia |
| Wadenbein | Fibula |
23. Wichtige Prüfungsfragen — Schnellübersicht
23.1 Was ist ein D-Arzt? Wer trägt die Kosten?
- D-Arzt (Durchgangsarzt) = erster Ansprechpartner für Arbeitsunfälle.
- Entscheidet über allgemeine oder besondere Heilbehandlung.
- Kosten trägt die Berufsgenossenschaft (BG).
23.2 Was prüfen Sie bei der Inspektion?
- Beinachse (Genu varum / valgum)
- Muskelkontur (Atrophie / Hypertrophie des M. quadriceps femoris)
- Haut (Rötung, Hämatom, Schwellung)
- Patella (Luxation / Subluxation)
23.3 Was ist die tanzende Patella? Wie wird sie durchgeführt?
- Test auf Kniegelenkserguss.
- Linke Hand streicht von proximal nach distal (Ausräumung).
- Rechte Hand perkutiert die Patella.
- Positives Zeichen = Patella „tanzt" → Erguss.
23.4 Nennen Sie die Tests für die Kreuzbänder!
- Vorderes Kreuzband: Schubladentest, Lachman-Test, Pivot-Shift-Test
- Hinteres Kreuzband: hintere Schublade, Gravity Sign (Godfrey-Test)
23.5 Nennen Sie die Tests für die Menisken!
- Steinmann I (Rotation in 90°)
- Steinmann II (Wandernder Druckschmerz)
- Böhler-Test (Varus-/Valgusstress in 20–30° Beugung)
- Apley-Grinding (Kompression + Rotation in Bauchlage)
- Payr-Test (Schneidersitz)
23.6 Welche lateinischen Begriffe müssen Sie kennen?
- Ligamentum cruciatum anterius / posterius
- Ligamentum collaterale mediale / laterale
- Meniscus medialis / lateralis
- Musculus quadriceps femoris
- Genu varum / valgum
23.7 Warum Meniskus medial häufiger verletzt?
Der mediale Meniskus ist ein mondförmiges (sichelförmiges), schmales Vorder- und breites Hinterhorn. Er ist am medialen Seitenband fixiert. Aus diesem Grund ist er ca. 20-mal verletzungsanfälliger als der laterale Meniskus.
Der laterale Meniskus hat eine größere Beweglichkeit und ist nicht fixiert — er kann Verletzungen besser „ausweichen".
23.8 Welche zwei Dinge prüfen Sie beim Böhler-Test?
- Aufklappbarkeit (Instabilität des Kollateralbands)
- Schmerz am Gelenkspalt (Hinweis auf Meniskusläsion)
23.9 Wie unterscheiden Sie akute vs. chronische Verletzung?
- Akut: keine wesentliche Atrophie, Hämatom, Schwellung frisch
- Chronisch: Atrophie des M. vastus medialis, rezidivierende Ergüsse
23.10 Was ist das Trendelenburg-Zeichen?
- Einbeinstand: Becken kippt zur Gesundseite ab → Schwäche des M. gluteus medius auf der Standbeinseite.