Persönliches Lernmaterial: Diese Zusammenfassung dient der Prüfungsvorbereitung und ersetzt weder offizielle Vorgaben noch eine individuelle ärztliche Beratung.

1Allgemeine Hinweise zur klinischen Untersuchung

Die klinische Untersuchung ist weit mehr als eine rein medizinische Pflichtübung. Sie signalisiert dem Prüfer unmittelbar die klinische Erfahrung und Professionalität eines Arztes. Ein souveränes Auftreten während der Untersuchung kann die Dynamik der Prüfung positiv beeinflussen, Vertrauen schaffen und zu einer wohlwollenderen Atmosphäre führen.

Der Prüfer (Provisor) beurteilt durch die klinische Untersuchung, ob der Kandidat tatsächlich Patienten untersucht oder nur theoretisches Wissen besitzt. Der Patient wird am Ende der Prüfung vom Prüfungsausschuss befragt: „Wie war die Kommunikation mit diesem Arzt? Vertrauen Sie ihm?"

Warum ist die KU so entscheidend?

  • Erster Eindruck zählt: Die Art und Weise, wie der Kandidat die KU durchführt, prägt die gesamte Prüfungsdynamik.
  • Theorie vs. Praxis: Der Prüfer erkennt sofort, ob der Kandidat regelmäßig Patienten untersucht oder nur aus Büchern lernt.
  • Kommunikation: Durch die Interaktion mit dem Patienten kann der Prüfer die kommunikativen Fähigkeiten beurteilen.
  • Vertrauen aufbauen: Ein freundlicher, respektvoller Umgang mit dem Patienten schafft eine positive Grundstimmung.

Praktische Übung ist unverzichtbar: Theoretisches Wissen muss intensiv und wiederholt in der Praxis geübt werden – an Patienten, Kollegen, Familienmitgliedern oder Freunden. Je mehr Personen Sie untersuchen, desto sicherer und routinierter werden Sie.

Häufiger Fehler: Viele Kandidaten haben die theoretischen Kenntnisse perfekt, bestehen die Prüfung aber dennoch nicht, weil ihre praktischen Fähigkeiten mangelhaft sind. Unterschätzen Sie die KU niemals!


2Kleidung & Erscheinungsbild

Äußere Faktoren wie angemessene Kleidung, Hygiene und ein gepflegtes Erscheinungsbild senden entscheidende Signale für die Ernsthaftigkeit und Fachkompetenz des Kandidaten. Dies wurde vom Prüfungsausschuss ausdrücklich betont.

Kleidung

  • Formelle, professionelle Kleidung – kein Freizeitlook, kein „Party-Outfit".
  • Saubere, gebügelte Kleidung – keine Flecken, keine offenen Knöpfe.
  • Knöpfe immer geschlossen – ein offener Hemd-/Kittelknopf wirkt unprofessionell.
  • Keine Sportschuhe, keine Flip-Flops; angemessene, saubere Schuhe tragen.
  • Übergewichtige Kandidaten sollten darauf achten, dass die Kleidung nicht zu eng ist.

Uhrwerk

Wichtig: Die Uhr muss abgelegt werden! Der Prüfer bewertet die Einhaltung der Hygiene-Standards. Die Uhr kann Keime übertragen und behindert die Untersuchung. Ebenso sollten Ringe und Schmuck (außer ggf. ein schlichtes Armband) abgelegt werden.

Körperpflege

  • Frisur gepflegt – keine ungepflegten Haare.
  • Kein auffälliger Parfüm-/Deodorantgeruch – neutral, angenehm. Starker Geruch kann die Prüfungskommission negativ beeinflussen.
  • Kein übermäßiger Schweißgeruch – vor der Prüfung duschen und frische Kleidung anziehen.
  • Fingernägel kurz und sauber geschnitten – lange Nägel können den Patienten verletzen.
  • Gut ausgeruht und ausgeschlafen zur Prüfung erscheinen.

Prüfungsausschuss-Hinweis: Wenn Kandidaten in unangemessener Kleidung erschienen (z. B. Jeans, Turnschuhe, „Party-Outfit"), wurde dies explizit im Feedback erwähnt. Professionelles Auftreten ist ein bewertungsrelevanter Faktor.


3Hygiene & Händedesinfektion

Die Händedesinfektion ist einer der wichtigsten ersten Schritte vor jeder klinischen Untersuchung und wird vom Prüfer genau beobachtet.

Korrekte Technik: Ellbogentechnik

Die Händedesinfektion erfolgt mit dem Ellenbogen – nicht mit den Händen direkt aus dem Spender. So wird vermieden, dass die frisch desinfizierten Hände durch Berührung des Spenders wieder kontaminiert werden.

  1. Hände aus dem Spender mit dem Ellenbogen betätigen – der Spender wird mit dem Ellenbogen gedrückt.
  2. Desinfektionsmittel in die hohle Hand geben – ausreichend Menge (ca. 3–5 ml).
  3. Alle Flächen der Hände einreiben: Handflächen, Handrücken, Fingerzwischenräume, Daumen, Fingerspitzen und Nagelbereiche.
  4. Einwirkzeit beachten (mindestens 30–60 Sekunden, je nach Produkt).
  5. Hände trocknen lassen – nicht abtrocknen oder abwischen.

Wann ist Händedesinfektion notwendig?

  • Immer vor dem ersten Patientenkontakt – zu Beginn der KU.
  • Vor jeder invasiven Maßnahme (Blutabnahme, Katheterisierung etc.).
  • Nach Kontakt mit potenziell infektiösem Material.
  • Vor dem Anlegen von Einmalhandschuhen.

Dozenten-Tipp: Handschuhe sind bei der klinischen Untersuchung nicht zwingend erforderlich, wenn keine invasive Maßnahme durchgeführt wird. Konzentrieren Sie sich auf die korrekte Händedesinfektion – dies zeigt Professionalität.

Prüfungsrelevant: Der Prüfer achtet besonders auf die Ellbogentechnik bei der Händedesinfektion. Eine falsche Ausführung kann negativ bewertet werden. Machen Sie es sich zur Gewohnheit, den Spender mit dem Ellenbogen zu bedienen.


4Umgang mit dem Patienten

Der respektvolle, empathische Umgang mit Patienten ist ein zentrales Bewertungskriterium. Die Patienten werden nach der Untersuchung vom Prüfungsausschuss befragt: „Wie war Ihre Kommunikation mit diesem Arzt? Haben Sie ihm vertraut?"

Grundsätze der Patientenkommunikation

  • Respekt und Höflichkeit: Den Patienten immer mit Respekt behandeln, nie herablassend oder ungeduldig wirken.
  • Erklären Sie jeden Schritt: Sagen Sie dem Patienten, was Sie als Nächstes tun werden, bevor Sie es tun.
  • „Herr Kowalski, ich untersuche jetzt Ihren Brustkorb und Rücken" – diese Ankündigungen schaffen Vertrauen.
  • Auf Beschwerden eingehen: Wenn der Patient Schmerzen äußert, reagieren Sie angemessen.
  • Persönliche Note: Fragen Sie den Patienten, wie es ihm geht – zeigen Sie echtes Interesse.
  • Keine rein mechanische Untersuchung: Der Patient soll sich gut aufgehoben fühlen.

Beispielhafte Formulierungen

„Guten Tag, Herr/Frau [Name]. Ich bin [Ihr Name], Assistenzarzt/Ärztin. Ich werde Sie jetzt untersuchen. Bitte sagen Sie mir Bescheid, wenn Ihnen etwas unangenehm ist oder Sie Schmerzen haben."

„Ich schaue mir jetzt Ihren Brustkorb an. Atmen Sie bitte ruhig weiter."

Prüfungsrelevant: Am Ende der Prüfung bewertet der Prüfungsausschuss den Kandidaten auch anhand des Feedbacks des Patienten. Freundlicher, professioneller Umgang mit dem Patienten ist ein Muss!

Dozenten-Tipp: Wenn Sie vor der eigentlichen Prüfung bereits mit dem Patienten interagieren (Anamnese erheben, Vitalzeichen messen), nutzen Sie diese Zeit, um eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Der Patient wird später gefragt: „Würden Sie diesem Arzt als Hausarzt vertrauen?"


5Strukturierte Patienten-Vorstellung (Synoptische Vorstellung)

Wenn die Prüfungskommission eintrifft, fordert sie den Kandidaten auf: „Stellen Sie den Patienten vor!" (stellen Sie den Patienten vor). Die Vorstellung erfolgt in 2–4 Minuten und folgt einer festen Struktur. Auf YouTube finden Sie Beispielvideos zur „synoptischen Vorstellung".

Struktur der Patienten-Vorstellung

  1. Patientenidentifikation: Name, Alter, Geschlecht, Station.
  2. Grund der Aufnahme (Aufnahmegrund): Warum wurde der Patient ins Krankenhaus aufgenommen?
  3. Aktuelle Krankheitsgeschichte (Anamnese): Wichtige Beschwerden und Symptome.
  4. Diagnose(n): Was wurde festgestellt (Hauptdiagnose, ggf. Nebendiagnosen)?
  5. Pathologische Befunde: Relevante Untersuchungsbefunde (z. B. Laborwerte, bildgebende Verfahren).
  6. Therapie und Verlauf: Welche Behandlung wurde eingeleitet? Wie ist der bisherige Verlauf?
  7. Besonderheiten während des Aufenthalts: Gab es Komplikationen, neue Symptome oder besondere Ereignisse?

Synoptische Vorstellung – Zeitmanagement: Die gesamte Vorstellung sollte 2–4 Minuten dauern. Der Prüfer beurteilt anhand dieser Vorstellung sofort Ihre Struktur, klinische Denkfähigkeit und Kommunikationskompetenz. Üben Sie diese Vorstellung regelmäßig.

Prüfungsrelevant: Eine klare, strukturierte Vorstellung signalisiert dem Prüfer, dass Sie den Patienten wirklich kennen und klinisch denken können. Unstrukturierte, verwirrte Vorstellungen werden negativ bewertet.


6Ganzkörperstatus (Allgemeine Untersuchung)

Der Ganzkörperstatus ist die systematische Untersuchung des gesamten Körpers und umfasst die klassischen Schritte: Inspektion, Palpation, Perkussion und Auskultation. Vor jeder Untersuchung muss der Patient informiert und um Zustimmung gebeten werden.

Bestandteile des Ganzkörperstatus

ParameterMessung / BefundKlinische Relevanz
Allgemeinzustand (AZ)Gut / Reduziert / Stark reduziertGesamteindruck des Patienten
ErnährungszustandNormal / Unter-/Übergewicht / AdipositasBMI-Berechnung
KörpertemperaturAfebril / Febril / Hyper-/HypothermieInfektionen, Entzündungen
Puls (Herzfrequenz)Schlagzahl/min, Rhythmus, QualitätHerz-Kreislauf-Status
BlutdruckSystolisch / Diastolisch (mmHg)Hyper-/Hypotonie, Kreislauf
AtemfrequenzAtemzüge/min, AtemtypAtemwegs-/Lungenerkrankungen
Sauerstoffsättigung (SpO₂)%, Atemluft / RaumluftAtemfunktion, Oxygenierung
Größe & Gewichtcm / kg → BMIAdipositas, Mangelernährung
Bewusstseinszustand→ s. Abschnitt BewusstseinNeurologischer Status
Haut (Inspektion)→ s. Abschnitte Haut / TurgorDehydratation, Ikterus, Zyanose

Body-Mass-Index (BMI)

Formel: BMI = Gewicht (kg) / Größe² (m²)

Beispiel: Ein Patient mit 80 kg und 1,75 m Größe: BMI = 80 / (1,75)² = 26,1 (Übergewicht).

BMI-KategorieWert (kg/m²)Klinische Bedeutung
Untergewicht< 18,5Malnutrition, Anorexie, chronische Erkrankungen
Normalgewicht18,5 – 24,9Optimaler Bereich
Übergewicht25 – 29,9Präadipositas, erhöhtes Risiko
Adipositas Grad I30 – 34,9Erhöhtes Risiko für Stoffwechselerkrankungen
Adipositas Grad II35 – 39,9Hohes Risiko
Adipositas Grad III≥ 40Sehr hohes Risiko; OP-Indikation möglich

Prüfungsrelevant: Die BMI-Berechnung ist ein häufiger Prüfungsgegenstand. Berechnen Sie den BMI immer korrekt und kennen Sie die Kategorien auswendig. Bei adipösen Patienten werden oft Fragen zur Adipositas-Chirurgie (Sleeve-Gastrektomie, Magenbypass) gestellt.


7Bewusstseinszustand

Die Beurteilung des Bewusstseinszustands erfolgt schrittweise und folgt einer festen Hierarchie. Der Patient wird von der einfachsten bis zur tiefsten Reizstufe beurteilt.

Stufen der Bewusstseinsprüfung

  1. Ansprache (Orientierung): „Herr/Frau [Name], können Sie mich hören? Wie heißen Sie? Welcher Tag ist heute?"
  2. Reaktion auf Ansprache: Öffnet der Patient die Augen, spricht oder bewegt sich bei Ansprache?
  3. Reaktion auf Schmerzreiz (starke Reize): Sanfter Schmerzreiz (z. B. Schütteln, Anrede).
  4. Stupor / Reaktion auf stärksten Schmerzreiz: Keine Reaktion auf Ansprache, aber Reaktion auf starken Schmerzreiz (z. B. Nasenflügeln, Druck auf Nagelbett).
  5. Koma: Keinerlei Reaktion auf Schmerzreize.

Deutsche Begriffe:

  • Ansprechbar – reagiert auf Ansprache
  • Somnolent – schläfrig, aber erweckbar
  • Soporös – nur durch starke Reize erweckbar
  • Komatös – nicht erweckbar, keine Reaktion

Prüfungsrelevant: Die korrekte Reihenfolge der Bewusstseinsprüfung (Ansprache → Reaktion auf Ansprache → stärkster Schmerzreiz) ist prüfungsrelevant. Kennen Sie die deutschen Fachbegriffe für die verschiedenen Bewusstseinsstufen.


8Hautinspektion im Detail

Die Haut ist der Spiegel der inneren Organe. Bei der klinischen Untersuchung wird die Haut immer inspiziert. Es gibt keinen Befund, der pauschal als „normal" abgetan werden darf. Jeder Befund muss dokumentiert und beschrieben werden.

Grundsatz

NIEMALS „normale Haut" sagen! Auch bei unauffälliger Haut muss der Befund positiv beschrieben werden, z. B.: „Haut ohne pathologische Veränderungen, kein Exanthem, keine Narben, keine Verfärbungen, normales Hautkolorit."

Was wird bei der Hautinspektion beurteilt?

  • Hautturgor (Zeichen der Dehydratation)
  • Ödeme (Schwellungen)
  • Hautverfärbungen: Ikterus (Gelbsucht), Zyanose (Blaufärbung), Pallor (Blässe)
  • Exantheme / Hautausschläge
  • Ekchymosen / Hämatome
  • Nävi (Leberflecke/Muttermale)
  • Hämangiome (Blutschwämme)
  • Haarverteilung (Behaarungsmuster)
  • Operationsnarben

9Hautturgor & Dehydratationszeichen

Der Hautturgor ist ein wichtiger klinischer Parameter zur Beurteilung des Flüssigkeitshaushalts eines Patienten. Er wird an der Stirn oder am Handrücken geprüft.

Durchführung

  1. Hautfalte an der Stirn oder am Handrücken bilden.
  2. Hautfalte loslassen und beobachten, wie schnell sie zurückkehrt.
  3. Normaler Turgor: Hautfalte kehrt sofort zurück.
  4. Verminderter Turgor (Dehydratation): Hautfalte bleibt kurz stehen, kehrt verzögert zurück.

Klinische Bedeutung

BefundKlinische InterpretationMögliche Ursachen
Normaler TurgorGuter Hydratationszustand
Verminderter TurgorDehydratationErbrechen, Durchfall, Fieber, Verbrennungen, mangelnde Flüssigkeitszufuhr
Stehende HautfalteSchwere DehydratationExsikkose, Notfall!
Ödem (Schwellung)FlüssigkeitseinlagerungHerzinsuffizienz, Nierenerkrankung, Leberzirrhose, venöse Insuffizienz

Prüfungsrelevant: Der verminderte Hautturgor ist ein klassisches Zeichen der Dehydratation (Exsikkose). Dies wird besonders bei geriatrischen Patienten und bei Erkrankungen mit Flüssigkeitsverlust geprüft. Beschreiben Sie den Befund immer positiv – z. B.: „Hautturgor zeitgerecht, kein Anhalt für Dehydratation."


10Ödeme & Verfärbungen

Ödeme (Wassereinlagerungen)

Ödeme entstehen durch Flüssigkeitseinlagerung im Interstitium. Sie werden nach Lokalisation, Konsistenz und Eindrückbarkeit klassifiziert.

Ödem-TypLokalisationUrsachen
Peripheres ÖdemUnterschenkel, FußknöchelHerzinsuffizienz, Veneninsuffizienz, Nierenerkrankung
Generalisiertes Ödem (Anasarka)GanzkörperSchwere Herz-/Niereninsuffizienz, Leberzirrhose
LungenödemLunge (radiologisch)Linksherzinsuffizienz, ARDS
Prätibiales ÖdemSchienbein (eindrückbar)Rechtsherzinsuffizienz, Hypalbuminämie

Hautverfärbungen

VerfärbungFarbeKlinische Bedeutung
IkterusGelb (Haut + Skleren)Hyperbilirubinämie – Leber-/Gallenwegserkrankungen, Hämolyse
ZyanoseBläulich-violettSauerstoffmangel – Lungenerkrankungen, Herzfehler, peripher (Kälte) vs. zentral
PallorBlassAnämie, Schock, periphere Vasokonstriktion
BronzefärbungBronzegräulichHämochromatose, Morbus Addison (Nebenniereninsuffizienz)
ErythemRötungEntzündung, Infektion, allergische Reaktion
HämatomBlau-lila → grün-gelbTrauma, Gerinnungsstörungen, Antikoagulation (z. B. Heparin, Insulininjektionen)

Prüfungsrelevant: Bei Patienten unter Heparin oder Insulin sollten Sie gezielt nach Hämatomen (Blutergüssen) suchen – diese treten gehäuft an Injektionsstellen und anderen Körperstellen auf. Ikterus, Zyanose und Ödeme sind immer dokumentationspflichtige Befunde.

Exantheme und Hautausschläge

Jedes Exanthem muss systematisch beschrieben werden:

  • Morphologie: Makeln, Papeln, Vesikel, Pusteln, Quaddeln?
  • Verteilung: Lokalisiert oder generalisiert? Symmetrisch?
  • Farbe und Begrenzung: Scharf oder unscharf begrenzt?
  • Juckreiz: Pruritus vorhanden?

11Nävi (Leberflecke) & pigmente Läsionen

Nävi (Singular: Nevus) – umgangssprachlich Muttermale oder Leberflecke – sind gutartige Ansammlungen pigmentbildender Zellen (Melanozyten). Bei der KU werden sie inspiziert und auf Malignitätszeichen geprüft.

ABCDE-Regel (Melanom-Früherkennung)

Die ABCDE-Regel dient der Unterscheidung zwischen benignen (gutartigen) und malignen (bösartigen) pigmentierten Läsionen:

BuchstabeKriteriumGutartigVerdächtig (Melanom?)
AAsymmetrieSymmetrischAsymmetrisch
BBegrenzungScharf, regelmäßigUnscharf, zackig, unregelmäßig
CColour (Farbe)Gleichmäßig braunUngleichmäßig, mehrere Farben (schwarz, braun, rot, weiß)
DDurchmesser< 5–6 mm> 5–6 mm, zunehmend
EEvolution / ErhabenheitUnverändertVeränderung in Größe, Form, Farbe oder Dicke

Prüfungsrelevant: Die ABCDE-Regel ist ein Standard-Prüfungsthema. Bei der Inspektion pigmentierter Läsionen müssen Sie diese Regel anwenden und die Befunde entsprechend dokumentieren.

Arten von Nävi

  • Melanozytärer Nävus (pigmentierter Nävus): Der klassische „Leberfleck" – braun, scharf begrenzt.
  • Dysplastischer Nävus: Größer als gewöhnlich, unregelmäßige Begrenzung – erhöhtes Entartungsrisiko.
  • Blauer Nävus: Bläulich-graue Verfärbung, tief in der Dermis liegend.
  • Spitz-Nävus: Rosa bis rotbraun, häufig bei Kindern, kann einem Melanom ähneln.

Dozenten-Tipp: Suchen Sie nach aktuellen Bildern im Internet, um die verschiedenen Arten von Nävi zu visualisieren. Die Unterscheidung zwischen benignen und malignen Läsionen ist ein häufiger Prüfungsschwerpunkt.


12Hämangiome (Blutschwämme)

Hämangiome sind gutartige Gefäßtumoren, die aus Blutgefäßen bestehen. Sie können angeboren sein oder im Laufe des Lebens auftreten.

Arten von Hämangiomen

TypMerkmaleKlinik
Infantiles HämangiomHellrot, erhaben, kapillärHäufig bei Neugeborenen; wächst in den ersten Lebensmonaten, bildet sich meist bis zum 7.–10. Lebensjahr zurück
Cavernöses HämangiomBläulich-livide, tiefliegend, kompressibelTiefe Hautschichten / Organe; größer als kapilläre Hämangiome
Seniles Hämangiom (Cherry Angioma)Klein, kirschrot, PapelAb dem 3. Lebensjahrzehnt, harmlos, kein Entartungsrisiko
Portweinfleck (Naevus flammeus)Flach, dunkelrot-violett, nicht erhabenAngeboren; oft im Gesicht (Sturge-Weber-Syndrom bei Gesichtslokalisation!)

Klinische Relevanz

  • Sturge-Weber-Syndrom: Portweinfleck im Gesicht (V1-V2-Gebiet) kann mit leptomeningealen Angiomen und Glaukom assoziiert sein.
  • Kasabach-Merritt-Syndrom: Riesiges Hämangiom mit Thrombozytopenie und Verbrauchskoagulopathie (lebensbedrohlich).
  • Komplikationen: Blutungen, Ulzeration, Infektion, Funktionsbehinderung (z. B. Hämangiom am Auge).

Prüfungsrelevant: Hämangiome werden in der Prüfung oft im Zusammenhang mit pädiatrischen Patienten oder Differenzialdiagnosen bei Hautveränderungen gefragt. Kennen Sie die verschiedenen Typen und ihre klinische Bedeutung. Bei Portweinflecken im Gesicht muss das Sturge-Weber-Syndrom in Betracht gezogen werden.


13Adipositas & metabolische/bariatrische Chirurgie

Adipositas ist ein zunehmend wichtiges Thema in der klinischen Praxis. Patienten mit Adipositas Grad II und III (BMI ≥ 35) können für eine metabolische/bariatrische Operation infrage kommen. In der KU werden diese Patienten häufig angetroffen und es werden gezielte Fragen dazu gestellt.

Adipositas-Klassifikation (WHO)

  • Präadipositas (BMI 25–29,9): Gewichtsreduktion empfohlen.
  • Adipositas Grad I (BMI 30–34,9): Konservative Therapie (Ernährung, Bewegung, Verhaltenstherapie).
  • Adipositas Grad II (BMI 35–39,9): Bei Vorliegen von Begleiterkrankungen (z. B. Diabetes, Hypertonie): OP-Indikation möglich.
  • Adipositas Grad III (BMI ≥ 40): Operative Therapie indiziert (lebensbedrohliche Adipositas).

Bariatrische Operationsverfahren

VerfahrenPrinzipIndikationBesonderheiten
Sleeve-Gastrektomie
(Schlauchmagen)
Entfernung des Großteils des Magens → Magen wird zu einem schlauchförmigen RestmagenBMI ≥ 40 oder BMI ≥ 35 mit BegleiterkrankungenHäufigstes Verfahren; irreversibel; lebenslange Vitamin-Supplementierung notwendig (Vitamin B12, Eisen, Multivitamine)
Magenbypass
(Roux-en-Y)
Magen wird verkleinert und direkt mit dem Dünndarm verbundenBMI ≥ 40, Versagen konservativer Therapie, ggf. bei metabolischem SyndromDumping-Syndrom möglich; Vitaminmängel häufig; engmaschige Nachsorge
Magband
(verstellbares Band)
Verstellbares Band um den MageneingangSeltenere Indikation; ggf. bei BMI 35–40Reversibel; weniger effektiv als Sleeve/Bypass

Prüfungsrelevant: Die Sleeve-Gastrektomie (Schlauchmagen-Operation) ist das derzeit am häufigsten durchgeführte bariatrische Verfahren. Kandidaten müssen wissen: Indikationen, Komplikationen und die lebenslange Vitamin-Supplementierungspflicht (besonders Vitamin B12 und Eisen). Das Dumping-Syndrom ist ein weiterer häufiger Prüfungsgegenstand.

Vitaminmangel nach bariatrischer Chirurgie

Wichtig: Nach Sleeve-Gastrektomie und Magenbypass kommt es zu einer verminderten Aufnahme von Vitamin B12, Eisen, Kalzium und anderen Mikronährstoffen. Die Patienten müssen lebenslang Vitamine und Spurenelemente supplementieren. Ein unbehandelter Vitamin-B12-Mangel kann zu perniziöser Anämie und neurologischen Schäden führen.


14Typische Operationsnarben

Bei der Hautinspektion müssen Sie auch Operationsnarben erkennen und benennen können. Dies ist ein häufiger Prüfungsgegenstand, da der Prüfer sehen möchte, ob der Kandidat die chirurgische Anamnese korrekt erheben und die klinische Relevanz verstehen kann.

Wichtige Operationsnarben

NarbeLokalisationZugehörige OperationKlinischer Kontext
Kocher-KragenschnittQuer verlaufend, ca. 2 Querfinger oberhalb des JugulumsSchilddrüsenresektion / ThyreoidektomieStrumektomie, Schilddrüsenkarzinom
Laparotomienarbe (Mittellinien-Schnitt)Mitte des Abdomens, längsExplorative Laparotomie, Notfall-OPUnklares Abdomen, akutes Abdomen
Subkostalschnitt (Rippenbogenrand-Schnitt)Unterhalb des rechten/linken RippenbogensCholezystektomie (Gallenblasenentfernung), LeberresektionCholelithiasis (Gallensteine), Cholezystitis
McBurney-Punkt-InzisionRechts im Unterbauch, zwischen Nabel und Spina iliaca anterior superiorAppendektomie (Blinddarmoperation)Akute Appendizitis
Median-Unterbauch-SchnittMitte des UnterbauchsKolorektale Resektion, Hysterektomie, ProstatektomieDarmkrebs, gynäkologische/urologische Eingriffe
InguinalnarbeLeistenregionHernien-OP (Leistenhernie, Schenkelhernie)Ileus, Inkarzeration
SternotomienarbeMitte des BrustbeinsHerzchirurgie (Bypass, Klappen-OP)KHK, Herzklappenerkrankungen

Prüfungsrelevant: Die korrekte Benennung der Operationsnarben ist ein klassisches Prüfungsthema. Bei adipösen Patienten mit Sleeve-Gastrektomie oder Magenbypass kann eine laparoskopische Narbe (kleine, seitliche Narben) vorhanden sein. Fragen Sie immer gezielt nach der Operationsnarbe und deren Bedeutung.

Dozenten-Tipp: Suchen Sie im Internet nach Bildern der verschiedenen Operationsnarben, um sie visuell zu verinnerlichen. Der Kocher-Kragenschnitt und die Cholezystektomie-Narbe (subkostal) sind besonders häufige Prüfungsgegenstände.


15Prüfungstipps & Zusammenfassung

Die 5 goldenen Regeln für die klinische Untersuchung

  1. Hygiene zuerst: Händedesinfektion (Ellbogentechnik) vor jedem Patientenkontakt.
  2. Struktur einhalten: Immer nach dem Schema Inspektion → Palpation → Perkussion → Auskultation vorgehen.
  3. Positiv beschreiben: NIEMALS pauschal „normal" sagen – dokumentieren Sie alle positiven Normalbefunde explizit.
  4. Patient respektieren: Erklären Sie jeden Schritt, seien Sie freundlich und empathisch.
  5. Üben, üben, üben: Untersuchen Sie so viele Patienten wie möglich vor der Prüfung.

Checkliste vor der Prüfung

  • ✅ Kleidung: Formell, sauber, Knöpfe geschlossen, keine Uhr/Schmuck, gepflegte Schuhe.
  • ✅ Körperpflege: Geduscht, frische Kleidung, kurze Nägel, kein starker Parfümgeruch.
  • ✅ Ausgeschlafen: Gut ausgeruht zur Prüfung erscheinen.
  • ✅ Händedesinfektion: Ellbogentechnik üben und verinnerlichen.
  • ✅ Patienten-Vorstellung: Strukturierte synoptische Vorstellung (2–4 Min.) üben.
  • ✅ ABCDE-Regel: Bei pigmentierten Läsionen immer anwenden.
  • ✅ Operationsnarben: Erkennen und benennen können.
  • ✅ Bariatrische Chirurgie: Sleeve-Gastrektomie und Vitaminmangel kennen.
  • ✅ BMI: Berechnen und kategorisieren können.

Häufige Prüfungsfallen

  • Unstrukturierte Vorstellung: Üben Sie die synoptische Vorstellung so lange, bis sie sitzt.
  • „Normale Haut"-Falle: Beschreiben Sie die Haut immer explizit als „ohne pathologischen Befund" statt „normal".
  • Hautturgor falsch: Hautfalte muss verzögert zurückkehren – verminderter Turgor = Dehydratation.
  • BMI vergessen: Immer berechnen und dokumentieren, auch wenn es „offensichtlich" erscheint.
  • Unfreundlicher Umgang: Der Patient wird befragt – seien Sie durchgehend respektvoll.

Was der Prüfer durch die KU beurteilt

  • Klinische Erfahrung: Untersucht der Kandidat regelmäßig echte Patienten?
  • Struktur und Systematik: Folgt der Kandidat einem logischen Untersuchungsgang?
  • Medizinisches Wissen: Kann der Kandidat Befunde korrekt interpretieren?
  • Kommunikation: Geht der Kandidat respektvoll und empathisch mit dem Patienten um?
  • Professionalität: Ist das Auftreten des Kandidaten dem Arztberuf angemessen?
  • Vertrauen: Würde der Patient dem Kandidaten als Hausarzt vertrauen?

Abschließender Prüfungstipp: Der Prüfer beurteilt nicht nur Ihr medizinisches Wissen, sondern auch Ihre Gesamterscheinung, Professionalität und Menschlichkeit. Üben Sie die KU an mindestens 20–30 verschiedenen Patienten, bevor Sie zur Prüfung antreten. Üben Sie auch die synoptische Vorstellung laut und mit Zeitlimit. Je mehr Sie üben, desto sicherer werden Sie.

Klinische Untersuchung & Hautinspektion – Vorlesungszusammenfassung
Kenntnisprüfung – Klinische Fachsprachprüfung (KSP)