Persönliches Lernmaterial: Diese Zusammenfassung dient der Prüfungsvorbereitung und ersetzt weder offizielle Vorgaben noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Klinische Hirnnerven-Untersuchung

Neurologische Basisdiagnostik — systematische Prüfung der 12 Hirnnerven (Nervi craniales) für die mündliche Kenntnisprüfung

1. Einführung und Grundprinzip

Die Untersuchung der Hirnnerven ist ein zentraler Bestandteil jeder neurologischen Befunderhebung. Vor der eigentlichen Prüfung muss der Untersucher die anatomische Reihenfolge der 12 Hirnnerven sicher beherrschen — am besten „wie seinen eigenen Namen".

Die 12 Hirnnerven in Reihenfolge (mit römischen Ziffern):
  1. N. olfactorius (I) — Geruch
  2. N. opticus (II) — Sehen
  3. N. oculomotorius (III) — Augenbewegung, Pupille, Lid
  4. N. trochlearis (IV) — M. obliquus superior
  5. N. trigeminus (V) — Sensibilität Gesicht, Kaumuskulatur
  6. N. abducens (VI) — M. rectus lateralis
  7. N. facialis (VII) — mimische Muskulatur, Geschmack
  8. N. vestibulocochlearis (VIII) — Hören, Gleichgewicht
  9. N. glossopharyngeus (IX) — Geschmack, Schlucken
  10. N. vagus (X) — Schlucken, Kehlkopf, Organe
  11. N. accessorius (XI) — M. sternocleidomastoideus, M. trapezius
  12. N. hypoglossus (XII) — Zungenmotorik
Prüfungsrelevant: In der mündlichen Kenntnisprüfung wird erwartet, dass man die Reihenfolge, die Funktion und die praktische Untersuchung jedes Hirnnerven aus dem Effeff beherrscht. Prüfer achten besonders auf die saubere praktische Durchführung der Basistests.

2. N. olfactorius (I)

2.1 Funktion

Der Nervus olfactorius ist für den Geruchssinn zuständig.

2.2 Praktische Untersuchung

  • Dem Patienten werden bei geschlossenen Augen riechstoffhaltige Substanzen angeboten.
  • Jede Nasenseite wird getrennt geprüft (seitengetrennte Testung).
  • Beispiel: Kaffee, Vanille, andere aromatische Substanzen.
  • Der Patient soll die Substanzen erkennen bzw. benennen.

2.3 Pathologische Befunde

Begriff Bedeutung
Hyposmie Vermindertes Riechvermögen
Anosmie Vollständiger Verlust des Riechvermögens

2.4 Wichtige Ursachen der Anosmie

  • Schädel-Hirn-Trauma (häufigste Ursache) — z. B. Autounfall
  • Infektionen — z. B. COVID-19 / Corona-Infektion
  • Tumore der vorderen Schädelgrube
Klassisches Trauma-Beispiel: Im Auto ist das Tragen des Sicherheitsgurts so wichtig, weil der Kopf bei einem Aufprall mit dem Lenker nach vorne und wieder nach hinten geschleudert wird. Diese Schleuderbewegung kann den N. olfactorius an seinem Austritt durch die Lamina cribrosa schädigen und so zur Anosmie führen. Der Sicherheitsgurt fixiert den Körper — der Kopf sollte zusätzlich durch die Kopfstütze geschützt werden.

3. N. opticus (II)

Der Nervus opticus ist für das Sehen zuständig. Die Untersuchung umfasst:

  • Visusprüfung (Sehschärfe)
  • Gesichtsfeldprüfung
  • Augenhintergrundspiegelung (Funduskopie)

3.1 Wichtige pathologische Befunde am Augenhintergrund

Befund Klinische Bedeutung
Stauungspapille Erhöhter Hirndruck
Diabetische Retinopathie Mikroangiopathie bei Diabetes mellitus
Arterielle Hypertonie Augenhintergrundveränderungen (Fundus hypertonicus)
Morbus Foster (Foster-Kennedy-Syndrom) Stauungspapille auf einer + Optikusatrophie auf der anderen Seite (Frontalhirntumor)
Wichtig für die Prüfung: Der N. opticus wurde in den vorhergehenden Vorlesungen (Augenuntersuchung) bereits ausführlich besprochen. Für die Hirnnerven-Untersuchung ist er prüfungsrelevant — insbesondere die Funduskopie mit ihren typischen Befunden.

4. Augenmuskelnerven (III, IV, VI)

Die drei Augenmuskelnerven versorgen die äußeren und inneren Augenmuskeln und werden in der Praxis zusammen untersucht:

Nerv Versorgung Ausfall
N. oculomotorius (III) M. rectus superior, inferior, medialis; M. obliquus inferior; M. levator palpebrae; Pupille Ptosis, Mydriasis, Bulbus nach außen unten
N. trochlearis (IV) M. obliquus superior Blick nach oben innen eingeschränkt
N. abducens (VI) M. rectus lateralis Bulbus nach innen, Abduktion eingeschränkt

Prüfung: Cover-Test (Abdecktest), Beobachtung der Bulbusstellung, Heide-Test bzw. Untersuchung mit der Brille nach Frenzel oder ähnlichen Geräten.

Prüfungstipp: Die Augenmuskelnerven werden in der Prüfung typischerweise kombiniert abgefragt. Wer den Cover-Test und die typischen Bulbusabweichungen bei Lähmung der einzelnen Nerven sicher benennen kann, sammelt Pluspunkte.

5. N. trigeminus (V)

5.1 Funktion

Der Nervus trigeminus versorgt:

  • Sensibel das gesamte Gesicht (3 Äste: V1 ophthalmicus, V2 maxillaris, V3 mandibularis)
  • Motorisch die Kaumuskulatur

5.2 Praktische Untersuchung

5.2.1 Motorische Prüfung (Kaumuskulatur)

  • Der Patient wird aufgefordert, die Zähne fest aufeinander zu beißen.
  • Der Untersucher palpiert den M. masseter und den M. temporalis beidseits.
  • Seitenvergleich: Kraft und Muskelrelief prüfen.
  • Bei einseitiger Schädigung → Atrophie und Kraftminderung der betroffenen Seite.

5.2.2 Sensible Prüfung (Druckpunkte)

Man muss wissen, wo der Nerv entlang seines Verlaufs palpabel ist — die typischen Nervendruckpunkte:

  • Foramen supraorbitale (V1)
  • Foramen infraorbitale (V2)
  • Foramen mentale (V3)

Druck auf diese Punkte kann bei Reizung oder Neuralgie Schmerzhaftigkeit auslösen.

Trigeminusneuralgie: Eine Schädigung bzw. Reizung des N. trigeminus kann eine Trigeminusneuralgie verursachen — blitzartige, einseitige Gesichtsschmerzen, die durch Berührung der Triggerpunkte (z. B. Rasur, Kauen, Sprechen) ausgelöst werden.

6. N. facialis (VII)

Der Nervus facialis ist besonders prüfungsrelevant — hier gibt es die meisten Stolperfallen und Fallstricke.

6.1 Prüfung der Motorik

Der Patient wird aufgefordert, die Zähne zu zeigen — dabei beobachtet man die Mundwinkelstellung und das Nasolabialfalten-Niveau.

6.2 Zentrale vs. periphere Fazialisparese

Der entscheidende Unterschied für die Prüfung:
Merkmal Periphere Fazialisparese Zentrale Fazialisparese
Augenschluss Nicht möglich — Auge bleibt offen Möglich — Patient kann Auge schließen
Stirnrunzeln Auch die Stirn kann nicht verzogen werden (Stirnast ist mitbetroffen) Stirn kann verzogen werden (Stirnast intakt, da kortikonukleär bilateral versorgt)
Bell-Phänomen Positiv — beim versuchten Lidschluss rollt der Bulbus nach oben Negativ
Lokalisation der Läsion Unterhalb des Nucleus (im peripheren Nervenverlauf) Im Bereich der kortikobulbären Bahn / oberhalb des Nucleus
Wichtig für die Kenntnisprüfung — Hochfrequenz-Frage: Die Unterscheidung zwischen peripherer und zentraler Fazialisparese ist eine Klassiker-Frage in der mündlichen Prüfung. Der entscheidende Schlüssel: bei peripherer Parese ist der Augenschluss NICHT möglich und das Bell-Phänomen positiv; bei zentraler Parese ist der Augenschluss erhalten und die Stirn kann noch verzogen werden.

6.3 Bell-Phänomen

Bell-Phänomen erklärt: Das Bell-Phänomen ist ein Schutzreflex: bei versuchtem Lidschluss (vor allem bei peripherer Fazialisparese) rollt der Bulbus reflektorisch nach oben. Das Phänomen ist physiologisch vorhanden — es wird bei peripherer Fazialisparese nur deutlich sichtbar, weil das Auge nicht mehr geschlossen werden kann. Es erleichtert die klinische Diagnose und ist auch für die Modellbefundung (mündliche Prüfung) relevant.

6.4 Geschmacksprüfung (Chorda tympani)

Der N. facialis innerviert über die Chorda tympani auch den Geschmack der vorderen zwei Drittel der Zunge. Prüfung mit:

  • Zucker (süß)
  • Kochsalz (salzig)
  • Säure (z. B. Zitrone / sauer)

Jede Zungenseite wird getrennt geprüft.

6.5 Therapiehinweise (periphere Fazialisparese)

Prüfungstipp — Therapie: Bei peripherer Fazialisparese muss man ätiologisch denken:
  • Idiopathisch (Bell'sche Lähmung) — häufigste Form
  • Herpes zoster oticus (Ramsay-Hunt-Syndrom) — Aciclovir
  • Borreliose — antibiotische Therapie
  • Allgemein: Kortison (Prednisolon) kann erwogen werden
Auch wenn hier „nur in Grundzügen" erwartet wird, sollte man die wichtigsten Ursachen und eine Basistherapie nennen können.

7. N. glossopharyngeus (IX)

Der Nervus glossopharyngeus versorgt:

  • Geschmack hinteres Zungendrittel
  • Schlucken / Würgereflex
  • Pharynx-Muskulatur

7.1 Praktische Untersuchung

Der Untersucher prüft das Gaumensegel und die Pharynx-Hinterwand:

  • Patient öffnet den Mund und sagt „A" — Beobachtung des Gaumensegels (Velum palatinum)
  • Würgereflex (Rachen-Hinterwand)
  • Prüfung der Schluckfunktion
Pathologischer Befund — Kulissenphänomen: Bei einseitiger Lähmung des N. glossopharyngeus weicht das Gaumensegel zur gesunden Seite ab (es „zieht" zur gesunden Seite hin, wie ein Vorhang, der zur Seite geschoben wird).
Merke: Auch der N. vagus (X) versorgt motorisch das Gaumensegel. Ein Kulissenphänomen kann also sowohl bei Läsion des N. glossopharyngeus (IX) als auch des N. vagus (X) auftreten — beides prüfungsrelevant.

8. N. vagus (X)

Der Nervus vagus ist der längste Hirnnerv und versorgt:

  • Pharynx und Larynx (motorisch und sensibel)
  • Organe des Thorax und Abdomens (Parasympathikus)

8.1 Praktische Untersuchung

  • Kulissenphänomen (siehe oben) — Abweichen des Gaumensegels zur gesunden Seite
  • Schluckstörung (Dysphagie) — Patient verschluckt sich
  • Beim Trinken: Flüssigkeit läuft durch die Nase zurück (nasale Regurgitation)
  • Heiserkeit (bei Mitbeteiligung des N. laryngeus recurrens)
Wichtig für die Prüfung: Frage nach Dysphagie und Prüfung auf Kulissenphänomen sind die Standarduntersuchungen für den N. vagus. Häufige Prüfungsfrage: „Woran erkennen Sie eine Schädigung des N. vagus?" — Antwort: Kulissenphänomen + Schluckstörung.

8.2 Unterscheidung Vagus- vs. Hypoglossus-Lähmung

N. vagus (X) — Schädigung N. hypoglossus (XII) — Schädigung
Klinisches Zeichen Kulissenphänomen (Gaumensegel weicht zur gesunden Seite) Zunge weicht zur kranken Seite ab (beim Herausstrecken)
Hauptsymptom Schluckstörung, Heiserkeit Artikulationsstörung, Zungenabweichung
Faustregel für die Prüfung:
  • Vagus → Abweichen des Gaumensegels (Kulissenphänomen)
  • Hypoglossus → Abweichen der Zunge (zur kranken Seite)

9. N. accessorius (XI)

Der Nervus accessorius versorgt motorisch:

  • M. sternocleidomastoideus (Kopfdrehung)
  • M. trapezius (Schulterheben)

9.1 Praktische Untersuchung

9.1.1 M. sternocleidomastoideus (Kopfdrehung)

  • Der Untersucher legt eine Hand auf die Wange des Patienten.
  • Der Patient wird aufgefordert, den Kopf gegen den Widerstand zur Seite zu drehen.
  • Seitenvergleich beachten — der Patient sollte dies auf beiden Seiten tun können.

9.1.2 M. trapezius (Schulterheben)

  • Der Untersucher legt beide Hände auf die Schultern des Patienten.
  • Der Patient wird aufgefordert, die Schultern gegen den Widerstand nach oben zu ziehen.
  • Seitenvergleich — beide Schultern müssen angehoben werden können.
Pathologischer Befund: Bei Läsion des N. accessorius zeigt sich eine Schulterheberschwäche und Atrophie des M. trapezius. Im fortgeschrittenen Stadium kann eine Scapula alata (abstehendes Schulterblatt) sichtbar werden.
Wichtig für die Prüfung: Der N. accessorius ist einfach zu prüfen — entsprechend ärgerlich ist es für Prüfer, wenn der Kandidat diese Basistests nicht beherrscht. Beide Tests (Kopfdrehung + Schulterheben) gegen Widerstand sollten routiniert demonstriert werden.

10. N. hypoglossus (XII)

Der Nervus hypoglossus versorgt die gesamte Zungenmuskulatur.

10.1 Praktische Untersuchung

  • Der Patient öffnet den Mund und streckt die Zunge heraus.
  • Beobachtung: Abweichung der Zunge zur Seite?
  • Beim Mundlich-Befund (mündliche Modellbefundung) wird die Zunge herausgestreckt — bei Hypoglossus-Lähmung weicht die Zunge zur betroffenen (= kranken) Seite ab.
Pathologischer Befund: Zungenabweichung zur kranken Seite beim Herausstrecken. Ursache: der M. genioglossus der gesunden Seite schiebt die Zunge zur kranken Seite.
Prüfungstipp: In der Modellbefundung kann ein Foto / eine Abbildung gezeigt werden, auf dem die Zunge zur Seite abweicht. Der Kandidat soll dann die Läsion des N. hypoglossus erkennen und die betroffene Seite korrekt benennen.

11. Hochfrequenz-Prüfungsfragen

Häufige Fragen in der mündlichen Kenntnisprüfung:
  1. Nennen Sie die 12 Hirnnerven in der richtigen Reihenfolge!
  2. Wie prüfen Sie den N. olfactorius? → Riechstoffe, getrennt für jede Nasenseite, bei geschlossenen Augen.
  3. Was ist eine Anosmie, was eine Hyposmie?
  4. Wie prüfen Sie den N. trigeminus motorisch? → Zähne zusammenbeißen lassen, Palpation von M. masseter und M. temporalis.
  5. Wie unterscheiden Sie periphere von zentraler Fazialisparese? → Augenschluss möglich? Stirnrunzeln möglich? Bell-Phänomen?
  6. Was ist das Bell-Phänomen? → Reflektorisches Aufwärtsrollen des Bulbus bei versuchtem Lidschluss.
  7. Woran erkennen Sie eine Läsion des N. vagus? → Kulissenphänomen + Dysphagie.
  8. Woran erkennen Sie eine Läsion des N. hypoglossus? → Zungenabweichung zur kranken Seite beim Herausstrecken.
  9. Wie prüfen Sie den N. accessorius? → Kopfdrehung gegen Widerstand + Schulterheben gegen Widerstand.
  10. Welche Ursachen kennen Sie für eine periphere Fazialisparese? → Idiopathisch, Herpes zoster, Borreliose.
Generelle Tipps für die mündliche Prüfung:
  • Reihenfolge der 12 Hirnnerven auswendig können (wie den eigenen Namen).
  • Für jeden Hirnnerv Funktion + Untersuchungstechnik parat haben.
  • Praktische Demonstration am „Patienten" (Mitprüfling) üben.
  • Prüfer achten besonders auf die saubere Ausführung der Basistests.
  • Zusatzvideos auf YouTube nutzen, um die Untersuchungstechniken visuell zu verinnerlichen.
Zentrale Do's & Don'ts für die Prüfung:
  • DO: Immer beide Seiten untersuchen (Seitenvergleich).
  • DO: Vor der Untersuchung das Einverständnis des Patienten einholen und erklären, was man tut.
  • DO: Bei der Fazialisprüfung immer auch den Augenschluss testen — das ist der Schlüssel zur Differenzierung.
  • DON'T: Bei der Geruchsprüfung keine reizenden Stoffe (z. B. Ammoniak) verwenden — diese reizen den N. trigeminus und liefern falsche Ergebnisse.
  • DON'T: Die Pupillenprüfung nicht vergessen — sie ist Teil der Augenmuskelnerven-Untersuchung.
Vorbereitung auf die mündliche Kenntnisprüfung — Klinische Untersuchung der Hirnnerven. Praxisorientierter Leitfaden zur systematischen Befunderhebung.