Klinische Hirnnerven-Untersuchung
1. Einführung und Grundprinzip
Die Untersuchung der Hirnnerven ist ein zentraler Bestandteil jeder neurologischen Befunderhebung. Vor der eigentlichen Prüfung muss der Untersucher die anatomische Reihenfolge der 12 Hirnnerven sicher beherrschen — am besten „wie seinen eigenen Namen".
- N. olfactorius (I) — Geruch
- N. opticus (II) — Sehen
- N. oculomotorius (III) — Augenbewegung, Pupille, Lid
- N. trochlearis (IV) — M. obliquus superior
- N. trigeminus (V) — Sensibilität Gesicht, Kaumuskulatur
- N. abducens (VI) — M. rectus lateralis
- N. facialis (VII) — mimische Muskulatur, Geschmack
- N. vestibulocochlearis (VIII) — Hören, Gleichgewicht
- N. glossopharyngeus (IX) — Geschmack, Schlucken
- N. vagus (X) — Schlucken, Kehlkopf, Organe
- N. accessorius (XI) — M. sternocleidomastoideus, M. trapezius
- N. hypoglossus (XII) — Zungenmotorik
2. N. olfactorius (I)
2.1 Funktion
Der Nervus olfactorius ist für den Geruchssinn zuständig.
2.2 Praktische Untersuchung
- Dem Patienten werden bei geschlossenen Augen riechstoffhaltige Substanzen angeboten.
- Jede Nasenseite wird getrennt geprüft (seitengetrennte Testung).
- Beispiel: Kaffee, Vanille, andere aromatische Substanzen.
- Der Patient soll die Substanzen erkennen bzw. benennen.
2.3 Pathologische Befunde
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Hyposmie | Vermindertes Riechvermögen |
| Anosmie | Vollständiger Verlust des Riechvermögens |
2.4 Wichtige Ursachen der Anosmie
- Schädel-Hirn-Trauma (häufigste Ursache) — z. B. Autounfall
- Infektionen — z. B. COVID-19 / Corona-Infektion
- Tumore der vorderen Schädelgrube
3. N. opticus (II)
Der Nervus opticus ist für das Sehen zuständig. Die Untersuchung umfasst:
- Visusprüfung (Sehschärfe)
- Gesichtsfeldprüfung
- Augenhintergrundspiegelung (Funduskopie)
3.1 Wichtige pathologische Befunde am Augenhintergrund
| Befund | Klinische Bedeutung |
|---|---|
| Stauungspapille | Erhöhter Hirndruck |
| Diabetische Retinopathie | Mikroangiopathie bei Diabetes mellitus |
| Arterielle Hypertonie | Augenhintergrundveränderungen (Fundus hypertonicus) |
| Morbus Foster (Foster-Kennedy-Syndrom) | Stauungspapille auf einer + Optikusatrophie auf der anderen Seite (Frontalhirntumor) |
4. Augenmuskelnerven (III, IV, VI)
Die drei Augenmuskelnerven versorgen die äußeren und inneren Augenmuskeln und werden in der Praxis zusammen untersucht:
| Nerv | Versorgung | Ausfall |
|---|---|---|
| N. oculomotorius (III) | M. rectus superior, inferior, medialis; M. obliquus inferior; M. levator palpebrae; Pupille | Ptosis, Mydriasis, Bulbus nach außen unten |
| N. trochlearis (IV) | M. obliquus superior | Blick nach oben innen eingeschränkt |
| N. abducens (VI) | M. rectus lateralis | Bulbus nach innen, Abduktion eingeschränkt |
Prüfung: Cover-Test (Abdecktest), Beobachtung der Bulbusstellung, Heide-Test bzw. Untersuchung mit der Brille nach Frenzel oder ähnlichen Geräten.
5. N. trigeminus (V)
5.1 Funktion
Der Nervus trigeminus versorgt:
- Sensibel das gesamte Gesicht (3 Äste: V1 ophthalmicus, V2 maxillaris, V3 mandibularis)
- Motorisch die Kaumuskulatur
5.2 Praktische Untersuchung
5.2.1 Motorische Prüfung (Kaumuskulatur)
- Der Patient wird aufgefordert, die Zähne fest aufeinander zu beißen.
- Der Untersucher palpiert den M. masseter und den M. temporalis beidseits.
- Seitenvergleich: Kraft und Muskelrelief prüfen.
- Bei einseitiger Schädigung → Atrophie und Kraftminderung der betroffenen Seite.
5.2.2 Sensible Prüfung (Druckpunkte)
Man muss wissen, wo der Nerv entlang seines Verlaufs palpabel ist — die typischen Nervendruckpunkte:
- Foramen supraorbitale (V1)
- Foramen infraorbitale (V2)
- Foramen mentale (V3)
Druck auf diese Punkte kann bei Reizung oder Neuralgie Schmerzhaftigkeit auslösen.
6. N. facialis (VII)
Der Nervus facialis ist besonders prüfungsrelevant — hier gibt es die meisten Stolperfallen und Fallstricke.
6.1 Prüfung der Motorik
Der Patient wird aufgefordert, die Zähne zu zeigen — dabei beobachtet man die Mundwinkelstellung und das Nasolabialfalten-Niveau.
6.2 Zentrale vs. periphere Fazialisparese
| Merkmal | Periphere Fazialisparese | Zentrale Fazialisparese |
|---|---|---|
| Augenschluss | Nicht möglich — Auge bleibt offen | Möglich — Patient kann Auge schließen |
| Stirnrunzeln | Auch die Stirn kann nicht verzogen werden (Stirnast ist mitbetroffen) | Stirn kann verzogen werden (Stirnast intakt, da kortikonukleär bilateral versorgt) |
| Bell-Phänomen | Positiv — beim versuchten Lidschluss rollt der Bulbus nach oben | Negativ |
| Lokalisation der Läsion | Unterhalb des Nucleus (im peripheren Nervenverlauf) | Im Bereich der kortikobulbären Bahn / oberhalb des Nucleus |
6.3 Bell-Phänomen
6.4 Geschmacksprüfung (Chorda tympani)
Der N. facialis innerviert über die Chorda tympani auch den Geschmack der vorderen zwei Drittel der Zunge. Prüfung mit:
- Zucker (süß)
- Kochsalz (salzig)
- Säure (z. B. Zitrone / sauer)
Jede Zungenseite wird getrennt geprüft.
6.5 Therapiehinweise (periphere Fazialisparese)
- Idiopathisch (Bell'sche Lähmung) — häufigste Form
- Herpes zoster oticus (Ramsay-Hunt-Syndrom) — Aciclovir
- Borreliose — antibiotische Therapie
- Allgemein: Kortison (Prednisolon) kann erwogen werden
7. N. glossopharyngeus (IX)
Der Nervus glossopharyngeus versorgt:
- Geschmack hinteres Zungendrittel
- Schlucken / Würgereflex
- Pharynx-Muskulatur
7.1 Praktische Untersuchung
Der Untersucher prüft das Gaumensegel und die Pharynx-Hinterwand:
- Patient öffnet den Mund und sagt „A" — Beobachtung des Gaumensegels (Velum palatinum)
- Würgereflex (Rachen-Hinterwand)
- Prüfung der Schluckfunktion
8. N. vagus (X)
Der Nervus vagus ist der längste Hirnnerv und versorgt:
- Pharynx und Larynx (motorisch und sensibel)
- Organe des Thorax und Abdomens (Parasympathikus)
8.1 Praktische Untersuchung
- Kulissenphänomen (siehe oben) — Abweichen des Gaumensegels zur gesunden Seite
- Schluckstörung (Dysphagie) — Patient verschluckt sich
- Beim Trinken: Flüssigkeit läuft durch die Nase zurück (nasale Regurgitation)
- Heiserkeit (bei Mitbeteiligung des N. laryngeus recurrens)
8.2 Unterscheidung Vagus- vs. Hypoglossus-Lähmung
| N. vagus (X) — Schädigung | N. hypoglossus (XII) — Schädigung | |
|---|---|---|
| Klinisches Zeichen | Kulissenphänomen (Gaumensegel weicht zur gesunden Seite) | Zunge weicht zur kranken Seite ab (beim Herausstrecken) |
| Hauptsymptom | Schluckstörung, Heiserkeit | Artikulationsstörung, Zungenabweichung |
- Vagus → Abweichen des Gaumensegels (Kulissenphänomen)
- Hypoglossus → Abweichen der Zunge (zur kranken Seite)
9. N. accessorius (XI)
Der Nervus accessorius versorgt motorisch:
- M. sternocleidomastoideus (Kopfdrehung)
- M. trapezius (Schulterheben)
9.1 Praktische Untersuchung
9.1.1 M. sternocleidomastoideus (Kopfdrehung)
- Der Untersucher legt eine Hand auf die Wange des Patienten.
- Der Patient wird aufgefordert, den Kopf gegen den Widerstand zur Seite zu drehen.
- Seitenvergleich beachten — der Patient sollte dies auf beiden Seiten tun können.
9.1.2 M. trapezius (Schulterheben)
- Der Untersucher legt beide Hände auf die Schultern des Patienten.
- Der Patient wird aufgefordert, die Schultern gegen den Widerstand nach oben zu ziehen.
- Seitenvergleich — beide Schultern müssen angehoben werden können.
10. N. hypoglossus (XII)
Der Nervus hypoglossus versorgt die gesamte Zungenmuskulatur.
10.1 Praktische Untersuchung
- Der Patient öffnet den Mund und streckt die Zunge heraus.
- Beobachtung: Abweichung der Zunge zur Seite?
- Beim Mundlich-Befund (mündliche Modellbefundung) wird die Zunge herausgestreckt — bei Hypoglossus-Lähmung weicht die Zunge zur betroffenen (= kranken) Seite ab.
11. Hochfrequenz-Prüfungsfragen
- Nennen Sie die 12 Hirnnerven in der richtigen Reihenfolge!
- Wie prüfen Sie den N. olfactorius? → Riechstoffe, getrennt für jede Nasenseite, bei geschlossenen Augen.
- Was ist eine Anosmie, was eine Hyposmie?
- Wie prüfen Sie den N. trigeminus motorisch? → Zähne zusammenbeißen lassen, Palpation von M. masseter und M. temporalis.
- Wie unterscheiden Sie periphere von zentraler Fazialisparese? → Augenschluss möglich? Stirnrunzeln möglich? Bell-Phänomen?
- Was ist das Bell-Phänomen? → Reflektorisches Aufwärtsrollen des Bulbus bei versuchtem Lidschluss.
- Woran erkennen Sie eine Läsion des N. vagus? → Kulissenphänomen + Dysphagie.
- Woran erkennen Sie eine Läsion des N. hypoglossus? → Zungenabweichung zur kranken Seite beim Herausstrecken.
- Wie prüfen Sie den N. accessorius? → Kopfdrehung gegen Widerstand + Schulterheben gegen Widerstand.
- Welche Ursachen kennen Sie für eine periphere Fazialisparese? → Idiopathisch, Herpes zoster, Borreliose.
- Reihenfolge der 12 Hirnnerven auswendig können (wie den eigenen Namen).
- Für jeden Hirnnerv Funktion + Untersuchungstechnik parat haben.
- Praktische Demonstration am „Patienten" (Mitprüfling) üben.
- Prüfer achten besonders auf die saubere Ausführung der Basistests.
- Zusatzvideos auf YouTube nutzen, um die Untersuchungstechniken visuell zu verinnerlichen.
- DO: Immer beide Seiten untersuchen (Seitenvergleich).
- DO: Vor der Untersuchung das Einverständnis des Patienten einholen und erklären, was man tut.
- DO: Bei der Fazialisprüfung immer auch den Augenschluss testen — das ist der Schlüssel zur Differenzierung.
- DON'T: Bei der Geruchsprüfung keine reizenden Stoffe (z. B. Ammoniak) verwenden — diese reizen den N. trigeminus und liefern falsche Ergebnisse.
- DON'T: Die Pupillenprüfung nicht vergessen — sie ist Teil der Augenmuskelnerven-Untersuchung.