Persönliches Lernmaterial: Diese Zusammenfassung dient der Prüfungsvorbereitung und ersetzt weder offizielle Vorgaben noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Klinische Herzuntersuchung

Vollständig überarbeitete Vorlesungszusammenfassung — Kardiologie & Anästhesie

Inspektion Palpation Auskultation Herzgeräusche Prüfungsrelevant
1 Allgemeiner Überblick der Herzuntersuchung

Die klinische Herzuntersuchung gliedert sich in drei Hauptschritte:

  1. Inspektion — Betrachtung äußerer Zeichen (Zyanose, Ödeme, Narben)
  2. Palpation — Tastuntersuchung (Puls, Herzspitzenstoß, Thrill)
  3. Auskultation — Abhören der Herztöne und Klappengeräusche

Ergänzend kann der hepatojuguläre Reflux (HJR) als spezieller Test durchgeführt werden. Die Reihenfolge der Auskultation folgt einem festen Schema:

  1. Aortenklappe (Aortenpunkt) — 2. ICR rechts parasternal
  2. Pulmonalklappe (Pulmonalpunkt) — 2. ICR links parasternal
  3. Mitralklappe (Spitzenpunkt) — 5. ICR medioklavikulär links
  4. Trikuspidalklappe (Trikuspidalpunkt) — 4./5. ICR links parasternal
Klinischer Tipp
Zunächst wird die Herzaktion allgemein beurteilt, bevor man zu den einzelnen Klappenpunkten übergeht. Beginnen Sie immer mit der Aortenklappe.
2 👁 Inspektion — Was man sieht, bevor man tastet

2.1 Zyanose

Die Zyanose ist eine bläuliche Verfärbung der Haut und Schleimhäute als Hinweis auf eine verminderte Sauerstoffsättigung.

Wichtig für die Prüfung: Zentrale vs. Periphere Zyanose
  • Zentrale Zyanose: An Lippen, Zunge, Schleimhäuten — zeigt systemische Oxygenierungsstörung (pulmonale oder kardiale Ursache).
  • Periphere Zyanose: An Extremitäten — kann auch bei guter Oxygenierung auftreten (Vasokonstriktion, kalte Umgebung, niedriges Herzzeitvolumen).

2.2 Ödeme

Ödeme entstehen durch Flüssigkeitsansammlungen im Interstitium und sind ein klassisches Zeichen einer Herzinsuffizienz.

Ödem-TypMerkmaleUrsache
Pittingödem (Lidödem)Eindrückbar, zeigt Dellen nach DruckRechtsherzinsuffizienz, Veneninsuffizienz
LymphödemNon-Pitting, Stemmer-Zeichen positiv, HautverdickungLymphabflussstörung
AnasarkaGeneralisierte Ödeme (großflächig)Schwere Herzinsuffizienz, Hypalbuminämie
Aszites (Hydrops)Flüssigkeitsansammlung im BauchraumRechtsherzinsuffizienz, Leberzirrhose
Pleuraerguss (Hydrothorax)Flüssigkeit im PleuraspaltHerzinsuffizienz, Pleuritis
Stauungsdermatitis sakralHautveränderungen im sakralen Bereich bei BettlägerigenLangsame Flüssigkeitsumverteilung
Prüfungsfrage: Lymphödem vs. Pittingödem unterscheiden

Das Lymphödem zeigt ein Stemmer-Zeichen positiv (Hautfalte an der 2. Zehe lässt sich nicht abheben) und ist im Frühstadium non-pitting. Das Pittingödem ist immer eindrückbar. Bei hochchronischem Lymphödem kann die Haut auch sklerotisch und knotig verändert sein — ähnlich einer Orangenhaut (Peau d'orange).

2.3 Herzinsuffizienz-Zeichen

  • Dyspnoe — besonders nächtliche Orthopnoe und paroxysmale nächtliche Dyspnoe
  • Zyanose
  • Ödeme (periphere, sakrale)
  • Nächtlicher Husten — typisch für Herzinsuffizienz
  • Fatique (verminderte Belastbarkeit)

2.4 Trommelschlegelfinger (Clubbing) und Uhrglasnägel

Wichtige Inspektionsbefunde bei chronischer Hypoxämie oder angeborenen Herzfehlern.

Typische Ursachen des Trommelschlegelfingers
  • Angeborene zyanotische Herzfehler (z. B. Fallot-Tetralogie)
  • Bronchiektasen, Lungenfibrose, Bronchialkarzinom
  • Leberzirrhose, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa

2.5 Operationsnarben am Thorax

Typische Narbenmuster — Prüfungsrelevant
  • Sternotomie-Narbe (Mittelstraße): bei Bypass-Operationen (CABG), Klappenoperationen
  • Thorakotomie-Narbe (seitlicher Zugang): bei Lungeneingriffen

Der Prüfer kann fragen: „Was bedeutet diese Narbe? Gibt es Hinweise auf Wundheilungsstörungen?"

3 Palpation — Tastuntersuchung des Herzens

3.1 Herzspitzenstoß (Apex beat)

Der tastbare Punkt der maximalen Herzauslenkung während der Systole. Normalerweise im 5. ICR medioklavikulär links.

Klinische Bedeutung des Herzspitzenstoßes
  • Verlagert/lateralisiert: Bei Kardiomegalie, Linksherzinsuffizienz, Pleuraerguss
  • Hebend (sustained): Bei HOCM oder schwerer Aortenklappenstenose
  • Diffuser Apex: Bei Linksherzinsuffizienz mit Dilatation
  • Nicht tastbar: Bei Adipositas, Emphysem, Perikarderguss

Merksatz: Der Herzspitzenstoß ist für die Systole verantwortlich — bei einer Kardiomegalie ist er verstärkt tastbar und verlagert.

Pathophysiologie: Warum verstärkt sich der Apex bei Dilatation?

Bei einer Herzvergrößerung (Dilatation) verlagert sich der Herzspitzenstoß nach lateral und unten. Die systolische Auslenkung prallt stärker gegen die Brustwand — der Spitzenstoß wird hebend tastbar.

3.2 Thrill (fühlbare Vibration)

Was ist ein Thrill?

Eine fein vibrierende, tastbare Erschütterung über dem Herzen bei turbulentem Blutfluss. Man spürt ihn besonders bei:

  • Aortenklappenstenose (2. ICR rechts und Carotisgebiet)
  • Mitralinsuffizienz (an der Herzspitze)
  • Vorhofseptumdefekt (ASD)

3.3 Pulsstatus

PulsbefundKlinikBedeutung
Regularis / irregularisRegelmäßig oder unregelmäßigArrhythmien (z. B. VHF)
PulsdefizitDiskrepanz zw. Herzfrequenz und peripherem PulsTypisch bei Vorhofflimmern!
Pulsus parvus et tardusKlein und verzögertSchwere Aortenklappenstenose
Pulsus bisferiensDoppelgipfligHOCM, Aortenklappeninsuffizienz
Pulsus alternansStark/Schwach im WechselSchwere Herzinsuffizienz
Pulsus paradoxusAbfall > 10 mmHg bei InspirationPerikardtamponade, schwere COPD
Wichtig für die Prüfung: Das Pulsdefizit

Das Pulsdefizit ist die Differenz zwischen auskultierter Herzfrequenz (über der Herzspitze) und peripherer Pulsfrequenz (z. B. Radialispuls). Bestimmt durch simultanes Zählen. Typisch bei Vorhofflimmern.

4 🔊 Auskultation — Herztöne und Geräusche

4.1 Die physiologischen Herztöne

Entstehung der Herztöne

S1: Entsteht durch das Schließen der AV-Klappen (Mitral- und Trikuspidalklappe) am Ende der Diastole. Lauter und länger als S2.

S2: Entsteht durch das Schließen der Taschenklappen (Aorten- und Pulmonalklappe) am Ende der Systole. Heller und kürzer als S1.

HerztonEntstehungZeitpunkt
S1Schluss der AV-KlappenBeginn der Systole
S2Schluss der TaschenklappenEnde der Systole
S3Schnelle passive Ventrikelfüllung (frühe Diastole)Nach S2 — „Gallopprhythmus"
S4Vorhofkontraktion („atrialer Kick") — späte DiastoleVor S1 — „Vorhof-Gallop"
S3 vs. S4 — Wie unterscheidet man sie?
  • S3 nach S2 (frühe Diastole) — physiologisch bei Kindern, pathologisch bei Herzinsuffizienz (dilatierter Ventrikel)
  • S4 vor S1 (späte Diastole) — immer pathologisch! Deutet auf eine versteifte, hypertrophierte Kammer hin (Hypertonie, KHK, HOCM)
  • Summationsgalopp: S3 + S4 zusammen = 4-Ton-Rhythmus

4.2 Herzgeräusche — Kriterien

KriteriumBeschreibung
Punctum maximum (PM)Punkt der maximalen Lautstärke — gibt Hinweis auf die betroffene Klappe
ZeitpunktSystolisch (zwischen S1 und S2) oder diastolisch (nach S2)
IntensitätGrade 1–6 (Levine-Skala)
KlangcharakterCrescendo, Decrescendo, Crescendo-Decrescendo (rautenförmig), Holosystolisch (Plateau)
FortleitungZ. B. in Karotiden (Aortenklappe), in Axilla (Mitralinsuffizienz)
AtemabhängigkeitInspiriert verstärkt (rechts), exspiriert verstärkt (links)
Levine-Skala (Grade 1–6)
  • 1/6: Kaum hörbar — 2/6: Leise, sofort hörbar — 3/6: Mäßig laut, kein Thrill
  • 4/6: Laut, mit tastbarem Thrill — 5/6: Sehr laut, auch bei teilweisem Abheben des Stethoskops — 6/6: Ohne Stethoskop hörbar

4.3 Aortenklappenstenose (AS)

Wichtig für die Prüfung: Aortenklappenstenose
  • Crescendo-Decrescendo-Muster (rautenförmig) — systolisches Geräusch
  • PM: 2. ICR rechts + links (Fortleitung in die Karotiden!)
  • Pulsus parvus et tardus: Kleiner, verzögerter Puls
  • Hebender Apex: Bei schwerer AS durch konzentrische Hypertrophie
  • Paradoxale Spaltung von S2

Merksatz: „AS = Crescendo-Decrescendo im 2. ICR rechts, das sich in die Karotiden fortpflanzt."

4.4 Mitralinsuffizienz (MI)

  • Holosystolisches Geräusch — dauert während der gesamten Systole an
  • PM: Herzspitze (Apex)
  • Fortleitung: In die linke Axilla und zum Rücken
  • Charakter: Hochfrequent, „blasend"

4.5 Geräuschformen im Überblick

GeräuschformBeschreibungTypische Pathologie
Crescendo-DecrescendoLeise → laut → leise (Rautenform)Aorten-/Pulmonalstenose
DecrescendoLaut → leiseAortenklappeninsuffizienz
Holosystolisch (Plateau)Gleichmäßig während SystoleMI, VSD, Trikuspidalklappeninsuffizienz
CrescendoLeise → lautFrühsystolisch bei milder AS
Merksatz: Crescendo-Decrescendo = Klappenstenose

Das Crescendo-Decrescendo-Muster (RAUTENFÖRMIG) ist pathognomonisch für eine Klappenstenose.

4.6 Atemabhängigkeit

  • Inspiration verstärkt: Rechtsseitige Geräusche (Trikuspidal-, Pulmonalklappe)
  • Expiration verstärkt: Linksseitige Geräusche (Mitralklappe, Aortenklappe)
Carvallo-Zeichen: Verstärkung des Trikuspidalklappeninsuffizienz-Geräusches bei Inspiration

Durch erhöhten venösen Rückfluss ins rechte Herz bei Inspiration. Hilft, rechts- von linksseitigen Klappenvitien zu unterscheiden.

5 🫀 Herzgeräusche & Differenzialdiagnose der Vitien
VitiumZeitpunktPMCharakter / Fortleitung
AortenklappenstenoseSystolikum2. ICR rechtsCrescendo-Decrescendo, in Karotiden
AortenklappeninsuffizienzDiastolikum3./4. ICR linksDecrescendo, Sitz nach vorne gelehnt
MitralklappeninsuffizienzHolosystolikumHerzspitzeBlasend, in Axilla
MitralklappenstenoseDiastolikumHerzspitzeÖffnungston + Decrescendo
TrikuspidalklappeninsuffizienzHolosystolikum4./5. ICR linksCarvallo-Zeichen positiv
TrikuspidalklappenstenoseDiastolikumLinker SternalrandÖffnungston, insp. verstärkt
ASDSystolikum2. ICR linksFixierte S2-Spaltung
VSDHolosystolikum3./4. ICR linksLaut, ggf. Thrill

5.1 Vorhofseptumdefekt (ASD)

  • Systolisches Flussgeräusch über der Pulmonalklappe
  • Fixierte Spaltung von S2 — verändert sich nicht mit der Atmung (pathognomonisch!)
Fixierte S2-Spaltung bei ASD — Prüfungsfrage

Normalerweise variiert die S2-Spaltung mit der Atmung. Beim ASD bleibt sie unverändert (fixiert), da der linke Vorhof über den Defekt mit dem rechten kommuniziert.

5.2 Aortenklappeninsuffizienz

  • Frühdiastolisches Decrescendo-Geräusch — laut zu Beginn, dann leiser
  • PM: 3./4. ICR links (Erb-Punkt)
  • Patient: Nach vorne lehnen, Expiration, Luft anhalten
  • Zusatz: Wasserhammer-Puls, Pulsus bisferiens, Quincke-Zeichen (Kapillarpuls), de-Musset-Zeichen (Kopfnicken)

5.3 Mitralklappenstenose

  • Diastolisches Decrescendo mit Öffnungston (hochfrequenter Klick zu Beginn der Diastole)
  • PM: Herzspitze
6 🧪 Hepatojugulärer Reflux (HJR)

6.1 Definition

Der hepatojuguläre Reflux ist ein klinischer Test zur Diagnose einer Rechtsherzinsuffizienz oder Obstruktion des venösen Rückflusses.

Durchführung des HJR

Durchführung: Der Prüfer drückt mit der flachen Hand ca. 10–15 Sekunden auf den rechten Oberbauch (Leberregion) und beobachtet die Jugularvenen am Hals.

Positiver Befund: Eine Zunahme des Jugularvenendrucks (JVP) um mehr als 3 cmH₂O, die während oder nach der Kompression bestehen bleibt.

Positiver HJR spricht für:

  • Rechtsherzinsuffizienz
  • Trikuspidalklappeninsuffizienz
  • Perikarderguss / Perikarditis constrictiva
  • Obstruktion der V. cava superior
Klinischer Kontext: Anästhesie-Relevanz

Der hepatojuguläre Reflux wird besonders in der Anästhesie und Intensivmedizin als Teil der kardiovaskulären Risikoabschätzung vor Operationen eingesetzt. Ein positiver Befund kann auf eine erhöhte Narkosegefährdung hinweisen.

7 Herzuntersuchung & Anästhesie-Risikoabschätzung
Was muss der Anästhesist beurteilen?
  • Hat der Patient eine bekannte Herzerkrankung oder Herzklappenvitien?
  • Bestehen Zeichen einer Herzinsuffizienz (Ödeme, Dyspnoe, Zyanose, erhöhter JVP)?
  • Gibt es Zeichen einer Myokardischämie (Angina pectoris)?
  • Besteht das Risiko einer Endokarditis (Fieber, Klappeninsuffizienz-Geräusch)?
  • Müssen Medikamente perioperativ angepasst werden (Antikoagulation)?
Klinischer BefundRisikoaspekt für die Anästhesie
Pulsdefizit (VHF)Thromboemboliegefahr, Kreislaufinstabilität
Pulsus paradoxusPerikardtamponade, schwere COPD
Verlagerter HerzspitzenstoßKardiomegalie → Herzinsuffizienz
Lautes Geräusch mit ThrillFortgeschrittenes Klappenvitium
S3Herzinsuffizienz mit Ventrikeldilatation
S4Diastolische Dysfunktion, Hypertonie
Perioperative Endokarditisprophylaxe — Eingeschränkte Indikation

Antibiotische Endokarditisprophylaxe nur noch bei:

  • Klappenprothesen (mechanisch oder biologisch)
  • Zurückliegende Endokarditis
  • Angeborene zyanotische Herzfehler
  • Herztransplantierte mit Klappeninsuffizienz
8 📋 Prüfungsschema — Modellantworten
1. AnamneseGezielte Befragung: Dyspnoe, Angina pectoris, Ödeme, Herzmedikamente
2. InspektionAllgemeinzustand, Zyanose, Ödeme, Clubbing, Thoraxnarben, JVP
3. PalpationHerzspitzenstoß, Thrill, Pulsstatus (Frequenz, Rhythmus, Defizit), periphere Pulse
4. AuskultationS1/S2/S3/S4, dann: Aortenpunkt → Pulmonalpunkt → Spitzenpunkt → Trikuspidapunkt
5. Spezielle TestsHepatojugulärer Reflux, Carotispuls, Blutdruck beide Arme
F1: Was ist das Pulsdefizit und wie bestimmt man es?

Das Pulsdefizit ist die Differenz zwischen auskultierter Herzfrequenz und peripherer Pulsfrequenz. Bestimmt durch simultanes Zählen (Auskultation über der Herzspitze + Radialispuls tasten). Typisch bei Vorhofflimmern.

F2: Wie unterscheidet man systolische von diastolischen Herzgeräuschen?

S1 ist der erste laute Ton (Beginn der Systole), S2 der zweite (Ende der Systole). Alles zwischen S1 und S2 ist systolisch, alles nach S2 diastolisch. Zusätzlich helfen Klangcharakter und Lokalisation.

F3: Was ist das Carvallo-Zeichen?

Die Zunahme des Trikuspidalklappeninsuffizienz-Geräusches bei Inspiration. Durch erhöhten venösen Rückfluss ins rechte Herz verstärkt sich das Regurgitationsvolumen. Hilft, rechts- von linksseitigen Klappenvitien zu unterscheiden.

F4: Unterschiede zwischen S3 und S4

S3 nach S2 (frühe Diastole) — pathologisch bei dilatiertem Ventrikel mit erhöhtem Füllungsdruck (Herzinsuffizienz). S4 vor S1 (späte Diastole) — immer pathologisch, durch atrialen Kick gegen eine steife, hypertrophierte Kammer (Hypertonie, KHK, HOCM).

F5: Welche Herzgeräusche verstärken sich bei Inspiration?

Alle rechtsseitigen Herzgeräusche: Trikuspidalklappeninsuffizienz (Carvallo-Zeichen), Trikuspidalklappenstenose, ASD, relative Pulmonalstenose.