Klinische Untersuchung des Ellenbogengelenks
Vorlesungs-Zusammenfassung – Orthopädie / Unfallchirurgie
1. Einstieg & klinischer Kontext
Die systematische klinische Untersuchung des Ellenbogengelenks ist ein zentraler Bestandteil der orthopädischen und unfallchirurgischen Diagnostik. Sie dient vor allem der Differenzierung zwischen Luxationen, Frakturen und entzündlichen Erkrankungen.
Die klinische Untersuchung folgt einem festen Schema:
- Inspektion (sehen)
- Palpation (tasten)
- Bewegungsprüfung (Funktion)
- Spezifische Tests
- Bildgebung (anschließend)
2. Inspektion (Betrachtung)
Die Inspektion ist der erste und wichtigste Schritt der Untersuchung. Folgende Aspekte sind zu beachten:
2.1 Allgemeine Inspektion
- Hämatome (prellungsbedingte Einblutungen)
- Schwellung (Schwellungen/Schwellungszeichen)
- Gelenkerguss (Gelenkstellung, Schwellung des Gelenks)
- Deformitäten (Fehlstellungen)
- Fehlstellung (Achsenabweichung)
2.2 Wichtige Befunde bei der Inspektion
| Befund | Klinische Bedeutung |
|---|---|
| Schwellung / Hämatom | Hinweis auf Fraktur oder schwere Kontusion |
| Deformität | Luxation, Fraktur mit Dislokation |
| „Drop Arm" | Olekranonfraktur (Patient kann den Arm nicht gegen die Schwerkraft halten) |
| Adduktionsstellung des Arms | Hinweis auf Olekranonfraktur (Arm wird in Adduktionsstellung gehalten) |
| Muskelatrophie | Chronische Schädigung, M. Sudeck, längere Schonhaltung |
2.3 Korrekte Befundbeschreibung
Es ist wichtig, klinische Befunde präzise zu beschreiben:
- Nicht einfach „normal" sagen – sondern z. B. „Contusion" (Prellung), „Gelenkerguss", „Schwellung", „Deformität" usw.
- Die Bezeichnung „Normalbefund" gilt nur, wenn tatsächlich keine pathologischen Veränderungen vorliegen
- Beispiel: Statt „Schwellung" besser „Gelenkerguss" oder „Hämatom" differenzieren
3. Palpation (Tastuntersuchung)
3.1 Tastpunkte am Ellenbogen
Bei der Palpation werden folgende anatomische Strukturen systematisch untersucht:
- Epikondylen (medial und lateral) – Druckschmerz?
- Olekranon – auf Frakturzeichen, Druckschmerz
- Radiusköpfchen – Druckschmerz, Krepitation
- Bursa olecrani – Schwellung, Fluktuation (Bursitis?)
3.2 Bedeutung der Epikondylen
Die Epikondylen sind die wichtigsten Orientierungspunkte bei der Palpation:
| Struktur | Palpationsbefund | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|
| Epikondylus radialis (lateralis) | Druckschmerz | Epicondylitis radialis humeri (Tennisellenbogen) |
| Epikondylus ulnaris (medialis) | Druckschmerz | Epicondylitis ulnaris humeri (Golferellenbogen) |
| Olekranon | Druckschmerz, Stufe | Olekranonfraktur, Bursitis olecrani |
| Radiusköpfchen | Druckschmerz, Krepitation | Radiusköpfchenfraktur, Luxation |
3.3 Bursa olecrani
Die Bursa olecrani (Schleimbeutel) liegt direkt unter der Haut auf dem Olekranon:
- Bei chronischer Reizung → Bursitis olecrani (Schwellung, Fluktuation)
- Bei Trauma → blutige Bursitis
- Häufig bei Gicht (gichttöse Bursitis)
4. Hueter-Dreieck
Das Hueter-Dreieck ist ein wichtiges anatomisches Orientierungszeichen am Ellenbogen:
4.1 Aufbau
Es wird gebildet aus drei Punkten:
- Epikondylus radialis (lateral)
- Epikondylus ulnaris (medial)
- Olekranon
4.2 Klinische Bedeutung
| Pathologie | Hueter-Dreieck | Befund |
|---|---|---|
| Gesundes Gelenk | Symmetrisches gleichschenkliges Dreieck | Normalbefund |
| Luxation | Asymmetrisch | Olekranon disloziert |
| Fraktor | Symmetrisch (meist) | Druckschmerz lokal |
| Olekranonfraktur | Druckschmerz am Olekranon | „Drop Arm" Phänomen |
5. Bewegungsprüfung
5.1 Relevante Muskelgruppen
Bei der Bewegungsprüfung des Ellenbogens sind folgende Muskeln von Bedeutung:
- M. triceps brachii – Extension (Streckung)
- M. biceps brachii – Flexion (Beugung)
- M. brachioradialis – Flexion in Pronations-/Supinationsstellung
5.2 Bewegungsachsen
Das Ellenbogengelenk erlaubt Bewegungen in zwei Hauptachsen:
- Flexion / Extension (Beugung/Streckung) – Scharniergelenk
- Pronation / Supination (Umwendbewegung) – Drehgelenk
5.3 Funktionsprüfung bei Luxation
Bei einer Luxation zeigt sich typischerweise:
- Patient kann weder Extension noch Flexion aktiv ausführen
- Arm wird in 90°-Stellung gehalten
- Federnde Fixation
- Schwellung und Deformität
6. Neutral-Null-Methode
Die Neutral-Null-Methode ist das standardisierte Verfahren zur Dokumentation des Bewegungsausmaßes aller Gelenke.
6.1 Grundprinzip
Jede Gelenkbewegung wird mit drei Zahlen dokumentiert:
- 1. Zahl: Bewegungsumfang in die eine Richtung (z. B. Extension)
- 2. Zahl: Neutralstellung = 0° (immer in der Mitte)
- 3. Zahl: Bewegungsumfang in die Gegenrichtung (z. B. Flexion)
6.2 Normwerte am Ellenbogen
| Bewegung | Normalwert |
|---|---|
| Extension / Flexion | 0° / 0° / 150° (ca. 120–150° Flexion) |
| Pronation / Supination | 90° / 0° / 90° (ca. 80–90° in jede Richtung) |
6.3 Beispiel: Normaler Ellenbogen
Schreibweise: Extension/Flexion = 0° – 0° – 150°
Das bedeutet: 0° Extension (Streckung bis 0° möglich), 0° Neutralstellung, 150° Flexion (Beugung bis 150° möglich).
6.4 Beispiel: Pathologischer Befund (Kontraktur)
Ein Patient kann den Arm nur von 90° bis 120° beugen, aber nicht ganz strecken:
Dies bedeutet: Der Arm kann aus der 90°-Stellung um 30° gestreckt werden (in Richtung 0°) und um 30° gebeugt werden (in Richtung 120°). Die Neutral-Null-Stellung (0°) wird nicht erreicht.
6.5 Beispiel: Kompletter Funktionsverlust
Patient kann Ellenbogen weder strecken noch beugen, hält ihn fixiert in 90°-Stellung:
6.6 Pronation und Supination
| Bewegung | Beschreibung | Eselsbrücke |
|---|---|---|
| Supination | Handfläche zeigt nach oben (Richtung Gesicht/Mund) | „Als ob man eine Suppe löffelt" |
| Pronation | Handfläche zeigt nach unten (Richtung Boden) | Handrücken zeigt nach oben |
7. Spezielle klinische Zeichen & Tests
7.1 Tennisellenbogen (Epicondylitis radialis humeri)
- Schmerz am lateralen Epikondylus
- Schmerzverstärkung bei Dorsalextension des Handgelenks gegen Widerstand
- Häufigste Ursache: Überlastung der Handgelenksextensoren
7.2 Golferellenbogen (Epicondylitis ulnaris humeri)
- Schmerz am medialen Epikondylus
- Schmerzverstärkung bei Flexion des Handgelenks gegen Widerstand
- Seltenere Entität
7.3 Bursitis olecrani
- Schwellung über dem Olekranon
- Oft druckschmerzhaft
- Ursachen: chronischer Druck, Trauma, Gicht, rheumatoide Arthritis
- Differenzierung zwischen Bursitis und Fraktur durch Bildgebung (Röntgen)
7.4 Neuropathie
Bei Luxationen und Frakturen am Ellenbogen können folgende Nerven verletzt werden:
| Nerv | Klinisches Zeichen |
|---|---|
| N. radialis | Fallhand (Hand kann nicht gehoben werden) |
| N. ulnaris | Krallenhand, Taubheit 4./5. Finger |
| N. medianus | „Schwurhand", Taubheit 1.–3. Finger |
8. Differentialdiagnostische Hinweise
8.1 Gicht (Podagra / Chiragra)
Die Gicht manifestiert sich an verschiedenen Gelenken:
| Bezeichnung | Betroffenes Gelenk |
|---|---|
| Podagra | Großzehengrundgelenk (Fuß) |
| Chiragra | Handgelenk |
| Gonagra | Kniegelenk |
| Omagra | Schultergelenk |
8.2 Rheumatische Erkrankungen
- Heberden-Arthrose: DIP-Gelenke (distale Interphalangealgelenke) der Finger
- Bouchard-Arthrose: PIP-Gelenke (proximale Interphalangealgelenke)
- Rheumatoide Arthritis: MCP-Gelenke, Schwanenhalsdeformität, Knopflochdeformität
8.3 Wichtige Differenzierung am Ellenbogen
| Diagnose | Schmerzpunkt | Typische Klinik |
|---|---|---|
| Tennisellenbogen | Epikondylus lateral | Schmerz bei Dorsalextension |
| Golferellenbogen | Epikondylus medial | Schmerz bei Flexion |
| Bursitis olecrani | Olekranon | Schwellung, Fluktuation |
| Olekranonfraktur | Olekranon | Drop Arm, Hämatom |
| Radiusköpfchenfraktur | Radiusköpfchen | Druckschmerz, Bewegungseinschränkung |
| Luxation | Gesamtes Gelenk | Deformität, Hueter-Dreieck asymmetrisch |
9. Prüfungs-Highlights & Zusammenfassung
- Hueter-Dreieck kennen und seine Bedeutung bei Luxation vs. Fraktur
- Neutral-Null-Methode korrekt anwenden und dokumentieren können (drei Zahlen, 0° in der Mitte bei normaler Gelenkfunktion)
- „Drop Arm" als klassisches Zeichen der Olekranonfraktur
- Epikondylitis radialis vs. ulnaris unterscheiden können
- Pronation/Supination nicht verwechseln – Eselsbrücke: „Supination = Suppe löffeln"
- Nervenverletzungen am Ellenbogen (N. radialis → Fallhand)
- Normwerte der Ellenbogenbeweglichkeit kennen: Flexion ca. 150°, Pronation/Supination je ca. 80–90°
- Gichtmanifestationen (Podagra, Chiragra) und Tophi-Lokalisationen
9.1 Schnellübersicht – Schritt für Schritt
9.2 Typische Prüfungsfragen
Frage: Wie unterscheidet man eine Luxation von einer Fraktur klinisch?
Antwort: Bei der Luxation zeigt sich eine Deformität und das Hueter-Dreieck ist asymmetrisch. Der Patient hält den Arm meist in 90°-Stellung. Bei der Fraktur ist das Hueter-Dreieck symmetrisch, aber es besteht ein lokaliserter Druckschmerz über dem betroffenen Knochenpunkt (z. B. Olekranon, Radiusköpfchen). Sicherheit bringt die Röntgenaufnahme in zwei Ebenen.
Frage: Welche Strukturen bilden das Hueter-Dreieck?
Antwort: Das Hueter-Dreieck wird aus drei Punkten gebildet: Epikondylus radialis (lateral), Epikondylus ulnaris (medial) und Olekranon. Bei Streckung des Ellenbogens bilden diese drei Punkte ein gleichschenkliges Dreieck.
Frage: Wie dokumentiert man den Bewegungsumfang nach der Neutral-Null-Methode?
Antwort: Mit drei Zahlen: 1. Zahl = Bewegung in eine Richtung, 2. Zahl = Neutralstellung (0°), 3. Zahl = Bewegung in die Gegenrichtung. Beispiel normaler Ellenbogen: 0° – 0° – 150°. Bei pathologischer Einschränkung rückt die Null aus der Mitte (z. B. 0° – 90° – 120° bei Kontraktur).
Frage: Was versteht man unter „Drop Arm" und worauf deutet es hin?
Anwort: „Drop Arm" bezeichnet die Unfähigkeit, den Arm gegen die Schwerkraft gestreckt zu halten. Es ist ein klassischer Hinweis auf eine Olekranonfraktur, da die Streckfunktion durch den M. triceps brachii aufgehoben ist.
Frage: Welche Nerven können bei Ellenbogenluxationen verletzt werden?
Antwort: N. radialis (klinisch: Fallhand), N. ulnaris (klinisch: Krallenhand, Sensibilitätsstörungen 4./5. Finger) und N. medianus (klinisch: Schwurhand, Sensibilitätsstörungen 1.–3. Finger).
Frage: Was ist der Unterschied zwischen Supination und Pronation?
Antwort: Supination: Drehung des Unterarms, bei der die Handfläche nach oben zeigt (Richtung Gesicht) – Eselsbrücke: „Suppe löffeln". Pronation: Drehung des Unterarms, bei der die Handfläche nach unten zeigt (Richtung Boden).
Frage: Welche Gichtmanifestationen gibt es und wo findet man Tophi?
Antwort: Gichtmanifestationen sind nach den betroffenen Gelenken benannt: Podagra (Großzehe), Chiragra (Hand), Gonagra (Knie), Omagra (Schulter). Tophi (Gichtknoten) finden sich typischerweise an der Ohrmuschel und über dem Olekranon.
10. Zusammenfassung in einem Satz
Die klinische Untersuchung des Ellenbogengelenks folgt einem strukturierten Schema aus Inspektion → Palpation (inkl. Hueter-Dreieck) → Bewegungsprüfung (Neutral-Null-Methode) → spezifische Tests. Ziel ist die Differenzierung zwischen Luxation (Hueter-Dreieck asymmetrisch), Fraktur (Druckschmerz, z. B. „Drop Arm" bei Olekranonfraktur) und entzündlichen Erkrankungen (Tennis-/Golferellenbogen, Bursitis, Arthritis).