Persönliches Lernmaterial: Diese Zusammenfassung dient der Prüfungsvorbereitung und ersetzt weder offizielle Vorgaben noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Klinische Untersuchung des Ellenbogengelenks

Vorlesungs-Zusammenfassung – Orthopädie / Unfallchirurgie

1. Einstieg & klinischer Kontext

Die systematische klinische Untersuchung des Ellenbogengelenks ist ein zentraler Bestandteil der orthopädischen und unfallchirurgischen Diagnostik. Sie dient vor allem der Differenzierung zwischen Luxationen, Frakturen und entzündlichen Erkrankungen.

Bei Patienten, die auf den ausgestreckten Arm gestürzt sind, muss immer zwischen Luxation, Fraktur und reiner Kontusion/Prellung unterschieden werden. Dies erfordert eine strukturierte Vorgehensweise.

Die klinische Untersuchung folgt einem festen Schema:

  1. Inspektion (sehen)
  2. Palpation (tasten)
  3. Bewegungsprüfung (Funktion)
  4. Spezifische Tests
  5. Bildgebung (anschließend)

2. Inspektion (Betrachtung)

Die Inspektion ist der erste und wichtigste Schritt der Untersuchung. Folgende Aspekte sind zu beachten:

2.1 Allgemeine Inspektion

  • Hämatome (prellungsbedingte Einblutungen)
  • Schwellung (Schwellungen/Schwellungszeichen)
  • Gelenkerguss (Gelenkstellung, Schwellung des Gelenks)
  • Deformitäten (Fehlstellungen)
  • Fehlstellung (Achsenabweichung)

2.2 Wichtige Befunde bei der Inspektion

BefundKlinische Bedeutung
Schwellung / HämatomHinweis auf Fraktur oder schwere Kontusion
DeformitätLuxation, Fraktur mit Dislokation
„Drop Arm"Olekranonfraktur (Patient kann den Arm nicht gegen die Schwerkraft halten)
Adduktionsstellung des ArmsHinweis auf Olekranonfraktur (Arm wird in Adduktionsstellung gehalten)
MuskelatrophieChronische Schädigung, M. Sudeck, längere Schonhaltung
„Drop Arm" bei Olekranonfraktur: Der Patient kann den Arm nicht gestreckt gegen die Schwerkraft halten – dies ist ein klassisches Zeichen einer Olekranonfraktur und prüfungsrelevant!

2.3 Korrekte Befundbeschreibung

Es ist wichtig, klinische Befunde präzise zu beschreiben:

  • Nicht einfach „normal" sagen – sondern z. B. „Contusion" (Prellung), „Gelenkerguss", „Schwellung", „Deformität" usw.
  • Die Bezeichnung „Normalbefund" gilt nur, wenn tatsächlich keine pathologischen Veränderungen vorliegen
  • Beispiel: Statt „Schwellung" besser „Gelenkerguss" oder „Hämatom" differenzieren

3. Palpation (Tastuntersuchung)

3.1 Tastpunkte am Ellenbogen

Bei der Palpation werden folgende anatomische Strukturen systematisch untersucht:

  • Epikondylen (medial und lateral) – Druckschmerz?
  • Olekranon – auf Frakturzeichen, Druckschmerz
  • Radiusköpfchen – Druckschmerz, Krepitation
  • Bursa olecrani – Schwellung, Fluktuation (Bursitis?)

3.2 Bedeutung der Epikondylen

Die Epikondylen sind die wichtigsten Orientierungspunkte bei der Palpation:

StrukturPalpationsbefundKlinische Bedeutung
Epikondylus radialis (lateralis)DruckschmerzEpicondylitis radialis humeri (Tennisellenbogen)
Epikondylus ulnaris (medialis)DruckschmerzEpicondylitis ulnaris humeri (Golferellenbogen)
OlekranonDruckschmerz, StufeOlekranonfraktur, Bursitis olecrani
RadiusköpfchenDruckschmerz, KrepitationRadiusköpfchenfraktur, Luxation
Reihenfolge der Palpation: Epikondylen → Olekranon → Radiusköpfchen. Bei Frakturverdacht immer vorsichtig und mit beiden Händen palpieren!

3.3 Bursa olecrani

Die Bursa olecrani (Schleimbeutel) liegt direkt unter der Haut auf dem Olekranon:

  • Bei chronischer Reizung → Bursitis olecrani (Schwellung, Fluktuation)
  • Bei Trauma → blutige Bursitis
  • Häufig bei Gicht (gichttöse Bursitis)

4. Hueter-Dreieck

Das Hueter-Dreieck ist ein wichtiges anatomisches Orientierungszeichen am Ellenbogen:

4.1 Aufbau

Es wird gebildet aus drei Punkten:

  • Epikondylus radialis (lateral)
  • Epikondylus ulnaris (medial)
  • Olekranon

4.2 Klinische Bedeutung

Prüfungsrelevant! Bei einer Ellenbogenluxation ist das Hueter-Dreieck asymmetrisch (gestört), während es bei einer Fraktur in der Regel symmetrisch bleibt, aber ein Druckschmerz über dem betroffenen Knochenpunkt besteht.
PathologieHueter-DreieckBefund
Gesundes GelenkSymmetrisches gleichschenkliges DreieckNormalbefund
LuxationAsymmetrischOlekranon disloziert
FraktorSymmetrisch (meist)Druckschmerz lokal
OlekranonfrakturDruckschmerz am Olekranon„Drop Arm" Phänomen

5. Bewegungsprüfung

5.1 Relevante Muskelgruppen

Bei der Bewegungsprüfung des Ellenbogens sind folgende Muskeln von Bedeutung:

  • M. triceps brachii – Extension (Streckung)
  • M. biceps brachii – Flexion (Beugung)
  • M. brachioradialis – Flexion in Pronations-/Supinationsstellung

5.2 Bewegungsachsen

Das Ellenbogengelenk erlaubt Bewegungen in zwei Hauptachsen:

  1. Flexion / Extension (Beugung/Streckung) – Scharniergelenk
  2. Pronation / Supination (Umwendbewegung) – Drehgelenk

5.3 Funktionsprüfung bei Luxation

Bei einer Luxation zeigt sich typischerweise:

  • Patient kann weder Extension noch Flexion aktiv ausführen
  • Arm wird in 90°-Stellung gehalten
  • Federnde Fixation
  • Schwellung und Deformität

6. Neutral-Null-Methode

Die Neutral-Null-Methode ist das standardisierte Verfahren zur Dokumentation des Bewegungsausmaßes aller Gelenke.

Definition: Die Neutral-Null-Methode beschreibt das Bewegungsausmaß eines Gelenkes durch drei Zahlen: das Bewegungsausmaß in eine Richtung, die Neutralstellung (Null) und das Bewegungsausmaß in die Gegenrichtung. Sie wird bei allen Gelenken angewendet!

6.1 Grundprinzip

Jede Gelenkbewegung wird mit drei Zahlen dokumentiert:

  • 1. Zahl: Bewegungsumfang in die eine Richtung (z. B. Extension)
  • 2. Zahl: Neutralstellung = 0° (immer in der Mitte)
  • 3. Zahl: Bewegungsumfang in die Gegenrichtung (z. B. Flexion)

6.2 Normwerte am Ellenbogen

BewegungNormalwert
Extension / Flexion0° / 0° / 150° (ca. 120–150° Flexion)
Pronation / Supination90° / 0° / 90° (ca. 80–90° in jede Richtung)
Hinweis: Bei Frauen und schlanken Personen kann physiologisch eine leichte Überstreckbarkeit (Hyperextension) bestehen – dies ist nicht pathologisch.

6.3 Beispiel: Normaler Ellenbogen

Schreibweise: Extension/Flexion = 0° – 0° – 150°

Das bedeutet: 0° Extension (Streckung bis 0° möglich), 0° Neutralstellung, 150° Flexion (Beugung bis 150° möglich).

6.4 Beispiel: Pathologischer Befund (Kontraktur)

Ein Patient kann den Arm nur von 90° bis 120° beugen, aber nicht ganz strecken:

Schritt 1: Patient kann nicht ganz strecken → Streckdefizit von 90°
Schritt 2: Beugung nur bis 120° (statt 150°)
Schritt 3: Neutral-Null-Methode: 0° – 90° – 120°

Dies bedeutet: Der Arm kann aus der 90°-Stellung um 30° gestreckt werden (in Richtung 0°) und um 30° gebeugt werden (in Richtung 120°). Die Neutral-Null-Stellung (0°) wird nicht erreicht.

6.5 Beispiel: Kompletter Funktionsverlust

Patient kann Ellenbogen weder strecken noch beugen, hält ihn fixiert in 90°-Stellung:

Schreibweise: 0° – 90° – 90°
Bedeutung: 0° Bewegung nach beiden Seiten, fixiert in 90°-Stellung

6.6 Pronation und Supination

BewegungBeschreibungEselsbrücke
SupinationHandfläche zeigt nach oben (Richtung Gesicht/Mund)„Als ob man eine Suppe löffelt"
PronationHandfläche zeigt nach unten (Richtung Boden)Handrücken zeigt nach oben
Verwechslungsgefahr! Supination = Handfläche nach oben (wie beim „Suppe löffeln"). Pronation = Handfläche nach unten. Diese Begriffe werden in der Prüfung häufig verwechselt!

7. Spezielle klinische Zeichen & Tests

7.1 Tennisellenbogen (Epicondylitis radialis humeri)

  • Schmerz am lateralen Epikondylus
  • Schmerzverstärkung bei Dorsalextension des Handgelenks gegen Widerstand
  • Häufigste Ursache: Überlastung der Handgelenksextensoren

7.2 Golferellenbogen (Epicondylitis ulnaris humeri)

  • Schmerz am medialen Epikondylus
  • Schmerzverstärkung bei Flexion des Handgelenks gegen Widerstand
  • Seltenere Entität

7.3 Bursitis olecrani

  • Schwellung über dem Olekranon
  • Oft druckschmerzhaft
  • Ursachen: chronischer Druck, Trauma, Gicht, rheumatoide Arthritis
  • Differenzierung zwischen Bursitis und Fraktur durch Bildgebung (Röntgen)

7.4 Neuropathie

Bei Luxationen und Frakturen am Ellenbogen können folgende Nerven verletzt werden:

NervKlinisches Zeichen
N. radialisFallhand (Hand kann nicht gehoben werden)
N. ulnarisKrallenhand, Taubheit 4./5. Finger
N. medianus„Schwurhand", Taubheit 1.–3. Finger

8. Differentialdiagnostische Hinweise

8.1 Gicht (Podagra / Chiragra)

Die Gicht manifestiert sich an verschiedenen Gelenken:

BezeichnungBetroffenes Gelenk
PodagraGroßzehengrundgelenk (Fuß)
ChiragraHandgelenk
GonagraKniegelenk
OmagraSchultergelenk
Gichtknoten (Tophi): Charakteristisch sind Gichtknoten an der Ohrmuschel (Helix) und über dem Olekranon. Sie sind ein wichtiger klinischer Hinweis auf eine chronische Hyperurikämie.

8.2 Rheumatische Erkrankungen

  • Heberden-Arthrose: DIP-Gelenke (distale Interphalangealgelenke) der Finger
  • Bouchard-Arthrose: PIP-Gelenke (proximale Interphalangealgelenke)
  • Rheumatoide Arthritis: MCP-Gelenke, Schwanenhalsdeformität, Knopflochdeformität

8.3 Wichtige Differenzierung am Ellenbogen

DiagnoseSchmerzpunktTypische Klinik
TennisellenbogenEpikondylus lateralSchmerz bei Dorsalextension
GolferellenbogenEpikondylus medialSchmerz bei Flexion
Bursitis olecraniOlekranonSchwellung, Fluktuation
OlekranonfrakturOlekranonDrop Arm, Hämatom
RadiusköpfchenfrakturRadiusköpfchenDruckschmerz, Bewegungseinschränkung
LuxationGesamtes GelenkDeformität, Hueter-Dreieck asymmetrisch

9. Prüfungs-Highlights & Zusammenfassung

Für die Kenntnisprüfung besonders wichtig:
  1. Hueter-Dreieck kennen und seine Bedeutung bei Luxation vs. Fraktur
  2. Neutral-Null-Methode korrekt anwenden und dokumentieren können (drei Zahlen, 0° in der Mitte bei normaler Gelenkfunktion)
  3. „Drop Arm" als klassisches Zeichen der Olekranonfraktur
  4. Epikondylitis radialis vs. ulnaris unterscheiden können
  5. Pronation/Supination nicht verwechseln – Eselsbrücke: „Supination = Suppe löffeln"
  6. Nervenverletzungen am Ellenbogen (N. radialis → Fallhand)
  7. Normwerte der Ellenbogenbeweglichkeit kennen: Flexion ca. 150°, Pronation/Supination je ca. 80–90°
  8. Gichtmanifestationen (Podagra, Chiragra) und Tophi-Lokalisationen

9.1 Schnellübersicht – Schritt für Schritt

1. Anamnese: Unfallmechanismus? Sturz auf ausgestreckten Arm?
2. Inspektion: Schwellung, Hämatom, Deformität, „Drop Arm"?
3. Palpation: Epikondylen, Olekranon, Radiusköpfchen, Bursa
4. Hueter-Dreieck: Symmetrisch? Asymmetrisch → Luxation
5. Bewegungsumfang: Neutral-Null-Methode dokumentieren
6. Spezifische Tests: Tennisarm, Golferarm, Nervenfunktion
7. Bildgebung: Röntgen in zwei Ebenen, ggf. CT

9.2 Typische Prüfungsfragen

Frage: Wie unterscheidet man eine Luxation von einer Fraktur klinisch?

Antwort: Bei der Luxation zeigt sich eine Deformität und das Hueter-Dreieck ist asymmetrisch. Der Patient hält den Arm meist in 90°-Stellung. Bei der Fraktur ist das Hueter-Dreieck symmetrisch, aber es besteht ein lokaliserter Druckschmerz über dem betroffenen Knochenpunkt (z. B. Olekranon, Radiusköpfchen). Sicherheit bringt die Röntgenaufnahme in zwei Ebenen.

Frage: Welche Strukturen bilden das Hueter-Dreieck?

Antwort: Das Hueter-Dreieck wird aus drei Punkten gebildet: Epikondylus radialis (lateral), Epikondylus ulnaris (medial) und Olekranon. Bei Streckung des Ellenbogens bilden diese drei Punkte ein gleichschenkliges Dreieck.

Frage: Wie dokumentiert man den Bewegungsumfang nach der Neutral-Null-Methode?

Antwort: Mit drei Zahlen: 1. Zahl = Bewegung in eine Richtung, 2. Zahl = Neutralstellung (0°), 3. Zahl = Bewegung in die Gegenrichtung. Beispiel normaler Ellenbogen: 0° – 0° – 150°. Bei pathologischer Einschränkung rückt die Null aus der Mitte (z. B. 0° – 90° – 120° bei Kontraktur).

Frage: Was versteht man unter „Drop Arm" und worauf deutet es hin?

Anwort: „Drop Arm" bezeichnet die Unfähigkeit, den Arm gegen die Schwerkraft gestreckt zu halten. Es ist ein klassischer Hinweis auf eine Olekranonfraktur, da die Streckfunktion durch den M. triceps brachii aufgehoben ist.

Frage: Welche Nerven können bei Ellenbogenluxationen verletzt werden?

Antwort: N. radialis (klinisch: Fallhand), N. ulnaris (klinisch: Krallenhand, Sensibilitätsstörungen 4./5. Finger) und N. medianus (klinisch: Schwurhand, Sensibilitätsstörungen 1.–3. Finger).

Frage: Was ist der Unterschied zwischen Supination und Pronation?

Antwort: Supination: Drehung des Unterarms, bei der die Handfläche nach oben zeigt (Richtung Gesicht) – Eselsbrücke: „Suppe löffeln". Pronation: Drehung des Unterarms, bei der die Handfläche nach unten zeigt (Richtung Boden).

Frage: Welche Gichtmanifestationen gibt es und wo findet man Tophi?

Antwort: Gichtmanifestationen sind nach den betroffenen Gelenken benannt: Podagra (Großzehe), Chiragra (Hand), Gonagra (Knie), Omagra (Schulter). Tophi (Gichtknoten) finden sich typischerweise an der Ohrmuschel und über dem Olekranon.

10. Zusammenfassung in einem Satz

Die klinische Untersuchung des Ellenbogengelenks folgt einem strukturierten Schema aus Inspektion → Palpation (inkl. Hueter-Dreieck) → Bewegungsprüfung (Neutral-Null-Methode) → spezifische Tests. Ziel ist die Differenzierung zwischen Luxation (Hueter-Dreieck asymmetrisch), Fraktur (Druckschmerz, z. B. „Drop Arm" bei Olekranonfraktur) und entzündlichen Erkrankungen (Tennis-/Golferellenbogen, Bursitis, Arthritis).

Diese Zusammenfassung wurde aus dem Vorlesungstranskript erstellt. Alle Angaben ohne Gewähr – sie dient ausschließlich der Prüfungsvorbereitung und ersetzt nicht das Studium der Originalquellen.