Digitale Rektale Untersuchung (DRU) der Prostata
1. Grundlagen und klinische Bedeutung
1.1 Definition
Die digital-rektale Untersuchung (DRU), im Englischen als Digital Rectal Examination (DRE) bezeichnet, ist die Tastuntersuchung der Prostata über die Vorderwand des Rektums. Sie gehört zur klinischen Basisdiagnostik und wird im Rahmen der abdominalen Untersuchung durchgeführt.
1.2 Klinische Relevanz
Die DRU dient der Früherkennung und Beurteilung von:
- Prostatahyperplasie (BPH)
- Prostatakarzinom
- Prostatitis
- Sonstigen Raumforderungen des Beckenbodens
2. Inspektion der Analregion
2.1 Vorbereitung und korrekte Reihenfolge
Die Untersuchung beginnt immer mit der Inspektion, bevor eine Palpation erfolgt:
- Inspektion des Analkanals — Beurteilung auf Analkarzinom, Analfistel, Fissuren
- Beurteilung der Analregion auf:
- Hautveränderungen
- Fistelöffnungen
- Spaltbildungen (Fissuren)
- Äußere Raumforderungen
2.2 Bedeutung der Inspektion
Die Inspektion der Analregion liefert wichtige Hinweise auf:
- Analfisteln (Fistula analis)
- Analfissuren
- Äußere Hämorrhoiden
- Perianale Hauterkrankungen
- Tumoren der Analregion
3. Palpation der Prostata
3.1 Untersuchungslagerung
Der Patient befindet sich in Seitenlage. Der Untersucher führt den tastenden Finger vorsichtig in den Analkanal ein und beurteilt die Prostata über die Vorderwand des Rektums.
3.2 Untersuchungsgang
Die Palpation erfolgt systematisch entlang der Vorderwand des Rektums, um die Prostata in Bezug auf:
- Größe
- Konsistenz
- Oberflächenbeschaffenheit
- Schmerzhaftigkeit
zu beurteilen.
3.3 Klinische Befundung
| Schritt | Inhalt |
|---|---|
| 1. Inspektion | Beurteilung der Analregion und des Analkanals |
| 2. Palpation | Tastung der Prostata über die Rektumvorderwand |
| 3. Dokumentation | Befundbeschreibung im Uhr-Schema und Arztbrief |
4. Das Uhr-Schema der Prostata
Die Prostata wird bei der DRU wie ein Zifferblatt einer Uhr beurteilt. Dies ermöglicht eine standardisierte und reproduzierbare Befunddokumentation. Bei der Linksseitenlage gelten folgende Zuordnungen:
Uhr-Schema der Prostata — Übersicht:
| Uhrposition | Anatomische Zuordnung | Beurteilung |
|---|---|---|
| 12 Uhr | Forderer (vorderer) Anteil — Apex / Spitze der Prostata | Vorderwand, apikaler Bereich |
| Seitenlagen (ca. 3 Uhr / 9 Uhr) | Seitenlappen der Prostata | Symmetrie, Konsistenz |
| 6 Uhr | Hinterer Anteil — Hinterwand / Rückseite | Hinterwand, zentrale Furche |
- 12 Uhr = Forderer (vorderer) Anteil — Apex / Spitze
- Seitenlagen (ca. 3 Uhr und 9 Uhr) = Seitenlappen der Prostata
- 6 Uhr = Hinterer Anteil — Hinterwand / Rückseite
4.1 Dokumentation im Arztbrief
Die Befundbeschreibung muss für jede Uhrposition dokumentiert werden:
- Forderer Anteil (12 Uhr): Vorderwand, apikaler Bereich
- Seitenlappen (3 Uhr / 9 Uhr): Symmetrie, Konsistenz, eventuelle Verhärtungen
- Hinterer Anteil (6 Uhr): Hinterwand, zentrale Furche, Schmerzhaftigkeit
5. Normalbefund der Prostata
5.1 Makroskopische Eigenschaften
Der Normalbefund einer gesunden Prostata zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:
| Kriterium | Normalbefund | Pathologisch |
|---|---|---|
| Größe | Ca. 3 cm Durchmesser | Vergrößert (BPH) oder verkleinert |
| Konsistenz | Kreidig, homogen | Derb, knotig, unregelmäßig |
| Form | Symmetrisch, glatte Oberfläche | Asymmetrien, Vorwölbungen |
| Schmerzhaftigkeit | Schmerzfrei | Druckempfindlich (Prostatitis) |
| Mittelfurche | Vorhanden und tastbar | Verstrichen oder verhärtet |
- Harte, derbe Knoten oder Verhärtungen
- Unregelmäßige Oberfläche
- Asymmetrie der Prostata
- Fixierung an umliegendes Gewebe
- Fehlende Verschieblichkeit
6. PSA-Bestimmung vor der digital-rektalen Untersuchung
6.1 Grundregel
Die Bestimmung des PSA-Wertes (Prostataspezifisches Antigen) muss vor der digital-rektalen Untersuchung erfolgen!
6.2 Klinische Relevanz
Die PSA-Bestimmung dient der:
- Früherkennung des Prostatakarzinoms (insbesondere beim Mann über 50 Jahre)
- Verlaufskontrolle bei bekannter Prostatahyperplasie
- Differentialdiagnose zwischen benigner Prostatahyperplasie und maligner Entartung
- 1. Schritt: PSA-Blutentnahme vor jeder Manipulation
- 2. Schritt: Anschließend digitale rektale Untersuchung
Die Reihenfolge ist entscheidend, da die DRU den PSA-Wert falsch-positiv erhöhen und somit die Früherkennung eines Prostatakarzinoms verfälschen kann.
6.3 PSA-Wert — Referenzbereiche
| Parameter | Referenzbereich | Interpretation |
|---|---|---|
| PSA gesamt | < 4 ng/ml | Normalbereich |
| PSA 4–10 ng/ml | Grauzone | Weitere Diagnostik erforderlich (Frei-PSA-Quotient) |
| PSA > 10 ng/ml | Erhöht | Verdacht auf Malignität — Prostatabiopsie erwägen |
7. Prüfungshinweise — Kenntnisprüfung
7.1 Kernaussagen für die Prüfung
- Die DRU gehört zum internistischen Status und ist im Arztbrief zu dokumentieren — auch wenn sie nicht am Patienten durchgeführt wird.
- Die Untersuchung beginnt immer mit der Inspektion der Analregion, bevor die Palpation erfolgt.
- Die Prostata wird im Uhr-Schema beurteilt: 12 Uhr = Forderer Anteil (Apex), 6 Uhr = Hinterwand, Seitenlagen = Seitenlappen.
- Der Normalbefund: kreidige, homogene, symmetrische, schmerzlose Prostata.
- PSA immer vor der DRU bestimmen — die Palpation erhöht den PSA-Wert artifiziell.
7.2 Häufige Prüfungsfragen
Frage 1: In welcher Reihenfolge müssen PSA-Bestimmung und DRU erfolgen und warum?
Antwort: Die PSA-Blutentnahme muss vor der DRU erfolgen, da die mechanische Manipulation bei der Tastuntersuchung den PSA-Wert künstlich erhöhen und die Früherkennung eines Prostatakarzinoms verfälschen kann.
Frage 2: Was sind die Merkmale eines Normalbefunds der Prostata bei der DRU?
Antwort: Homogene (gleichmäßige) Konsistenz, kreidige Beschaffenheit, symmetrische Form, schmerzlose Palpation, tastbare Mittelfurche.
Frage 3: Warum ist die Inspektion vor der Palpation obligatorisch?
Antwort: Weil die Inspektion der Analregion pathologische Veränderungen wie Fisteln, Fissuren, Hämorrhoiden oder Tumoren aufdecken kann, die für die klinische Beurteilung relevant sind.
Frage 4: Was bedeutet das Uhr-Schema bei der DRU?
Antwort: Die Prostata wird wie ein Zifferblatt beurteilt: 12 Uhr = Forderer (vorderer) Anteil / Apex; 6 Uhr = Hinterwand / Rückseite; die Seitenlagen entsprechen den Seitenlappen.
7.3 Do's und Don'ts
| ✅ Do's | ❌ Don'ts |
|---|---|
| PSA-Blutentnahme vor der DRU | DRU vor der PSA-Bestimmung durchführen |
| Immer mit der Inspektion beginnen | Nicht direkt mit der Palpation beginnen |
| Standardisierte Dokumentation im Uhr-Schema | Unspezifische oder unvollständige Befundbeschreibung |
| Patientenwohlbefinden berücksichtigen | Unnötig grobe oder forcierte Palpation |
| Befund vollständig dokumentieren, auch wenn nicht durchgeführt | Befund komplett auslassen |