Klinische Augenuntersuchung
1. Inspektion der Augen
1.1 Allgemeine Beurteilung
Bei der Inspektion (Inspektion der Augen) werden folgende Punkte beurteilt:
- Anisokorie — Größenunterschied der Pupillen
- Miosis — Verengung der Pupille (meist beidseitig)
- Mydriasis — Erweiterung der Pupille (meist beidseitig)
- Hornhauttrübung (Cornealvertrocknung / Trübung der Hornhaut)
1.2 Anisokorie — Definition und Bedeutung
Die Anisokorie ist ein Größenunterschied der beiden Pupillen. Sie kann physiologisch oder pathologisch sein.
1.3 Ursachen der Anisokorie — Pathologisch wichtige Ursachen
- Schlaganfall (Apoplex / Apoplexia) — ein Schlaganfall kann eine Anisokorie verursachen
- Horner-Syndrom — verursacht eine Anisokorie mit Miosis auf der betroffenen Seite
- Hornhauttrübung — kann ebenfalls eine Anisokorie verursachen
- Neurologische Ausfälle — Schädigung der Hirnnerven (N. oculomotorius, N. opticus)
1.4 Horner-Syndrom — Trias
Das Horner-Syndrom ist durch eine klassische Symptomtrias gekennzeichnet:
- Ptosis — hängendes Oberlid (Lähmung des Musculus tarsalis superior / Müller-Lidhebemuskel)
- Miosis — Verengung der Pupille auf der betroffenen Seite
- Enophthalmus — Zurücksinken des Augapfels in die Augenhöhle
2. Pupillenveränderungen — Miosis und Mydriasis
2.1 Miosis (Pupillenverengung)
Eine Miosis liegt vor, wenn die Pupille dauerhaft oder situativ verengt ist.
Wichtige Ursachen der Miosis:
| Ursache | Erklärung |
|---|---|
| Morphin / Opioide | Zentrale Opioidwirkung → Miosis (typisch: „Stecknadelpupillen") |
| Alkohol | ZNS-Depression |
| Meningitis | Entzündliche Reizung der Meningen |
| Narkose | Anästhetika-induziert |
| Horner-Syndrom | Ausfall des Sympathikus → Miosis ipsilateral |
2.2 Mydriasis (Pupillenerweiterung)
Eine Mydriasis liegt vor, wenn die Pupille erweitert ist.
Wichtige Ursachen der Mydriasis:
| Ursache | Erklärung |
|---|---|
| Atropin | Anticholinerg → Mydriasis (Augentropfen in der Augenheilkunde) |
| Sympathomimetika | z. B. Adrenalin, Noradrenalin |
| Kokain | Sympathomimetische Wirkung |
| Tumor / Glaukom | Pathologische Erweiterung bei Augenerkrankungen |
| Drogen | z. B. Amphetamine |
| Adrenalin (Noradrenalin) | Medikamenteninduziert oder endogen (Stress, Phäochromozytom) |
2.3 Kayser-Fleischer-Kornealring
Der Kayser-Fleischer-Kornealring (auch: Kayser-Fleischer-Ring) ist ein bräunlich-grüner Ring am Rand der Kornea, verursacht durch Kupferablagerungen in der Descemet-Membran.
3. Lichtreaktion der Pupillen
Die Lichtreaktion (Pupillenreflexe) ist einer der wichtigsten neurologischen Tests bei der Augenuntersuchung. Sie dient der Prüfung der Integrität des Nervus opticus und des Nervus oculomotorius.
3.1 Durchführung der Untersuchung
- Der Raum wird leicht abgedunkelt.
- Der Patient fixiert einen fernen Punkt.
- Der Untersucher richtet die Untersuchungslampe auf das Auge des Patienten.
- Die Hand des Patienten (oder des Untersuchers) wird als Barriere vor die Nasenwurzel gehalten, um zu verhindern, dass der Patient dem Licht mit den Augen folgt.
3.2 Direkte Lichtreaktion (Direkte Lichtreaktion)
Bei der direkten Lichtreaktion wird der Lichtreiz auf ein Auge gerichtet und die Reaktion dieses Auges beobachtet:
- Positiv (positiv): Das gereizte Auge verengt seine Pupille als Reaktion auf den Lichtreiz → Der Nervus opticus ist intakt.
- Negativ (negativ): Das gereizte Auge reagiert nicht → Der Nervus opticus ist geschädigt.
3.3 Konsensuelle Lichtreaktion (Konsensuelle Lichtreaktion)
Bei der konsensuellen (indirekten) Lichtreaktion wird der Lichtreiz auf ein Auge gerichtet und die Reaktion des anderen Auges beobachtet:
- Positiv: Das kontralaterale Auge verengt seine Pupille ebenfalls → Der Nervus oculomotorius (und die afferenten Bahnen) sind intakt.
- Negativ: Das kontralaterale Auge reagiert nicht → Der Nervus oculomotorius ist geschädigt (oder die efferenten Bahnen sind unterbrochen).
Reflexbogen der Lichtreaktion:
Lichtreiz → Auge → N. opticus (afferent) → Corpus geniculatum laterale → Tractus olivocochlearis → N. oculomotorius (efferent) → Musculus sphincter pupillae → Pupillenverengung
3.4 Differenzierte Beurteilung der Befunde
| Direkte LR | Konsensuelle LR | Befundinterpretation |
|---|---|---|
| Positiv | Positiv | Beide Nerven intakt (Normalbefund) |
| Negativ | Negativ | N. opticus geschädigt — afferenter Defekt (das Auge kann den Lichtreiz nicht aufnehmen) |
| Positiv | Negativ | N. oculomotorius geschädigt — efferenter Defekt (das Auge kann nicht reagieren) |
| Negativ | Positiv | Sempatische Konvergenzstorung — das Auge selbst reagiert nicht, aber das andere Auge reagiert auf den Reiz des geschädigten Auges (sehr selten) |
- Direkt positiv + Konsensuell negativ = N. oculomotorius geschädigt
- Direkt negativ + Konsensuell negativ = N. opticus geschädigt
4. Blicktest (Blickmotorik) und Hirnnerven
4.1 Durchführung des Blicktests
Beim Blicktest (Blickbewegungstest) folgt der Patient der Bewegung des Zeigefingers des Untersuchers — nur mit den Augen, ohne Kopfbewegung. Der Finger wird in Kreuzform (X-Form) bewegt.
4.2 Augenmuskeln und zuständige Hirnnerven
Für die Prüfung ist es essenziell, die drei Augenbewegungsnerven und ihre Wirkungsbereiche zu kennen:
| Hirnnerv | Name | Innervierte Muskeln | Funktion |
|---|---|---|---|
| N. III | N. oculomotorius |
|
Hebung, Senkung, Nasenwärts, Lidöffnung |
| N. IV | N. trochlearis |
|
Senkung bei Adduktion, Innenrotation |
| N. VI | N. abducens |
|
Außenwärtsbewegung des Auges |
4.3 Klinische Zeichen bei Schädigung
N. oculomotorius (III) — Ausfall:
- Ptosis (hängendes Lid) — Ausfall des M. levator palpebrae superioris
- Mydriasis (erweiterte, lichtstarre Pupille) — Ausfall des M. sphincter pupillae
- „Auge steht nach außen unten" — kompensatorische Stellung durch Mm. rectus lateralis (N. VI) und obliquus superior (N. IV)
- Doppelbilder (Diplopie) — besonders vertikal
N. trochlearis (IV) — Ausfall:
- Schiefhaltung des Kopfes (kompensatorische Kopfneigung zur gesunden Seite)
- Vertikale Diplopie, verstärkt beim Blick nach unten und innen
- Schwierigkeiten beim Lesen und Treppensteigen
N. abducens (VI) — Ausfall:
- Inkomplette Außenbewegung des betroffenen Auges
- Horizontale Diplopie — Doppelbilder nebeneinander
4.4 Nystagmus
Nystagmus ist ein unwillkürliches, rhythmisches Augenzittern. Er kann physiologisch (z. B. bei Blickfolgebewegungen) oder pathologisch sein.
5. Gesichtsfeld — Konfrontationstest
5.1 Durchführung des Konfrontationstests
Der Gesichtsfeld-Konfrontationstest ist ein einfaches Screening-Verfahren zur Prüfung des Gesichtsfelds:
- Der Untersucher sitzt dem Patienten auf Augenhöhe gegenüber.
- Der Patient deckt ein Auge mit seiner Hand ab (z. B. das linke Auge des Patienten).
- Der Untersucher deckt sein eigenes gegenüberliegendes Auge ab (z. B. das rechte Auge des Untersuchers).
- Der Patient fixiert mit dem offenen Auge den Nasenrücken des Untersuchers.
- Der Untersucher bewegt seinen Zeigefinger von peripher (außen) nach zentral und bittet den Patienten, das Erscheinen des Fingers zu melden.
- Der Test wird in allen vier Quadranten durchgeführt.
5.2 Klinische Bedeutung
Mit dem Konfrontationstest können Gesichtsfeldausfälle erkannt werden:
- Hemianopsie — Ausfall einer Hälfte des Gesichtsfelds (z. B. bei Schlaganfall)
- Quadrantenanopsie — Ausfall eines Quadranten
- Skotom — lokaler Gesichtsfeldausfall (z. B. bei Optikusneuritis)
- Glaukom-bedingte Gesichtsfeldausfälle — typischerweise beginnen diese peripher und schreiten zentral fort
6. Funduskopie (Augenspiegelung)
Die Funduskopie ist die Untersuchung des Augenhintergrunds (Fundus oculi) mit dem Ophthalmoskop. Sie ermöglicht die Beurteilung von:
- Papilla nervi optici (Sehnervenkopf / Papille)
- Retina (Netzhaut)
- Gefäßen (Zentralarterie und Zentralvene der Netzhaut)
- Macula lutea (Gelber Fleck)
6.1 Normalbefund
- Die Papille ist rosig, scharf begrenzt und leicht temporal betont.
- Die Arterien sind rot-orange, die Venen dunkelrot.
- Das AV-Verhältnis (Arterien-zu-Venen-Ratio) beträgt ca. 2:3.
6.2 Pathologische Befunde
Papillenatrophie (z. B. bei Glaukom):
- Die Papille erscheint blass und exkaviert.
- Typisch: Papillenexkavation mit verdünntem Randsaum (Glaukom-Papille).
- Die Papillenatrophie entsteht durch Verlust von Nervenfasern infolge des erhöhten Augeninnendrucks.
Papillenödem bei arterieller Hypertonie:
- Die Papille ist geschwollen, unscharf begrenzt und hyperäm.
- Typisch bei maligner Hypertonie (Blutdrucknotfall).
- Zusätzlich: Hypertonie-bedingte Gefäßveränderungen (Arteriolenverengung, Kreuzungszeichen).
6.3 Amaurosis fugax
Die Amaurosis fugax ist eine transiente (vorübergehende) monokuläre Erblindung, die Sekunden bis Minuten anhält und durch embolische Verschlüsse der Zentralarterie der Netzhaut verursacht wird.
6.4 Zentralarterien- und Zentralvenenverschluss
- Zentralarterienverschluss (ZVV / CRAO): „Cherry-red spot" — blasser Fundus mit rotem Fleck an der Fovea (ischämische Nekrose der Netzhaut)
- Zentralvenenverschluss (ZVV / CRVO): „Blut-und-Feuer-Zeichen" — ausgedehnte Netzhautblutungen, Papillenschwellung
7. Prüfungsschema und häufige Fragen
7.1 Systematischer Ablauf der Augenuntersuchung
- Inspektion: Anisokorie, Miosis, Mydriasis, Ptosis, Hornhauttrübung
- Lichtreaktion: Direkte und konsensuelle Lichtreaktion prüfen
- Blicktest: Augenbewegungen in alle Richtungen (Blickfolge des Fingers in X-Form)
- Gesichtsfeld: Konfrontationstest (periphere Gesichtsfeldausfälle erkennen)
- Funduskopie: Augenhintergrund beurteilen (Papille, Gefäße, Netzhaut)
7.2 Häufige Prüfungsfragen — Zusammenfassung
| Prüfungsfrage | Antwort |
|---|---|
| Was ist Anisokorie? | Größenunterschied der beiden Pupillen |
| Wie viel % der Menschen haben physiologische Anisokorie? | Ca. 20 % |
| Was ist die Horner-Trias? | Ptosis + Miosis + Enophthalmus |
| Was verursacht Morphine bei der Pupille? | Miosis (Stecknadelpupillen) |
| Was verursacht Atropin bei der Pupille? | Mydriasis |
| Was ist der Kayser-Fleischer-Kornea-Ring? | Kupferablagerung in der Kornea bei Morbus Wilson |
| Was prüft die direkte Lichtreaktion? | Integrität des N. opticus |
| Was prüft die konsensuelle Lichtreaktion? | Integrität des N. oculomotorius (und des afferenten Arms) |
| Direkt positiv, konsensuell negativ — was ist die Diagnose? | N. oculomotorius geschädigt |
| Direkt negativ, konsensuell negativ — was ist die Diagnose? | N. opticus geschädigt |
| Welche drei Nerven steuern die Augenbewegung? | N. oculomotorius (III), N. trochlearis (IV), N. abducens (VI) |
| Was ist die Amaurosis fugax? | Transiente monokuläre Erblindung durch retinale Embolie — Stroke Warning Sign |
| Was sieht man bei Glaukom in der Funduskopie? | Papillenexkavation und Papillenatrophie |
| Was sieht man bei Hypertonie in der Funduskopie? | Papillenödem, AV-Verengung, Kreuzungszeichen |
| Was ist die Voraussetzung für den Konfrontationstest? | Der Untersucher muss selbst ein normales Gesichtsfeld haben |