Persönliches Lernmaterial: Diese Zusammenfassung dient der Prüfungsvorbereitung und ersetzt weder offizielle Vorgaben noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Thrombozytopenie

Klinische Übersicht: Definition, Ätiologie, Diagnostik und Therapie

1. Definition & klinische Bedeutung

Definition: Eine Thrombozytopenie liegt vor, wenn die Thrombozytenzahl im peripheren Blut unter 150.000/μl (150 × 10⁹/l) fällt.

Thrombozyten (Blutplättchen) werden im Knochenmark aus Megakaryozyten gebildet und sind essenziell für die primäre Hämostase. Sie zirkulieren im Blut für etwa 7–10 Tage, bevor sie in Milz und Leber abgebaut werden.

Klinische Relevanz

Die Thrombozytopenie ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein Laborsymptom mit vielfältigen Ursachen. Die klinische Bedeutung richtet sich vor allem nach:

  • der absoluten Thrombozytenzahl
  • der Geschwindigkeit des Abfalls
  • dem Vorliegen zusätzlicher Hämostasestörungen
  • der zugrunde liegenden Ursache

2. Blutungsrisiko nach Thrombozytenzahl

Thrombozytenzahl (/μl) Klinisches Blutungsrisiko Typische Manifestationen
100.000–150.000 Gering / meist keine klinische Blutung Keine Spontanblutungen; Eingriffe möglich
50.000–100.000 Mäßig erhöht Verlängerte Blutungen nach Trauma/Operation; Petechien bei schwerer Belastung
20.000–50.000 Erhöht Spontane Petechien, Ecchymosen, verlängerte Menstruationsblutungen
Unter 20.000–30.000 Hoch Spontane Hämatome, Schleimhautblutungen, Epistaxis, Hämaturie, GI-Blutungen
Unter 5.000–10.000 Sehr hoch – vital bedrohlich Spontane intrazerebrale Blutung, Massenblutungen – vitaler Notfall!
Wichtig für die Prüfung: Ab einer Thrombozytenzahl unter 30.000/μl spricht man von einer schweren Thrombozytopenie mit deutlich erhöhtem Spontanblutungsrisiko. Bei unter 5.000–10.000/μl besteht akute Lebensgefahr durch intrazerebrale Massenblutung.
Klinische Merksätze:
  • Petechien = punktuelle Hauteinblutungen → typisch bei Thrombozytopenie
  • Ecchymosen = flächige Hauteinblutungen
  • Suffusionen = großflächige Blutungen ins Unterhautfettgewebe
  • Die Blutungssymptomatik korreliert eher mit der Geschwindigkeit des Abfalls als mit der absoluten Zahl

3. Ätiologie – Drei Hauptgruppen

Die Ursachen der Thrombozytopenie werden traditionell in drei große Gruppen eingeteilt, die man sich als Merkhilfe wie folgt einteilen kann:

Die drei großen Gruppen:
  1. Bildungsstörungen (verminderte Produktion im Knochenmark)
  2. Umsatzsteigerung / Verbrauch (peripherer Abbau oder Verbrauch)
  3. Sequestrierung (Verteilung/Stauung, insbesondere in der Milz)

Gruppe 1: Bildungsstörungen (Decreased Production)

Das Knochenmark kann keine funktionstüchtigen Thrombozyten in ausreichender Menge produzieren:

Ursache Beispiele Zusätzliche Befunde
Aplastische Anämie Idiopathisch, medikamenteninduziert (Zytostatika, Chloramphenicol, Gold) Panzytopenie, Hypozellularität im Knochenmark
Vitamin-B₁₂- oder Folsäuremangel Malnutrition, Malabsorption, perniziöse Anämie Makrozytäre Anämie, megaloblastäre Veränderungen
Myelodysplastisches Syndrom (MDS) Primär oder sekundär (Therapie, Toxine) Dysplasie, Zytopenien, Blastenvermehrung
Knochenmarkinfiltration Leukämien, Lymphome, Metastasen solider Tumoren, multiples Myelom Anämie, Leukopenie möglich, Raumforderung/Blasten
Infektionen Parvovirus B19, HIV, Hepatitis C, EBV, CMV, Röteln Virämie, häufig auch andere Zytopenien
Medikamente Chemotherapeutika, Sulfonamide, Thiazide, Alkohol Anamnese entscheidend
Angeborene Syndrome TAR-Syndrom, Fanconi-Anämie, May-Hegglin-Anomalie Frühes Manifestationsalter, familiäre Häufung

Gruppe 2: Umsatzsteigerung / Verbrauch (Increased Destruction)

Thrombozyten werden im peripheren Blut verstärkt abgebaut oder im Rahmen einer Gerinnungsaktivierung verbraucht:

Mechanismus Erkrankung Wichtigste Merkmale
Immunologisch vermittelt Immunthrombozytopenie (ITP) Anti-Thrombozyten-Autoantikörper, isolierte Thrombozytopenie
Heparin-induzierte Thrombozytopenie (HIT) Typ II 4–14 Tage nach Heparintherapie, arterielle/venöse Thrombosen
Mikroangiopathisch Thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (TTP / Moschkowitz-Syndrom) ADAMTS13-Mangel, Fieber + Thrombozytopenie + HUS + neurologische Symptome
Hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) Typisch bei Kindern, nach Diarrhö (STEC), Mikroangiopathische Hämolyse + Nierenversagen
Disseminierte intravasale Gerinnung (DIC) Verbrauchskoagulopathie, multifaktoriell (Sepsis, Trauma, Malignome)
Medikamenten-induziert Heparin, Chinidin, Sulfonamide, Rifampicin, Impfstoffe, Checkpoint-Inhibitoren Zeitlicher Zusammenhang mit Medikamenteneinnahme
Hyperaktivität der Milz Hypersplenismus (z. B. bei Leberzirrhose, portaler Hypertension) Oft auch Anämie und Leukopenie

Gruppe 3: Sequestrierung (Splenic Sequestration)

Die Thrombozyten werden in der Milz sequestriert und dort vorzeitig abgebaut. Die Milz fungiert dabei als Speicherorgan:

  • Milzvergrößerung (Splenomegalie) – häufigste Ursache dieser Gruppe
  • Hypersplenismus – Überfunktion der Milz bei Leberzirrhose, portaler Hypertension, Speichererkrankungen (M. Gaucher, M. Niemann-Pick)
  • Zirrhose – verursacht Splenomegalie und Hypersplenismus
  • Massenblutung in die Milz (Milzruptur) – akute Thrombozytopenie durch Verbrauch
Merkhilfe: Bei der Splenomegalie kommt es zur Sequestrierung der Thrombozyten im Milzparenchym. Klinisch findet man häufig auch eine milde Anämie und Leukopenie – das sogenannte Hypersplenismus-Syndrom.
Prüfungstipp – Ätiologie: In der Klausur wird häufig gefragt: „Nennen Sie die drei Hauptgruppen der Thrombozytopenie-Ursachen." Die Antwort muss lauten: (1) Bildungsstörungen, (2) Umsatzsteigerung/Verbrauch, (3) Sequestrierung in der Milz. Geben Sie zu jeder Gruppe mindestens ein klinisches Beispiel.

4. Heparin-induzierte Thrombozytopenie (HIT) – Typ II

KRITISCH Die HIT Typ II ist eine der wichtigsten und gefährlichsten medikamenteninduzierten Thrombozytopenien. Sie ist immunologisch bedingt und geht paradoxerweise mit einem stark erhöhten Thromboserisiko einher – nicht mit Blutungen!

Pathophysiologie

Heparin bildet mit dem Plättchenfaktor 4 (PF4) einen Komplex. Dagegen werden IgG-Antikörper gebildet, die eine massive Thrombozytenaktivierung auslösen. Dies führt zu:

  • Verbrauch von Thrombozyten → Thrombozytopenie
  • Auslösung einer thromboinflammatorischen Reaktion am Gefäßendothel
  • Paradoxe Thrombosen (arteriell und venös)

Zeitlicher Verlauf

  • Typischer Beginn: 5.–14. Tag nach Heparintherapie (bei Erstkontakt)
  • Bei vorangegangener Heparinexposition: Abfall auch innerhalb von Stunden möglich
  • Thrombozytenabfall meist auf unter 100.000/μl oder um >50% vom Ausgangswert

Klinisches Bild

  • Thrombozytopenie – meist mild bis moderat (selten unter 20.000)
  • Thrombosen – venös (DVT, Lungenembolie, Sinusvenenthrombose) oder arteriell (Myokardinfarkt, Schlaganfall, periphere arterielle Embolie)
  • Nekrotisierende Hautläsionen an Injektionsstellen (selten)
  • Akute systemische Reaktion nach iv Heparin-Bolus (selten)

4T-Score (Klinische Wahrscheinlichkeitsbeurteilung)

Kriterium 2 Punkte 1 Punkt 0 Punkte
Thrombozytopenie >50% Abfall, Tpz >20.000 30–50% Abfall, Tpz 10–19.000 <30% Abfall, Tpz <10.000
Zeitpunkt 5.–10. Tag oder ≤1 Tag (vorher Heparin) >10. Tag oder nicht sicher, aber vereinbar <4. Tag ohne Heparinexposition
Thrombose Neue Thrombose, Hautnekrose Progrediente bestehende Thrombose Keine
Andere Ursachen Keine andere offensichtliche Ursache Mögliche andere Ursache Wahrscheinliche andere Ursache

Bewertung: 6–8 Punkte = hochwahrscheinlich, 4–5 = intermediär, 0–3 = unwahrscheinlich

Diagnostik

  • Klinik + 4T-Score – erste und wichtigste Bewertung
  • Labor:
    • Anti-PF4/Heparin-Antikörper (ELISA) – hohe Sensitivität, mäßige Spezifität
    • Funktionstest (Serotonin-Release-Assay, SRA) – hohe Spezifität
Sofortmaßnahme bei HIT-Verdacht:
  1. Sofortiges Absetzen aller Heparine (inkl. Heparin-spülung!)
  2. Start einer alternativen Antikoagulation – KEINE Umstellung auf Vitamin-K-Antagonisten (erhöht Thromboserisiko, Hautnekrosen!)

Therapie – Alternative Antikoagulation

Substanz Wirkmechanismus Anwendung
Argatroban Direkter Thrombinhemmer Erste Wahl bei HIT; renal und hepatisch eliminiert; aPTT-Monitoring
Lepirudin Direkter Thrombinhemmer (rekombinant) Bei HIT; v. a. bei renaler Elimination; Anti-Lepirudin-Antikörper möglich
Fondaparinux Selektiver Faktor-Xa-Hemmer (indirekt) Sicher bei HIT – keine Kreuzreaktion mit Anti-PF4-Antikörpern; einmal täglich s.c.
Bivalirudin Direkter Thrombinhemmer Perioperativ bei HIT-Patienten
Prüfungsfragen zur HIT:
  • „Was ist bei Verdacht auf HIT Typ II die erste und wichtigste Maßnahme?" → Sofortiges Absetzen von Heparin
  • „Welche Medikamente geben Sie einem Patienten mit HIT?" → Argatroban, Lepirudin oder Fondaparinux (niemals Vitamin-K-Antagonisten!)
  • „Warum ist die HIT Typ II paradox?" → Sie verursacht Thrombozytopenie, aber das Hauptrisiko sind Thrombosen, nicht Blutungen

5. TTP & HUS – Mikroangiopathische Syndrome

Thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (TTP)

Synonym: Moschkowitz-Syndrom

Definition: Eine rare, lebensbedrohliche Mikroangiopathie, die durch einen Mangel an ADAMTS13 (a disintegrin and metalloproteinase with thrombospondin motifs 13) verursacht wird. ADAMTS13 spaltet normalerweise große von-Willebrand-Faktor-Multimere. Bei Mangel entstehen besonders große VWF-Multimere, die zu massiver Thrombozytenaggregation in kleinen Gefäßen führen.

Klassische TTP-Pentade (nicht immer alle vorhanden):

  1. Thrombozytopenie – meist schwer
  2. Mikroangiopathische hämolytische Anämie (MAHA) – Schistozyten im Blutausstrich
  3. Neurologische Symptome – Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Krampfanfälle, fokale Defizite
  4. Fieber
  5. Niereninsuffizienz

Ätiologie:

  • Erworben (häufiger): Autoantikörper gegen ADAMTS13 (Erwachsene, Frauen häufiger)
  • Angeboren: Upshaw-Schürmann-Syndrom (rezessiv, milde Verläufe)
  • Sekundär: Medikamente (Cyclosporin, Mitomycin C, Gemcitabin, Checkpoint-Inhibitoren), Infektionen, Schwangerschaft, Autoimmunerkrankungen

Diagnostik:

  • Thrombozytenzahl ↓, Hb ↓, LDH ↑, indirektes Bilirubin ↑, Haptoglobin ↓
  • Schistozyten (fragmentierte Erythrozyten) im Blutausstrich
  • ADAMTS13-Aktivität ↓, ggf. Anti-ADAMTS13-Antikörper nachweisbar

Therapie:

  • Plasmapherese (Plasmaaustausch) – Entfernung der Autoantikörper + Ersatz von ADAMTS13 → lebensrettend!
  • Kortikosteroide (Prednison oder Methylprednisolon)
  • Rituximab bei refraktären Fällen
  • Vermeidung von Thrombozytenkonzentraten (kann Thrombosen verschlechtern!)

Hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS)

Definition: Klassische Trias: (1) Mikroangiopathische hämolytische Anämie, (2) Thrombozytopenie, (3) Akute Nierenschädigung. Im Unterschied zur TTP stehen Nierensymptome im Vordergrund und neurologische Symptome fehlen meist.

Hauptformen:

Typ Häufigkeit Ursache / Auslöser Besonderheiten
Typische (D+ HUS) Häufigste Form, v. a. Kinder Enterohämorrhagische E. coli (EHEC, O157:H7) → Diarrhö, Shiga-Toxin Nach prodromaler wässrig-blutiger Diarrhö; gute Prognose; Supportivtherapie
Atypisches HUS (aHUS) Selten Komplementdysregulation (Mutationen in MCP, CFH, CFI, C3) Rezidivneigung; Eculizumab/Tecovirimat als Therapie
Sekundäres HUS Selten Medikamente (Mitomycin, Calcineurin-Inhibitoren, Checkpoint-Inhibitoren), Schwangerschaft, Infektionen Abhängig von Grunderkrankung

Diagnostik HUS:

  • Schistozyten im Blutausstrich
  • LDH↑, Haptoglobin↓, indirektes Bilirubin↑ (Hämolyse)
  • Kreatinin↑, Harnstoff↑, Proteinurie, Hämaturie (Nierenversagen)
  • Stuhlkultur auf EHEC, Shiga-Toxin-Nachweis

Therapie HUS:

  • Supportiv: Flüssigkeits-/Elektrolytmanagement, ggf. Dialyse, Bluttransfusion (keine Thrombozytenkonzentrate!)
  • Typisches HUS: Meist spontane Erholung innerhalb 1–2 Wochen; keine Antibiotika (erhöhte Shiga-Toxin-Freisetzung!)
  • aHUS: Eculizumab (C5-Komplement-Inhibitor)
Unterschied TTP vs. HUS – Prüfungswissen:
  • TTP → ADAMTS13-Mangel, neurologische Symptome stehen im Vordergrund, Plasmapherese lebensrettend
  • HUS → Nierenversagen steht im Vordergrund, oft postenteritisch (Durchfall), v. a. Kinder
  • Gemeinsam: Mikroangiopathische hämolytische Anämie + Thrombozytopenie + Schistozyten

6. Immunthrombozytopenie (ITP)

Synonym: Idiopathische thrombozytopenische Purpura, Morbus Werlhof

Definition: Eine erworbene, immunologisch vermittelte Thrombozytopenie durch Autoantikörper (meist IgG) gegen Thrombozyten-oberflächenantigene (z. B. GPIIb/IIIa, GPIb/IX). Die Antikörper markieren die Thrombozyten für den Abbau im retikuloendothelialen System (v. a. Milz).

Klinisches Bild

  • Meist asymptomatisch – Zufallsbefund
  • Petechien, Ecchymosen – typisch
  • Schleimhautblutungen (Epistaxis, Gingivabluten)
  • Schwere Blutungen selten (unter 5% der Fälle)
  • Oft keine Splenomegalie (wichtig für die DD!)

Diagnostische Kriterien

  • Isolierte Thrombozytopenie (Ausschluss aller anderen Ursachen!)
  • Normaler Hb, normale Leukozytenzahl (wenn nicht akute Blutung)
  • Normaler Vitaminspiegel, kein HIV, keine HCV
  • Knochenmarkbiopsie: Normalbefund (reife Megakaryozyten vermehrt als Reaktion) – bei Kindern i. d. R. nicht nötig, bei Erwachsenen zur DD wichtig
  • Nachweis von Anti-Thrombozyten-Autoantikörpern (spezifisch, aber geringe Sensitivität)

Ausschlussdiagnostik (wichtig für Prüfung!)

Bevor die Diagnose ITP gestellt wird, müssen folgende Ursachen ausgeschlossen werden:

  • Medikamenten-induzierte Thrombozytopenie (Heparin, Chinidin etc.)
  • HIV, Hepatitis C
  • Systemischer Lupus erythematodes (SLE) und andere Autoimmunerkrankungen
  • Antiphospholipid-Syndrom
  • Lymphoproliferative Erkrankungen (CLL, Lymphome)
  • Thrombozytopenie in der Schwangerschaft (Gestations-Thrombozytopenie, preeclampsiaassoziiert)
  • Angeborene Thrombozytopenien (May-Hegglin-Anomalie, Bernard-Soulier-Syndrom)
  • Myelodysplastisches Syndrom
  • DIC, TTP, HUS

Therapie der ITP

Erstlinientherapie:

  • Kortikosteroide:
    • Prednison 1 mg/kgKG/Tag (kurzfristig) oder
    • Dexamethason 40 mg/Tag über 4 Tage (Pulse-Therapie)
  • Intravenöse Immunglobuline (IVIG) – bei akuter schwerer Blutung oder wenn Kortikoide kontraindiziert sind; wirken schneller als Steroide
  • Anti-D-Immunglobulin (nur bei Rh-positiven Patienten mit erhaltener Milz) – Alternative zu IVIG

Zweitlinientherapie (bei Steroid-refraktärer oder chronischer ITP):

  • Splenektomie – Entfernung des wichtigsten Ortes des Thrombozytenabbaus und der Autoantikörperproduktion; Ansprechrate ca. 60–70%
  • Rituximab (Anti-CD20) – bei Splenektomie-Kontraindikation oder als Überbrückung
  • Thrombopoetin-Rezeptor-Agonisten (TPO-RA):
    • Romiplostim (subkutan)
    • Eltrombopag (oral)
  • Andere Immunsuppressiva: Azathioprin, Mycophenolat-Mofetil, Cyclophosphamid (reserve)
  • Fostamatinib (Syk-Inhibitor)

Notfalltherapie bei schwerer Blutung:

  • IVIG + Kortikosteroide + Thrombozytenkonzentrate
  • Possibly Tranexamsäure (Antifibrinolytikum)
Prüfungstipp ITP:
  • Die ITP ist eine Ausschlussdiagnose – vor der Diagnosestellung muss die Differentialdiagnose sorgfältig ausgeschlossen werden!
  • Therapie der Wahl bei Erwachsenen: Kortikosteroide
  • Splenektomie als Option bei Versagen der medikamentösen Therapie
  • Thrombozytenkonzentrate nur bei akuter vital bedrohlicher Blutung

7. Disseminierte intravasale Gerinnung (DIC)

Definition: Eine systemische Aktivierung der Blutgerinnung mit Verbrauch von Gerinnungsfaktoren und Thrombozyten sowie gleichzeitiger (sekundärer) Hyperfibrinolyse. Es entstehen Mikrothrombosen in der Mikrozirkulation, die zu Organdysfunktion und Blutungen führen.

Typische Auslöser (Triggers)

  • Sepsis (v. a. gramnegative Bakterien → Endotoxin) – häufigste Ursache
  • Massives Trauma (ausgedehnte Gewebeschäden, Freisetzung von Gewebethromboplastin)
  • Malignome (v. a. akute Promyelozytenleukämie – APL, solide Tumoren)
  • Schwangerschaftskomplikationen (Amnioninfektionssyndrom, Fruchtwasserembolie, Plazentaablösung, Eklampsie)
  • Schwere Transfusionsreaktionen (ABO-Inkompatibilität)
  • Schwere Verbrennungen
  • Vaskuläre Malformationen

Klassifikation

  • Akute DIC: Blitz-DIC, meist mit schweren Blutungen; Notfall
  • Chronische DIC: Langsam fortschreitend; eher Thrombosen als Blutungen; v. a. bei Krebs

Diagnostische Kriterien (ISTH-Score)

Parameter Befund Punkte
Thrombozytenzahl >100.000 → 0; 50.000–100.000 → 1; <50.000 → 2 0–2
Erhöhung der Gerinnungsprodukte (D-Dimer, FDP) Keine → 0; Leicht → 2; Stark → 3 0–3
Prothrombinzeit-Verlängerung <3 sec → 0; 3–6 sec → 1; >6 sec → 2 0–2
Fibrinogen >1,0 g/l → 0; <1,0 g/l → 1 0–1

Overt DIC: ≥5 Punkte (akute DIC wahrscheinlich)

Laborbefunde bei DIC

  • Thrombozyten ↓↓
  • Quick ↓, aPTT ↑↑
  • Fibrinogen ↓ (wichtig: manchmal noch normal bei Sepsis-DIC!)
  • D-Dimere ↑↑↑, Fibrin-Spaltprodukte ↑↑
  • Antithrombin ↓, Protein C ↓
  • Schistozyten (gelegentlich)

Therapie

  • Behandlung der Grundkrankheit – wichtigste Maßnahme!
  • FFP (Fresh Frozen Plasma) bei aktiver Blutung oder hohem Blutungsrisiko
  • Fibrinogenersatz (Konzentrat) bei Fibrinogen <1,0 g/l und Blutung
  • Thrombozytenkonzentrate bei Thrombozyten <20.000–50.000/μl und Blutung
  • Heparin (niedrig dosiert) bei chronischer DIC mit Thrombosen
  • Antithrombin III bei Sepsis-DIC (umstritten)
  • Tranexamsäure bei Hyperfibrinolyse-Zeichen (cave: Thromboserisiko)
Prüfungstipp DIC: Die DIC ist keine eigenständige Erkrankung, sondern immer sekundär zu einer anderen Grunderkrankung. Die Therapie richtet sich primär nach der Ursache. Labor: „Verbrauchskoagulopathie" mit Thrombozytopenie, verlängerter PT/aPTT, erhöhten D-Dimeren und erniedrigtem Fibrinogen.

8. Pseudothrombozytopenie

Definition: Eine falsch niedrige Thrombozytenzahl durch in-vitro-Agglutination der Thrombozyten. Ursache sind EDTA-abhängige oder Calcium-abhängige Autoantikörper (Kälteantikörper), die die Thrombozyten in EDTA-Blut verklumpen lassen. Die aggregierten Thrombozyten werden im Blutbildgerät als Leukozyten fehlklassifiziert.

Wichtige Merkmale

  • Klinisch keine Blutungssymptome – der Patient ist gesund
  • Thrombozytenzahl im EDTA-Blut ( Automatizer) falsch niedrig
  • Thrombozyten im Abstrich als Aggregate sichtbar
  • In Zitrat- oder Heparinblut: normale Thrombozytenzahl

Diagnostisches Vorgehen

  • Blutausstrich – Nachweis von Thrombozytenaggregaten
  • Kontrolle in anderen Röhrchen: Citrat-Blut oder Heparin-Blut → normale Thrombozytenzahl
  • Zitrat-Blutbild als Bestätigungstest
Praxistipp: Bei einer unerklärten, isolierten Thrombozytopenie ohne klinische Blutungssymptome muss immer ein Blutausstrich angefertigt und ein Zitrat-Blutbild kontrolliert werden, um eine Pseudothrombozytopenie auszuschließen, bevor invasive Diagnostik eingeleitet wird!
Prüfungstipp: Bei einer Pseudothrombozytopenie besteht kein echtes Blutungsrisiko. Der Patient ist gesund. Die Thrombozyten sind in EDTA (Kalium-EDTA) verklumpt. Im Zitrat-Röhrchen sind sie normal. → In der Praxis: Zitrat-Blutbild anfordern und auf die Pseudothrombozytopenie hinweisen.

9. Pädiatrische Besonderheiten

Bestimmte Erkrankungen mit Thrombozytopenie sind bei Kindern besonders relevant und werden in der Prüfung häufig abgefragt:

Purpura Schönlein-Henoch (IgA-Vaskulitis)

  • Immunkomplex-Vaskulitis der kleinen Gefäße (IgA-ablagerungen)
  • Typische Tetrade:
    1. Palpable Purpura (v. a. untere Extremitäten, Gesäß)
    2. Arthritis/Arthralgien
    3. Abdominelle Schmerzen (GI-Beteiligung)
    4. Nierenbeteiligung (Hämaturie, Proteinurie)
  • Thrombozytopenie liegt nicht vor – der Name „Purpura" ist irreführend: die Blutungen sind vaskulitisch bedingt, nicht thrombocytopenisch!

Waterhouse-Friderichsen-Syndrom

  • Massive bilaterale Nebennierenblutung bei fulminanter Sepsis (klassisch: Neisseria meningitidis)
  • Führt zu akuter Nebenniereninsuffizienz (Cortisol- und Aldosteronmangel)
  • Klinisch: Rapid einsetzender Kreislaufzusammenbruch, Petechiale Blutungen, Bewusstseinsstörung
  • Thrombozytopenie durch Verbrauch und Schock → DIC
  • Intensivmedizinische Notfalltherapie: Volumen, Katecholamine, Hydrokortison, Antibiotika

Hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) bei Kindern

  • Siehe oben – die typische (D+)-Form betrifft vor allem Kleinkinder (6 Monate – 5 Jahre)
  • Prodromale Diarrhö (oft blutig) durch EHEC-Infektion (O157:H7)
  • Shiga-Toxin führt zu endothelialer Schädigung → Mikrothrombosen
  • Meist selbstlimitierend, supportive Therapie (Dialyse bei Nierenversagen)

Weitere pädiatrische Syndrome

Syndrom Merkmale
TAR-Syndrom (Thrombozytopenie mit radiusaplasie) Angeborene Thrombozytopenie + bilaterale Radiusaplasie; oft auch kardiale und renale Fehlbildungen
Fanconi-Anämie Panhyperplasie des Knochenmarks, angeborene Fehlbildungen (Daumen, Nieren),.progressiv zur Panzytopenie
Kasabach-Merritt-Syndrom Riesiges Hämangiom (v. a. Kasabach-Merritt-Phänomen) → Verbrauchskoagulopathie within dem Tumor
Neugeborenenthrombozytopenie Ursachen: mütterliche ITP, Neonatale Alloimmunthrombozytopenie (NAIT), Sepsis, nekrotisierende Enterokolitis
Prüfungstipp Pädiatrie:
  • „Purpura Schönlein-Henoch: Was ist die Tetrade?" → Purpura + Arthritis + Abdominalschmerz + Nephritis (IgA-Vaskulitis)
  • „Waterhouse-Friderichsen-Syndrom: Was ist das?" → Bilaterale Nebennierenblutung bei Sepsis, klassisch Meningokokken, führt zu Schock und Nebenniereninsuffizienz
  • „HUS: Was ist die klassische Trias?" → Mikroangiopathische hämolytische Anämie + Thrombozytopenie + akute Nierenschädigung

10. Diagnostisches Vorgehen

Schritt 1: Bestätigung und Schweregradeinschätzung

  • Bestätigung der Thrombozytopenie durch Zitrat-Blutbild (Ausschluss Pseudothrombozytopenie)
  • Blutausstrich: Thrombozyten-Morphologie, Schistozyten, Leukozyten-Differenzierung
  • Klinische Blutungseinschätzung

Schritt 2: Anamnese und klinische Untersuchung

  • Medikamentenanamnese – Heparin, Chinidin, Sulfonamide, Chemotherapie etc.
  • Infektionsanamnese – HIV, HCV, EBV, CMV, Parvovirus B19
  • Familienanamnese – angeborene Thrombozytopenien
  • Körperliche Untersuchung:
    • Blutungszeichen (Petechien, Ecchymosen, Schleimhautblutungen)
    • Milzgröße (Splenomegalie? Hypersplenismus?)
    • Lymphknoten (Lymphome?)
    • Zeichen einer Grunderkrankung (Leberzirrhose, Malignom, Autoimmunerkrankung)

Schritt 3: Gezielte Labordiagnostik

  • BB mit Differenzialblutbild, Retikulozyten
  • LDH, Haptoglobin, Bilirubin, indirect (Hämolyseparameter)
  • Kreatinin, Harnstoff (Nierenfunktion)
  • Leberwerte, CHE (Leberzirrhose?)
  • Quick, aPTT, Fibrinogen, D-Dimere (Gerinnung/DIC?)
  • HIV, HCV, HBV (Viruserkrankungen)
  • Vitamin B12, Folsäure
  • ANA, ENA, Anti-dsDNA (Autoimmunerkrankungen)
  • Komplement (C3, C4, CH50) bei V. a. aHUS
  • ADAMTS13-Aktivität bei V. a. TTP
  • Anti-PF4/Heparin-AK bei V. a. HIT

Schritt 4: Knochenmarkuntersuchung

  • Indiziert bei: V. a. Bildungsstörung, unklare Thrombozytopenie mit anderen Zytopenien, atypischem Verlauf, Alter >60 Jahre
  • Megakaryozyten im Knochenmark:
    • Vermehrt → Verbrauch (ITP, HIT, TTP, HUS)
    • Vermindert oder dysplastisch → Bildungsstörung

Schritt 5: Bildgebung

  • Abdomensonographie – Milzgröße, Leberzirrhose, Raumforderungen
  • CT bei V. a. Tumorinfiltration des Knochenmarks
Diagnostischer Algorithmus – Merksatz:
Thrombozytopenie + Hämolyse (LDH↑, Haptoglobin↓, Schistozyten) → Mikroangiopathie (TTP/HUS/DIC) → sofortige weitere Diagnostik (ADAMTS13, Komplement, Gerinnung)
Thrombozytopenie + Heparin + Thrombose → HIT → Heparin sofort absetzen
Thrombozytopenie + Splenomegalie → Hypersplenismus/Sequestrierung → Sonographie
Thrombozytopenie + Panzytopenie → Bildungsstörung → Knochenmarkbiopsie
Isolierte Thrombozytopenie ohne Blutung + unauffälliger Ausstrich → Pseudothrombozytopenie → Zitrat-Blutbild

11. Prüfungsfragen & Klausurersatz

Klassische Prüfungsfragen mit Musterantworten

Frage 1: Was versteht man unter einer Thrombozytopenie? Ab welcher Thrombozytenzahl spricht man davon?

Antwort: Unter einer Thrombozytopenie versteht man eine Verminderung der Thrombozytenzahl unter 150.000/μl. Sie kann durch verminderte Produktion (Bildungsstörungen), erhöhten peripheren Verbrauch (Umsatzsteigerung) oder Sequestrierung in der Milz verursacht werden.

Frage 2: Nennen Sie die drei Hauptgruppen der Ätiologie der Thrombozytopenie und je ein Beispiel!

Antwort: (1) Verminderte Produktion/Bildungsstörungen (z. B. aplastische Anämie, Vitamin-B12-Mangel, Knochenmarkinfiltration); (2) Erhöhter peripherer Verbrauch/Umsatzsteigerung (z. B. HIT Typ II, ITP, TTP, HUS, DIC); (3) Sequestrierung in der Milz (z. B. Splenomegalie/Hypersplenismus bei Leberzirrhose).

Frage 3: Was versteht man unter HIT Typ II? Wie wird sie diagnostiziert und behandelt?

Antwort: Die HIT Typ II ist eine immunologisch vermittelte Thrombozytopenie, die durch Heparin-induzierte Anti-PF4-Antikörper verursacht wird. Sie tritt typischerweise 5–14 Tage nach Heparingabe auf und geht paradoxerweise mit einem erhöhten Thromboserisiko einher. Diagnostik: 4T-Score + Anti-PF4/Heparin-ELISA. Therapie: Sofortiges Absetzen von Heparin und Beginn einer alternativen Antikoagulation (Argatroban, Lepirudin oder Fondaparinux).

Frage 4: Was ist der Unterschied zwischen TTP und HUS?

Antwort: Beide sind mikroangiopathische Syndrome mit Thrombozytopenie und hämolytischer Anämie. Die TTP (Moschkowitz-Syndrom) wird durch ADAMTS13-Mangel verursacht und zeigt eine neurologische Symptomatik; die Therapie ist die Plasmapherese. Beim HUS steht die akute Nierenschädigung im Vordergrund; die typische Form entsteht nach EHEC-Infektion mit Diarrhö und ist meist selbstlimitierend.

Frage 5: Was ist die ITP und wie wird sie therapiert?

Antwort: Die Immunthrombozytopenie (ITP, Morbus Werlhof) ist eine autoimmun bedingte Thrombozytopenie durch Anti-Thrombozyten-Autoantikörper. Diagnose: Ausschlussdiagnose (isolierte Thrombozytopenie, normaler Blutausstrich, keine andere Ursache). Therapie: Erstlinientherapie mit Kortikosteroiden (Prednison) und IVIG bei Bedarf. Zweitlinientherapie: Splenektomie, Rituximab, Thrombopoetin-Rezeptoragonisten (Romiplostim, Eltrombopag).

Frage 6: Was versteht man unter Pseudothrombozytopenie und wie stellt man sie fest?

Antwort: Eine Pseudothrombozytopenie liegt vor, wenn die Thrombozyten im EDTA-Blut verklumpen und dadurch eine falsch niedrige Thrombozytenzahl gemessen wird. Der Patient ist klinisch gesund. Diagnostisch zeigt der Blutausstrich Thrombozytenaggregate. Im Zitrat-Blutbild ist die Thrombozytenzahl normal.

Frage 7: Was ist die Purpura Schönlein-Henoch? Beschreiben Sie die Tetrade!

Antwort: Eine IgA-Vaskulitis der kleinen Gefäße bei Kindern. Die klassische Tetrade umfasst: (1) palpable Purpura (v. a. untere Extremitäten und Gesäß), (2) Arthritis/Arthralgien, (3) abdominelle Schmerzen (GI-Beteiligung), (4) Nierenbeteiligung (Hämaturie, Proteinurie/Nephritis). Eine Thrombozytopenie liegt i. d. R. nicht vor.

Frage 8: Was ist das Waterhouse-Friderichsen-Syndrom?

Antwort: Eine massive, beidseitige Nebennierenblutung im Rahmen einer fulminanten Sepsis (klassisch durch Neisseria meningitidis). Klinisch: rascher Kreislaufzusammenbruch, Petechien, Bewusstseinsstörung. Führt zur akuten Nebenniereninsuffizienz mit Cortisol- und Aldosteronmangel. Notfalltherapie: Volumensubstitution, Katecholamine, Hydrokortison, kalkulierte Antibiotika.

Frage 9: Was versteht man unter einer DIC und was sind die typischen Auslöser?

Antwort: Eine disseminierte intravasale Gerinnung (DIC) ist eine systemische Aktivierung der Gerinnung mit Verbrauch von Gerinnungsfaktoren und Thrombozyten sowie Hyperfibrinolyse. Typische Auslöser: schwere Sepsis (gramnegative Bakterien), massives Trauma, Malignome (v. a. APL), schwere Schwangerschaftskomplikationen, massive Transfusionsreaktionen.

Frage 10: Welche Blutungsrisiken bestehen bei verschiedenen Thrombozytenzahlen?

Antwort: >100.000/μl: kein erhöhtes Risiko; 50.000–100.000/μl: mäßig erhöht, verlängerte Blutungen; 20.000–50.000/μl: erhöht, Spontanblutungen möglich; <20.000/μl: hoch, schwere Spontanblutungen; <5.000/μl: sehr hoch, Lebensgefahr durch intrazerebrale Blutung.

Thrombozytopenie – Vorlesungszusammenfassung – Medizinische Prüfungsvorbereitung