Persönliches Lernmaterial: Diese Zusammenfassung dient der Prüfungsvorbereitung und ersetzt weder offizielle Vorgaben noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Pneumonie

Vorlesungszusammenfassung — Definition, Erreger, Diagnostik, Bildgebung, Therapie und Sonderformen

1. Einleitung und Prüfungsrelevanz

  • Die Pneumonie ist eines der wichtigsten prüfungsrelevanten Themen in der Inneren Medizin und muss vom Arzt in jeder Prüfungssituation beherrscht werden.
  • Prüfungsformen, in denen das Thema geprüft werden kann:
    • Physical Examination / Klinische Untersuchung: Befunde der Inspektion, Palpation, Perkussion und Auskultation.
    • Stationsprüfung am Krankenbett: typische Fälle und Fallbesprechungen.
    • Röntgen-Bild-Befundung: Lobärpneumonie, Bronchopneumonie, atypische Infiltrate.
    • Longitudinalkurs / Long Case: strukturierte Anamnese und Untersuchung.
    • Diskussion / Dialogue Station: freie Diskussion mit dem Prüfer, z. B. zu Differenzialdiagnosen wie Pleuraerguss, Herpes labialis, Akutes Koronarsyndrom (ACS) oder Pleuraerguss bei Bronchialkarzinom.
Wichtig: Der Prüfer achtet darauf, ob der Kandidat orientiert und sicher wirkt oder nur „Schwammiges" erzählt. Auch ein „Nicht-Wissen" wird eher akzeptiert, wenn ehrlich damit umgegangen wird. Bei jedem Patienten mit Pneumonie müssen immer die Vitalparameter, der Flüssigkeitsstatus und der Auskultations-/Perkussionsbefund aktiv benannt werden.

2. Definition

  • Eine Pneumonie ist eine akute oder chronische Entzündung des Lungenparenchyms, ausgelöst durch Infektionen (Bakterien, Viren, Pilze) oder durch nichtinfektiöse Reize (z. B. Aspiration, Strahlung, chemische Noxen).
  • Im klinischen Sprachgebrauch und in der Vorlesung steht die infektiöse Pneumonie im Vordergrund.
  • Zu den klassischen Einteilungen gehört die Unterscheidung nach:
    • ambulant erworben (CAP – Community Acquired Pneumonia) vs. nosokomial erworben (HAP – Hospital Acquired Pneumonia),
    • typisch vs. atypisch,
    • lobär vs. bronchopneumonisch vs. interstitiell.

3. Klinische Symptomatik

Die Symptome sind abhängig vom Erregertyp (typisch vs. atypisch) und vom Patientenkollektiv. Die folgenden Symptome sind prüfungsrelevant und sollten aktiv erfragt werden:

  • Dyspnoe (Atemnot)
  • Fieber (bei atypischer Pneumonie oft subfebril)
  • Husten mit oder ohne Auswurf (produktiver vs. unproduktiver Husten)
  • Thoraxschmerzen (atemabhängig, bei pleuritischer Beteiligung)
  • Zyanose (zentral vs. peripher — siehe unten)
  • Herpes labialis (klassisch bei Pneumokokken-Pneumonie)
  • Schwitzen, Schüttelfrost
  • Bei schwerem Verlauf: Schock, Verwirrtheit, Tachypnoe, Tachykardie, Hypotonie (SIRS-/Sepsis-Kriterien)
Prüfungsfalle Zyanose:
  • Zentrale Zyanose = vermindertes O₂-angereichertes Hämoglobin im arteriellen Blut; sichtbar an Zunge, Mundschleimhaut, Konjunktiven. Therapie: O₂-Gabe, ggf. Intubation.
  • Periphere Zyanose = vermehrte O₂-Ausschöpfung im Gewebe (z. B. bei Schock, Kälte, Herzinsuffizienz); sichtbar an Akren, Lippen, Ohren.
  • Lewis-Test und Rekapillarisierungszeit (Capillary Refill) (Finger-Nagel-Probe) sind prüfungsrelevante klinische Tests zur Differenzierung.
Fall-Hinweis: Ein Patient mit Herpes labialis und hohem Fieber, Schüttelfrost und rostbraunem Auswurf ist hochverdächtig für eine Pneumokokken-Pneumonie. Auch ein Ikterus (z. B. bei schwerer Lobärpneumonie) oder ein Exanthem (z. B. bei Mykoplasmen) sollten aktiv erfragt und untersucht werden.
Auch an außerpulmonale Begleitphänomene denken:
  • Herpes labialis (HSV-Reaktivierung, klassisch Pneumokokken).
  • Ikterus (cholestatisch bei schwerer Lobärpneumonie).
  • Trommelschlegelfinger (chronische Hypoxämie, Bronchialkarzinom, Bronchiektasen).
  • Uhrglasnägel.
  • Exantheme / Erythema nodosum (z. B. bei Mykoplasmen, Sarkoidose).

4. Körperliche Untersuchung

4.1 Inspektion

  • Thoraxform (Fassthorax bei Emphysem, Trichterbrust, Kyphose).
  • Atemtyp (Kussmaul, Cheyne-Stokes, paradox).
  • Atemfrequenz (Tachypnoe > 20/min = Warnzeichen).
  • Zyanose, Trommelschlegelfinger, periphere Ödeme.
  • Herpes labialis (HSV-Reaktivierung).

4.2 Palpation

  • Stimmfremitus (tiefes „99" sprechen lassen):
    • Verstärkt bei Infiltrat (Schallleitung über festem Gewebe ↑).
    • Abgeschwächt bei Pleuraerguss, Pneumothorax.
  • Lymphknotenstatus, Thoraxkompressionsschmerz.

4.3 Perkussion

  • Gedämpfter Klopfschall bei Infiltrat, Atelektase, Pleuraerguss.
  • Hypersonorer Klopfschall bei Emphysem, Pneumothorax.
  • Lungenspitzen und basal systematisch abklopfen, Seitenvergleich.

4.4 Auskultation

  • Bronchialatmen über Infiltrat (solide Schallleitung).
  • Feinblasige Rasselgeräusche (RG, „Crepitations") — typischer Befund bei Pneumonie.
  • Brummen / Giemen / Pfeifen bei Bronchospasmus / Obstruktion.
  • Abgeschwächtes / aufgehobenes Atemgeräusch bei Erguss, Pneumothorax.
  • Pleurareiben bei Pleuritis sicca.
Prüfungsfrage: „Welche Auskultations- und Perkussionsbefunde erwarten Sie bei einer Pneumonie?" — Antwort: gedämpfter Klopfschall, verstärkter Stimmfremitus, Bronchialatmen, feinblasige Rasselgeräusche. Bei begleitender Pleuritis: Pleurareiben.

5. Einteilung der Pneumonie

5.1 Nach Erregertyp — typisch vs. atypisch

Merkmal Typische Pneumonie (z. B. Pneumokokken) Atypische Pneumonie (z. B. Mykoplasmen, Legionellen, Chlamydien, Viren)
Beginn Akut, schlagartig Schleichend, langsam progredient
Fieber Hoch, > 38,5 °C, Schüttelfrost Subfebril, oft < 38,5 °C
Auswurf Reichlich, eitrig, ggf. rostbraun Gering, eher trockener Reizhusten
Auskultation Klare feinblasige RG, Bronchialatmen Oft diskrepanter, geringer Auskultationsbefund trotz deutlicher Röntgen-Infiltrate
Röntgen Lobärinfiltrat, positives Bronchopneumogramm Diffuse, beidseitige, milchglasartige / interstitielle Infiltrate
Erreger Pneumokokken, H. influenzae, S. aureus, Klebsiellen Mykoplasmen, Chlamydien, Legionellen, Viren (z. B. Influenza, SARS-CoV-2)
Antibiotika β-Laktame (Penicillin, Ampicillin, Cephalosporine) Makrolide, Doxycyclin, Fluorchinolone (β-Laktame wirken nicht!)
Die Unterscheidung typisch vs. atypisch ist eine Schlüsselfrage in der Kenntnisprüfung. Bei der atypischen Pneumonie ist die Diskrepanz zwischen geringem Auskultationsbefund und ausgeprägtem Röntgenbefund typisch (z. B. Mykoplasmen-Pneumonie).

5.2 Nach pathologisch-anatomischem Bild

Form Charakteristika Typische Erreger
Lobärpneumonie Homogenes, scharf begrenztes Infiltrat eines Lungenlappens; typischer 4-Stadien-Verlauf (Anschoppung → rote Hepatisation → graue Hepatisation → Resolution) Pneumokokken (klassisch), Klebsiellen, H. influenzae
Bronchopneumonie Herdförmige, diffuse Infiltrate entlang der Bronchien, oft multilobär / beidseitig Staphylokokken, Streptokokken, H. influenzae, gramnegative Erreger
Interstitielle / alveoläre Pneumonie Entzündung des Interstitiums; feinretikuläres, milchglasartiges Muster Viren, Pneumocystis jirovecii, Mykoplasmen
Atypische Pneumonie Siehe Tabelle oben; interstitielle Infiltrate Mykoplasmen, Chlamydien, Legionellen, Viren
Erreger-Zuordnung (prüfungsrelevant):
  • Pneumokokken → klassische Lobärpneumonie.
  • Klebsiella pneumoniae → schwere Lobärpneumonie, häufig bei Alkoholikern, „rote Johannisbeere"-Sputum, häufiger rechter Oberlappen.
  • Staphylococcus aureus → sekundäre Bronchopneumonie nach Influenza; abszedierend.
  • Legionellen → schwere atypische Pneumonie, Klimaanlage / Dusche / Hotel.
  • Mykoplasmen → junge Patienten, schleichender Beginn, Kälteagglutinine.

6. Spezielle Erreger und Risikogruppen

6.1 Pneumocystis jirovecii (PcP)

  • Risikopatienten: AIDS (CD4 < 200/µl), onkologische Patienten, Immunsuppression (z. B. hochdosierte Kortikosteroide, Biologika, Chemotherapie).
  • Klinisch: schleichende Dyspnoe, trockener Husten, Fieber, deutliche Hypoxämie bei vergleichsweise blander Klinik.
  • Röntgen: beidseitige, perihiläre, milchglasartige Infiltrate.
  • Diagnostik: Erregernachweis im Sputum oder in der Bronchiallavage (BAL) mittels PCR / Immunfluoreszenz. β-D-Glucan im Serum ist ein sensitiver Marker.
  • Therapie: Trimethoprim/Sulfamethoxazol (TMP/SMX) hochdosiert; bei schwerem Verlauf zusätzlich Kortikosteroide.
Prüfungsfall: Patient mit bekannter HIV-Infektion / AIDS und CD4 < 200/µl stellt sich mit subakuter Dyspnoe und Fieber vor. Röntgen zeigt beidseitige milchglasartige Infiltrate → V. a. PcP → Diagnosesicherung mittels BAL, Therapie mit TMP/SMX + Kortikosteroiden bei PaO₂ < 70 mmHg.

6.2 Aspergillus

  • Aspergillom (Pilzball in präformierter Höhle, z. B. nach Tbc) → „Pilzball" in der Höhle, Röntgen: Luftsichelzeichen (air crescent sign).
  • Invasive Aspergillose bei Immunsuppression (Neutropenie).
  • Allergische bronchopulmonale Aspergillose (ABPA) bei Asthma / CF.
  • DD: Tuberkulose (besonders bei Befall der Lungenspitze, Kavernen, Hämoptysen).

6.3 Virale Pneumonien

  • Influenza: typische saisonale Erkrankung; kann schwere primäre virale Pneumonie verursachen oder Wegbereiter für bakterielle Superinfektion (Pneumokokken, S. aureus) sein.
  • SARS-CoV-2 / COVID-19: zeigt im CT Milchglas-Infiltrate, bilaterale, periphere Verteilung; im Röntgen oft erst spät sichtbar; Cortisontherapie bei O₂-pflichtigen Patienten (RECOVERY-Studie).

6.4 Aspirationspneumonie

  • Definition: Pneumonie durch Aspiration von Mageninhalt, oropharyngealem Sekret oder Fremdkörpern.
  • Risikosituationen: Bewusstlosigkeit, Alkoholintoxikation, Narkose, Erbrechen, neurologische Erkrankungen mit Schluckstörung, akutes Abdomen mit Erbrechen.
  • Typische Lokalisation: abhängige Lungenpartien (rechter Unterlappen bei liegenden / rechter Oberlappen posterior beim Aufsitzen).
  • Erreger: häufig Mischinfektion mit Anaerobiern, gramnegativen Keimen.
  • Komplikation: Abszessbildung, Empyem.
Prüfungsfalle Aspirationspneumonie: Bei einem Patienten mit akutem Abdomen und Erbrechen muss immer an die Aspirationsgefahr gedacht und eine Magensonde zur Entlastung gelegt werden — andernfalls besteht die Gefahr, dass Erbrochenes in die Lunge aspiriert wird. Auch bei der Notfallintubation ist die Aspiration eine der wichtigsten Komplikationen.

6.5 Ambulant vs. nosokomial — CAP / HAP / Aspiration

  • CAP (Community Acquired Pneumonia): außerhalb des Krankenhauses erworben; Leiterreger Streptococcus pneumoniae (Pneumokokken).
  • HAP (Hospital Acquired Pneumonia): ≥ 48 h nach stationärer Aufnahme; häufig gramnegative Erreger (Pseudomonas, Klebsiellen), Staphylococcus aureus (inkl. MRSA).
  • Beatmungsassoziierte Pneumonie (VAP): Sonderform des HAP.

6.6 Nosokomiale Risikofaktoren (HAP)

  • Hospitalisation > 48 h
  • Intubation / Beatmung
  • Vorherige Antibiotikatherapie
  • Immunsuppression (Kortikosteroide, Chemotherapie)
  • Aspiration (z. B. bei liegender Magensonde, Bewusstlosigkeit)
  • Postoperative Patienten, Intensivpatienten
  • Patienten mit Status nach Splenektomie (s. u.)

7. Klassifikation der Pneumonie (Übersicht)

Klassifikation Kriterium
Nach ErwerbCAP / HAP / VAP / Aspirationspneumonie
Nach ErregerBakteriell, viral, fungal, parasitär; typisch vs. atypisch
Nach PathologieLobär / Broncho / Interstitiell
Nach ImmunstatusBei Immunkompetenten vs. Immunsupprimierten (Pneumocystis, Aspergillus, CMV, atypische Mykobakterien)

8. Diagnostik

8.1 Anamnese

  • Fieber, Schüttelfrost, Husten, Auswurf (Menge, Farbe, Konsistenz, Beimengung von Blut).
  • Dyspnoe, thorakale Schmerzen, Leistungsknick.
  • Vorerkrankungen (COPD, Diabetes, Herzinsuffizienz, Niereninsuffizienz, HIV, maligne Erkrankungen, Splenektomie).
  • Medikamentenanamnese (Immunsuppressiva, Kortikosteroide, Antibiotikavortherapie).
  • Reiseanamnese, Hotelaufenthalt, Klimaanlage, Dusche, Whirlpool (→ Legionellen).
  • Berufsanamnese, Tierkontakt, Sexualverhalten.
  • Impfstatus (Pneumokokken-Impfung, Influenza).

8.2 Körperliche Untersuchung

  • Siehe Abschnitt 4.

8.3 Bildgebung — Röntgen-Thorax

  • Standard bei jedem Verdacht auf Pneumonie: p.-a. Aufnahme, ggf. seitlich.
  • Lobärpneumonie: scharf begrenztes, lappenfüllendes Infiltrat, oft mit positivem Bronchopneumogramm.
  • Bronchopneumonie: fleckige, konfluierende Infiltrate, oft beidseitig basal.
  • Interstitielle / atypische Pneumonie: retikuläres, milchglasartiges Muster; bei Mykoplasmen oft beidseitige fleckige Infiltrate.
  • PleuraergussVerschattung mit nach oben ansteigender Begrenzung (Meniskuszeichen), Silhouetten-Phänomen.
Silhouetten-Phänomen (prick question!):
  • Wenn der Herzrand nicht mehr abgrenzbar ist, liegt ein Infiltrat im linken Mittellappen / Lingula vor (anteriorer Kontakt).
  • Wenn der rechte Herzrand unscharf wird → Infiltrat im rechten Mittellappen.
  • Wenn der linke oder rechte Hemidiaphragma verschwindet → Infiltrat im Unterlappen.
  • Wenn die Aorta descendens nicht mehr sichtbar ist → Infiltrat im linken Unterlappen.
Das Silhouetten-Phänomen ist eine Standardfrage in der Bildbefundung.

8.4 Labordiagnostik

  • Blutbild (Leukozytose, Linksverschiebung, CRP, PCT, BSG).
  • Blutgasanalyse (BGA) zur Beurteilung der Oxygenierung und Säure-Basen-Haushalt (respiratorische Partialinsuffizienz → PaO₂ ↓; respiratorische Globalinsuffizienz → PaO₂ ↓ und PaCO₂ ↑).
  • Leberwerte, Nierenwerte, Elektrolyte (insb. Hyponatriämie → SIADH bei Legionellen).
  • Blutkulturen (insbesondere bei schwerer Pneumonie, Sepsis-Verdacht).
  • Sputum-Diagnostik (Gramfärbung, Kultur, Resistenztestung).
  • Antigentests im Urin:
    • Pneumokokken-Antigen (Streptococcus pneumoniae).
    • Legionellen-Antigen (Legionella pneumophila Serogruppe 1).
  • Serologie: Mykoplasmen, Chlamydien, Coxiella, Viren (IgM, Titerverlauf).
  • PCR / Multiplex-PCR auf Atemwegserreger (Bakterien + Viren + Pilze).
  • β-D-Glucan und Galactomannan bei V. a. PcP bzw. invasive Aspergillose.
Meldepflichtige Erreger beachten: Legionellen sind in Deutschland namentlich meldepflichtig bei direktem oder indirektem Nachweis. Auch Tuberkulose, Influenza, COVID-19, Masern etc. unterliegen der Meldepflicht gemäß IfSG.

8.5 Erweiterte Diagnostik

  • CT-Thorax bei unklarem Röntgenbefund, V. a. Komplikation (Abszess, Empyem), Tumorabklärung.
  • Bronchoskopie mit Bronchiallavage (BAL) bei immunsupprimierten Patienten, V. a. ungewöhnliche Erreger, Therapieversagern.
  • Pleurasonographie bei V. a. Pleuraerguss / Empyem (Punktion, Diagnostik).

9. Risikostratifizierung — CRB-65-Index

Der CRB-65 (bzw. CRB-65 außerhalb des Krankenhauses, bzw. CURB-65 mit Labor) dient der Entscheidung ambulant vs. stationär:

Kriterium Beschreibung
C – ConfusionNeue Verwirrtheit / Desorientierung
R – Respiratory rateAtemfrequenz ≥ 30/min
B – Blood pressureBlutdruck diastolisch ≤ 60 mmHg oder systolisch < 90 mmHg
65 – AlterAlter ≥ 65 Jahre
  • 0 Punkte → ambulante Therapie möglich.
  • 1 Punkt → ambulante Therapie meist möglich, engmaschige Kontrolle.
  • ≥ 2 Punktestationäre Aufnahme empfohlen.
  • ≥ 3 PunkteIntensivstation erwägen.
Der CRB-65 ist eine wichtige Prüfungsfrage. Frage: „Wann behandeln Sie ambulant, wann stationär?" — Antwort: CRB-65-Index. Auch Pneumonia Severity Index (PSI / PORT-Score) ist eine Alternative, in der Praxis wird CRB-65 wegen Einfachheit bevorzugt.

10. Therapie

10.1 Allgemeine / supportive Maßnahmen

  • Sauerstoff-Gabe (Ziel-SpO₂ ≥ 92 %; bei COPD 88–92 %).
  • Ausreichende Flüssigkeitssubstitution (Vorsicht bei Herzinsuffizienz).
  • Antipyrese (z. B. Paracetamol, Metamizol).
  • Thromboseprophylaxe (Hospitalisation).
  • Atemgymnastik, Physiotherapie, Mobilisation.
  • Schmerzkontrolle (Pleuritis-Schmerz → NSAR, ggf. Opioide).
  • Impfungen: nach überstandener Pneumonie Pneumokokken-Impfung + Influenza-Impfung empfehlen.
Häufiger Fehler in der Prüfung: Bei einem Patienten mit Pneumonie die Flüssigkeitssubstitution vergessen. Volumengabe ist eine der wichtigsten supportiven Maßnahmen und sollte bei jedem Fall aktiv benannt werden.

10.2 Kalkulierte Antibiotikatherapie

Setting Erste Wahl (kalkuliert)
CAP, ambulant, ohne Komorbidität Amoxicillin p.o. (alternativ Makrolid oder Doxycyclin bei Penicillin-Allergie)
CAP, ambulant, mit Komorbidität Aminopenicillin + β-Laktamase-Inhibitor (z. B. Amoxicillin/Clavulansäure) ± Makrolid
CAP, stationär (Normalstation) Aminopenicillin/BLI ± Makrolid ODER Atemwegs-Fluorchinolon (Levofloxacin, Moxifloxacin)
CAP, intensivpflichtig Piperacillin/Tazobactam + Makrolid ODER Breitspektrum-Cephalosporin + Makrolid
Atypische Pneumonie (Mykoplasmen, Chlamydien, Legionellen) Makrolid (Azithromycin, Clarithromycin) ODER Doxycyclin ODER Fluorchinolon
Aspirationspneumonie Aminopenicillin/BLI oder Clindamycin (Anaerobier-Wirksamkeit); ggf. Carbapenem bei schwerem Verlauf
HAP / VAP Pseudomonas-wirksames Regime, z. B. Piperacillin/Tazobactam, Cefepim, Meropenem, ggf. ± Aminoglykosid / Fluorchinolon; MRSA-Abdeckung (Vancomycin, Linezolid) bei Risiko
PcP TMP/SMX hochdosiert + Kortikosteroide bei PaO₂ < 70 mmHg
Wichtig für die Prüfung: β-Laktame wirken NICHT gegen atypische Erreger (Mykoplasmen, Chlamydien, Legionellen) — diese sind intrazellulär und benötigen Makrolide, Doxycyclin oder Fluorchinolone. Daher bei klinischem Verdacht immer mit einem Makrolid kombinieren oder Fluorchinolon geben.

10.3 Dauer der Antibiotikatherapie

  • Unkomplizierte CAP: 5–7 Tage, bei klinischer Besserung kann frühzeitig oralisiert werden (Sequenztherapie).
  • Schwere CAP, Komplikationen (Abszess, Empyem): längere Therapiedauer (14–21 Tage), ggf. nach Erreger und Verlauf.

11. Komplikationen

  • Pleuraerguss (parapneumonisch), Pleuraempyem (pH < 7,2, Glukose ↓, LDH ↑).
  • Lungenabszess (v. a. S. aureus, Klebsiellen, Anaerobier).
  • Akutes Lungenversagen (ARDS).
  • Sepsis, septischer Schock.
  • Akute Dekompensation einer vorbestehenden Herzinsuffizienz„extrakardiale Ursache" für Dyspnoe bei bekanntem Cor pulmonale / COPD.
  • Akutes Koronarsyndrom durch Stress / Hypoxie / Inflammation (Achtung: Troponin ↑ → DD ACS).
  • Bronchiektasen, Narben (Post-Pneumonie-Fibrose).
Prüfungsfall — extrakardiale Ursache für Dyspnoe: Patient mit bekannter COPD und/oder Herzinsuffizienz stellt sich mit akuter Dyspnoe vor. Bei gleichzeitig bestehender Pneumonie kann diese eine akute kardiale Dekompensation auslösen. Die Therapie besteht dann in der Behandlung der Pneumonie plus Standardtherapie der Herzinsuffizienz. Die DD zur primär kardialen Ursache ist eine Klassikerfrage.

12. Sonderfälle und wichtige klinische Konstellationen

12.1 Splenektomie und Pneumokokken

  • Patienten nach Splenektomie haben ein erhöhtes Risiko für eine Overwhelming Post-Splenectomy Infection (OPSI) durch bekapselte Erreger (Pneumokokken, H. influenzae, Meningokokken).
  • Impfungen vor Splenektomie (idealerweise ≥ 2 Wochen vor Eingriff):
    • Pneumokokken (PCV13 + PPSV23)
    • Meningokokken (ACWY + B)
    • Haemophilus influenzae Typ b (Hib)
    • Influenza (jährlich)
  • Bei Splenektomie-Patienten mit Fieber → sofortige Antibiotikatherapie (Cave OPSI).
Prüfungsfrage: „Welche Impfungen braucht ein Patient nach Splenektomie?" — Antwort: Pneumokokken, Meningokokken (ACWY + B), Hib und Influenza.

12.2 Hotelaufenthalt, Klimaanlage, Whirlpool → Legionellen

  • Legionellen werden durch Aerosole aus kontaminiertem Wasser übertragen (Klimaanlage, Duschen, Whirlpools, Springbrunnen).
  • Typisches Szenario: Patient war in einem Hotel, hatte Dusche / Whirlpool-Kontakt, 2–10 Tage später Fieber, Husten, evtl. Diarrhoe, Hyponatriämie, Verwirrtheit.
  • Diagnostik: Legionellen-Antigen im Urin (Serogruppe 1), Sputum-Kultur auf BCYE-Agar, PCR.
  • Therapie: Fluorchinolone (Levofloxacin) oder Makrolide (Azithromycin); β-Laktame sind unwirksam.
Prüfungsfall — Hotel & Klimaanlage: Ein Patient war im Hotel, hat geduscht und Whirlpool benutzt. Wenige Tage später entwickelt er Fieber, trockenen Husten, evtl. Diarrhoe und Verwirrtheit mit Hyponatriämie. → V. a. Legionellen-Pneumonie. Diagnostik: Urin-Antigentest + Kultur + PCR. Therapie: Levofloxacin oder Azithromycin.

12.3 Coronavirus-Pneumonie (COVID-19)

  • CT-Befund: bilaterale, periphere Milchglas-Infiltrate („ground glass"), im Verlauf Konsolidierungen und „Crazy Paving".
  • Therapie: Dexamethason bei O₂-pflichtigen Patienten (RECOVERY-Studie), ggf. Tocilizumab, Remdesivir, Antikoagulation.
  • Wichtig: kein primäres Antibiotikum, aber bei V. a. bakterielle Superinfektion kalkuliert antibiotisch behandeln.

13. Antibiotikaklassen (Übersicht)

Klasse Wirkung auf typische Erreger Wirkung auf atypische Erreger
β-Laktame (Penicilline, Cephalosporine) Ja Nein
Makrolide (Azithromycin, Clarithromycin) Eingeschränkt Ja
Doxycyclin Teilweise Ja
Fluorchinolone (Levofloxacin, Moxifloxacin) Ja Ja
Glycylcycline (Tigecyclin) Ja (Reserve) Ja
Carbapeneme Ja (Breitspektrum) Nein

14. Prävention und Impfungen

  • Pneumokokken-Impfung (STIKO-Empfehlung):
    • Standard für alle ≥ 60-Jährigen.
    • Bei Risiko (Diabetes, COPD, Herzinsuffizienz, Immunsuppression, Asplenie, Niereninsuffizienz, chronische Lebererkrankung) ebenfalls empfohlen.
    • Sequenzielle Impfung: PCV13 (oder PCV20) → PPSV23 im Abstand von ≥ 6–12 Monaten.
  • Influenza-Impfung: jährlich, insbesondere für Risikogruppen und medizinisches Personal.
  • SARS-CoV-2-Impfung gemäß STIKO.
  • Hib, Meningokokken bei Asplenie (s. o.).
  • Allgemeine Maßnahmen: Händehygiene, Rauchstopp, Reduktion von Risikofaktoren.

15. Zusammenfassung & Prüfungs-Checkliste

  • Definition der Pneumonie (akute / chronische Entzündung des Lungenparenchyms) kennen.
  • Symptome (Dyspnoe, Fieber, Husten, Auswurf, Schmerzen, Zyanose, Herpes labialis) kennen und aktiv erfragen.
  • Körperliche Untersuchung: Inspektion → Palpation → Perkussion → Auskultation sicher beherrschen.
  • Unterscheidung typisch / atypisch kennen (Erreger, Klinik, Röntgen, Antibiotikum).
  • Lobär-, Broncho-, interstitielle Pneumonie unterscheiden können.
  • Spezielle Erreger kennen: Pneumokokken, Legionellen, Mykoplasmen, Chlamydien, Pneumocystis, Aspergillus, Viren.
  • CRB-65 zur Therapieentscheidung (ambulant / stationär / Intensiv) anwenden.
  • Kalkulierte Antibiotikatherapie je nach Setting kennen.
  • Sonderfälle (Splenektomie, Immunsuppression, COVID-19, Legionellen) kennen.
  • Impfungen nach Splenektomie und für Risikogruppen kennen.
  • Komplikationen kennen (Pleuraerguss, Empyem, Abszess, ARDS, Sepsis, kardiale Dekompensation).
  • Bei der Patientenuntersuchung immer Vitalparameter, Flüssigkeitsstatus und Auskultations-/Perkussionsbefund benennen.
Letzte Prüfungs-Hinweise:
  • Immer beide Lungenflügel systematisch untersuchen, Seitenvergleich.
  • Bei jeder Konsultation: Vitalparameter + Flüssigkeitssubstitution aktiv ansprechen.
  • Bei akutem Abdomen + ErbrechenMagensonde zur Aspirationsprophylaxe.
  • Bei Herpes labialis + hohem Fieber + rostbraunem Sputum → Pneumokokken denken.
  • Bei Hotel/Dusche/KlimaanlageLegionellen denken.
  • Bei AIDS / Immunsuppression + milchglasartige Infiltrate → Pneumocystis denken.
  • Bei LobärinfiltratSilhouetten-Phänomen (welche anatomische Struktur verschwindet?) kennen.