Koronare Herzkrankheit (KHK)
1. Definition
Die koronare Herzkrankheit (KHK) ist eine stenosierende Erkrankung der Koronararterien, die zu einer belastungsabhängigen Durchblutungsstörung des Myokards (Ischämie) führt. Sie ist die häufigste Ursache der Angina pectoris und des Herzinfarkts.
2. Kardiovaskuläre Risikofaktoren
Die Risikofaktoren, die zur Entstehung der KHK, der Angina pectoris und des Herzinfarkts führen, sind:
- Arterielle Hypertonie
- Nikotinkonsum (Rauchen)
- Alter (Männer > 45 Jahre, Frauen > 55 Jahre)
- Bewegungsmangel (körperliche Inaktivität)
- Diabetes mellitus
- Fettstoffwechselstörungen (Hypercholesterinämie, LDL-Erhöhung)
- Adipositas / Übergewicht
- Familiäre Belastung (genetische Prädisposition)
- Psychosozialer Stress
3. Formen und klinische Manifestationen
3.1 Stabile Angina pectoris
Belastungsabhängige, reversible thorakale Schmerzen oder Engegefühl, die in Ruhe oder nach Nitrogabe abklingen. Tritt auf, wenn der myokardiale Sauerstoffbedarf das Angebot übersteigt.
3.2 Instabile Angina pectoris
Ruhe- oder Crescendo-Angina mit zunehmender Häufigkeit, Dauer und Intensität. Sie ist Ausdruck einer akuten Plaqueruptur mit konsekutiver Thrombusbildung und partiellem Gefäßverschluss — gehört zum Akuten Koronarsyndrom.
3.3 Akutes Koronarsyndrom (ACS)
Das Akute Koronarsyndrom umfasst drei lebensbedrohliche Krankheitsbilder:
- Instabile Angina pectoris
- Nicht-ST-Hebungsinfarkt (NSTEMI) — Non-ST-Elevation Myocardial Infarction
- ST-Hebungsinfarkt (STEMI) — ST-Elevation Myocardial Infarction
3.4 Prinzmetal-Angina (vasospastische Angina)
Seltene Form der Angina pectoris, die durch Koronarspasmen ohne signifikante Stenose verursacht wird. Tritt häufig in Ruhe auf, typischerweise mit ST-Hebungen im EKG.
3.5 Koronarer Bypass (aortokoronare Bypass-Operation)
Operative Anlage von Umgehungsgefäßen bei hochgradigen Stenosen. Wird ausführlich in Abschnitt 10 besprochen.
4. Biomarker — Troponin
Das Troponin (Troponin I oder Troponin T) ist der wichtigste herzspezifische Biomarker zur Diagnose eines Herzinfarkts.
- Spezifität: Hohe Spezifität für Myokardschaden (Troponin kommt fast ausschließlich im Herzmuskel vor)
- Kinetik: Anstieg 3–6 Stunden nach Infarkt, Maximum nach 24–48 Stunden, Normalisierung nach 7–10 Tagen
- Bei instabiler Angina: Troponin negativ (kein Myokardschaden, keine Nekrose)
- Bei Herzinfarkt (NSTEMI/STEMI): Troponin positiv / erhöht (Myokardnekrose)
5. Diagnostik der KHK
5.1 Anamnese
Schmerzanamnese mit Fragen nach Lokalisation, Auslösung, Dauer, Ausstrahlung, Begleitsymptomen (Schwitzen, Übelkeit, Atemnot) und Risikofaktoren.
5.2 Körperliche Untersuchung
Auskultation, Blutdruckmessung, Pulsstatus, Beurteilung kardialer Dekompensationszeichen.
5.3 Nicht-invasive Diagnostik
- Ruh-EKG: Zum Nachweis von Ischämiezeichen, Rhythmusstörungen, Infarktzeichen
- Belastungs-EKG (Ergometrie): Standardtest zum Nachweis einer belastungsabhängigen Ischämie
- Stress-Echokardiografie: Beurteilung der Wandbewegungsstörungen unter Belastung
- Stressechokardiographie / Myokardszintigraphie: Zur Beurteilung der myokardialen Perfusion
5.4 Echokardiografie
Liefert in der Diagnostik der KHK wichtige Informationen:
- Wandbewegungsstörungen
- Klappenfunktion
- Linksventrikuläre Ejektionsfraktion (LVEF) — Beurteilung der Pumpleistung
- Diastolische Funktion
- Herzgröße und Perikard
5.5 Koronarangiografie (Herzkatheter)
Die Koronarangiografie (Herzkatheteruntersuchung) ist der Goldstandard zur Diagnose der KHK. Sie ermöglicht die direkte Darstellung der Koronarstenosen und gleichzeitig eine therapeutische Intervention (PCI).
6. Anatomie der Koronararterien
Für die Herzkatheteruntersuchung und für die Bypass-Operation ist die Kenntnis der Koronaranatomie unerlässlich.
6.1 Linke Koronararterie (Arteria coronaria sinistra)
Die linke Koronararterie teilt sich in zwei Hauptäste:
- Ramus interventricularis anterior (RIVA / LAD) — versorgt Vorderwand und Septum
- Ramus circumflexus (RCX) — versorgt Lateralwand
6.2 Rechte Koronararterie (Arteria coronaria dextra)
- Versorgt die rechte Herzkammer, den inferioren Anteil des linken Ventrikels und den Sinusknoten
7. Medikamentöse Therapie der KHK
Die Therapie der KHK umfasst zwei Strategien: konservativ (medikamentös) und invasiv (perkutane Koronarintervention oder Bypass-Operation).
7.1 Antianginöse Therapie und Sekundärprophylaxe
7.1.1 Acetylsalicylsäure (ASS)
- Wirkmechanismus: Irreversible Hemmung der Cyclooxygenase → Hemmung der Thromboxan-A2-Synthese → Thrombozytenaggregationshemmung
- Indikation: Sekundärprophylaxe nach Herzinfarkt, instabiler Angina, Stentimplantation, KHK allgemein
- Komplikationen / Nebenwirkungen: Gastrointestinale Blutungen, Ulkusbildung, allergische Reaktionen, Blutungsneigung
7.1.2 Heparin
- Wirkmechanismus: Verstärkt die Wirkung von Antithrombin III → Hemmung von Thrombin und Faktor Xa
- Indikation: Akutes Koronarsyndrom, perkutane Koronarintervention (PCI), Bypass-Operation
- Komplikationen: Blutungen, Heparin-induzierte Thrombozytopenie (HIT)
7.1.3 Statine
Zwei wesentliche Wirkungen:
- Lipidsenkung: Hemmung der HMG-CoA-Reduktase → Senkung des LDL-Cholesterins
- Plaquestabilisierung: Antiinflammatorische und plquestabilisierende Wirkung (unabhängig von der Lipidsenkung)
Indikationen:
- Alle KHK-Patienten (Sekundärprophylaxe)
- Patienten nach Herzinfarkt
- Patienten mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko
Wichtige Nebenwirkung — Statin-Myopathie:
- Muskelschmerzen (Myalgien)
- Muskelschwäche
- Selten: Rhabdomyolyse (schwerer Muskelschaden)
Diagnose einer Statin-Myopathie:
- CK (Kreatinkinase) erhöht — entscheidender Laborparameter
- Bei deutlich erhöhter CK: Statin absetzen
Lebertoxizität: Erhöhung der Lebertransaminasen (GPT/ALT, GOT/AST) — regelmäßige Laborkontrollen erforderlich.
7.1.4 ACE-Hemmer
- Wirkmechanismus: Hemmung des Angiotensin-Converting-Enzyms → Senkung von Angiotensin II → Vasodilatation, Blutdrucksenkung, Entlastung des Herzens
- Indikationen: Hypertonie, Herzinsuffizienz, Post-Infarkt-Therapie, diabetische Nephropathie, KHK mit Begleiterkrankungen
- Nebenwirkungen: Reizhusten (häufig), Hyperkaliämie, Angioödem, Hypotonie, Nierenfunktionsverschlechterung
7.1.5 AT1-Rezeptorantagonisten (Sartane)
- Wirkmechanismus: Blockade des Angiotensin-II-Rezeptors (AT1) — gleiche Wirkung wie ACE-Hemmer, ohne Husten
- Indikationen: Alternative zu ACE-Hemmern bei Husten oder Angioödem, Hypertonie, Herzinsuffizienz
- Nebenwirkungen: Hyperkaliämie, Hypotonie, Nierenfunktionsverschlechterung (kein Reizhusten)
7.1.6 Calciumantagonisten
Zwei Substanzgruppen:
- Dihydropyridine (z. B. Amlodipin, Nifedipin) — wirken vor allem gefäßerweiternd
- Nicht-Dihydropyridine (z. B. Verapamil, Diltiazem) — wirken zusätzlich am Herzen (negativ inotrop, negativ chronotrop)
Indikationen: Hypertonie, Angina pectoris (besonders bei vasospastischer / Prinzmetal-Angina)
Nebenwirkungen: Knöchelödeme, Flush, Kopfschmerzen, Obstipation (besonders Verapamil), Bradykardie (Nicht-Dihydropyridine)
7.1.7 Betablocker
Unterscheidung nach Selektivität:
| Eigenschaft | Selektive Betablocker (β1-selektiv) | Nicht-selektive Betablocker |
|---|---|---|
| Wirkung | Vor allem am Herzen und an den Nieren | Auch an peripheren Gefäßen, Bronchien und Stoffwechsel |
| Beispiele | Metoprolol, Bisoprolol, Atenolol | Propranolol, Carvedilol (mit zusätzlicher α-Blockade) |
| Bronchiale Wirkung | Wenig | Bronchokonstriktion (Vorsicht bei Asthma!) |
| Periphere Gefäße | Keine Vasokonstriktion | Vasokonstriktion möglich (kalte Extremitäten) |
| Stoffwechsel | Wenig Beeinflussung | Möglichkeit der Hypoglykämie-Maskierung |
Indikationen: KHK, Angina pectoris, Post-Infarkt-Therapie, Herzinsuffizienz, Hypertonie, Tachyarrhythmien
Nebenwirkungen: Bradykardie, Hypotonie, Müdigkeit, kalte Extremitäten, Potenzstörungen, Bronchokonstriktion (bei nicht-selektiven)
7.1.8 Nitrate (Nitroglycerin)
- Wirkmechanismus: Freisetzung von Stickstoffmonoxid (NO) → venöse Dilatation (Vorlastsenkung) und in höherer Dosis auch arterielle Dilatation (einschließlich Koronararterien)
- Wirkung: Senkung der Vorlast (Preload) → Verminderung der Herzarbeit, Senkung des myokardialen Sauerstoffverbrauchs, Koronardilatation
- Indikation: Akute Angina-pectoris-Attacke, akutes Koronarsyndrom, hypertensive Krise
- Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Hypotonie, Schwindel, reflektorische Tachykardie, Flush
8. Invasive Therapie — Perkutane Koronarintervention (PCI)
Die PCI (Perkutane Koronarintervention) (auch perkutane transluminale Koronarangioplastie, PTCA) ist die wichtigste invasive Therapie der KHK. Sie wird über einen Herzkatheter durchgeführt.
8.1 Ziele
- Wiederherstellung der Durchblutung des Herzmuskels (Revaskularisation) bei signifikanter Koronarstenose
- Behandlung des akuten Koronarsyndroms (insbesondere STEMI)
- Behandlung der stabilen Angina bei Versagen der medikamentösen Therapie
8.2 Durchführung
- Zugang über A. radialis oder A. femoralis
- Einführen eines Führungskatheters in die Koronararterie
- Ballonangioplastie und/oder Stentimplantation
8.3 Stenttypen
| Stenttyp | Bezeichnung | Besonderheit |
|---|---|---|
| Bare-Metal-Stent (BMS) | Unbeschichteter Metallstent | Keine Medikamentenfreisetzung |
| Drug-Eluting-Stent (DES) | Medikamentenbeschichteter Stent | Freisetzung von Sirolimus, Paclitaxel oder Everolimus zur Hemmung der Restenose |
Begleitmedikation bei Stentimplantation:
- Duale Thrombozytenaggregationshemmung (DAPT): ASS + P2Y12-Inhibitor (Clopidogrel, Ticagrelor oder Prasugrel)
9. Bypass-Operation (Koronare Bypasschirurgie, CABG)
Die aortokoronare Bypass-Operation (CABG) ist ein chirurgisches Verfahren zur Revaskularisation bei komplexer Mehrgefäßerkrankung.
9.1 Indikationen
- Hauptstammstenose der linken Koronararterie (Stenose der Arteria coronaria sinistra)
- Mehrgefäßerkrankung mit komplexen Stenosen, die nicht interventionell behandelbar sind
- Komplikationen während der PCI (z. B. Thrombus, Dissektion, Gefäßverschluss)
- Versagen der perkutanen Koronarintervention
9.2 Anatomie der Bypass-Gefäße
Folgende Gefäße werden als Bypass-Grafts verwendet:
| Gefäß | Anatomische Lage | Besonderheit |
|---|---|---|
| Vena saphena magna | Mediale Seite des Beins, vom Innenknöchel bis zur Leiste | Häufig verwendetes Venentransplantat, langes Gefäß |
| Vena saphena parva | Laterale Seite des Beins, vom Außenknöchel zur Kniekehle | Kürzeres Venentransplantat |
| Arteria thoracica interna (A. mammaria interna) | Verläuft an der Innenseite des Brustkorbs parallel zum Sternum | Goldstandard für Bypass auf den RIVA — hohe Langzeit-Offenheitsrate |
| Arteria radialis | Unterarm, zwischen A. brachialis und Handgelenk | Arterieller Graft, gute Langzeitergebnisse |
| Arteria gastroepiploica | Im Bereich des Magens | Weniger häufig verwendet |
9.3 Vena saphena magna vs. Vena saphena parva
- Vena saphena magna: Mediale Seite, lang, am häufigsten verwendet
- Vena saphena parva: Laterale Seite, kürzer
9.4 In-situ vs. freier Bypass
- In-situ-Bypass: Das Gefäß wird an Ort und Stelle belassen und umgesetzt (z. B. A. mammaria interna auf RIVA)
- Freier Bypass: Das Gefäß wird entnommen und an anderer Stelle anastomosiert (z. B. Vena saphena magna, A. radialis)
9.5 Vorbereitung des Patienten vor Bypass-Operation
Vor einer Bypass-Operation sind folgende vorbereitende Untersuchungen obligat:
- Ultraschall der Karotiden — Ausschluss einer Karotisstenose (Vermeidung perioperativer Schlaganfälle)
- Komplettes Blutbild, Gerinnung, Nierenwerte
- EKG, Echokardiografie
- Ausschluss anderer relevanter Erkrankungen
10. Herz-Lungen-Maschine (HLM)
Die Herz-Lungen-Maschine ist ein extrakorporales Zirkulationssystem, das während der Bypass-Operation die Funktion von Herz und Lunge übernimmt.
10.1 Funktion
- Übernimmt den Gasaustausch (Oxygenierung und CO₂-Elimination)
- Übernimmt den Kreislauf (Pumpleistung)
- Ermöglicht Operationen am stillgelegten Herzen (Kardioplegie)
10.2 Indikationen
- Alle Eingriffe am offenen Herzen (Bypass-Operation, Klappenersatz, kongenitale Vitien)
10.3 Kontraindikationen
- Schwere Aortensklerose (Atherom im Aortenbogen) wegen Embolierisiko
10.4 Patientenmanagement während HLM
- Heparin-Gabe: Vollständige Antikoagulation (ACT > 400 Sekunden) zur Verhinderung der Thrombenbildung im System
- Hypothermie: Körpertemperatur wird auf 28–32 °C gesenkt, um den Stoffwechsel und den Sauerstoffverbrauch zu reduzieren
- Kardioplegie: Stilllegung des Herzens durch kalte kardioplegische Lösung
11. Übersicht der prüfungsrelevanten Themen
| Thema | Prüfungsfragen |
|---|---|
| Definition der KHK | Stenosierende Koronararterienerkrankung mit belastungsabhängiger Ischämie |
| Risikofaktoren | Hypertonie, Rauchen, Diabetes, Alter, Fettstoffwechselstörungen, Bewegungsmangel |
| Akutes Koronarsyndrom | Instabile Angina, NSTEMI, STEMI |
| Troponin | Spezifischer Marker für Myokardnekrose (negativ bei instabiler Angina, positiv bei Infarkt) |
| Koronaranatomie | A. coronaria sinistra → RIVA + RCX; A. coronaria dextra |
| Goldstandard | Koronarangiografie (Herzkatheter) |
| Statine | Lipidsenkung + Plaquestabilisierung; NW: Myopathie (CK), Lebertoxizität |
| ACE-Hemmer | Erstlinientherapie Hypertonie + Diabetes; NW: Reizhusten → Wechsel auf Sartane |
| Betablocker | Selektiv (Metoprolol) vs. nicht-selektiv (Propranolol) |
| Nitrate | Venodilatation (Vorlastsenkung) + Koronardilatation |
| Herzkatheter / PCI | Diagnostik + Therapie; Stent (BMS/DES) + DAPT |
| Bypass-Gefäße | V. saphena magna (medial), V. saphena parva (lateral), A. mammaria interna, A. radialis |
| Vor Bypass | Karotisultraschall obligat |
| Herz-Lungen-Maschine | Heparin, Hypothermie (28–32 °C), Kardioplegie |
Zusammenfassung auf Grundlage des Vorlesungstranskripts erstellt — alle Inhalte basieren auf den originalen Vorlesungsnotizen.