Cushing-Syndrom & Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (OSAS)
Inhaltsverzeichnis
1. Definition des Cushing-Syndroms
Das Cushing-Syndrom bezeichnet das klinische Krankheitsbild, das durch einen chronisch erhöhten Cortisolspiegel (Hyperkortisolismus) verursacht wird. Es ist eines der wichtigsten endokrinologischen Krankheitsbilder und in der klinischen Prüfung von hoher Relevanz, da die typischen Symptome im Vordergrund stehen und die Patienten häufig über eine stammbetonte Adipositas auffallen.
Der Tutor betont, dass das Cushing-Syndrom sowohl in seiner Definition, als auch in seinen Symptomen, Ursachen und Therapieansätzen sicher beherrscht werden muss.
2. Klinische Symptomatik
Die Symptome des Cushing-Syndroms betreffen zahlreiche Organsysteme. Folgende klinische Zeichen gehören zum typischen Bild:
- Stammbetonte Adipositas (Stammfettsucht) mit typischer Fettumverteilung: „Vollmondgesicht", „Büffelnacken", zentrale Fetteinlagerung am Stamm
- Psychische Veränderungen, insbesondere Depression (häufiges und wichtiges Symptom)
- Hirsutismus (verstärkte Körperbehaarung, vor allem bei Frauen ein Leitsymptom)
- Striae rubrae (rötlich-violette Dehnungsstreifen) - im Unterschied zu Schwangerschaftsstreifen breiter und auffälliger
- Muskelschwäche (proximal betont, „Cushing-Myopathie")
- Arterielle Hypertonie
- Steroid-Diabetes (Hyperglykämie / gestörte Glukosetoleranz)
- Osteoporose mit erhöhtem Frakturrisiko
- Hautverletzlichkeit und Ekchymosen (verstärkte Blutergussneigung)
- Immunsuppression und verzögerte Wundheilung
3. Ätiologie und Einteilung
Das Cushing-Syndrom wird grundlegend in zwei Kategorien unterteilt:
3.1 Exogenes Cushing-Syndrom (häufigste Form)
Ursache: Zufuhr von Glukokortikoiden (Kortison) von außen, zum Beispiel als Dauermedikation bei Autoimmunerkrankungen, rheumatologischen Erkrankungen, nach Organtransplantation oder bei schwerem Asthma.
Pathophysiologie: Die exogen zugeführten Glukokortikoide unterdrücken (supprimieren) die körpereigene ACTH-Produktion der Hypophyse über den negativen Feedback-Mechanismus. Es resultiert ein iatrogener Hyperkortisolismus.
3.2 Endogenes Cushing-Syndrom
Hier wird zwischen ACTH-abhängig und ACTH-unabhängig unterschieden:
| Form | ACTH-Spiegel | Häufigkeit / Bemerkung |
|---|---|---|
| ACTH-abhängig - Hypophysenadenom (Morbus Cushing) |
Erhöht (oder normal-hoch) | Ca. 85 % der ACTH-abhängigen Fälle - häufigste endogene Ursache |
| ACTH-abhängig - Ektope ACTH-Produktion | Stark erhöht | Z. B. Bronchialkarzinom (paraneoplastisch), neuroendokrine Tumoren (kleinzelliges Lungenkarzinom) |
| ACTH-unabhängig - Adrenales Cushing-Syndrom | Erniedrigt (supprimiert) | Adenom oder Karzinom der Nebennierenrinde (NNR) |
4. Diagnostisches Vorgehen
4.1 Screening-Tests
- Dexamethason-Hemmtest (Dexa-Test): Nach Gabe von 1 mg Dexamethason (abends) sollte bei Gesunden die morgendliche Cortisol-Sekretion supprimiert werden. Beim Cushing-Syndrom bleibt die Suppression aus (positives Testergebnis).
- Cortisol-Tagesprofil: Bestimmung des Cortisols im Serum oder Speichel zu verschiedenen Tageszeiten (z. B. 8 Uhr morgens und abends). Normalerweise zeigt sich ein deutlicher Abendabfall. Beim Cushing-Syndrom fehlt diese physiologische Tagesrhythmik.
- 24-Stunden-Urin auf freies Cortisol: Erhöhte Ausscheidung bei Hyperkortisolismus.
4.2 Bestätigungs- und Ursachendiagnostik
- ACTH-Bestimmung im Plasma: Unterscheidung zwischen ACTH-abhängig (erhöht) und ACTH-unabhängig (erniedrigt).
- CRH-Test (Corticotropin-Releasing-Hormon-Test): Zur weiteren differenzialdiagnostischen Eingrenzung.
- Bildgebung: MRT der Hypophyse (Hypophysenadenom), CT der Nebennieren (NNR-Adenom/-Karzinom), ggf. CT Thorax zur Tumorsuche bei ektoper ACTH-Produktion.
- Sinus-petrosus-Sampling (in spezialisierten Zentren): Invasive Differenzierung zwischen hypophysärer und ektoper ACTH-Quelle.
5. Therapieprinzipien
Die Therapie richtet sich streng nach der zugrunde liegenden Ursache:
| Ursache | Therapie |
|---|---|
| Iatrogenes / exogenes Cushing-Syndrom | Schrittweise Reduktion und Ausschleichen der Glukokortikoid-Medikation. Wichtig: Kortikosteroide niemals abrupt absetzen → Gefahr einer Addison-Krise! |
| Adrenales Cushing-Syndrom (NNR-Adenom) | Adrenalektomie (operative Entfernung der betroffenen Nebenniere). Postoperativ zwingend Cortisol-Substitution erforderlich, da die HPA-Achse noch suppressiert ist. |
| Hypophysenadenom (Morbus Cushing) | Transsphenoidale Adenomektomie (operative Entfernung des Hypophysenadenoms über den nasalen/transsphenoidalen Zugang). |
| Ektope ACTH-Produktion | Tumorsuche und komplette Tumorentfernung (z. B. Resektion des Bronchialkarzinoms). Bei nicht resektablem Tumor: additive medikamentöse Therapie (Ketoconazol, Metyrapon, ggf. Bilaterale Adrenalektomie). |
6. Differenzialdiagnose - Adipositas und Hirsutismus
6.1 Differenzialdiagnose der Adipositas
Eine stammbetonte Adipositas tritt auch im Rahmen des metabolischen Syndroms auf, das durch folgende Komponenten definiert ist:
- Arterielle Hypertonie
- Hyperglykämie (bzw. Diabetes mellitus)
- Adipositas (bauchbetont / viszeral)
- Dyslipidämie
Zusammenhang Adipositas und OSAS
Die Adipositas ist ein Hauptrisikofaktor für die Entstehung eines obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms (OSAS). Auch wenn OSAS kein direkter Bestandteil des Cushing-Syndroms ist, wird es im chirurgischen Kontext (z. B. bei der OP-Vorbereitung) häufig im Zusammenhang mit Adipositas geprüft, da es die perioperative Komplikationsrate erhöht und bei einer Thoraxchirurgie von besonderer Bedeutung ist.
6.2 Differenzialdiagnose des Hirsutismus
Bei Patienten mit Cushing-Syndrom und Hirsutismus ist die systematische ätiologische Abklärung des Hirsutismus ein wichtiger Schritt. Ursachen umfassen:
- Endokrine Ursachen: PCOS (polyzystisches Ovarialsyndrom), Cushing-Syndrom, androgenproduzierende Tumoren (Ovar oder Nebenniere), adrenogenitales Syndrom
- Medikamentös: Glukokortikoide, Anabolika, bestimmte Antikonvulsiva (Phenytoin)
- Idiopathisch / konstitutionell: ohne nachweisbare Grunderkrankung
- Tumoren: Ovarialtumoren, Nebennierenrindentumoren, Hypophysentumoren (z. B. ACTH-produzierendes Hypophysenadenom)
7. Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (OSAS)
7.1 Definition und Pathophysiologie
Das OSAS ist gekennzeichnet durch wiederholte Atempausen (Apnoen) oder Reduktion des Atemflusses (Hypopnoen) während des Schlafes, verursacht durch eine Obstruktion der oberen Atemwege. Es besteht eine enge kausale Beziehung zwischen Adipositas und OSAS.
Pathomechanismus: Während des Schlafes erschlafft die Pharynxmuskulatur, was bei prädisponierten Personen (insbesondere bei Adipositas mit Fetteinlagerung im Halsbereich) zu einer Verengung oder einem kompletten Verschluss der oberen Atemwege führt. Die resultierende Hypoxämie löst kurzzeitige Aufweckreaktionen (Arousal) aus, die den Schlaf fragmentieren und zu einer nicht-erholsamen Nacht führen.
7.2 Definition der Apnoe und Hypopnoe
- Apnoe: Vollständiger Atemstillstand ≥ 10 Sekunden
- Hypopnoe: Deutliche Reduktion des Atemflusses (mindestens 30 % über mindestens 10 Sekunden) mit Abfall der Sauerstoffsättigung
- Die Wiederholung dieser Ereignisse (bestimmte Frequenz pro Stunde) macht das Krankheitsbild pathologisch
7.3 Klinische Symptomatik
- Schnarchen (laut, unregelmäßig, mit Atempausen)
- Beobachtete Atemaussetzer durch den Partner/die Partnerin
- Tagesmüdigkeit und chronische Erschöpfung - der Patient wirkt „nicht ausgeschlafen"
- Sekundenschlaf / Einschlafneigung am Tag (cave: Verkehrstüchtigkeit!)
- Konzentrationsstörungen und Leistungsminderung
- Reizbarkeit, Depression
- Morgendliche Kopfschmerzen (durch nächtliche Hypoxämie und Hyperkapnie)
- Nicht-erholsamer Schlaf trotz ausreichender Schlafdauer
7.4 Diagnostik des OSAS
- Polysomnographie (Schlaflabor) – Goldstandard: Erfassung von Atemfluss, Sauerstoffsättigung, EEG, EKG, Muskelspannung
- Polygraphie (ambulantes Screening-Gerät) – häufig als Vorab-Test eingesetzt
- Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI): Anzahl der Apnoen und Hypopnoen pro Stunde Schlaf – der wichtigste Schweregrad-Parameter
- AHI < 5: Normal
- AHI 5–15: Leichtes OSAS
- AHI 15–30: Mittelschweres OSAS
- AHI > 30: Schweres OSAS
7.5 Therapie des OSAS
- CPAP-Therapie (Continuous Positive Airway Pressure) – Goldstandard und Standardtherapie: Überdruckbeatmung über eine Nasen- oder Mund-Nasen-Maske, die die Atemwege offen hält
- BiPAP (Bilevel Positive Airway Pressure) – bei gleichzeitig bestehender Hyperkapnie oder COPD (overlap syndrome)
- Gewichtsreduktion (konservativ oder bariatrisch) – kausaler Therapieansatz bei Adipositas
- Lagerungstherapie – bei lageabhängigem OSAS (Rückenlage vermeiden)
- Unterkiefer-Protrusionsschiene (UPS) – bei leichtem bis mittlerem OSAS, wenn CPAP nicht toleriert wird
- Operative Therapie – bei anatomischen Hindernissen: Tonsillektomie, Uvulopalatopharyngoplastik (UPPP), Septumplastik
- Verhaltenstherapie: konsequente Alkoholkarenz (Alkohol relaxiert die Pharynxmuskulatur), Schlafhygiene, Vermeidung von Sedativa und Schlafmitteln
8. Prüfungsrelevante Hinweise (Kenntnisprüfung)
- Definition des Cushing-Syndroms kennen (Hyperkortisolismus).
- Typische Symptome sicher benennen: Stammfettsucht, Hypertonie, Diabetes, Striae, Hirsutismus, Depression, Muskelschwäche.
- Unterscheidung exogen vs. endogen (Medikamente vs. ACTH-abhängig vs. ACTH-unabhängig).
- 85 % der endogenen Fälle sind Hypophysenadenome (Morbus Cushing) – diese Zahl ist prüfungsrelevant.
- Ektope ACTH-Produktion: häufigstes Korrelat ist das Bronchialkarzinom (paraneoplastisch).
- Diagnostik: Dexamethason-Hemmtest, Cortisol-Tagesprofil, ACTH-Bestimmung, 24-h-Urin-Cortisol, Bildgebung (MRT/CT).
- Therapie nach Ursache: Glukokortikoide schrittweise reduzieren, Adrenalektomie + postoperative Substitution, transsphenoidale Adenomektomie.
- Postoperative Cortisol-Substitution nach Adrenalektomie zwingend – sonst Addison-Krise!
- Adipositas = BMI ≥ 30 kg/m² – prüfungsrelevante Schwelle.
- Adipositas als Hauptrisikofaktor für OSAS kennen.
- OSAS: Apnoe-Dauer ≥ 10 Sekunden – diese Zahl ist ein Prüfungs-Klassiker.
- OSAS-Symptome: Schnarchen, Tagesmüdigkeit, Atemaussetzer, Erschöpfung, Sekundenschlaf.
- OSAS-Therapie: CPAP als Goldstandard.
- Hirsutismus-Ursachen: endokrin (Cushing, PCOS, Tumoren), medikamentös, idiopathisch.
- „Ein Patient mit BMI ≥ 30 wird zur OP vorgestellt - worauf müssen Sie achten?" → Hinweis auf OSAS, erhöhtes perioperatives Risiko, mögliche Intubationsschwierigkeiten.
- „Welche Ursachen kann ein Hirsutismus haben?" → Systematische Antwort: endokrine Ursachen, Medikamente, idiopathisch, Tumoren.
- „Welche Form des Cushing-Syndroms ist am häufigsten?" → Exogen (iatrogen durch Glukokortikoide) am häufigsten insgesamt; bei den endogenen Formen dominiert das Hypophysenadenom (85 %).
- „Wie definieren Sie eine Apnoe?" → Atempause von mindestens 10 Sekunden.
- „Was ist die Standardtherapie des OSAS?" → CPAP.