Akute Myeloische Leukämie (AML)
Vorlesungszusammenfassung – Hämatologie
1. Definition
Die Akute Myeloische Leukämie (AML) ist eine bösartige Erkrankung der hämatopoetischen Stammzellen im Knochenmark, bei der es zu einer unkontrollierten Vermehrung unreifer myeloischer Blasten kommt. Diese Blasten sind funktionsuntüchtig und verdrängen die normale Hämatopoese.
Im Unterschied dazu gilt bei der Akuten Lymphatischen Leukämie (ALL):
- Blastenanteil > 25 % im Knochenmark
- Befall der lymphatischen Reihe (Lymphoblasten)
- Häufiger bei Kindern
| Merkmal | AML | ALL |
|---|---|---|
| Blastenschwelle | > 20 % | > 25 % |
| Betroffene Reihe | Myeloisch (Granulozyten) | Lymphatisch |
| Häufigkeit | Vorwiegend Erwachsene | Vorwiegend Kinder |
| Zytochemie | MPO-positiv, Auer-Stäbchen | MPO-negativ |
2. Hämatopoese & Pathophysiologie
Normale Hämatopoese im Knochenmark
Das Knochenmark ist verantwortlich für die Produktion aller Blutzellen:
Pathophysiologie der AML
Bei der AML ist die myeloische Reihe betroffen. Es kommt zu einer malignen Entartung der Myeloblasten, die sich unkontrolliert vermehren und die normale Blutbildung verdrängen. Im Unterschied zu physiologischen Bedingungen (wo Blasten < 5 % im Knochenmark vorkommen und nicht ins Blut gelangen) treten bei der AML Blasten ins periphere Blut aus.
- Physiologisch: Blasten im Knochenmark vorhanden (< 5 %), aber keine Blasten im peripheren Blut
- AML: Blasten vermehren sich massiv im Knochenmark, gelangen ins periphere Blut und verdrängen die normale Hämatopoese
Folgen der verdrängten Hämatopoese
Anämie (Erythropoese ↓)
- Blässe, Müdigkeit, Schwäche
- Tachykardie, Dyspnoe
- Schwindel, Leistungsminderung
Thrombozytopenie (Megakaryopoese ↓)
- Petechiale Blutungen
- Epistaxis (Nasenbluten)
- Verlängerte Blutungszeit
Infektanfälligkeit (Granulopoese ↓)
- Bakterielle, virale und fungale Infektionen
- Fieber, Pneumonie, Sepsis
- Granulozytopenie als kritischer Risikofaktor
3. Klinische Symptome & Presentation
Der Patient stellt sich häufig mit den Folgen der Knochenmarkinsuffizienz vor:
- Fieber/Infektionen — wegen Neutropenie und Funktionsstörung der Granulozyten
- Blutungsneigung — Petechien, Hämatome, Nasenbluten (Thrombozytopenie)
- Blässe, Dyspnoe, Schwindel — Anämie
- Allgemeine Abgeschlagenheit und Leistungsminderung
- Sepsis als lebensbedrohliche Komplikation
Blutbild bei Diagnosestellung
- Leukozytopenie oder Leukozytose: Beides möglich — nicht richtungsweisend
- Anämie: Hämoglobin deutlich erniedrigt
- Thrombozytopenie: Thrombozytenzahl oft stark reduziert
- Circulating Blasts: Blasten in der peripheren Bluteinheit (pathologisch!)
4. Diagnostik
4.1 Labor / Blutbild
- Großes Blutbild (Differentialblutbild): Ermöglicht den Nachweis von Blasten im peripheren Blut
- Leukozyten — meist erhöht (Leukozytose) oder normal, seltener erniedrigt
- Hämoglobin — meist erniedrigt (Anämie)
- Thrombozyten — meist erniedrigt (Thrombozytopenie)
4.2 Knochenmarkpunktion (Biopie / Aspirat)
Die Knochenmarkpunktion ist der Goldstandard für die Diagnosestellung und liefert:
- Blastennachweis (Zytologie): Anteil > 20 % bestätigt AML
- Beurteilung der Hämatopoese und Zelldichte
- Grundlage für die Subtypisierung nach FAB-Klassifikation
- Ausgangswert für die Therapieüberwachung (Remissionskontrolle)
4.3 Zytochemie
Zytochemische Färbungen sind essentiell zur Unterscheidung der leukämischen Subtypen:
- Positiv bei AML (Myeloblasten enthalten MPO in den Granula)
- Negativ bei ALL (Lymphoblasten besitzen keine MPO)
- Zusätzlich: Sudanschwarz-B-Färbung (SBB) — zeigt Lipide in Granulozyten
4.4 Auer-Stäbchen
Auer-Stäbchen sind pathognomonische azurophile Nadeln im Zytoplasma von Myeloblasten, die aus fusionierten Granula bestehen. Sie sind ein charakteristisches Merkmal der AML und treten bei ALL nicht auf.
4.5 Immunphänotypisierung (Durchflusszytometrie)
Ermöglicht die exakte Zuordnung der leukämischen Zellen zu bestimmten Entwicklungslinien und Subtypen (z. B. Expression von CD13, CD33, CD117 bei AML).
4.6 Klassifikation
FAB-Klassifikation (French-American-British)
Die FAB-Klassifikation unterscheidet AML-Subtypen nach morphologischen und zytochemischen Kriterien (M0–M7), basierend auf der Linie der malignen Zellen.
WHO-Klassifikation
Die aktuellere WHO-Klassifikation berücksichtigt zusätzlich zytogenetische und molekulargenetische Merkmale und unterscheidet:
- AML mit definierten zytogenetischen Anomalien
- AML mit Myelodysplasie-bezogenen Veränderungen
- Therapiebedingte AML
- AML nicht weiter klassifiziert
- Akzeß/myeloische Neoplasien
- FAB (French-American-British): Morphologisch, M0–M7
- WHO: Berücksichtigt Zytogenetik und Molekulargenetik — derzeitiger Standard
- ELN (European LeukemiaNet): Risikostratifizierung nach Genetik
5. Komplikationen
Leukostase (Hyperleukozytose)
Tritt auf, wenn die Leukozytenzahl > 100.000/μL übersteigt. Die Blasten sind starr und neigen zur Aggregation, was zu Mikrozirkulationsstörungen führt.
- ZNS: Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Krampfanfälle,Stroke-Symptomatik
- Lunge: Dyspnoe, Hypoxämie, respiratorische Insuffizienz
- Herz: Herzinsuffizienz, Arrhythmien
Sepsis
Wegen der schweren Neutropenie sind AML-Patienten hochgradig infektionsgefährdet. Fieber bei Neutropenie ist ein internistischer Notfall und erfordert sofortige empirische Antibiotikatherapie.
Tumorlysesyndrom
Kann nach Beginn der Chemotherapie auftreten, wenn massive Tumorzelldestruktion zu Hyperkaliämie, Hyperphosphatämie, Hypokalzämie und Hyperurikämie führt.
Zytopenie-bedingte Komplikationen
- Schwere Infektionen bei Neutropenie
- Lebensbedrohliche Blutungen bei Thrombozytopenie
- Transfusionspflichtige Anämie
6. Therapie
Therapieschema: 3 Phasen
6.1 Induktionstherapie
Ziel: Vollständige Remission (komplette Remission = Blasten < 5 % im Knochenmark)
- Zytarabin (Ara-C) — 7 Tage als kontinuierliche Infusion
- Anthrazyklin (z. B. Daunorubicin oder Idarubicin) — 3 Tage als Bolus
6.2 Konsolidierungstherapie
Ziel: Stabilisierung und Vertiefung der Remission nach Induktion, um das Rückfallrisiko zu minimieren.
Es werden hochdosierte Zytarabin-Zyklen verabreicht. Bei Hochrisikopatienten erfolgt eine allogene Stammzelltransplantation.
6.3 Erhaltungstherapie
Nach Konsolidierung folgt eine längerfristige Erhaltungstherapie mit niedrigdosiertem Chemotherapeutikum (z. B. niedrigdosiertes Zytarabin, Mercaptopurin, Methotrexat) zur Aufrechterhaltung der Remission.
6.4 Stammzelltransplantation
Bei geeigneten Patienten (insbesondere mit Hochrisikozytogenetik oder Rezidiv) kommt eine allogene Blutstammzelltransplantation in Betracht:
- Reduzierte Konditionierung (reduced intensity conditioning) bei älteren oder komorbiden Patienten
- Voraussetzung: Erreichen einer kompletten Remission
- GvHD (Graft-versus-Host-Disease) als wichtige Komplikation
6.5 Zytoreduktive Therapie bei Hyperleukozytose
Bei Leukozytenzahl > 100.000/μL vor Chemotherapiebeginn:
- Hydroxycarbamid (Hydroxyurea) zur schnellen Leukozytenreduktion
- Leukapherese bei akuter Leukostase-Symptomatik
- Anschließend verzögerter Beginn der Induktionschemotherapie
6.6 Supportivtherapie
- Antiemetika während Chemotherapie
- Prophylaktische/therapeutische Antibiotika bei febriler Neutropenie
- Thrombozyten- und Erythrozytenkonzentrate bei Bedarf
- Allopurinol zur Prophylaxe des Tumorlysesyndroms
- Herpes-simplex-Prophylaxe (z. B. Aciclovir)
- Induktionstherapie: Ziel = komplette Remission (CR = Blasten < 5 %); Standard: „7+3" (Zytarabin + Anthrazyklin)
- Konsolidierung: Ziel = Remissionssicherung; hochdosiertes Zytarabin oder allogene SCT
- Erhaltung: Ziel = Langzeiterhaltung der Remission; niedrigdosierte Chemotherapie
- Stammzelltransplantation: autolog oder allogen (bevorzugt allogen wegen Graft-versus-Leukemia-Effekt)
- Zytarabin (Ara-C): Kernwirkstoff der AML-Therapie — antimetabolisch, hemmt die DNA-Synthese
- Daunorubicin / Idarubicin: Anthrazykline — intercalieren in die DNA
- Hydroxycarbamid: Zytoreduktivum bei Hyperleukozytose
- 6-Mercaptopurin / Methotrexat: Erhaltungstherapie
- VinCRISTin (Vincristin): Vorwiegend bei ALL; bei AML gelegentlich in Kombinationsprotokollen
7. Prognose
Die Prognose der AML wird durch mehrere Faktoren beeinflusst:
- Alter — schlechtere Prognose bei älteren Patienten (Komorbidität, ungünstigere Zytogenetik)
- Zytogenetik/Molekulargenetik — günstig: t(8;21), inv(16); ungünstig: komplexer Karyotyp, del(5q), del(7q
- Initialer Blastenanteil — höherer Anteil = schlechtere Prognose
- Therapieresponse — Erreichen einer CR nach erster Induktion ist günstig
- Vorerkrankungen — sekundäre AML (nach MDS oder Chemotherapie) hat schlechtere Prognose
- Günstig: t(8;21), inv(16), t(16;16), NPM1-Mutation (ohne FLT3-ITD)
- Intermediär: Normalkaryotyp ohne günstige/ungünstige Marker, NPM1+FLT3-ITD
- Ungünstig: Komplexer Karyotyp, -5/5q-, -7/7q-, t(6;9), inv(3), Mutation in TP53
8. Prüfungsfragen — Zusammenfassung
Antwort: AML liegt bei > 20 % Blasten im Knochenmark/Blut vor. Bei ALL liegt die Schwelle bei > 25 %; die ALL betrifft vorwiegend Kinder, die AML vorwiegend Erwachsene.
Antwort: Auer-Stäbchen sind azurophile Nadeln im Zytoplasma von Myeloblasten. Sie sind pathognomonisch für AML und treten bei ALL nicht auf.
Antwort: Die Myeloperoxidase (MPO). Positiv bei AML (Myeloblasten), negativ bei ALL (Lymphoblasten).
Antwort: 1. Induktion (Ziel: komplette Remission, Blasten < 5 %, Standard: 7+3-Schema); 2. Konsolidierung (Ziel: Remissionssicherung, ggf. SCT); 3. Erhaltung (Ziel: Langzeiterhaltung der Remission).
Antwort: Leukostase ist eine Mikrozirkulationsstörung durch massive Leukozytose mit Aggregaten starrer Blasten. Tritt typischerweise bei Leukozyten > 100.000/μL auf. Betrifft ZNS, Lunge und Herz.
Antwort: Anämie (Blässe, Dyspnoe, Fatigue), Thrombozytopenie (Blutungsneigung, Petechien) und Neutropenie (schwere Infektionen, Sepsis).
Antwort: FAB-Klassifikation basiert auf Morphologie und Zytochemie (M0–M7). Die WHO-Klassifikation integriert zusätzlich Zytogenetik und Molekulargenetik und ist derzeit der diagnostische Standard.
9. Key Exam Pearls — Die wichtigsten Merksätze
- AML = Blasten > 20 % — „20 % sind die magische Grenze" (ALL = 25 %)
- Auer-Stäbchen = pathognomonisch für AML
- MPO-positiv = AML; MPO-negativ = ALL
- AML betrifft Erwachsene, ALL betrifft Kinder
- 7+3 = Standardinduktion (Zytarabin 7 Tage + Anthrazyklin 3 Tage)
- Ziel der Induktion = komplette Remission (Blasten < 5 %)
- Leukostase droht bei WBC > 100.000
- Knochenmarkpunktion ist der Goldstandard der Diagnostik
- Zytopenie-Trias: Anämie + Thrombozytopenie + Neutropenie
- WHO-Klassifikation ist aktueller als FAB und berücksichtigt Genetik