1. Was ist eine Nadelstichverletzung?
Eine Nadelstichverletzung (NSV) ist eine perkutane Verletzung durch eine kontaminierte Kanüle oder Nadel, die während oder nach einer Blutabnahme auftritt. Sie stellt einen der häufigsten Arbeitsunfälle im medizinischen Bereich dar und birgt das Risiko einer Übertragung von Blutübertragbaren Infektionen wie HIV, Hepatitis B (HBV) und Hepatitis C (HCV).
Typische Situationen umfassen:
- Versehentliches Stechen nach der Blutabnahme beim Zurückführen der Nadel in die Schutzkappe
- Verletzung bei der Entsorgung scharfer Instrumente (Recapping-Verbot)
- Unbeabsichtigtes Stechen während der Kanülierung oder Venenpunktion
Das Recapping (Zurückführen der Nadel in die Schutzkappe) ist ausdrücklich verboten, da es die häufigste Ursache für Nadelstichverletzungen darstellt. Dies ist ein zentraler Punkt bei der Kenntnisprüfung.
2. Sofortmaßnahmen nach einer Nadelstichverletzung
Die folgenden Schritte müssen sofort und in dieser Reihenfolge durchgeführt werden:
- Die Meldung beim Durchgangsarzt (D-Arzt) ist verpflichtend.
- Die Verletzung gilt als Arbeitsunfall und muss entsprechend dokumentiert werden.
- Zeitnahe Dokumentation (Uhrzeit, Patient, Art der Verletzung) ist essenziell.
3. Diagnostik – Analyse des Patientenblutes
Nach der Sofortversorgung muss das Blut des Patienten (der Quelle), bei dem die Blutabnahme durchgeführt wurde, laboranalytisch untersucht werden. Ziel ist es, das individuelle Übertragungsrisiko einzuschätzen.
Folgende Erreger/Parameter müssen im Blut des Patienten analysiert werden:
| Erreger / Parameter | Bezeichnung | Übertragungsrisiko (ca.) |
|---|---|---|
| HIV | Humanes Immundefizienz-Virus | ca. 0,3 % (niedrig) |
| HBV | Hepatitis-B-Virus | ca. 6–30 % (erheblich) |
| HCV | Hepatitis-C-Virus | ca. 1,8 % |
Bei der Nadelstichverletzung ist die Quelle (= der Patient, bei dem die Blutabnahme erfolgte) unbekannt hinsichtlich des Infektionsstatus. Deshalb müssen alle drei Parameter (HIV, HBV, HCV) im Quellblut bestimmt werden, um das individuelle Risiko zu bewerten und die weitere Therapie (PEP) anzupassen.
Zeitlicher Ablauf der Blutentnahme
Idealerweise wird das Quellblut sofort nach dem Unfall und ggf. im Verlauf erneut untersucht (Follow-up). Der betroffene Mitarbeiter (Ärzte, Pflegekräfte) sollte ebenfalls ein Ausgangsblutbild erhalten.
4. Postexpositionsprophylaxe (PEP)
Die Postexpositionsprophylaxe bezeichnet die vorbeugende medikamentöse Behandlung nach einer möglichen Exposition gegenüber einem Krankheitserreger. Sie wird je nach Ergebnis der Blutdiagnostik individuell eingeleitet.
4.1 HIV-PEP
Bei bekanntem oder vermutetem HIV-positivem Quellpatienten wird eine antiretrovirale Therapie eingeleitet. Das am häufigsten genannte Präparat in diesem Zusammenhang ist:
Truvada® (Wirkstoffkombination: Emtricitabin + Tenofovirdisoproxilfumarat)
Truvada® ist ein Kombinationspräparat, das als Teil der HIV-PEP eingesetzt wird. Es hemmt die reverse Transkriptase und verhindert damit die Virusreplikation in den early infizierten Zellen.
Die HIV-PEP sollte so früh wie möglich begonnen werden — idealerweise innerhalb der ersten 2 Stunden nach der Verletzung, spätestens jedoch innerhalb von 72 Stunden. Bei bekanntem HIV-positivem Quellpatienten ist die PEP dringend indiziert.
4.2 Hepatitis B (HBV) – Impfprophylaxe
Die Impfung gegen Hepatitis B ist ein zentraler Bestandteil der Postexpositionsprophylaxe. Die Maßnahmen richten sich nach dem Immunstatus des betroffenen Mitarbeiters:
- Geimpfter Mitarbeiter mit nachgewiesenem Impfschutz: In der Regel keine zusätzlichen Maßnahmen erforderlich — der Impfschutz genügt als Schutz.
- Geimpfter Mitarbeiter ohne nachgewiesenen Impfschutz (Anti-HBs < 10 IE/L): Sofortige Verabreichung von Hepatitis-B-Immunglobulin (HBIG) + Auffrischimpfung erforderlich.
- Nicht geimpfter Mitarbeiter: Hepatitis-B-Immunglobulin (HBIG) + Beginn der Grundimmunisierung.
Es wird Ärzten und dem gesamten medizinischen Personal dringend empfohlen, sich bereits vor Aufnahme ihrer Tätigkeit gegen Hepatitis B impfen zu lassen. Dies dient dem Eigenschutz und ist in vielen Einrichtungen Voraussetzung für die Tätigkeit.
4.3 Hepatitis C (HCV)
Eine spezifische Impfprophylaxe existiert derzeit nicht. Bei nachgewiesener HCV-Infektion des Quellpatienten wird der betroffene Mitarbeiter engmaschig überwacht und ggf. frühzeitig antiviral behandelt (moderne DAA-Therapien = Direct Acting Antivirals).
4.4 Tetanus-Prophylaxe
DO: Impfstatus überprüfen — wenn die letzte Tetanusimpfung mehr als 10 Jahre zurückliegt oder der Impfstatus unbekannt ist, muss eine Auffrischimpfung verabreicht werden.
DON'T: Nicht impfen, wenn der Impfstatus aktuell ist und die letzte Impfung innerhalb der letzten 10 Jahre lag.
5. Zusammenfassender Ablauf (Sofortmaßnahmen)
6. Prüfungsrelevante Zusammenfassung
- Recapping verboten — häufigste Ursache für NSV
- Schritt 1: Bluten lassen (1–2 Min)
- Schritt 2: Reinigung mit Seife + Desinfektion
- Schritt 3: Meldung beim Durchgangsarzt als Arbeitsunfall
- Blutanalytik: HIV, HBV, HCV des Quellpatienten bestimmen
- HIV-PEP: Truvada® (Emtricitabin + Tenofovir) — so früh wie möglich, spätestens 72h
- HBV-PEP: Je nach Impfstatus — Immunglobulin +/ Auffrischimpfung
- Tetanus: Impfstatus prüfen, Auffrischung bei > 10 Jahre
- HCV: Keine Impfung vorhanden — frühzeitige DAA-Therapie bei Infektion
Die Nadelstichverletzung ist ein medizinischer Notfall im Arbeitsalltag. Die drei Säulen der Versorgung sind: (1) Wundversorgung, (2) Diagnostik und (3) medikamentöse/immunologische Postexpositionsprophylaxe. Schnelles Handeln und korrekte Dokumentation sind entscheidend — sowohl für die Gesundheit des Betroffenen als auch für die rechtliche Absicherung.