Sigmadivertikulitis
Strukturierte Vorlesungszusammenfassung – vollständig überarbeitete Fassung des Transkripts
Inhalt
- 1. Definition & Begriffe
- 2. Darmwand-Anatomie
- 3. Pathogenese & Risikofaktoren
- 4. Lokalisation: Warum das Sigma?
- 5. Symptomatik ("Linksappendizitis")
- 6. GI-Blutungen: Oben vs. Unten (Treitz-Band)
- 7. Diagnostik
- 8. Differenzialdiagnose
- 9. Therapie
- 10. Hartmann-Operation
- 11. Stoma & Rückverlagerung
- 12. Komplikationen
- 13. Prophylaxe & Prävention
- 14. Prüfungs-Kompaktübersicht
1. Definition & Begriffe
Divertikulitis
Eine Divertikulitis ist die Entzündung von Divertikeln – krankhaften oder funktionell entstandenen Ausstülpungen der Darmwand. Im klinischen Sprachgebrauch meint der Begriff meist die Sigmadivertikulitis, da das Sigma die häufigste und klinisch relevanteste Lokalisation ist.
Divertikel
Ein Divertikel (vom Lateinischen diverticulum = Ausstülpung) ist eine umschriebene Ausstülpung der Darmwand, die als kleine Blase oder Beutel imponiert.
Echtes Divertikel vs. Pseudodivertikel
| Merkmal | Echtes Divertikel | Pseudodivertikel |
|---|---|---|
| Synonym | Divertikel im engeren Sinne | Falsches Divertikel |
| Wandaufbau | Alle Wandschichten beteiligt | Nur Schleimhaut und Submukosa (Mukosa + Submukosa) |
| Entstehung | Anlagebedingt (z. B. Meckel-Divertikel) | Erworben durch Druckerhöhung |
| Relevanz | Selten | Typisch für das Kolon, insb. Sigma |
2. Darmwand-Anatomie
Zum Verständnis der Divertikelbildung ist der dreischichtige (bzw. vierschichtige) Wandaufbau des Magen-Darm-Traktes essenziell:
| Schicht | Lateinische Bezeichnung | Inhalt / Funktion |
|---|---|---|
| 1. Schleimhaut | Tunica mucosa | Innerste Schicht, Epithel mit Drüsen, resorptive und sekretorische Funktion |
| 2. Unterschleimhaut | Tela submucosa | Bindegewebsschicht mit Gefäßen und Nervenplexus (Meissner-Plexus, Submukosaplexus) |
| 3. Muskelschicht | Tunica muscularis | Glatte Muskulatur, sorgt für Peristaltik |
| 4. (Serosa / Adventitia) | Tunica adventitia – aufgeteilt in Tela subserosa und Tunica serosa | Äußerste Schicht; Serosa = Peritoneumüberzug (viszerales Blatt) |
Tunica mucosa → Tela submucosa → Tunica muscularis → Tunica adventitia
Im Bereich des Peritoneums besteht die Adventitia zusätzlich aus Tela subserosa und Tunica serosa.
Bei den Schwächstellen der Kolonwand handelt es sich um Bereiche, an denen die Muskularis nicht durchgehend geschlossen ist. An diesen Durchtrittsstellen für Gefäße (Vasa recta) kann die Schleimhaut bei intraluminalem Druckanstieg nach außen gestülpt werden – es entsteht das Pseudodivertikel.
3. Pathogenese & Risikofaktoren
Die Divertikulose des Kolons ist eine Zivilisationskrankheit. In der Pathogenese spielen vor allem Lebensstilfaktoren eine Rolle:
- Höheres Lebensalter – altersbedingte Schwächung der Darmwand
- Bewegungsmangel („Bewegungsmangel")
- Ballaststoffarme Ernährung
- Stuhlverstopfung (Obstipation)
- Übergewicht
- Bestimmte Medikamente, z. B. Kortikosteroide
Die Kombination dieser Faktoren begünstigt:
- Erhöhten intraluminalen Druck
- Segmentale Kontraktionen
- Hypertrophie der Muskularis
- Vorwölbung von Mukosa/Submukosa an Gefäßdurchtrittspunkten
4. Lokalisation: Warum das Sigma?
Antwort: Im Sigma ist der intraluminale Druck am höchsten. Gründe hierfür sind:
- Das Sigma ist der engste Abschnitt des Kolons.
- Hier erfolgt die stärkste Wasserresorption → festere Stuhlbeschaffenheit.
- Segmentale Kontraktionen erzeugen lokal hohe Kammerspannungen (sog. Hochdruckzone).
5. Symptomatik ("Linksappendizitis")
Die typische Beschwerdesymptomatik der Sigmadivertikulitis wird im klinischen Sprachgebrauch auch als "Linksappendizitis" bezeichnet – in Anlehnung an die klassische rechtsseitige Symptomatik der Appendizitis.
Typische Symptome
- Schmerz im linken Unterbauch (Sigma = linke Fossa iliaca)
- Abdominalschmerzen, oft krampfartig
- Fieber (bei entzündlichem Schub)
- Stuhlveränderungen – häufig Obstipation, teils auch Durchfall
- Appetitlosigkeit, Übelkeit
- Eventuell tastbare Resistenz im linken Unterbauch
- Selten: Blut im Stuhl
6. GI-Blutungen: Oben vs. Unten (Treitz-Band)
Da bei Divertikulitis auch Blutungen auftreten können, ist die Unterscheidung zwischen oberer und unterer GI-Blutung prüfungsrelevant.
Oben vs. Unten – anatomische Grenze
| Obere GI-Blutung | Untere GI-Blutung | |
|---|---|---|
| Lokalisation | Oberhalb des Treitz-Bandes (Ligamentum suspensorium duodeni) | Unterhalb des Treitz-Bandes |
| Häufige Quellen | Ösophagus, Magen, Duodenum | Jejunum, Ileum, Kolon, Rektum, Anus |
| Stuhl-Aspekt | Teerstuhl (Meläna) – schwarz, glänzend, übelriechend | Hämatochezie – frisches rotes Blut, hell- bis dunkelrot |
| Ursache der Farbe | Hämoglobin wird im Magen durch Salzsäure (HCl) abgebaut → schwarz | Kein langer Kontakt mit Magensäure, daher rote Farbe |
Fachbegriffe der Blutung
- Hämatemesis – Erbrechen von Blut
- Meläna – Teerstuhl (schwarz, glänzend) → obere GI-Blutung
- Hämatochezie – peranale Blutung mit rotem Stuhl → untere GI-Blutung
- Okkulte Blutung – nicht sichtbare Blutung (z. B. Eisenmangel-Anämie als Hinweis)
7. Diagnostik
Anamnese
- Schmerzlokalisation, -charakter, -verlauf
- Stuhlverhalten, Blutbeimengungen
- Fieber, Schüttelfrost
- Voroperationen
- Medikamentenanamnese (insbesondere Kortikosteroide)
- Ernährungsgewohnheiten
Labordiagnostik
- Blutbild (Leukozytose, Entzündungszeichen)
- CRP, BSG
- Nierenwerte (Kreatinin, Harnstoff)
- Elektrolyte
- Leberwerte
- Blutglukose
Bildgebung
| Verfahren | Bedeutung |
|---|---|
| Sonographie (Abdomensonographie) | Schnell verfügbare Erstuntersuchung; erkennt freie Flüssigkeit, Wandverdickung, Abszess |
| CT-Abdomen | Goldstandard – beurteilt Ausdehnung, Komplikationen (Abszess, Perforation, Fistel) |
| Koloskopie | Im Akutstadium kontraindiziert wegen Perforationsgefahr; nach 1–2 Wochen im entzündungsfreien Intervall zur Abklärung |
8. Differenzialdiagnose
Folgende Erkrankungen sind bei einem entsprechenden Beschwerdebild abzugrenzen:
| Erkrankung | Wichtiges Unterscheidungsmerkmal |
|---|---|
| Kolorektales Karzinom | Meist schleichende Symptomatik, positiver Okkultbluttest, Gewichtsverlust; immer ausschließen! |
| Morbus Crohn | Schubweiser Verlauf, häufig perianale Fisteln, junges Patientenalter |
| Colitis ulcerosa | Blutig-schleimige Durchfälle, schubweiser Verlauf |
| Ischämische Kolitis | Plötzliche linksseitige Schmerzen, v. a. bei älteren Patienten mit Gefäßrisikofaktoren |
| Akute Pankreatitis | Lipase ↑, gürtelförmige Oberbauchschmerzen |
| Mesenterialinfarkt | „Schmerz außer Verhältnis zum Befund", Laktat ↑ |
| Akute Appendizitis | Schmerz im rechten Unterbauch – Cave: Lagevarianten |
| Ovarialpathologien (bei Frauen) | Adnexitis, Ovarialzysten/-torsion, EUG |
9. Therapie
Konservative Therapie
Beim unkomplizierten Schub (keine Perforation, kein Abszess) erfolgt die Behandlung konservativ:
| Maßnahme | Details |
|---|---|
| Nahrungskarenz / Schonkost | Entlastung des Darms; ggf. parenterale Ernährung |
| Antibiotikatherapie | Breitbandantibiotika, z. B. Ciprofloxacin + Metronidazol (ggf. alternativ Ofloxacin) |
| Analgesie | Spasmolytika wie Scopolamin (Buscopan) |
| Volumengabe | Ausgleich von Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten, v. a. bei Fieber und reduzierter Nahrungsaufnahme |
| Stuhlregulation | Bei bestehender Obstipation, ballaststoffreiche Ernährung später |
Operative Therapie
Eine Operation ist angezeigt bei:
- Perforation (freie Perforation mit Peritonitis)
- Großem Abszess, der konservativ nicht beherrschbar ist
- Massiver Blutung, die endoskopisch nicht gestillt werden kann
- Therapierefraktärem Verlauf (Versagen der konservativen Therapie)
- Verdacht auf / nachgewiesenes Karzinom
- Rezidivierenden, schweren Schüben
Operationsverfahren
- Offene Operation (z. B. mediane Laparotomie)
- Laparoskopische Resektion (Sigmaresektion) – heute bevorzugt
Bei der Sigmaresektion wird der divertikeltragende Sigmaabschnitt entfernt. Wenn kein entzündlicher Konglomerattumor vorliegt, kann eine primäre Anastomose (Wiederverbindung) hergestellt werden.
10. Hartmann-Operation
Operationsschritte
- Sigmaresektion – Resektion des erkrankten divertikeltragenden Sigmaabschnitts.
- Verschluss des Rektumstumpfes (Blindverschluss) – der verbleibende Rektumabschnitt wird mit einer Naht bzw. mit einem Stapler (Klammernaht) blind verschlossen.
- Anlage eines endständigen Deszendostomas (Kolonstoma) – der proximale Darm (Colon descendens) wird als künstlicher Darmausgang in die Bauchdecke eingenäht.
11. Stoma & Rückverlagerung
Was ist ein Stoma?
Ein Anus praeter (Stoma) ist ein künstlicher Darmausgang, bei dem ein Darmabschnitt durch die Bauchdecke nach außen geleitet wird.
Stomaarten (Auswahl)
| Bezeichnung | Lokalisation |
|---|---|
| Kolostoma | Künstlicher Ausgang aus dem Dickdarm |
| Ileostoma | Künstlicher Ausgang aus dem Dünndarm |
| Deszendostoma | Endständiges Kolostoma im Bereich des Colon descendens (bei der Hartmann-OP angelegt) |
| Transversostoma | Im Bereich des Colon transversum (z. B. als protektives Stoma) |
Rückverlagerung
Das bei der Hartmann-OP angelegte Stoma ist in der Regel ein temporäres Stoma. Die Rückverlagerung erfolgt in einer zweiten Operation:
- Zeitpunkt: frühestens nach ca. 3 Monaten, meist nach 3–6 Monaten, je nach klinischem Verlauf.
- Operationsprinzip: Stomarückverlagerung (= Wiederherstellung der Darmpassage, End-zu-End-Anastomose).
- Ziel: Wiederherstellung der Kontinuität des Darms.
12. Komplikationen
Folgende Komplikationen können bei einer Sigmadivertikulitis auftreten:
| Komplikation | Klinische Bedeutung |
|---|---|
| Blutung | Massive peranale Blutung möglich |
| Perforation | Freie Perforation → Peritonitis, dringliche Operationsindikation |
| Abszess | Peridivertikulitischer / perikolischer Abszess; ggf. CT-gesteuerte Drainage oder operative Ausräumung |
| Fistel | z. B. kolovesikale Fistel (Blase), kolovaginale Fistel, koloenterale Fistel |
| Stenose / Striktur | Nach rezidivierenden Entzündungen narbige Einengung → Passagestörung, evtl. Ileus |
| Ileus | Mechanisch, durch Stenose oder Briden |
13. Prophylaxe & Prävention
Zur Vorbeugung einer Divertikulitis bzw. zur Vermeidung von Rezidiven ist eine ballaststoffreiche Ernährung der wichtigste Baustein.
Allgemeine Maßnahmen
- Ballaststoffreiche Ernährung (Vollkornprodukte, Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte)
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr (mindestens 1,5–2 Liter pro Tag)
- Regelmäßige körperliche Bewegung
- Stuhlregulation (keine Obstipation!)
- Stuhlfrequenz regelmäßig (keine lange Verweildauer des Stuhls im Kolon)
- Gewichtskontrolle
14. Prüfungs-Kompaktübersicht
- Definition: Divertikulitis = Entzündung von Divertikeln; klinisch i. d. R. Sigmadivertikulitis.
- Pseudodivertikel = nur Mukosa & Submukosa sind ausgestülpt (kein Muskelwandanteil) → typisch im Kolon.
- Echtes Divertikel = alle Wandschichten beteiligt (z. B. Meckel-Divertikel).
- Darmwand-Schichten: Tunica mucosa → Tela submucosa → Tunica muscularis → Tunica adventitia (mit Tela subserosa & Tunica serosa).
- Lokalisation Sigma: Hoher intraluminaler Druck + Gefäßdurchtrittspunkte = Hochdruckzone.
- Risikofaktoren: Alter, ballaststoffarme Ernährung, Obstipation, Bewegungsmangel, Übergewicht, Kortikosteroide.
- Klinik: Schmerz linker Unterbauch ("Linksappendizitis"), Fieber, Stuhlunregelmäßigkeiten.
- Treitz-Band trennt obere von unterer GI-Blutung; oben = Meläna, unten = Hämatochezie.
- Diagnostik: Labor + Sonographie + CT (Goldstandard); keine Koloskopie im Akutstadium (Perforationsgefahr); Koloskopie nach 1–2 Wochen zum Karzinomausschluss.
- Konservative Therapie: Nahrungskarenz + Antibiotika (z. B. Ciprofloxacin + Metronidazol) + Spasmolytika (Buscopan) + Volumengabe.
- OP-Indikationen: Perforation, massiver Abszess, massive Blutung, Therapieversagen, Karzinomverdacht.
- Hartmann-Operation bei komplizierter Sigmadivertikulitis: Sigmaresektion + Rektumstumpfverschluss + Deszendostoma; Rückverlagerung nach ca. 3 Monaten (End-zu-End-Anastomose).
- Koloskopie nicht im Akutstadium → Perforationsgefahr!
- Differenzialdiagnose kolorektales Karzinom immer ausschließen.
- Bei jeder GI-Blutung zuerst an Karzinom denken, nicht an Hämorrhoiden.
- Treitz-Band = Ligamentum suspensorium duodeni (anatomische Trennlinie).
- Hartmann = zweizeitig, nicht primäre Anastomose bei Perforation.
- Rückverlagerung des Stomas frühestens nach ca. 3 Monaten.