Persönliches Lernmaterial: Diese Zusammenfassung dient der Prüfungsvorbereitung und ersetzt weder offizielle Vorgaben noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Schädel-Hirn-Trauma & Polytrauma

Strukturierte Zusammenfassung der Vorlesungstranskripte — korrigierte Fassung.

1. Schädel-Hirn-Trauma (SHT) — Definition & Grundlagen

1.1 Definition

  • Ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) ist eine Gewalteinwirkung auf den Kopf und das Gehirn mit mindestens kurzzeitiger neurologischer Symptomatik, mit oder ohne Hirnverletzung.
  • Liegt keine neurologische Symptomatik vor, spricht man von einem Schädeltrauma (Schädelprellung) — diese Unterscheidung ist prüfungsrelevant.

1.2 Glasgow Coma Scale (GCS)

  • Die Glasgow Coma Scale (GCS) ist das zentrale Instrument zur Einschätzung des Bewusstseinszustands.
  • Wertebereich: 3 bis 15 Punkte; ein normaler / voller GCS beträgt 15 Punkte.
  • Bestandteile: Augenöffnung, verbale Kommunikation, motorische Reaktion.
  • Es existiert eine separate GCS für Kinder — ab dem 3.–4. Lebensjahr wird in der Regel die Erwachsenenversion angewendet, da die Kinder ausreichend kooperieren können.
  • Prüfungsfrage: „Welche Kategorien der GCS kennen Sie?" — Antwort: Augenöffnung, verbale Kommunikation, motorische Reaktion.
  • Prüfungsfrage: „Ab wann ist ein Patient intubationspflichtig?" — Antwort: GCS < 9.
  • GCS = 15 + keine neurologische Symptomatik: keine Bildgebung erforderlich, ambulante Überwachung durch Angehörige (1–3 Tage); außer der Patient nimmt Antikoagulanzien / Thrombozytenaggregationshemmer (z. B. Marcumar, ASS, Clopidogrel) — dann ist eine Bildgebung zwingend.
  • GCS < 15: immer Bildgebung (cCT) und stationäre Aufnahme.
  • GCS < 9: Intubationsindikation — Atemwegssicherung erforderlich.

2. Intrakranielle Blutungen

Bei der Bildgebung (cCT) unterscheidet man vier wesentliche traumatische intrakranielle Blutungen, die unbedingt bekannt sein müssen:

Blutung Lokalisation Charakteristika / Morphologie im CT Quelle
Epiduralhämatom (EDH) Zwischen Schädelknochen und Dura mater (epidural / extradural) Bikonvexe / linsenförmige (bikonvex) Hyperdensität; scharf begrenzt; überschreitet nicht die Suturen Meist Arteria meningea media (arteriell)
Subduralhämatom (SDH) Zwischen Dura mater und Arachnoidea Sichelförmige / konkave (crescent) Hyperdensität; unscharf begrenzt; überschreitet Suturen Brückenvenen (venös); teils kortikale Arterien
Subarachnoidalblutung (SAB) Zwischen Arachnoidea und Pia mater (im Liquorraum) Hyperdensität entlang der Sulci und basalen Zisternen; sternförmig in den Hirnfurchen Meist Risse in oberflächlichen kortikalen Gefäßen
Kontusionsblutung (Hirnprellung) Innerhalb des Hirnparenchyms (Coup / Contrecoup) Fleckige, oft polymorphe Hyperdensität, ggf. mit perifokalem Ödem Kortikale Gefäße / Parenchym

2.1 Circulus Willisi

  • Der Circulus Willisi (Circulus arteriosus cerebri) ist die arterielle Gefäßbrücke an der Gehirnbasis, die das Gehirn mit Blut versorgt.
  • Benannt nach dem englischen Arzt Thomas Willis.
  • Wesentliche Bestandteile: A. basilaris, A. carotis interna, paarige Aa. cerebri (anterior, media, posterior) und verbindende Aa. communicantes.
  • Prüfungsrelevant: Lokalisation, Aufbau und klinische Bedeutung müssen bekannt sein.
  • Prüfungsfrage: „Welche vier traumatischen intrakraniellen Blutungen kennen Sie?" — Antwort: Epiduralhämatom, Subduralhämatom, Subarachnoidalblutung, Kontusionsblutung.
  • Prüfungsfrage: „Wie unterscheidet sich das Epiduralhämatom vom Subduralhämatom?" — Antwort: EDH = bikonvex / linsenförmig, scharf begrenzt, arteriell (A. meningea media); SDH = sichelförmig / konkav, unscharf begrenzt, venös (Brückenvenen).
  • Prüfungsfrage: „Was ist der Circulus Willisi?" — Antwort: Der arterielle Gefäßring an der Hirnbasis, benannt nach Thomas Willis, bestehend aus A. basilaris, A. carotis interna und verbindenden Arterien.

3. Polytrauma — Definition & Epidemiologie

3.1 Definition

  • Ein Polytrauma ist die gleichzeitige Verletzung mehrerer Körperregionen oder Organsysteme, wobei mindestens eine Verletzung als lebensbedrohlich einzustufen ist.
  • Polytraumata treten meist bei Verkehrsunfällen (PKW, Motorrad), Stürzen aus großer Höhe (z. B. > 3 m) und ähnlichen Hochenergietraumen auf.

3.2 Typische Unfallmechanismen (Hochenergietrauma)

  • Verkehrsunfall: hohe Geschwindigkeit, Ejection (Herausschleudern aus dem Fahrzeug), Deformierung des Innenraums.
  • Motorradunfall: Sturz mit hoher Geschwindigkeit.
  • Sturz aus großer Höhe: z. B. > 3 m — relevantes Sturzhöhe.
  • Überrolltrauma, Verschüttung, Explosion.
  • Bei jedem Polytraumaverdacht: sofortige Immobilisation der Halswirbelsäule (HWS) und Wirbelsäule — bis zum sicheren Ausschluss einer Wirbelsäulenverletzung.
  • Indikationen zur Schockraumanmeldung / HWS-Immobilisation sind deshalb bereits am Unfallort zu stellen.

4. Schockraum-Management & interdisziplinäres Team

4.1 Schockraum-Team

Bei der Versorgung eines Polytraumas ist ein interdisziplinäres Schockraum-Team erforderlich. Beteiligte Fachdisziplinen:

  • Anästhesiologie (Teamleitung)
  • Unfallchirurgie
  • Neurochirurgie
  • Radiologie
  • Pflege

Wichtig: Die Leitung des Schockraums liegt beim Anästhesisten — er gibt die Anweisungen und koordiniert das Team.

4.2 ATLS-Protokoll & Definierte Abläufe

  • Die Versorgung folgt einem definierten Protokoll, das mit dem Patienten mitläuft (Dokumentation).
  • Grundlage ist das ABCDE-Schema nach ATLS® / ETC.
BuchstabeBedeutungMaßnahme
AAirwayAtemweg sichern, HWS-Immobilisation
BBreathingBeatmung / Oxygenierung prüfen
CCirculationKreislauf, Blutungskontrolle
DDisabilityNeurologischer Status (GCS, Pupillen)
EExposureEntkleiden, Untersuchung auf weitere Verletzungen

5. Primary Survey & Secondary Survey

5.1 Primary Survey (nach ABCDE)

Im Primary Survey wird nach FAST (Focused Assessment with Sonography for Trauma) und der Suche nach lebensbedrohlichen Verletzungen vorgegangen:

  • FAST-Sonographie: Schnelle Sonographie auf freie Flüssigkeit (Abdomen, Perikard, Pleura).
  • Spiral-CT (MSCT, Mehrschicht-Spiral-CT): Ganzkörper-CT (Thorax, Abdomen, Becken, Extremitäten) zur Detektion von Frakturen, Blutungen, Rupturen.
  • Suche nach den 6 lebensbedrohlichen Verletzungen, die im Primary Survey erkannt/behandelt werden müssen.

5.2 Die "Big 6" — Sechs lebensbedrohliche Verletzungen

  1. Akute Blutung / Massivblutung (z. B. Amputationsverletzung, massive äußere Blutung)
  2. Pneumothorax (inkl. Spannungspneumothorax)
  3. Hämatothorax
  4. Herzbeuteltamponade (Perikardtamponade)
  5. Instabiler Thorax (Flail Chest)
  6. Beckenfraktur (mit hohem Blutverlust)

5.3 Beurteilung von Ergüssen (Pleurapunktion)

Bei Pleuraerguss muss man Transsudat vs. Exsudat unterscheiden können (Light-Kriterien):

  • Transsudat: klar, bernsteinfarben, eiweißarm, kein Fibrin, niedrige LDH.
  • Exsudat: trüb, blutig (hämorrhagisch), eiweißreich, Fibrinflocken, hohe LDH, Entzündungszeichen.
  • Mechanismus eines Exsudats: erhöhte Permeabilität der Kapillaren (z. B. bei Entzündung, Tumor, Infektion).

5.4 Secondary Survey

Im Secondary Survey erfolgt die systematische Kopf-bis-Fuß-Untersuchung zur Erkennung weiterer, zunächst nicht lebensbedrohlicher Verletzungen.

  • Prüfungsfrage: „Was ist der Primary Survey?" — Antwort: Schnelle Beurteilung und Behandlung der lebensbedrohlichen Verletzungen nach dem ABCDE-Schema, FAST, Ganzkörper-CT.
  • Prüfungsfrage: „Nennen Sie die 6 lebensbedrohlichen Verletzungen." — Antwort: Massivblutung, Pneumothorax, Hämatothorax, Herzbeuteltamponade, instabiler Thorax, instabile Beckenfraktur.
  • Prüfungsfrage: „Wer leitet den Schockraum?" — Antwort: Der Anästhesist.

6. FAST-Sonographie & Schockzeichen

  • Morison-Pouch (rechter oberer Quadrant zwischen Leber und Niere): sensitivster Bereich für freie Flüssigkeit.
  • Perihepatischer Raum: zwei Schallfenster.
  • Perisplenischer Raum: zwei Schallfenster (Milz, linke Niere).
  • Douglas-Raum (Douglas-Pouch, tiefster Punkt des Peritoneums): bei Beckenfrakturen und freier Flüssigkeit.

7. Triage & Katastrophenmedizin

7.1 Triage-Systeme

In der Katastrophenmedizin werden Patienten nach Dringlichkeit kategorisiert:

Farbe / KategorieBedeutungBeispiel
Rot (S1)Sofortige BehandlungSchwerstverletzte, lebensrettende Maßnahmen
Gelb (S2)Dringende BehandlungSchwer verletzt, aber stabil
Grün (S3)Verzögerte Behandlung möglichLeicht verletzt
Blau (S4)Erwartende / Palliative VersorgungSchwerstverletzt ohne Überlebenschance
SchwarzTot / keine Reanimation

Beispiele für Triage-Systeme: Manchester Triage System (MTS), Sichtung in Großschadenslagen.

  • Prüfungsfrage: „Wer führt die Triage durch?" — Antwort: Der Notarzt / Rettungsdienst (Triage-Team, erfahrener Notfallmediziner).
  • Prüfungsfrage: „Welche Triage-Systeme kennen Sie?" — Antwort: u. a. Manchester Triage System, Sichtungskategorien nach Farbe.

8. Patienten-Transport & Stabilisierung

8.1 Lagerung und Immobilisation

  • Beckengurt anlegen bei V. a. Beckenfraktur — verhindert weitere Blutung.
  • Vakuummatratze zur Immobilisation.
  • HWS-Stützkragen (Stiffneck) zur Immobilisation der Halswirbelsäule.
  • Beckengurt + Vakuummatratze + Stiffneck sind die Standardmaßnahmen zum schonenden Patiententransport.

8.2 Notfallmaßnahmen am Unfallort

  • Wenn ein Patient nicht atmen kann → Ursache klären (Fremdkörper? Spannungspneumothorax?).
  • Bei Spannungspneumothorax → sofortige Notfallthorakostomie / Dekompression (Nadel oder Minithorakotomie).
  • Monaldi-Position (2.–3. ICR, Medioklavikularlinie) und Bülau-Position (4.–6. ICR, Axillarlinie) für Thoraxdrainagen kennen.

9. Intubationsindikationen (Kenntnisprüfung)

  • GCS < 9 → Atemwegssicherung (Intubation) erforderlich.
  • Schwere Polytraumatisierung mit Schock / Bewusstlosigkeit.
  • Schwere Gesichtsverletzungen mit drohender Atemwegsverlegung.
  • Schwere Hypoxie, schwere Hyperkapnie, Aspiration.
  • Prüfungsfrage: „Wann ist die Intubation indiziert?" — Antwort: GCS < 9, schwere Hypoxie, Polytrauma mit Schock / Bewusstlosigkeit, drohende Atemwegsverlegung.
  • Prüfungsfrage: „Was ist die wichtigste Information beim SHT?" — Antwort: Die Glasgow Coma Scale, da ein GCS < 9 die Intubationsindikation darstellt.

10. Schnellübersicht — Auf einen Blick

ThemaKernaussage
SHT — DefinitionGewalteinwirkung auf Kopf/Hirn mit kurzzeitiger neurologischer Symptomatik
GCS15 = normal; < 15 = Bildgebung; < 9 = Intubation
EDHbikonvex, scharf begrenzt, A. meningea media
SDHsichelförmig, unscharf begrenzt, Brückenvenen
SABHyperdensität in Sulci / basalen Zisternen
Kontusionsblutungpolymorph, im Parenchym
Circulus Willisiarterieller Gefäßring an der Hirnbasis (A. basilaris, A. carotis interna)
PolytraumaMehrere Verletzungen, ≥ 1 lebensbedrohlich
SchockraumleitungAnästhesist
ABCDE-SchemaAirway, Breathing, Circulation, Disability, Exposure
Big 6Blutung, Pneumothorax, Hämatothorax, Tamponade, Flail Chest, Beckenfraktur
FASTSonographie: Morison-Pouch, perihepatisch, perisplenisch, Douglas-Raum
PatiententransportBeckengurt, Vakuummatratze, Stiffneck
TriageRot, Gelb, Grün, Blau, Schwarz

Hinweis für die Kenntnisprüfung: Besonderes Augenmerk auf GCS-Schwellenwerte, die radiologische Unterscheidung der intrakraniellen Blutungen, den Circulus Willisi, das ABCDE-Schema, die Big 6 sowie die korrekte Leitung des Schockraums.