Milzruptur
Strukturierte Vorlesungszusammenfassung – Klinische Herangehensweise, Diagnostik und Therapie
Inhaltsverzeichnis
- 1. Definition und klinisches Bild
- 2. Ätiologie und Unfallmechanismen
- 3. Pathophysiologie der zweizeitigen Milzruptur
- 4. Diagnostisches Vorgehen
- 5. Sonographie – Befunde und Schweregrade
- 6. Begleitverletzungen beim stumpfen Bauchtrauma
- 7. Therapie – konservativ vs. operativ
- 8. OPSI-Syndrom und Impfungen nach Splenektomie
- 9. Klinische Fallbeispiele
- 10. Prüfungsrelevante Kernaussagen
1. Definition und klinisches Bild
Die Milzruptur ist eine Verletzung der Milz, die typischerweise durch ein stumpfes Bauchtrauma verursacht wird. Besonders häufig betroffen sind Kinder und Jugendliche, da ihre Milz im Vergleich zu Erwachsenen relativ groß und weniger geschützt ist.
Klassische Vorstellung in der Kenntnisprüfung
Ein Kind kommt nach einem Bagatelltrauma (z. B. Sturz vom Fahrrad, Aufprall auf den Bauch, leichter Autounfall) in die Notaufnahme. Die Eltern berichten, dem Kind gehe es gut, es habe keine Beschwerden. Die klinische Frage lautet: „Was tun – ambulant nach Hause schicken oder stationär aufnehmen?"
2. Ätiologie und Unfallmechanismen
Traumatische Ursachen
- Stumpfes Bauchtrauma – häufigste Ursache
- Sturz aus großer Höhe
- Verkehrsunfälle
- Sportunfälle (z. B. Fahrrad, direkter Aufprall auf den Bauch)
- Direkter Schlag gegen den linken Oberbauch
Spontane / nicht-traumatische Ursachen
- Infektiöse Mononukleose (Pfeiffer-Drüsenfieber) – führt zu einer Splenomegalie, die das Risiko einer spontanen Milzruptur erhöht
- Antikoagulation – erhöhte Blutungsneigung
- Selten: Tumore der Milz, hämatologische Erkrankungen
Antwort: Infektiöse Mononukleose (mit Splenomegalie) – daher Sportverbot für mehrere Wochen nach Diagnose!
3. Pathophysiologie der zweizeitigen Milzruptur
Definition
Bei einer zweizeitigen Milzruptur (latent period of Dénik) entwickelt sich zunächst ein subkapsuläres Hämatom, das den Patienten zunächst beschwerdefrei erscheinen lässt. Erst nach einem freien Intervall – von mehreren Stunden bis zu über zwei Wochen – rupturiert die Kapsel und es kommt zu einer lebensbedrohlichen intraabdominellen Blutung.
Mechanismus
- Trauma → Verletzung des Milzparenchyms
- Blutung unter die intakte Kapsel → subkapsuläres Hämatom
- Symptomfreies Intervall (Stunden bis Tage, selten Wochen)
- Kapselruptur → schwallartige intraabdominelle Blutung
- Lebensgefahr durch hämorrhagischen Schock
4. Diagnostisches Vorgehen
Schritt 1: Anamnese
Bei jedem stumpfen Bauchtrauma muss aktiv nach einer Milzverletzung gefragt werden:
- Wie ist der Unfallmechanismus?
- Wo wurde das Kind getroffen (linker Oberbauch)?
- Gibt es Schmerzen?
- Mononukleose in der Vorgeschichte?
- Antikoagulation?
Schritt 2: Klinische Untersuchung
- Inspektion: Hämatome, Prellmarken
- Palpation: Abwehrspannung, Druckschmerz linker Oberbauch
- Auskultation: Darmgeräusche
- Keilson-Zeichen (linksseitige Schulterschmerzen durch Phrenikusreiz)
Schritt 3: Hämodynamische Beurteilung
Die gesamte Therapieentscheidung (konservativ vs. operativ) hängt davon ab!
Schritt 4: Bildgebung
5. Sonographie – Befunde und Schweregrade
Standard-Schnittebenen zur Suche nach freier Flüssigkeit
| Schnittebene | Lokalisation | Bedeutung |
|---|---|---|
| Koller-Pouch | Perisplenischer Raum (um die Milz) | Freie Flüssigkeit um die Milz → Milzverletzung wahrscheinlich |
| Morison-Pouch | Rezessus zwischen Leber und rechter Niere (hepatorenaler Raum) | Freie Flüssigkeit → intraabdominelle Blutung |
| Douglas-Raum | Kleinster Beckenraum | Freie Flüssigkeit sammelt sich hier bei liegendem Patienten |
| Perihepatischer Raum | Um die Leber | Freie Flüssigkeit |
Sonographische Befunde bei Milzverletzung
- Freie Flüssigkeit im Koller-Pouch (perisplenisch)
- Freie Flüssigkeit im Morison-Pouch
- Veränderungen des Milzparenchyms (Echogenitätsveränderungen)
- Subkapsuläres Hämatom → echoarme Raumforderung unter der Milzkapsel
- Vergrößerte Milz (Splenomegalie)
6. Begleitverletzungen beim stumpfen Bauchtrauma
Bei einem stumpfen Bauchtrauma können verschiedene Organe verletzt werden. Die Kenntnis dieser Organe ist prüfungsrelevant!
Mögliche betroffene Organe
- Milz – sehr häufig betroffen, da nur wenig durch den knöchernen Thorax geschützt
- Leber
- Pankreas – besonders bei Lenkrad-/Fahrradlenker-Anpralltrauma
- Nieren
- Darm (Mesenterialverletzungen, Hohlorganperforation)
- Zwerchfellruptur
- Thoraxverletzungen: Pneumothorax, Hämatothorax, Rippenfrakturen
- Verletzungen der Bauchwand (Hämatome, Prellungen)
Antwort: Milz, Leber, Pankreas, Nieren, Darm, Zwerchfell, Thoraxorgane – sowie die Bauchwand selbst.
7. Therapie – konservativ vs. operativ
Grundprinzip
Therapie-Algorithmus
✓ Indikation für konservatives Vorgehen
- Patient ist hämodynamisch stabil
- Keine oder nur geringe freie Flüssigkeit
- Niedriger Schweregrad der Verletzung
- Keine zwingende OP-Indikation
- Engmaschige Überwachung möglich
✗ Indikation für Splenektomie
- Hämodynamische Instabilität
- Massive intraabdominelle Blutung
- Polytrauma
- Höhergradige Milzruptur (Grad IV/V)
- Versagen der konservativen Therapie
Stadieneinteilung der Milzverletzung (analog AAST-Klassifikation)
| Grad | Befund | Therapie |
|---|---|---|
| I | Subkapsuläres Hämatom <10%, kleine Kapselrisse | Konservativ |
| II | Subkapsuläres/intraparenchymatöses Hämatom 10–50%, Kapselriss 1–3 cm | Konservativ |
| III | Subkapsuläres Hämatom >50% oder expandierend, Parenchymriss >3 cm | Konservativ möglich, engmaschige Kontrolle |
| IV | Zertrümmerung oder Hilusverletzung mit devaskularisiertem Gewebe | Meist operativ (Splenektomie) |
| V | Komplette Zertrümmerung oder Hilusabriss | Splenektomie zwingend |
Maßnahmen bei der Aufnahme
- Stationäre Aufnahme – mindestens 24 Stunden Überwachung
- Sonographie zur Verlaufsbeurteilung
- Hämodynamisches Monitoring (Blutdruck, Puls, Hämoglobin)
- Blutentnahme mit Kreuzblut (Kreuzprobe bereitstellen)
- Zugang legen, ggf. Volumengabe / Transfusion
- Nahrungskarenz (NPO)
- Aufklärung der Eltern über Alarmzeichen
Vorgehen bei Splenektomie
- Kreuzblut und Bereitstellung von Erythrozytenkonzentraten
- Transfusion bei Bedarf
- Operative Splenektomie bei nicht kontrollierbarer Blutung
- Intraoperativ: Inspektion auf weitere Begleitverletzungen
- Postoperativ: lebenslange Impfungen erforderlich!
8. OPSI-Syndrom und Impfungen nach Splenektomie
OPSI-Syndrom
OPSI = Overwhelming Post-Splenectomy-Infection
Kapseltragende Bakterien (Merke: „SHiN" oder ähnliche Eselsbrücke)
- Streptococcus pneumoniae (Pneumokokken)
- Haemophilus influenzae Typ b (Hib)
- Neisseria meningitidis (Meningokokken)
- (teils auch: Salmonella, weitere Streptokokken)
Impfungen nach Splenektomie
Bei elektiver Splenektomie sollten die Impfungen idealerweise 2 Wochen vor der Operation erfolgen. Bei Notfall-Splenektomie wird 2 Wochen postoperativ geimpft.
- Pneumokokken (z. B. Prevenar 13 + Pneumovax 23)
- Haemophilus influenzae Typ b (Hib)
- Meningokokken (ACWY + B)
- Jährliche Influenza-Impfung (zusätzlich, da Influenzakomplikationen das OPSI-Risiko erhöhen)
9. Klinische Fallbeispiele
Fall 1 – Klassische Prüfungssituation: Kind nach Bagatelltrauma
Vorgehen:
- Aufnahme des Patienten – nicht nach Hause schicken!
- Sonographie – Suche nach freier Flüssigkeit in Koller- und Morison-Pouch
- Bei unauffälligem Befund: 24-Stunden-Überwachung
- Bei zweizeitiger Ruptur → freies Intervall → späte Blutung → erneute Sonographie/Kontrolle
- Erst dann Entlassung mit Aufklärung der Mutter möglich
Fall 2 – Autounfall mit Hämodynamischer Instabilität
Vorgehen:
- Sofortige hämodynamische Stabilisierung
- Volumengabe, ggf. Massivtransfusion
- Kreuzblut bereitstellen
- Sonographie / FAST-Untersuchung am Krankenbett
- Bei massiver Blutung: Splenektomie
- Postoperativ: Impfungen gegen SHiN-Bakterien einleiten
Fall 3 – Infektiöse Mononukleose
Diagnose: Spontane Milzruptur bei Splenomegalie durch EBV-Infektion.
Konsequenz: Bei Mononukleose Sportverbot für mehrere Wochen, um eine Ruptur zu verhindern!
10. Prüfungsrelevante Kernaussagen
- Zweizeitige Milzruptur – auch noch nach Tagen/Wochen möglich, deshalb stationäre Aufnahme obligat.
- Sonographie ist das diagnostische Mittel der Wahl – Koller-Pouch und Morison-Pouch sind die wichtigsten Schnittebenen.
- Hämodynamische Stabilität entscheidet über konservativ vs. operativ.
- Konservativ-organerhaltend ist der bevorzugte Ansatz – nicht reflexartig splenektomieren!
- OPSI-Syndrom ist die lebenslange Gefahr nach Splenektomie.
- Impfungen gegen SHiN (Pneumokokken, Haemophilus, Meningokokken) + Influenza nach Splenektomie.
- Mononukleose ist eine häufige spontane Ursache – Sportverbot!
- Stumpfes Bauchtrauma kann Milz, Leber, Pankreas, Nieren, Darm, Zwerchfell und Thoraxorgane betreffen.
- Schweregradeinteilung (Grad I–V) bestimmt die Therapie.
- Elternaufklärung bei Entlassung: Bei jeder Verschlechterung sofort Klinik!
Zusammenfassung in einer Tabelle
| Thema | Kernaussage |
|---|---|
| Zweizeitige Milzruptur | Symptomfreies Intervall, Kapselruptur mit Verzögerung, lebensgefährlich |
| Stationäre Aufnahme | Mindestens 24 h, auch bei Beschwerdefreiheit nach Trauma |
| Diagnostik | Sonographie (FAST), Koller-Pouch, Morison-Pouch |
| Therapieprinzip | Organerhaltung anstreben, wenn stabil |
| Entscheidungskriterium | Hämodynamische Stabilität |
| OPSI-Syndrom | Lebenslange Infektionsanfälligkeit für kapseltragende Bakterien |
| Impfungen | Pneumokokken, Hib, Meningokokken, Influenza |
| Mononukleose | Häufigste spontane Ursache, Sportverbot |
Schnell-Checkliste für die Prüfung
- Was ist die zweizeitige Milzruptur und warum ist sie gefährlich?
- Welche Schnittebenen in der Sonographie sind bei Bauchtrauma zu untersuchen?
- Welches ist die wichtigste Therapieentscheidung – konservativ oder operativ?
- Welche Bakterien verursachen das OPSI-Syndrom?
- Welche Impfungen braucht ein splenektomierter Patient?
- Welche Organe können beim stumpfen Bauchtrauma verletzt werden?
- Warum muss ein Kind nach einem scheinbar harmlosen Sturz aufgenommen werden?
- Was ist die häufigste nicht-traumatische Ursache einer Milzruptur?