Persönliches Lernmaterial: Diese Zusammenfassung dient der Prüfungsvorbereitung und ersetzt weder offizielle Vorgaben noch eine individuelle ärztliche Beratung.

Ileus (Darmverschluss)

Klinische Übersicht über das Krankheitsbild des Ileus mit besonderem Fokus auf die Anforderungen der medizinischen Fachprüfung (Kenntnisprüfung / OSCE / M-Kenntnis). Der Text behandelt die Klassifikation, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des mechanischen und funktionellen Ileus sowie spezifische Unterschiede zwischen Dünndarm- und Dickdarmileus.

1. Definition des Ileus

Der Ileus (Darmverschluss) bezeichnet eine Unterbrechung der normalen Darmpassage. Es handelt sich um einen lebensbedrohlichen Notfall, der unbehandelt zu Sepsis und Multiorganversagen führen kann.
Definition zur Prüfung: Ein Ileus liegt vor, wenn die physiologische Darmpassage ganz oder teilweise unterbrochen ist – entweder mechanisch (durch eine physische Obstruktion) oder funktionell (durch eine Darmlähmung). Der Begriff leitet sich vom griechischen „eileos" ab und bedeutet so viel wie „Rollung" oder „Windung".

2. Einteilung: Mechanischer vs. Funktioneller Ileus

Kriterium Mechanischer Ileus (Obstruktionsileus) Funktioneller Ileus (Paralytischer Ileus)
Prinzip Mechanische Obstruktion (Verlegung des Lumens) Lähmung der Darmmotorik (fehlende Peristaltik)
Subtypen Strangulationsileus, Inkarzerationsileus, Obturationsileus Paralytischer (Reflektorisch) vs. Spastischer Ileus
Typische Ursachen Briden (Adhäsionen), Hernien, Tumoren, Invagination, Volvulus Postoperativ, Peritonitis, Elektrolytstörungen (Hypokaliämie), Pankreatitis, retroperitoneale Blutungen, Medikamente (Opioide)
Darmgeräusche Hyperaktiv, metallisch klingend („Klingeln") Stummes Abdomen oder extrem vermindert
Schmerzcharakter Kolikartig, wellenförmig Diffuser, dumpfer Schmerz
Therapie Oft chirurgisch (Beseitigung der Obstruktion) Konservativ (Behandlung der Ursache, gastrointestinale Dekompression)

2.1 Mechanischer Ileus – Subtypen

  • Strangulationsileus: Abschnürung der mesenterialen Gefäße → Ischämie → Nekrose. Lebensgefährlich!
  • Inkarzerationsileus: Einklemmung z. B. in eine Hernie (Leistenhernie, Schenkelhernie, Nabelhernie)
  • Obturationsileus: Verlegung des Lumens von innen (Tumor, Gallensteinileus, Bezoar, Parasiten)
  • Invagination: Teleskopierung eines Darmabschnitts in einen anderen (häufig bei Kindern)
  • Volvulus: Achsendrehung des Darms um seine mesenteriale Achse

2.2 Funktioneller Ileus – Subtypen

Paralytischer (reflektorischer) Ileus:

  • Reflektorisch ausgelöst durch intraabdominelle oder retroperitoneale Prozesse
  • Häufigste Ursache: postoperativ (nach jeder Laparotomie, besonders nach Eingriffen am Colon)
  • Weitere Ursachen:
    • Peritonitis (lokalisert oder diffus)
    • Pankreatitis (akut oder chronisch)
    • Retroperitoneale Blutungen, Hämatome
    • Nieren-/Uretersteine
    • Wirbelfrakturen, Rückenmarksverletzungen
    • Elektrolytstörungen: Hypokaliämie, Hypokalzämie, Hypomagnesiämie
    • Medikamente: Opioide, trizyklische Antidepressiva, Anticholinergetika, Phenothiazine
    • Metabolische Ursachen: Diabetische Ketoazidose, Urämie, Hypothyreose
    • Ischämie: Mesenterialinfarkt, Akute Mesenterialarterienembolie/-thrombose
    • Schwere Infektionen, Sepsis

Spastischer Ileus (selten):

  • Anhaltende Kontraktion eines Darmsegments → vorübergehende Obstruktion
  • Ursachen: Bleivergiftung, Porphyrie, Tabes dorsalis, Hysterie
Bridenileus: Der Bridenileus ist eine der häufigsten Ursachen des mechanischen Ileus. Briden sind postoperative Verwachsungsstränge (Adhäsionen), die den Darm abknicken oder einengen können. Häufig bei Patienten mit Voroperationen (besonders Appendektomie, Gynäkologische Eingriffe, Darmoperationen). Merksatz: „Bridenileus = Briden (Adhäsionen) = häufigste Ursache des mechanischen Dünndarmileus."
Unterscheidung mechanisch vs. funktionell in der Prüfung: Bei der Frage „Ein Patient mit vorausgegangener Laparotomie kommt mit geblähtem Abdomen" muss man sofort an Bridenileus (mechanisch) und postoperativen paralytischen Ileus (funktionell) denken. Der Zeitpunkt nach der OP kann helfen: Früher Ileus (< 4 Wochen postoperativ) eher paralytisch; später Ileus (> 4 Wochen) eher Bridenileus.

3. Ätiologie und Ursachen

3.1 Häufigste Ursachen des mechanischen Ileus

Ursache Beschreibung Häufigkeit
Briden / Adhäsionen Postoperative Verwachsungsstränge (häufigste Ursache in Industrieländern) ca. 60–70 %
Hernien Inguinal-, Femoral-, Umbilikal-, Narbenhernien mit Inkarzeration ca. 10–15 %
Tumoren Kolorektales Karzinom, Ovarialkarzinom, Peritonealkarzinose, Metastasen ca. 10–15 %
Gallensteinileus Gallenblasenfistel → Stein im Darm eingeklemmt (meist Ileozökalklappe) ca. 1–4 %
Invagination Häufig bei Kleinkindern (3 Monate – 3 Jahre), „Würstchen"-Tumor palpabel Häufig bei Kindern
Volvulus Sigmavolvulus (ältere Patienten, Obstipation), Zäkumvolvulus, Midgut-Volvulus Selten
Andere Parasiten (Askariden), Bezoar, innere Hernien, Bride eines Meckel-Divertikels Selten

3.2 Ätiologie des funktionellen Ileus

Die zwei Hauptkategorien des funktionellen Ileus:
  1. Paralytischer (reflektorischer) Ileus: Vorübergehende Darmlähmung durch reflektorische Hemmung der Peristaltik infolge eines intraperitonealen oder retroperitonealen Reizes.
  2. Spastischer Ileus: Anhaltender Spasmus der glatten Muskulatur (selten).

3.3 Spezielle Entitäten

Paraneoplastischer Ileus:

Tumoren (v. a. kleinzelliges Bronchialkarzinom, Ovarialkarzinom) können paraneoplastisch eine Darmparalyse auslösen (z. B. durch Peritonealkarzinose oder paraneoplastische Syndrome).

Chronisch rezidivierender funktioneller Ileus:

Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (Morbus Crohn), nach multiplen abdominellen Voroperationen oder bei Peritoneosis.

4. Pathophysiologie: Die gefährliche Kaskade

Pathophysiologische Sequenz beim Ileus:
  1. Obstruktion / Darmlähmung → Darmdistension (Meteorismus)
  2. Flüssigkeits- und Elektrolytverlust nach intraluminal und ins Interstitium
  3. Hypovolämie, Elektrolytstörungen (Hypokaliämie, Hypochlorämie, metabolische Alkalose)
  4. Verminderte intestinale Durchblutung / Ischämie
  5. Erhöhtes intraluminales Bakterienwachstum
  6. Gas- und Toxinbildung (Endotoxine) → systemische Endotoxinämie
  7. Bakterientranslokation: Keime und Endotoxine gelangen durch die geschädigte Darmwand in die Blutbahn
  8. Systemische Entzündungsreaktion → Sepsis / Septischer Schock
  9. Multiorganversagen (Niere, Leber, Lunge, Herz) → Tod
Merke: Der Dünndarmileus ist ein chirurgischer Notfall, da die Gefahr der Ischämie und Nekrose innerhalb weniger Stunden besteht. Beim Dickdarmileus hängt die Dringlichkeit von der Ätiologie ab (z. B. Sigmavolvulus → Notfall, Tumorstenose → elektiv).
Pathophysiologie-Kaskade auswendig lernen! Die klassische Sequenz beim unbehandelten Ileus lautet: Obstruktion → Distension → Flüssigkeitsverlust → Elektrolytstörungen → Ischämie → Bakterientranslokation → Endotoxinämie → Sepsis → Multiorganversagen → Tod. Diese Kaskade muss bei jeder Ileus-Erklärung als连环 geschildert werden können.
Klinisch relevante Folgen der Pathophysiologie:
  • Hypovolämischer Schock: Durch Flüssigkeitsverlust in das Darmlumen und Dritt space
  • Elektrolytstörungen: Hypokaliämie (Herzrhythmusstörungen!), Hypochlorämie, metabolische Alkalose
  • Aspirationspneumonie: Besonders bei Dünndarmileus durch massives Erbrechen (hohe Aspirationsgefahr)
  • Darmnekrose und Perforation: Bei stranguliertem Ileus innerhalb von Stunden
  • Peritonitis: Bei Perforation → foudroyante Sepsis

5. Klinisches Bild

5.1 Leitsymptome

  • Bauchschmerzen: Kolikartig (mechanisch) oder dumpf-diffus (funktionell)
  • Erbrechen: Initial Nahrungsbrei, dann gallehaltig, bei Dünndarmileus schließlich fäkulent (stuhlartig) – durch bakteriellen Zerfall
  • Geblähtes Abdomen (Meteorismus): Sichtbare Schwellung des Abdomens
  • Stuhl- und Windverhalt: Kein Stuhlgang, keine Flatulenz
  • Übelkeit

5.2 Körperliche Untersuchung

Inspektion:

  • Meteorismus: Das Abdomen ist gebläht, Thorax aufgewölbt (Zwerchfellhochstand) – bei Dünndarmileus diffus, bei Dickdarmileus eher peripher betont
  • Operationsnarben (Hinweis auf Voroperationen → Bridenileus)
  • Hernien? (Leisten-, Schenkel-, Nabel-, Narbenhernien)
  • Sichtbare Peristaltik – eher bei Dünndarmileus

Auskultation:

  • Mechanischer Ileus: Hyperaktive, metallisch klingende Darmgeräusche, häufig mit „Klingeln" (hochgestellte, klingende Geräusche über distendierten Darmschlingen)
  • Funktioneller Ileus: Stummes Abdomen oder extrem verminderte Geräusche (sogenannter „Totenstall")
  • Stetoskop an mehreren Stellen des Abdomens aufsetzen und mindestens 2–3 Minuten abhören

Perkussion:

  • Tympanitisch: Über aufgegasten Darmschlingen (Schachtelton)
  • Im Bereich der Flanken: ggf. gedämpfter Klopfschall bei Aszites (bei Perforation/Peritonitis)

Palpation:

  • Vorsichtige Palpation – Schmerzen!, Abwehrspannung?
  • Abwehrspannung (deferred guarding): Warnsignal für Peritonitis / Darmnekrose
  • Pseudotumor: Umschriebene, schmerzhafte Resistenz bei involviertem, ödematös geschwollenem Darmsegment (z. B. bei Invagination)
  • Bruchpforten untersuchen!

Rektale Untersuchung:

  • Leeres Rektum bei hochsitzendem Ileus → Diagnostisch hilfreich
  • Blut? Tumor? (fäkale Blutmischung bei Tumor oder Invagination)
Reihenfolge der klinischen Untersuchung bei Verdacht auf Ileus:
  1. Inspektion: Meteorismus, Narben, Hernien, sichtbare Peristaltik
  2. Auskultation: Darmgeräusche (Klingeln → mechanisch; Stille → funktionell)
  3. Perkussion: Tympanitisch über distendierten Schlingen
  4. Palpation: Schmerz, Abwehrspannung, Resistenzen, Bruchpforten
  5. Rektale Untersuchung: Leeres Rektum, Blut, Tumor?

5.3 Klinische Zeichen des Dünndarmileus vs. Dickdarmileus

Zeichen Dünndarmileus Dickdarmileus
Beginn Plötzlich, akut Oft schleichend, subakut
Schmerzen Stark, periumbilikal, kolikartig Diffuser, im Unterbauch
Erbrechen Früh und massiv, oft fäkulent Spät, zunächst trockene Obstipation
Meteorismus Zentral betont (breites Abdomen) Peripher, besonders im Kolonrahmen
Stuhlgang Wind- und Stuhlverhalt, später kein Stuhl Fortschreitende Obstipation, kein Stuhlgang
Gefahr Ischämie und Nekrose innerhalb von Stunden (Notfall!) Zäkumruptur bei Ventilileus (z. B. Tumor)
Röntgen Zentral gelegene Spiegelbildungen (Dünndarmschlingen) Periphere Spiegelbildungen, Zäkumdistension

6. Diagnostik

6.1 Klinische Diagnostik (Anamnese und körperliche Untersuchung)

  • Anamnese: Voroperationen (Briden!), bekannte Hernien, Tumoren, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Medikamente (Opioide)
  • Medikamentenanamnese: Opioide, Anticholinergetika, trizyklische Antidepressiva, Phenothiazine, Kalziumantagonisten
  • Allgemeinzustand: Vigilanz, Kreislauf (Hypotonie, Tachykardie als Schockzeichen)
  • Fieber: Spricht für ischämische Komplikation oder Perforation

6.2 Bildgebende Diagnostik

Röntgen-Abdomen im Stehen (nüchtern, 5 min warten):

  • Spiegelbildungen (Kloaken): Horizontal verlaufende Flüssigkeits-Luft-Grenzlinien in dilatierten Darmschlingen
  • Dünndarmileus: Zentral gelegene, enggestellte Spiegel, Dünndarmschlingen > 3 cm dilatiert
  • Dickdarmileus: Periphere Spiegelbildungen, Kolon dilatiert > 6 cm (Zäkum > 9 cm → Perforationsgefahr!)
  • Freie Luft? → Perforation!
Röntgen-Diagnostik: Das native Röntgenbild des Abdomens im Stehen ist der erste diagnostische Schritt bei Ileusverdacht. Man sucht nach Spiegelbildungen (Kloaken) – horizontalen Flüssigkeits-Luft-Grenzlinien in dilatierten Darmschlingen. Mindestens 6 Dünndarmspiegel gelten als pathognomonisch für einen Dünndarmileus.

Sonographie (Abdomensonographie):

  • Dilatierte, flüssigkeitsgefüllte Darmschlingen
  • „Pendelperistaltik" bei Obstruktion
  • Freie Flüssigkeit? (Hinweis auf Perforation/Peritonitis)
  • Hernien, Abszesse, Tumor?
  • Vorteil: Nicht invasiv, überall verfügbar, kein Kontrastmittel nötig
  • Nachteil: Gasüberlagerung kann die Beurteilung erschweren

CT-Abdomen mit oralem und iv. Kontrastmittel:

  • Goldstandard bei unklarem Ileus oder zur Planung der Operation
  • Lokalisation und Ursache der Obstruktion
  • Viabilität der Darmschlingen? (Perfusionsstörung bei Ischämie)
  • Freie Luft, freie Flüssigkeit
  • Briden, Hernien, Tumor, Volvulus?

6.3 Laborparameter

Parameter Befund / Interpretation
BB Leukozytose (bei Infektion/Ischämie), Anämie (bei Tumor-Blutung)
Elektrolyte Hypokaliämie, Hypochlorämie, Hyponatriämie – Folge des Flüssigkeitsverlusts
Kreatinin / BUN Erhöht bei prärenaler Azotämie (Hypovolämie)
Metabolische Alkalose Durch Verlust von HCl und Kalium im Erbrochenen
Laktat Erhöht bei Darmischämie – Warnsignal!
CRP / Prokalzitonin Entzündungsmarker – erhöht bei Ischämie, Nekrose, Perforation
Blutgasanalyse Metabolische Alkalose mit Hypokaliämie, bei Schock: Laktatazidose
Laborwert-Kombination bei Ileus: Hypokaliämie + Hypochlorämie + metabolische Alkalose = klassische Trias bei massivem Erbrechen und Ileus. Klinisch bedeutsam: Hypokaliämie kann selbst einen paralytischen Ileus unterhalten (Circulus vitiosus).

7. Dünndarmileus vs. Dickdarmileus: Klinisch wichtige Unterschiede

Klassische Prüfungsfrage: „Ein Patient mit Zustand nach Sigmaresektion vor 3 Jahren stellt sich mit Koliken, Erbrechen und geblähtem Abdomen vor. Was ist wahrscheinlicher – Dünndarmileus oder Dickdarmileus? Warum?" Antwort: Dünndarmileus wahrscheinlicher, da Voroperationen → Briden → meist Dünndarmileus.

7.1 Dünndarmileus

  • Häufigste Ursachen: Bridenileus (60–70 %), Hernien, Tumorrezidiv
  • Klinik: Akuter Beginn, massive Koliken, frühzeitiges und massives Erbrechen, rasche Verschlechterung
  • Röntgen: Zentral gelegene Spiegelbildungen, Dünndarmschlingen > 3 cm
  • Therapie: Chirurgischer Notfall! Rasche Volumensubstitution + zügige OP (innerhalb von 6 Stunden, sonst Ischämiegefahr)
  • Merksatz: „Dünndarmileus = Notfall. Jede Stunde zählt."

7.2 Dickdarmileus

  • Häufigste Ursachen: Kolorektales Karzinom (meist linksseitig), Sigmadivertikulitis, Volvulus (Sigmoid, Zäkum)
  • Klinik: Subakuter Beginn, Obstipation, später Erbrechen, Meteorismus v. a. peripher
  • Röntgen: Kolon dilatiert, Zäkum > 9 cm = Perforationsgefahr!
  • Zäkum-Ruptur: Bei Ventilileus (z. B. Zökaltumor als Ventil) kann das Zäkum rupturieren → freie Luft → Notfall-OP
  • Therapie: Abhängig von der Ursache:
    • Tumorileus → elektive Resektion nach Staging
    • Volvulus → Versuch der retrograden Darmspülung (Kolonendoskopie), sonst OP
    • Divertikulitis → Resektion oder Drainage

7.3 Besonderheiten beim Bridenileus

Bridenileus – alles, was Sie wissen müssen:
  • Briden = postoperative Adhäsionen (fibröse Verwachsungsstränge)
  • Häufigste Ursache des mechanischen Dünndarmileus
  • Typischer Zeitpunkt: Wochen bis Jahre nach Laparotomie
  • Klassische Anamnese: „Voroperation (z. B. Appendektomie) vor X Jahren, jetzt plötzlich Koliken und Erbrechen"
  • Therapie: Operative Lösung der Briden (Laparotomie oder laparoskopisch, wenn möglich)

8. Therapie

8.1 Sofortmaßnahmen (bei Aufnahme)

Volumensubstitution (erste und wichtigste Maßnahme): Unabhängig von der Art des Ileus muss sofort mit Volumentherapie begonnen werden. Der Patient hat massive Flüssigkeitsverluste in das Darmlumen und ins Interstitium.
  • Kristalloide: Ringer-Lösung, Vollelektrolytlösung (isotone Kochsalzlösung vermeiden – hyperchlorämische Azidose)
  • Kolloide: Bei Schockzustand (z. B. Hydroxyethylstärke, Humanalbumin)
  • Elektrolytersatz: Kaliumersatz (bei Hypokaliämie), Magnesiumersatz (bei Hypomagnesiämie)
  • Nasogastrische Sonde (Magensonde): Zur Dekompression des Magen-Darm-Trakts, Verhinderung der Aspirationspneumonie
  • Überwachung: Vitalzeichen (RR, Puls, Diurese), ZVD, Laborwerte (Elektrolyte, Laktat, Kreatinin)

8.2 Konservative Therapie

Angezeigt bei:

  • Früher postoperativer Ileus (reversible Ursache)
  • Funktioneller Ileus ohne Ischämie oder Perforation
  • Als Überbrückungstherapie bei malignem Ileus (palliative Situation)

Maßnahmen:

  • Nulldiät (NPO)
  • Nasogastrische / nasoduodenale Sonde zur Dekompression
  • Intravenöse Volumen- und Elektrolytsubstitution
  • Prokinetika (z. B. Metoclopramid, Erythromycin) – umstrittene Evidenz bei paralytischem Ileus
  • Behandlung der Grunderkrankung (z. B. Elektrolytkorrektur, Peritonitis-Therapie)
  • Regelmäßige klinische und radiologische Verlaufskontrolle

8.3 Chirurgische Therapie

Indikationen:

  • Mechanischer Ileus: Immer, sobald die Obstruktion nicht konservativ behoben werden kann
  • Strangulationsileus: Sofortige Laparotomie (innerhalb von Stunden!) – Ischämiegefahr
  • Inkarzerierte Hernie: Notfall-OP mit Hernioplastie
  • Zäkumdilatation > 9 cm: Hohe Perforationsgefahr → Notfall-OP
  • Perforation / Peritonitis: Notfall-Laparotomie mit Sanierung
  • Persistenz trotz konservativer Therapie: Keine Besserung innerhalb von 24–48 Stunden
Merke zur OP-Indikation beim Dünndarmileus: Der Dünndarmileus gilt als chirurgischer Notfall. Bei Verdacht auf Strangulation (akute starke Schmerzen, Abwehrspannung, Fieber, Leukozytose, Laktaterhöhung) muss innerhalb von 6 Stunden operiert werden, da die Ischämie schnell zur Nekrose fortschreitet.

Chirurgische Verfahren:

  • Bridendurchtrennung: Lösung der Verwachsungsstränge (laparoskopisch oder offen)
  • Hernienverschluss: Hernioplastie mit Kunststoffnetz oder Naht
  • Darmresektion: Bei Nekrose, Tumor, nicht rekonstruierbarer Obstruktion
  • Stomaanlage: Ileostoma oder Kolostoma bei ausgedehnter Nekrose oder Tumorstenose
  • ByPass-Operation: Gastrojejunostomie bei Pankreaskopf-Ca mit Duodenalobstruktion
  • Hartmann-OP: Resektion des stenosierten Sigmasegments mit endständiger Deszendostomie bei Sigmadivertikulitis mit Ileus

8.4 Postoperative Nachsorge

  • Frühe enterale Ernährung (innerhalb von 24 Stunden postoperativ, sobald Peristaltik vorhanden)
  • Volumen- und Elektrolytbalance
  • Thromboembolieprophylaxe (Heparin)
  • Schmerztherapie (keine exzessiven Opioide – verzögern die Darmfunktion)
  • Frühe Mobilisierung
  • Wundkontrolle, Stomapflege

9. Prüfungsrelevante Hinweise und Do's/Don'ts

Klassische Prüfungsfragen zum Ileus:
  1. „Was versteht man unter einem Ileus? Nennen Sie die Einteilung." → Mechanisch vs. Funktionell, Subtypen
  2. „Beschreiben Sie die pathophysiologische Kaskade beim Ileus." → Obstruktion → Distension → Flüssigkeitsverlust → Elektrolytstörungen → Bakterientranslokation → Sepsis → Multiorganversagen
  3. „Was sind die häufigsten Ursachen des mechanischen Ileus?" → Briden, Hernien, Tumoren, Gallensteinileus
  4. „Was ist der Unterschied zwischen Dünndarmileus und Dickdarmileus?" → Klinik, Gefahren, Therapie
  5. „Warum ist der Dünndarmileus ein Notfall?" → Ischämiegefahr, rasche Verschlechterung
  6. „Beschreiben Sie die diagnostischen Maßnahmen beim Ileus." → Klinische Untersuchung, Röntgen, Labor
  7. „Welche Sofortmaßnahmen ergreifen Sie bei Aufnahme eines Ileus-Patienten?" → Volumensubstitution, Magensonde, Kreislaufüberwachung
  8. „Was ist ein Bridenileus?" → Definition, Ätiologie, Klinik, Therapie
  9. „Wann ist eine Operation indiziert?" → Strangulation, Perforation, konservativ nicht behebbar
  10. „Nennen Sie die Laborveränderungen beim Ileus." → Hypokaliämie, Hypochlorämie, metabolische Alkalose
Do's (was Sie tun sollten):
  • Volumensubstitution sofort beginnen – keine Zeit verlieren!
  • Nasogastrische Sonde legen – schützt vor Aspirationspneumonie
  • Röntgen-Abdomen im Stehen anfordern – Spiegelbildungen sind pathognomonisch
  • Laborwerte kontrollieren: Elektrolyte, Laktat, Entzündungsparameter
  • Bei V. a. Strangulation: SOFORT in den OP – jede Stunde zählt
  • Differenzialdiagnose bedenken: Appendizitis, Cholezystitis, Pankreatitis, Nieren-/Gallensteine, gynäkologische Notfälle
  • Immer die Bruchpforten untersuchen!
  • Bei Darmischämie im CT: Erhöhtes Laktat → OP-Indikation
Don'ts (was Sie vermeiden sollten):
  • Keine Zeit verlieren – der Ileus schreitet schnell fort
  • Keine oralen Medikamente oder Nahrung geben – Ileus = NPO
  • Keine Abführmittel geben – verschlimmern die Situation, können bei Strangulation eine Perforation begünstigen
  • Bei abdominaler Abwehrspannung und Fieber nicht abwarten – dies spricht für Peritonitis/Nekrose
  • Keine CT-Verzögerung bei V. a. Strangulation – OP vor CT, wenn Klinik eindeutig
  • Hypokaliämie nicht ignorieren – kann selbst Ileus unterhalten
Wichtige Schwellenwerte für die Prüfung:
  • Zäkum-Durchmesser > 9 cm: Hohe Perforationsgefahr → Notfall-OP
  • Zeitfenster bei Dünndarmileus: OP innerhalb von 6 Stunden bei Strangulation
  • Dünndarmschlingen > 3 cm: Pathologisch dilatiert
  • Laktat > 2 mmol/l: Warnsignal für Ischämie
  • Differenz rektal-axillär > 1°C: Hinweis auf intraabdominelle Infektion/Ischämie
Differenzialdiagnosen des akuten Abdomens mit Ileus-Symptomatik:
  • Akute Appendizitis (perityphlitischer Abszess)
  • Akute Cholezystitis / Gallenkolik
  • Akute Pankreatitis
  • Sigmadivertikulitis mit Abszess
  • Nieren-/Uretersteine (Nierenkolik)
  • Gynäkologischer Notfall: Extrauteringravidität, Ovarialtorsion, Adnexitis, ruptured Ovarialzyste
  • Akuter Mesenterialinfarkt (Arteria mesenterica superior)
  • Perforiertes Ulcus ventriculi/duodeni
  • Diabetische Ketoazidose

10. Abschließende Zusammenfassung

Die 10 wichtigsten Aussagen zum Ileus:
  1. Der Ileus ist eine lebensbedrohliche Erkrankung, die unbehandelt zu Sepsis und Multiorganversagen führt.
  2. Man unterscheidet den mechanischen Ileus (Obstruktion) vom funktionellen Ileus (Darmlähmung).
  3. Die häufigste Ursache des mechanischen Dünndarmileus sind Briden (postoperative Verwachsungen).
  4. Die pathophysiologische Kaskade lautet: Obstruktion → Distension → Flüssigkeitsverlust → Elektrolytstörungen → Bakterientranslokation → Sepsis.
  5. Der Dünndarmileus ist ein chirurgischer Notfall (Ischämiegefahr innerhalb von Stunden).
  6. Die klinische Untersuchung (Inspektion, Auskultation, Perkussion, Palpation) in dieser Reihenfolge ist entscheidend.
  7. Das Röntgenbild mit Spiegelbildungen ist der erste diagnostische Schritt.
  8. Die Volumensubstitution ist die erste und wichtigste therapeutische Maßnahme.
  9. Die Indikation zur Operation besteht bei Strangulation, Perforation, Peritonitis und bei Versagen der konservativen Therapie.
  10. Laborveränderungen: Hypokaliämie, Hypochlorämie, metabolische Alkalose – Hypokaliämie kann den Ileus selbst unterhalten.

Diese Zusammenfassung dient der gezielten Vorbereitung auf die ärztliche Kenntnisprüfung und ersetzt nicht das eigenständige Studium der Fachliteratur.