Appendizitis – Strukturierte Vorlesungszusammenfassung
Zusammenfassung der zentralen Inhalte der Vorlesung zur Appendizitis mit Schwerpunkt auf körperlicher Untersuchung, Differenzialdiagnose und Therapie – gezielt aufbereitet für die ärztliche Kenntnisprüfung.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Definition & Klinische Bedeutung
- 2. Anamnese
- 3. Körperliche Untersuchung
- 4. Sonographie
- 5. Differenzialdiagnose
- 6. Spezielle Patientengruppen (Kinder, Schwangerschaft, Hodentorsion)
- 7. Therapie & Operationsverfahren
- 8. Laparoskopie – Vorteile & Anwendungsgebiete
- 9. Prüfungsrelevante Zusammenfassung
1. Definition & Klinische Bedeutung
Die Appendizitis ist eine Entzündung des Wurmfortsatzes (Appendix vermiformis) und zählt zu den häufigsten Ursachen für ein akutes Abdomen, das einer chirurgischen Intervention bedarf. Sie ist eine der klassischen Beschwerden, die in der klinischen Praxis und in der Kenntnisprüfung immer wieder geprüft wird.
Merksätze
- Die Appendizitis ist eine der häufigsten abdominellen Notfalloperationen.
- Typischer Beschwerdebeginn: periumbilikale Schmerzen, die später in den rechten Unterbauch wandern.
- Unbehandelt kann sie zu Perforation, Peritonitis und Sepsis führen.
2. Anamnese
In der Anamnese werden die typischen Beschwerden erfasst:
- Schmerzen im rechten Unterbauch (Schmerzen im rechten Unterbauch)
- Beginn meist periumbilikal mit späterer Verlagerung in den rechten Unterbauch
- Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen
- Fieber (subfebril bis febril)
- Stuhlverhalt oder Diarrhoe (seltener)
3. Körperliche Untersuchung
Die körperliche Untersuchung folgt einem festen Schema (Inspektion → Auskultation → Perkussion → Palpation), das unbedingt in dieser Reihenfolge beherrscht werden muss.
3.1 Inspektion
- Patient liegt meist in Linksseitenlage oder angezogen (Schonhaltung).
- Kontrakturhaltung (Körperschutz): Patient nimmt Schmerzmittel, ist krumm und angezogen. "Patient nimmt eine Schonhaltung ein, zieht die Beine an, vermeidet Bewegung."
3.2 Auskultation
- Darmgeräusche (Peristaltik) beurteilen – bei Peritonitis sind sie häufig abgeschwächt oder fehlend.
- Auch bei Sigma-Divertikulitis können pathologische Geräusche vorkommen.
3.3 Perkussion
- Loslass-Schmerz (Blumberg-Zeichen): Patient gibt Schmerzen an, wenn die eingedrückte Bauchdecke plötzlich losgelassen wird.
- Klopfschmerz über dem rechten Unterbauch.
3.4 Palpation
Die Palpation ist das Herzstück der klinischen Diagnostik und beinhaltet mehrere prüfungsrelevante Zeichen:
McBurney-Punkt
- Lokalisation: Druckpunkt am rechten Drittel der Linie zwischen Spina iliaca anterior superior und Bauchnabel.
- Prüfungsfrage: "Wo ist der McBurney-Punkt?" – Diese Frage kommt sehr häufig in der Kenntnisprüfung.
Psoas-Zeichen (Psoasphänomen)
- Durchführung: Der Untersucher legt die Hand auf den Oberschenkel (Oberschenkel) und fordert den Patienten auf, das Bein anzuheben (gegen den Widerstand).
- Befund: Tritt ein Widerstand (Schmerz) auf, ist das Psoas-Zeichen positiv.
- Es ist auch bei der Differenzialdiagnose (rechts) positiv.
Obturator-Zeichen
- Durchführung: Passive Innenrotation des gebeugten rechten Hüftgelenks.
- Positives Zeichen: Schmerz im rechten Unterbauch – Hinweis auf eine pelvine Appendizitis (Appendix im kleinen Becken).
- Im Unterbauch mit Betonung rechts (bei Kindern und Erwachsenen).
Rovsing-Zeichen (kontralateraler Loslass-Schmerz)
- Druck im linken Unterbauch → Schmerz im rechten Unterbauch beim Loslassen.
Rektale Untersuchung
- Douglas-Schmerz bei der rektalen Untersuchung als Hinweis auf eine pelvine Beteiligung.
- Rektal-axilläre Temperaturmessung (siehe unten).
3.5 Psoasmuskel – Anatomie für die Prüfung
| Muskel | Ursprung | Funktion |
|---|---|---|
| Musculus psoas major | Wirbelkörper BWK 12 – LWK 4, Querfortsätze der Lendenwirbel | Beugung im Hüftgelenk, Außenrotation |
| Musculus psoas minor | Wirbelkörper BWK 12 – LWK 1 | Hüftbeugung (schwacher Effekt), Spannung der Fascia iliaca |
Beide Muskeln ziehen durch das Becken und können bei einer retrocecalen Appendizitis gereizt werden. Der Psoasmuskel ist der einzige Muskel, der die Wirbelsäule mit dem Bein verbindet – das ist anatomisch bedeutsam für die klinische Untersuchung.
3.6 Durchführung der Palpation (Schritt für Schritt)
- Patient in Rückenlage, Beine entspannt.
- Oberflächliche Palpation zuerst – weg vom Schmerz (also erst linksseitig) beginnen.
- Dann tiefe Palpation mit den Fingern ins Abdomen.
- Abdomen in Richtung rechts abtasten.
- Loslass-Schmerz (Blumberg) prüfen – Hand langsam eindrücken, dann plötzlich loslassen.
- Bei Abwehrspannung (Défense) vorsichtig vorgehen.
3.7 Rektal-axilläre Temperaturdifferenz
Rektal-axilläre Temperaturmessung
- Normalwert: Differenz von 0,5 – 1,0 °C zwischen rektaler und axillärer Messung (Kerntemperatur ist höher als die periphere).
- Eine deutlich erhöhte Differenz (> 1 °C) kann auf eine Pathologie (z. B. Appendizitis, Sepsis) hinweisen.
- Dieses Zeichen wird im klinischen Alltag zunehmend weniger verwendet, ist aber prüfungsrelevant.
4. Sonographie
4.1 Sonographische Befunde
- Appendix-Durchmesser > 6 mm (typischer Schwellenwert)
- Kokarde (Darmwandödem im Querschnitt)
- Zielzeichen (target sign) im Längsschnitt
- Lokalisierte Flüssigkeitsansammlung (freie Flüssigkeit) im rechten Unterbauch
- Nicht komprimierbare Appendix
- Hypervaskularisation im Doppler
- Kotstein (Koprostolith) als Auslöser
- Lymphknotenvergrößerung (Lymphadenitis mesenterialis als DD)
5. Differenzialdiagnose
5.1 Gastroenterologische Ursachen
- Gastroenteritis (mit Erbrechen und Durchfall)
- Morbus Crohn (terminale Ileitis)
- Colitis ulcerosa
- Cholecystitis / Cholelithiasis
- Sigmadivertikulitis (Linksseitige Divertikulitis)
- Pankreatitis
- Tumoren (Kolon, Dünndarm)
- Invagination (typischerweise bei Kindern)
5.2 Urologische Ursachen
- Urolithiasis (Nieren- / Harnleitersteine)
- Harnwegsinfekt (Pyelonephritis, Zystitis)
- Hodenstorsion (immer auch an Hoden denken – v. a. bei jungen Männern)
5.3 Gynäkologische Ursachen
- Adnexitis (Salpingitis, Oophoritis)
- Extrauteringravidität (EUG) – immer bei Frauen im gebärfähigen Alter!
- Ovarialtorsion
- Stielgedrehte Ovarialzyste
- Endometriose
- Menstruationsbeschwerden (Mittelschmerz)
5.4 Infektiöse / lymphatische Ursachen
- Lymphadenitis mesenterialis – besonders bei Kindern und Jugendlichen
- Infekte der oberen Luftwege (viral) – können eine reaktive Lymphadenitis auslösen
- Yersiniose, Campylobacter
5.5 Gefäß- und andere Ursachen
- Hernien (Inkarzeration)
- Mesenterialinfarkt (gefürchtete Differenzialdiagnose, v. a. bei Vorhofflimmern)
- Aortenaneurysma (Ruptur)
- Retroperitoneale Pathologien
6. Spezielle Patientengruppen
6.1 Kinder und Jugendliche
- Häufig Lymphadenitis mesenterialis als Differentialdiagnose.
- Reaktive Lymphknotenvergrößerung nach Atemwegsinfekten.
- Kinder können atypische Symptome zeigen – Bauchschmerzen, Weinen, Nahrungsverweigerung.
- Perforationsrisiko ist bei Kindern höher (dünnere Appendixwand).
6.2 Schwangerschaft
- Die Appendix wird durch den wachsenden Uterus nach kranial verlagert → atypische Schmerzlokalisation.
- Extrauteringravidität als wichtige Differenzialdiagnose.
- Erhöhtes Risiko für Frühgeburt bei verzögerter Diagnose.
6.3 Junge Männer
- Hodenstorsion immer ausschließen!
- Schmerzen können in den Unterbauch ausstrahlen.
7. Therapie & Operationsverfahren
7.1 Indikation
Bei klinisch diagnostizierter Appendizitis ist die Appendektomie die Therapie der Wahl.
7.2 Operationsschritte (laparoskopische Appendektomie)
- Absetzen der Appendix (mit Klammernaht oder Ligatur)
- Spülung der Bauchhöhle (bei Perforation / eitrigem Aszites)
- Drainage (bei Bedarf)
- Verschluss der Trokareinstiche
7.3 Konservative Therapie?
- Eine unkomplizierte Appendizitis kann in ausgewählten Fällen antibiotisch behandelt werden (Antibiotika-first-Strategie) – dies ist jedoch nicht der Standard.
- Jede perforierte Appendizitis erfordert eine operative Therapie.
- Perityphlitischer Abszess kann interventionell drainiert werden.
8. Laparoskopie – Vorteile & Anwendungsgebiete
8.1 Vorteile der Laparoskopie
| Vorteil | Beschreibung |
|---|---|
| Weniger postoperativer Schmerz | Weniger große Schnitte → weniger Schmerzen |
| Kürzere Krankenhausverweildauer | Patient kann schneller entlassen werden |
| Geringeres Infektionsrisiko | Weniger Wundinfektionen |
| Bessere Kosmetik | Kleinere Narben |
| Diagnostischer Vorteil | Bessere Übersicht, ggf. Diagnose einer anderen Pathologie |
| Schnellere Erholung | Schnellere Rückkehr zur normalen Aktivität |
8.2 Anwendungsgebiete der Laparoskopie (über die Appendektomie hinaus)
- Akute Cholecystitis → laparoskopische Cholecystektomie
- Akute Appendizitis → laparoskopische Appendektomie
- Hernien → laparoskopische Hernienreparation (TEP / TAPP)
- Dickdarmoperationen (z. B. Sigmaresektion bei Divertikulitis)
- Diagnostische Laparoskopie bei unklarer Diagnose
8.3 Vergleichende Übersicht: offen vs. laparoskopisch
| Kriterium | Offene Appendektomie | Laparoskopische Appendektomie |
|---|---|---|
| Zugang | McBurney-Schnitt oder mediane Laparotomie | Drei kleine Trokare |
| Schmerzen | Höher | Geringer |
| Krankenhausaufenthalt | Länger | Kürzer |
| Wundinfektion | Höher | Geringer |
| Kosmetik | Größere Narbe | Kleine Narben |
| Kosten | Geringer (Material) | Höher (Ausrüstung) |
| Übersicht | Limitiert | Besser (Kamera) |
9. Prüfungsrelevante Zusammenfassung
| Nr. | Thema | Kernaussage |
|---|---|---|
| 1 | McBurney-Punkt | Rechtes Drittel der Linie Spina iliaca anterior superior – Nabel |
| 2 | Psoas-Zeichen | Bein gegen Widerstand anheben lassen → Schmerz = positiv |
| 3 | Obturator-Zeichen | Passive Innenrotation des gebeugten Hüftgelenks |
| 4 | Blumberg-Zeichen | Loslass-Schmerz nach tiefer Palpation |
| 5 | Rovsing-Zeichen | Kontralateraler Loslass-Schmerz |
| 6 | Rektal-axilläre Temperaturdifferenz | 0,5 – 1 °C normal, > 1 °C pathologisch |
| 7 | Untersuchungsreihenfolge | Inspektion → Auskultation → Perkussion → Palpation |
| 8 | Sonographie | Appendix > 6 mm, Kokarde, Zielzeichen |
| 9 | Differenzialdiagnose | Lymphadenitis mesenterialis, EUG, Hodentorsion, Urolithiasis |
| 10 | Laparoskopie-Vorteile | Kürzere Verweildauer, weniger Infekte, bessere Kosmetik |
9.1 Häufige Prüfungsfragen und Musterantworten
F1: Wo ist der McBurney-Punkt?
Antwort: Am rechten Drittel der Linie zwischen Spina iliaca anterior superior und Nabel. Dort ist der Druckschmerz bei Appendizitis am stärksten.
F2: Wie prüft man das Psoas-Zeichen?
Antwort: Der Untersucher legt die Hand auf den Oberschenkel des liegenden Patienten und fordert ihn auf, das Bein gegen den Widerstand anzuheben. Schmerzangabe oder Widerstand im rechten Unterbauch gilt als positives Zeichen.
F3: Was ist die rektal-axilläre Temperaturdifferenz?
Antwort: Normalerweise beträgt die Differenz zwischen rektaler (Kerntemperatur) und axillärer (peripherer) Temperatur 0,5 – 1 °C. Eine Differenz > 1 °C kann auf eine Pathologie wie eine Appendizitis hinweisen.
F4: Welche Differenzialdiagnosen müssen bei einer vermuteten Appendizitis bedacht werden?
Antwort: Gastroenterologisch (Gastroenteritis, Morbus Crohn, Divertikulitis, Cholecystitis, Pankreatitis), urologisch (Urolithiasis, Harnwegsinfekt, Hodentorsion), gynäkologisch (Adnexitis, EUG, Ovarialtorsion), infektiös (Lymphadenitis mesenterialis, Yersiniose) und vaskulär (Mesenterialinfarkt, Aortenaneurysma).
F5: Welche Vorteile hat die laparoskopische Appendektomie gegenüber der offenen?
Antwort: Weniger postoperativer Schmerz, kürzere Krankenhausverweildauer, geringeres Infektionsrisiko, bessere Kosmetik, schnellere Erholung und bessere intraoperative Übersicht.
F6: Was ist die typische Schmerzcharakteristik?
Antwort: Beginn mit viszeralen, dumpfen Schmerzen periumbilikal, die nach Stunden in den rechten Unterbauch somato-somatisch wandern, sobald die Entzündung das Peritoneum parietale erreicht. Dies ist der klassische Schmerzverlauf.
9.2 Klassische Fallstricke in der Prüfung
9.3 Differenzialdiagnostischer Schnellüberblick
| Diagnose | Schmerzlokalisation | Typische Befunde |
|---|---|---|
| Appendizitis | Rechter Unterbauch | McBurney +, Psoas +, Fieber, Leukozytose |
| Lymphadenitis mesenterialis | Periumbilikal / rechter Unterbauch | Vorausgegangener Atemwegsinfekt, jüngere Patienten |
| Sigmadivertikulitis | Linker Unterbauch | Ältere Patienten, Stuhlunregelmäßigkeiten |
| Cholecystitis | Rechter Oberbauch | Murphy-Zeichen +, postprandiale Schmerzen |
| Adnexitis / EUG | Unterbauch beidseits | Frauen, Ausfluss, positiver β-HCG |
| Urolithiasis | Flanke → Leiste | Kolikartig, Hämaturie |
| Morbus Crohn | Rechter Unterbauch | Chronisch rezidivierend, Durchfälle |
10. Abschließende Hinweise
- Die Appendizitis ist eine der häufigsten akuten abdominellen Erkrankungen.
- Die körperliche Untersuchung ist entscheidend – Reihenfolge und Zeichen müssen beherrscht werden.
- Eine breite Differenzialdiagnose ist Pflicht – besonders bei Kindern, Frauen und jungen Männern.
- Die Sonographie ist das bildgebende Verfahren der ersten Wahl.
- Die laparoskopische Appendektomie ist der Goldstandard – Vorteile müssen benannt werden können.
- Die rektal-axilläre Temperaturdifferenz und der McBurney-Punkt sind klassische Prüfungsthemen.
- Bei jeder Untersuchung: anatomische Kenntnisse (Psoas-Muskel) parat haben.
Diese Zusammenfassung dient der gezielten Vorbereitung auf die ärztliche Kenntnisprüfung und ersetzt nicht das eigenständige Studium der Fachliteratur.